8. MÄRZ.

Am Morgen hieß es, die Geduld sei am Ende. Russische Offiziere hätten den ukrainischen Einheiten ein Ultimatum gestellt: Waffen niederlegen. Sich der neuen Krim-Regierung unterstellen.

Wer gehorchte, werde verschont.

Wer nicht, müsse mit Konsequenzen rechnen.

Viele weigerten sich. Sie blieben in ihren Kasernen, auf ihren Schiffen, eingeschlossen in ihren eigenen Stützpunkten und Häfen. Ohne Befehl, der sie aus dieser Lage befreit hätte. Ohne wirklichen Ausweg.

Auf manchen Schiffen wehte weiter die ukrainische Flagge.

Dann begann eine andere Art der Belagerung. Lautsprecherstimmen hallten über die Kais. Sie sprachen von Brüderlichkeit und Frieden, versprachen sichere Posten, gute Bezahlung, eine Zukunft, wenn man auf die richtige Seite wechselte.

Dazwischen Drohungen. Andeutungen. Pausen.

Ein Trommelfeuer aus Worten.

Auch außerhalb der Kasernen und Häfen wurde längst um Menschen gekämpft. Seit Tagen gab es auf der Krim kaum ein anderes wirtschaftliches Thema als die Kredite.

Wer Schulden bei einer ukrainischen Bank hatte, solle einfach nicht mehr zahlen, hieß es. Die Banken seien ukrainisch. Bald würden sie hier ohnehin nichts mehr zu sagen haben. Warum also noch Geld überweisen? Warum einen Kredit bedienen, wenn die Bank, der man das Geld schuldete, vielleicht schon in wenigen Tagen auf der Krim nicht mehr existierte?

Man sprach darüber überall.

In Geschäften. Auf der Straße. Unter Unternehmern. Im Bekanntenkreis. Jeder kannte jemanden, der einen Kredit hatte.

Meist hatte man selbst einen.

Wohnungen. Häuser. Autos. Maschinen. Betriebe.

Kaum jemand war schuldenfrei.

An diesem Samstag musste ich ohnehin in die Stadt. Es war der 8. März, Weltfrauentag, und ohne Blumen nach Hause zu kommen, wäre keine besonders gute Idee gewesen.

Also ging ich zu einem Blumengeschäft. Nicht weit von uns.

Die Stadt wirkte merkwürdig normal. Männer liefen mit Blumen über die Gehsteige, Frauen trugen Tulpen und Rosen. Vor den Geschäften wurde gekauft, gratuliert, gelacht.

Dazwischen Uniformen.

Straßensperren.

Männer ohne Abzeichen.

Ich kaufte Blumen für Natascha und Babuschka und machte einen Abstecher zu Volodymyr. Kaum saßen wir in seinem Büro, bekam das Gerede über die Kredite plötzlich ein Gesicht.

Volodymyr hatte ungefähr vierhunderttausend Dollar Schulden. Sein Betrieb, seine Maschinen, seine Investitionen – alles hing daran.

Auch ihm habe man gesagt, erzählte er, er solle einfach nicht mehr zahlen. Die ukrainischen Banken seien bald weg. Niemand könne mehr etwas von ihm verlangen.

Und tatsächlich zahlte er nicht mehr.

Er konnte ohnehin nicht.

So wie viele.

So wie wir.

Gleichzeitig bekam kaum jemand noch etwas. Aufträge blieben aus, Lieferanten warteten ab, Geld wurde zurückgehalten.

Alles stand.

Und alles lief zugleich weiter.

„Stell dir vor“, sagte er leise, fast tastend, „meine vierhunderttausend Dollar Kreditschulden wären einfach weg. Mein ganzer Betrieb, die Maschinen, alles – schuldenfrei.“

Ich sagte, dass wir nicht wussten, ob das wirklich so kommen würde. Irgendwann würde vielleicht doch jemand das Geld verlangen.

Er nickte.

„Das Risiko gehe ich ein.“

Ich spürte, wie Wut in mir hochkam.

„Und dafür verkaufst du deine Seele? Deine Ukraine?“

Er sah mich an. Nicht beleidigt. Nicht trotzig. Nur müde.

„Wenn ich die Schulden bezahlen muss, habe ich keine Seele mehr“, sagte er.

Dann schwieg er kurz.

„Ich existiere nicht mehr. Nur noch als Forderung.“

Er erzählte von den letzten Monaten. Keine Aufträge. Kein Geld. Stillstand überall. Versprechen, die niemand einlöste. Lieferanten, die nicht mehr lieferten. Banken, die schwiegen.

„Ich kann nicht mehr warten“, sagte er. „Ich halte das nicht mehr aus.“

Ich fragte ihn fast automatisch, ob er wenigstens Aufträge für Plakate habe. Überall tauchten neue auf.

Er schüttelte den Kopf.

„Nein. Das machen sie selbst.“

Dann:

„Sie zahlen bar. In Rubel.“

Wir schwiegen.

Als ich ging, hatte ich nicht das Gefühl, einen Verräter zurückzulassen.

Sondern einen Menschen, der aufgehört hatte zu kämpfen, weil ihm die Kraft ausgegangen war.

Nicht Russland hatte ihn überzeugt.

Nicht Putin. Nicht die Fahnen. Nicht die Soldaten.

Vierhunderttausend Dollar hatten es geschafft.

Oder genauer: die Hoffnung, sie eines Morgens nicht mehr zu schulden.

Ich wusste ungefähr, welche Größenordnungen dahinterstanden, weil ich gelegentlich den Direktor der Privatbank traf. Er sprach offen, manchmal vielleicht zu offen.

Auf der Krim, sagte er mir, lägen insgesamt Kredite von rund zwei Milliarden Dollar.

Nicht bei seiner Bank allein.

Auf der ganzen Halbinsel.

Die Zahl überraschte mich nicht einmal besonders. Jahrelang hatte man gekauft, gebaut, investiert und finanziert. Hotels, Geschäfte, Wohnungen, Häuser, Autos, Maschinen, Betriebe.

Gleichzeitig geschah etwas Merkwürdiges mit dem Bargeld.

Unternehmen versuchten ihre Bestände zu sichern. Banken schafften Bargeld hin und her. Immer wieder hörten wir von Transporten.

Geld werde zur Nationalbank gebracht.

Geld solle von dort weggebracht werden.

Lastwagen seien unterwegs.

Manche erzählten von KamAZ.

Was davon stimmte, konnten wir nicht überprüfen.

Aber es passte zu dem, was wir sahen.

Das Bankensystem geriet aus den Fugen. Ukrainische Institutionen verloren ihre Kontrolle. Niemand wusste, wem am nächsten Morgen eigentlich noch was gehörte.

Erst später erfuhr ich, wie viel Wahrheit in Teilen dieser Geschichten gesteckt hatte.

In der Hauptverwaltung der ukrainischen Nationalbank auf der Krim sammelten sich tatsächlich gewaltige Bargeldbestände. Banken brachten Geld dorthin, während die Verbindungen zum ukrainischen Festland zunehmend blockiert wurden. Die Tresore füllten sich.

Am Ende lagen dort rund 3,9 Milliarden Hrywnja in bar.

Nach dem damaligen Wechselkurs mehr als vierhundert Millionen Dollar.

Die Nationalbank versuchte, Vermögenswerte von der Halbinsel wegzubringen. Die Transporte wurden verhindert. Das Bargeld blieb auf der Krim.

Damals wussten wir das alles nicht.

Wir hörten nur von Lastwagen.

Von Banken, die ihr Geld in Sicherheit bringen wollten.

Von Tresoren voller Bargeld.

Und gleichzeitig von zwei Milliarden Dollar Krediten, die angeblich niemand mehr zurückzahlen müsse.

Gerücht und Wirklichkeit waren kaum noch auseinanderzuhalten.

Für jemanden wie Volodymyr spielte dieser Unterschied irgendwann keine große Rolle mehr.

Vierhunderttausend Dollar.

Ich musste immer wieder an diese Zahl denken.

Doch die Kredite waren nur eines der Versprechen, die in diesen Tagen durch die Krim liefen.

Inzwischen war daraus ein Sturm geworden.

Kein Sturm aus Regen oder Wind, sondern aus Worten, Bildern und Botschaften.

Radio. Fernsehen. Flugblätter. Lautsprecherwagen. Kleine Infostände auf den Märkten.

Überall dieselben Botschaften, manchmal nur leicht verändert.

Das Radio war allgegenwärtig. Es lief in Autos, Küchen und Werkstätten, auf Märkten und in kleinen Geschäften. Fernsehen konnte man ausschalten. Das Radio lief nebenher. Eine Stimme im Hintergrund, während man arbeitete, kochte oder fuhr.

Und diese Stimmen erzählten von einer Zukunft, die plötzlich erstaunlich einfach klang.

Russische Renten.

Mehr Geld.

Höhere Löhne.

Neue Straßen.

Moderne Häfen.

Touristen.

Millionen Touristen.

Gas sollte billig werden, manchmal hieß es sogar, es werde kostenlos sein. Russland sei reich. Russland könne sich die Krim leisten. Russland werde investieren.

Immer wieder hörten wir Zahlen.

Zweihundert Dollar Rente.

Dreihundert.

Und wenn Kiew weiterzahle, hieß es manchmal, dann bekomme man eben beides.

Niemand wusste genau, was davon stimmte.

Aber irgendwann wusste jeder davon.

Neun Millionen Touristen würden kommen, hieß es. Wie früher zu Sowjetzeiten, nur diesmal mit Geld. Hotels würden voll sein, Restaurants, Strände, Sanatorien. Arbeit für alle.

Ob neun Millionen Menschen überhaupt irgendwo unterzubringen gewesen wären, spielte keine Rolle.

Die Zahl war groß.

Das genügte.

Auf der anderen Seite stand die Angst.

Faschisten.

Dieses Wort fiel immer wieder.

Faschisten in Kiew. Faschisten auf dem Maidan. Faschisten, die auf die Krim kommen würden. Sie würden Russisch verbieten. Menschen vertreiben. Vielleicht töten.

Russland müsse schützen.

Die Armee müsse bleiben.

Dazwischen wieder die Versprechen.

Renten.

Löhne.

Straßen.

Gas.

Touristen.

Schulden.

Es war, als hätte jemand ein Märchenbuch aufgeschlagen, mitten in einer Wirklichkeit, die längst keine Märchen mehr kannte.

Und viele wollten glauben.

Nicht unbedingt an Russland.

An die Erleichterung.

Als ich nach Hause kam, hatte ich die Blumen in der Hand.

Natascha sah sie und lächelte.

Für einen Moment war tatsächlich 8. März.

Ich gab auch Babuschka ihre Blumen und gratulierte ihr. Wir aßen von dem, was wir am Vortag gekauft hatten. Die Torte stand auf dem Tisch. Die Kinder waren da.

Ein ganz gewöhnlicher Weltfrauentag hätte es sein können.

Fast.

Später erzählte ich Natascha von Volodymyr. Von den vierhunderttausend Dollar und von seinem Satz, dass er nur noch als Forderung existiere.

Sie hörte zu.

Vielleicht gab es auch nichts dazu zu sagen.

Draußen standen bewaffnete Männer vor ukrainischen Kasernen und warteten darauf, dass Soldaten aufgaben.

Bei Volodymyr hatte niemand eine Waffe gebraucht.

9. MÄRZ

Am Morgen war die Stadt, als wäre nichts geschehen. Sonnenlicht fiel durchs Fenster, blieb auf dem Boden liegen, wärmte. Kein Ruf, kein Gedränge, keine Sirenen. Nur das gleichmäßige Brummen der Trolleybusse und irgendwo das harte Klirren von Glasflaschen, die jemand in einen Container warf.

Alltag.

Es war Sonntag. Der Markt hatte geöffnet.

Wir brauchten Kartoffeln. Ich ging.

Auf dem Weg dorthin drang aus einem offenen Fenster eine Frauenstimme aus dem Radio. Hell, beinahe freundlich.

„Gemeinsam mit Russland – für Frieden und Zukunft!“

Der Satz klang, als gehöre er in ein Kinderprogramm.

„Unsere Wahl ist Sicherheit, Stabilität, Stärke.“

Ein kurzer Schnitt. Dann eine zweite Stimme, tiefer, schwerer.

„Nationalisten aus Kiew planen Sabotageakte. Bleiben Sie wachsam.“

Auf dem Markt sprach kaum jemand über Politik.

Und doch war sie überall.

Ein alter Mann hinter einem Apfelstand sagte beiläufig, ohne mich anzusehen:

„Noch eine Woche. Dann ist alles vorbei. Dann sind wir wieder zuhause.“

Zwei Stände weiter zählte eine Frau Geldscheine nach und lachte. Sie freue sich auf die neue Rente.

„Zweihundert Dollar, sagen sie. Und wenn Kiew auch zahlt, dann eben vierhundert.“

Niemand widersprach.

„Sollen sie doch die Pensionen bezahlen“, warf eine andere ein, fast vergnügt. „Dann bleibt für uns wenigstens mehr.“

„Ich komm ja jetzt schon kaum über die Runden“, sagte die Verkäuferin und schob mir die Kartoffeln zu. „Wenn sie es wollen – bitte sehr.“

Auch eine Sicht, dachte ich.

Ich zahlte und ging weiter.

Rustjem kam mir entgegen. Müder Blick, die Schultern nach vorne gezogen, eine dünne Plastiktüte mit Brot in der Hand.

„Hast du gehört?“, fragte er, ohne stehen zu bleiben. Keine Begrüßung.

„Jetzt sagen sie, neun Millionen Touristen kommen wieder. Wie in den besten Jahren. Nur diesmal mit Geld.“

„Und glaubst du das?“

Er zuckte mit den Schultern.

„Ich glaub gar nichts mehr.“

Am Rand des Marktes hatte jemand einen kleinen Lautsprecher aufgestellt. Die Stimme kratzte und wiederholte dieselben Sätze. Ein junger Mann verteilte Flugblätter.

„Unsere Wahl: Russland.“

Wer einen Zettel nahm, bekam etwas dazu. Schlüsselanhänger. Kaffee. Manchmal wurde mehr versprochen. Überall kursierten Geschichten darüber, was man für ein Ja bekommen könne.

Was davon stimmte, wusste niemand mehr so genau.

Dass geworben wurde, sah jeder.

Ich ging weiter.

Es war der 200. Geburtstag von Taras Schewtschenko.

Nicht weit entfernt versammelten sich Menschen an seinem Denkmal. Ukrainische Fahnen. Blau und Gelb. Schewtschenkos Gedichte wurden gelesen, ukrainische Lieder gesungen. Rund tausend Menschen kamen zusammen.

Am Abend sahen wir im Fernsehen plötzlich eine gemeinsame Freundin in Nahaufnahme. Sie betrieb eine Sprachschule im Süden der Krim.

Natürlich war sie dort.

Natürlich war sie gegen das, was hier geschah.

Auch in Sewastopol gingen Menschen auf die Straße.

Die Krim war keineswegs plötzlich geschlossen russisch geworden. Während auf der einen Seite russische Fahnen verteilt wurden, standen auf der anderen Menschen unter ukrainischen.

Nur wurden die Räume dazwischen enger.

Zwei Männer, die die Kundgebung in Simferopol mitorganisiert hatten, erreichten das Schewtschenko-Denkmal an diesem Morgen nicht.

Andrij Schtschekun und Anatolij Kowalskyj waren zum Bahnhof gefahren. Sie wollten eine Sendung mit ukrainischen Fahnen und anderen ukrainischen Symbolen abholen.

Wir hörten davon.

Dort wurden sie festgenommen.

Dann waren sie weg.

Wir wussten zunächst nicht, wo sie waren. Später erfuhren wir, dass Männer der sogenannten Selbstverteidigung sie mitgenommen hatten.

Auch aus Sewastopol kamen Nachrichten von Übergriffen. Dort wurde der Maidan-Aktivist Mykola Schyptur im Zusammenhang mit der proukrainischen Schewtschenko-Kundgebung festgenommen.

Zwei Männer waren am Bahnhof verschwunden, als sie ukrainische Fahnen abholen wollten.

In Sewastopol war ein Aktivist festgenommen worden.

Es brauchte inzwischen nicht mehr viel.

Ich ging weiter Richtung Leninplatz.

Schon von weitem hörte ich das Mantra, immer wieder, wie einen Schlag auf Metall:

„Faschisten – ne projdut!“

Faschisten kommen nicht durch.

Es kam aus alten Radios, aus hastig zusammengestellten Reden, aus den Mündern von Männern mit roten Bändern am Arm. Sie traten an zum „Dienst“. Bürgerwehren. Selbstverteidigung. Männer, die plötzlich eine Aufgabe hatten.

Viele trugen abgetragene Trainingsanzüge. Manche stützten sich auf Krücken. Andere hielten Stöcke, als wären es Waffen.

Es wirkte skurril.

Und genau deshalb beunruhigend.

Am Leninplatz schrien sie „Finger weg von der Krim!“ und „NATO raus!“. Heiser, fahrig, aus trockenen Kehlen. Über ihren Köpfen Pappschilder.

„Danke, Putin!“

Ich fragte einen, wofür.

„Dass er uns beschützt“, sagte er. „Unser eigenes Land tut es nicht.“

Sie würden bald aus Kiew kommen, hieß es. Einmarschieren. Die Krim zurückholen.

„Zu sich selbst?“, fragte ich.

Er sagte nichts.

Die geschürte Angst vor Kiew war inzwischen überall. Vor dem Chaos, das angeblich von dort herüberschwappen würde. Vor Faschisten, Nationalisten, dem Rechten Sektor. Vor einem Feind, den kaum jemand gesehen hatte und über den trotzdem jeder etwas wusste.

Auf dem Platz wurde getanzt.

Russische Musik dröhnte aus den Lautsprechern. Frauen in roten Röcken drehten sich im Kreis, Männer gingen in die Knie, schlugen die Beine aus, klatschten. Kinder schwenkten kleine Fahnen. Prospekte wurden herumgereicht.

Zwischen Musik und Marsch, Tanz und Tirade verschwamm die Grenze zwischen Überzeugung und Aufführung.

Ich setzte mich auf einen der Blumentröge vor dem Gebäude des Ministerrates. Von dort sah ich den ganzen Platz: die Bühne mit den rot-blauen Bannern, Lenin in überlebensgroßem Stein, die Fahnen, die sich im Wind verfingen.

Hinter mir patrouillierten Soldaten.

Vor mir tanzten Menschen.

Es dauerte nicht lange, da trat ein Mann an mich heran.

„Was machen Sie hier?“

Nicht unfreundlich.

Aber in einem Ton, der keine falsche Antwort duldete.

„Ich schaue nur zu“, sagte ich. „Bin ein wenig müde.“

„Und wer sind Sie?“, fragte ich zurück.

Er antwortete nicht. Zeigte auf seine Armbinde und hielt mir einen Ausweis hin, ohne die Zigarette aus dem Mund zu nehmen. Das Gesicht zerfurcht, als wäre es aus altem Leder geschnitten. Vielleicht fünfundvierzig, vielleicht älter.

Zorn macht Menschen schwer zu datieren.

Wir kamen ins Gespräch. Er schien es beinahe bemerkenswert zu finden, mich hier zu sehen. Ausländer, sagte er, kämen sonst nur als Journalisten.

„Die verjagt man am besten gleich.“

Er lächelte schief und zog an seiner Zigarette.

Dann sagte er plötzlich:

„Die Jungen sollen’s nicht besser haben als wir.“

Ich dachte zunächst, ich hätte ihn falsch verstanden.

Schon wieder dieser Satz.

„Warum nicht?“

Er lachte trocken.

„Weil sie’s nicht verdienen. Weil sie nichts verstehen. Weil sie glauben, Freiheit sei ein Geschenk und Gerechtigkeit ein Recht.“

Er zog an seiner Zigarette.

„Wir haben uns alles aus dem Dreck geholt. Mit unseren Händen.“

Er spuckte auf den Boden.

„Und jetzt sollen sie reisen, studieren, Firmen gründen?“

Er sah mich an, als hätte ich ihn beleidigt.

„Wovon? Von dem, was wir aufgebaut haben? Damit sie am Ende glauben, sie seien klüger als wir?“

Dann schwieg er.

Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte.

Nach einer Weile sagte er, leiser:

„Wenn sie leiden, dann verstehen sie mich vielleicht.“

Mehr brauchte er nicht zu sagen.

Ich ging.

Als ich wieder zu Hause war, ließ ich den Fernseher laufen. Einige ukrainische Programme waren in den vergangenen Tagen bereits verschwunden. Nun ging es weiter.

Plötzlich Rauschen.

Standbilder, wo sie nicht hingehörten.

Ich schaltete um.

Noch ein ukrainischer Sender weg.

Und noch einer.

Aleksander rief an. Er hatte dasselbe bemerkt.

Ich fuhr noch einmal los und kaufte eine stärkere Antenne. Vielleicht, dachte ich, würde es damit gehen.

Als ich zurückkam, war es zu spät.

Auf Frequenzen, auf denen ukrainische Sender gelaufen waren, sendeten nun russische Programme.

Rossija.

NTW.

Perwy Kanal.

Ich schaltete weiter.

Der nächste.

Und der nächste.

Am Ende blieb fast nichts mehr.

Babuschka, die sonst beinahe ständig vor dem Fernseher saß, begriff es sofort. Ohne ein Wort nahm sie das Tablet und ging ins Internet.

Das funktionierte noch.

Ein kleiner Rest der alten Welt.

Vorläufig.

Am Abend klingelte das Telefon.

Dimitri.

Mein engster Freund. Unser Trauzeuge. Der Mann, mit dem ich Nächte durchdiskutiert, gelacht und gestritten hatte. Es war schon das dritte Mal an diesem Tag.

Seine Stimme klang gehetzt.

„Morgen oder übermorgen fliege ich“, sagte er. „Ich muss nur noch Tickets finden. Alles ist Chaos. Keiner weiß was.“

„Wohin?“

Ich schaltete auf Lautsprecher.

Er wich aus.

„Nicht hier. Nicht am Telefon. Es wird abgehört.“

Erst da fiel mir etwas auf.

Tickets.

Nicht Ticket.

Mehrzahl.

Er meinte nicht nur sich.

Seine Frau. Die Kinder. Vielleicht auch die Schwiegermutter.

„Mein Betrieb …“, begann er und brach ab.

Dann sagte er:

„Ein paar Krimtataren wurden bei uns schon besucht. Herausgefischt. Sie waren da. Haben Fragen gestellt. Merkwürdige Fragen.“

Er lachte kurz.

Zu laut.

Dann war es wieder still.

„Weißt du“, sagte er schließlich, „wir sind hier eigentlich in Geiselhaft.“

Ich hörte ihn atmen.

„Es kann gar nicht anders ausgehen, als dass dieses Referendum für Russland ausgeht. Nicht, weil es alle so wollen. Sondern weil sie Angst haben vor dem, was passiert, wenn es anders kommt.“

„Vor Kiew?“

„Nicht vor Kiew.“

Er hielt inne.

„Vor dem Bild davon.“

Faschisten. UPA. Rechter Sektor. Chaos. Rache.

All die Wörter, die seit Tagen durch die Stadt liefen.

„Das ist keine Entscheidung mehr“, sagte er.

Dann, nach einer Pause:

„Es ist eine Flucht.“

Dimitri begriff solche Dinge oft früher als wir. Er war ein Instinktmensch. Er spürte Richtungen nicht, weil jemand sie erklärte, sondern weil sie sich verdichteten. In Gesprächen. Blicken. Kleinen Gesten.

Und jetzt suchte er Tickets.

Für alle.

Wir sprachen noch darüber, wann und wie er fliegen könnte. Sein Betrieb blieb zurück. Jahre Arbeit. Sein Vater war einst Direktor eines der großen Kombinate der Stadt gewesen, einer Einrichtung für Blinde. Auf diesem Boden hatte Dimitri später sein Handelsunternehmen aufgebaut. Es hatte Privatisierungen überstanden, Krisen, Bankenbrüche.

Jahrzehnte.

Diesmal wollte er nicht warten.

Als das Gespräch endete, blieb das Telefon vor mir auf dem Tisch liegen.

Ich wusste nur, dass mein Freund seine Familie von der Krim bringen wollte.

Später setzte sich Babuschka zu uns.

Langsam legte sie ein altes, abgegriffenes Buch auf den Tisch. Zwischen den Seiten steckte etwas. Sie zog es vorsichtig heraus.

Eine Zeitung.

Vergilbt, sauber gefaltet.

„Ich habe sie nie weggeworfen“, sagte sie und strich über das dünne Papier.

Natascha sah sie überrascht an. Sie wusste davon, hatte in der Schule davon gelernt, aber diese Zeitung hatte sie noch nie gesehen.

Babuschka faltete sie auseinander.

Oben stand das Datum: 9-ter März 1954.

Genau heute.

Sechzig Jahre zuvor.

In der Zeitung stand die Übertragung der Krim von der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik an die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik, beschlossen wenige Wochen zuvor in Moskau.

Babuschka war damals acht Jahre alt gewesen.

„Viele sagen jetzt, Moskau habe die Krim verschenkt“, sagte sie. „Aber so war es nicht.“

Sie sagte es ruhig. Nicht wie jemand, der eine Diskussion gewinnen wollte.

Für sie war es Geschichte.

Ihre Geschichte.

Damals war die Krim innerhalb desselben Staates von einer Sowjetrepublik in eine andere übergegangen. Auf dem Papier änderte sich eine Grenze. Im Alltag zunächst wenig.

Später kam Babuschka selbst auf die Krim.

Aus Sumy.

Sie hatte erlebt, was es bedeutete, diese Halbinsel zu versorgen. Wasser, Strom, Straßen, Eisenbahn. Der Nord-Krim-Kanal brachte Wasser aus dem Dnipro. Die Verbindungen führten nach Norden, auf das ukrainische Festland.

Sie erzählte von Feldern, die bewässert wurden. Von Obstgärten. Von Arbeit.

Nicht von Chruschtschows Geschenk.

Nicht von einem historischen Irrtum.

Von Arbeit.

Ich sah auf die Zeitung.

Sechzig Jahre hatte sie dieses Stück Papier aufgehoben.

Draußen verschwanden ukrainische Fernsehsender.

Am Bahnhof waren zwei Männer abgeholt worden, weil sie ukrainische Fahnen holen wollten.

Dimitri suchte Flugtickets für seine Familie.

Und auf unserem Küchentisch lag eine Zeitung vom 9. März 1954.

Babuschka strich sie glatt.

Mehr sagte sie nicht.