6. MÄRZ

In der Nacht geschah es dann.

Gegen neun Uhr am Vorabend hatte mich ein alter Bekannter angerufen, ein pensionierter Offizier. „Sie versenken das Schiff heute Nacht“, hatte er gesagt. Mehr kaum. Ich wusste nicht, ob es stimmte. In diesen Tagen hörten wir vieles. Manche Meldungen erwiesen sich als richtig, andere verschwanden wieder. Also wartete ich.

Nach Mitternacht kamen die ersten Meldungen.

Die Otschakow.

Ein ausgemustertes russisches Kriegsschiff war in der Einfahrt zum Donuslaw versenkt worden. Nicht im Gefecht, nicht durch einen Treffer. Russische Kräfte hatten das alte Schiff dorthin gebracht und auf den Grund gesetzt, um die Fahrrinne zu blockieren. Weitere Schiffe wurden ebenfalls als Hindernisse eingesetzt.

Ich saß vor dem Fernseher und sah die ersten Bilder. Da lag sie. Stahl im Wasser. Eine Hafenausfahrt, die keine mehr war. Die ukrainischen Schiffe im Donuslaw waren eingeschlossen. Sie hatten kein gegnerisches Schiff versenkt, keine Seeschlacht gewonnen, keinen Hafen erobert. Sie hatten ihr eigenes altes Schiff geopfert, um den anderen die Bewegung zu nehmen.

Wieder dasselbe Prinzip. Nicht vernichten. Blockieren.

Am Vortag hatten sich die Straßen nach Norden geschlossen. Robert Serry war in Simferopol bedrängt worden und hatte die Krim verlassen. Nun lag ein Schiff quer vor einer Hafenausfahrt.

Weg für Weg, Tor für Tor, Ausfahrt für Ausfahrt.

Am Vormittag kam die nächste Nachricht. Diesmal traf sie uns tatsächlich wie eine Detonation.

Das Parlament der Krim hatte entschieden, das Referendum erneut vorzuziehen.

Auf den 16. März.

In zehn Tagen.

Ich musste zweimal hinsehen.

Das Referendum selbst war nicht neu. Seit dem 27. Februar stand es im Raum. Zuerst sollte am 25. Mai abgestimmt werden. Dann hatte Aksjonow den Termin auf den 30. März vorgezogen. Schon das war schnell gegangen.

Und jetzt, am 6. März, plötzlich der 16. März.

Aber diesmal wurde nicht nur das Datum verändert.

Auch die Frage war eine andere.

Jetzt ging es um Russland.

Nicht mehr nur um eine Veränderung des Status der Krim innerhalb der Ukraine. Zur Abstimmung sollte nun ausdrücklich stehen, ob die Krim der Russischen Föderation beitreten sollte. Als zweite Möglichkeit wurde eine Rückkehr zur Krim-Verfassung von 1992 angeboten.

Ich starrte auf den Bildschirm.

Zehn Tage.

Keine ferne Möglichkeit mehr. Kein politisches Manöver für irgendwann im Frühjahr.

Ein Datum, das zu ticken begann.

Noch bevor ich zu Ende denken konnte, griff ich zum Telefon und rief unseren Rechtsanwalt in Kyjiw an.

„Sagen Sie mir bitte“, begann ich ohne Begrüßung, „ob das überhaupt geht. Die Krim ist doch Teil der Ukraine. Sie kann doch nicht einfach—“

Er unterbrach mich.

„Was willst du jetzt damit?“

Der Satz hing im Raum wie kaltes Metall.

Ich schwieg.

Natürlich wusste ich, was er meinte. Juristisch ließ sich erklären, warum das nicht ging. Über eine Veränderung des ukrainischen Staatsgebietes konnte nicht eine einzelne Region allein entscheiden. Aber während ich mit einem Rechtsanwalt über Verfassungsrecht sprechen wollte, standen Männer mit Sturmgewehren vor ukrainischen Kasernen, die Zufahrten zur Halbinsel wurden kontrolliert und im Donuslaw lag ein versenktes Schiff quer in der Fahrrinne.

Das Recht war noch da.

Nur seine Durchsetzung war verschwunden.

Während ich noch versuchte, einen Rest Ordnung festzuhalten, lief die Nachrichtenschleife weiter.

  1. März. Referendum. Russland.

Drei Begriffe, die sich plötzlich miteinander verbunden hatten.

Im Westen wurde bereits darüber gesprochen, dass eine solche Abstimmung gegen die ukrainische Verfassung verstoße und international nicht anerkannt werden könne.

Ich hörte mir das an und dachte:

Wovon reden die?

Anerkennen? Nicht anerkennen?

Bei uns standen Bewaffnete auf den Straßen. Die Kasernen waren blockiert. Ein Kriegsschiff lag auf dem Grund einer Hafeneinfahrt. Und in zehn Tagen sollten wir abstimmen.

Was sollte es praktisch bedeuten, wenn danach jemand sagte, er erkenne das Ergebnis nicht an?

Vielleicht war das ungerecht. Vielleicht gab es in diesem Augenblick tatsächlich nichts anderes zu sagen. Aber von Simferopol aus klangen solche Sätze eigentümlich fern.

Dann kam die Nachricht aus Sewastopol.

Auch dort stellte sich die Stadtführung hinter den Beitritt zur Russischen Föderation und das bevorstehende Referendum.

Ich musste beinahe lachen. Nicht aus Ironie. Aus Unglauben.

Am selben Tag?

Wirklich?

Sewastopol war ohnehin immer etwas anderes gewesen. Administrativ gehörte die Stadt zur Ukraine und besaß einen besonderen Status, aber im Alltag hatte sie eine eigene Schwerkraft. Russische Schwarzmeerflotte, Heldenstadt, Krieg, Denkmäler, Uniformen, tiefe Häfen. Russland war dort nicht nur ein anderes Land. Russland war Erinnerung, Mythos und Gegenwart zugleich.

Manchmal hatte man in Sewastopol das Gefühl, die Sowjetunion sei einfach nicht vollständig verschwunden.

Und jetzt sollte ausgerechnet diese Stadt darüber entscheiden, ob sie zu Russland gehören wollte. Es wirkte weniger wie eine Entscheidung als wie die Vollendung einer Erzählung, die dort seit Jahren bereitlag.

Später würde Putin immer wieder von der Krim und Sewastopol sprechen, fast nie von der Krim allein. Damals wusste ich natürlich noch nicht, welche Bedeutung diese Verbindung in den kommenden Wochen bekommen würde. An diesem Donnerstag sah ich nur, wie schnell alles ging.

Währenddessen liefen im Parlament von Simferopol die Veränderungen weiter. Zuständigkeiten wurden neu geordnet, Personen ausgetauscht, Entscheidungen getroffen. Es wirkte, als würde jemand während des laufenden Betriebs die Beschriftungen an den Türen wechseln. Die Gebäude standen noch dort, die Schreibtische standen noch dort, die Beamten saßen teilweise noch auf denselben Stühlen.

Aber die Richtung hatte sich geändert.

Nach Moskau.

Dann verschwand auch auf dem Fernseher ein weiteres Stück der Ukraine.

Am Vormittag drangen bewaffnete Männer gemeinsam mit Vertretern russischer Fernsehsender in die Sendeanlage von Simferopol ein. Wenig später waren die terrestrischen Signale von 1+1 und Kanal 5 auf der Krim weg. Tschernomorskaja war bereits zuvor verschwunden, auf ihrer Frequenz lief Rossija 24. Nun traf es weitere ukrainische Programme.

Diesmal bildete ich es mir nicht ein.

Ich schaltete durch.

Zurück.

Weiter.

Noch einmal.

Nichts.

Es war, als würde man nicht nur die Frequenzen wechseln, sondern die Wirklichkeit. Informationen wurden nicht mehr einfach geteilt. Sie wurden zugeteilt. Auf russischen Sendern bekam das, was geschah, eine vollkommen andere Sprache. Keine Besetzung, sondern Schutz. Keine russischen Truppen, sondern Selbstverteidigungskräfte. Kein Herausbrechen eines Gebietes aus einem Staat, sondern Selbstbestimmung.

Und mit jedem ukrainischen Sender, der verschwand, wurde es schwieriger, überhaupt noch zwischen diesen Wirklichkeiten hin und her zu schalten.

Am selben Tag versuchten internationale Militärbeobachter der OSZE, auf die Krim zu kommen. Sie waren auf Einladung der ukrainischen Regierung unterwegs und wollten sich selbst ein Bild von den ungewöhnlichen militärischen Aktivitäten machen.

Sie kamen bis Armjansk.

Dann war Schluss.

An einem ersten Kontrollpunkt standen ukrainische Kräfte. Dahinter folgte ein weiterer. Bewaffnete Männer ohne erkennbare Zugehörigkeit kontrollierten ihn.

Die Beobachter durften nicht weiter.

Am Vortag war Robert Serry auf der Krim bedrängt worden, bis er sie schließlich verlassen hatte.

Heute ließ man die nächsten internationalen Beobachter gar nicht erst herein.

Ich musste an die Bilder vom Morgen denken. Armjansk. Die schmale Landverbindung. Die Straßen, die Kontrollpunkte, die Männer mit Waffen.

Gestern hatte ich gedacht: Etwas schließt sich.

Jetzt bekam dieser Gedanke eine beinahe groteske Bestätigung.

Die Krim war noch Teil der Ukraine.

Aber die Ukraine konnte nicht mehr selbstverständlich hinein.

Internationale Beobachter konnten nicht hinein.

Und wer von uns hinauswollte, wusste nicht mehr, unter welchen Bedingungen er wieder zurückkommen würde.

Auch auf den Straßen von Simferopol veränderte sich die Stadt weiter. Kontrollpunkte waren inzwischen beinahe selbstverständlich geworden. Busse wurden angehalten, Fahrzeuge kontrolliert. An manchen Kreuzungen standen Bewaffnete, an anderen Männer in Zivil mit Funkgeräten. Der öffentliche Raum schrumpfte, nicht überall gleichzeitig und nicht immer sichtbar, aber stetig.

Was wenige Tage zuvor selbstverständlich gewesen war – Bewegung, Gespräch, Information –, stand plötzlich unter Vorbehalt.

Und trotzdem ging das Leben weiter.

Menschen gingen zur Arbeit. Auf dem Markt wurde gehandelt. Busse fuhren. Kinder liefen herum. Man kaufte Brot, Schuhe, Zigaretten, Gemüse. Alles funktionierte und funktionierte gleichzeitig nicht mehr.

Nur die Gespräche hatten sich verändert.

Sie kippten schneller.

Es genügte manchmal ein Wort.

Russland. Maidan. Putin. Kyjiw.

Und plötzlich wusste man, auf welcher Seite der andere stand.

An diesem Tag musste ich noch Ware ausliefern und kam in einem Schuhgeschäft mit einem älteren Ehepaar ins Gespräch. Ende sechzig vielleicht. Sie hatten eine Datscha, Gesichter von Arbeit gezeichnet, die Hände ineinander verschränkt, wie bei Menschen, die ein Leben lang zusammengehalten hatten.

Wir redeten über das, worüber inzwischen jeder redete.

Die Frau blickte hinaus, wo Kinder spielten.

„Die Jungen“, sagte sie, „die sollen auch einmal fühlen, was wir gefühlt haben. Damals.“

Ihr Mann nickte.

„Sie sollen nicht glauben, dass alles selbstverständlich ist. Dass Frieden vom Himmel fällt und man ihn nur aufheben muss. Vielleicht ist es gut, wenn sie einmal Angst haben.“

Ich sah die beiden an. Ich erwartete beinahe Zorn in ihren Gesichtern.

Da war keiner.

Sie sagten es ruhig.

Fast selbstverständlich.

„Unsere Eltern haben den Krieg erlebt“, sagte sie nach einer Weile. „Und wir haben die Jahre danach getragen. Warum sollten unsere Kinder verschont bleiben?“

Dieser Satz blieb.

Warum sollten unsere Kinder verschont bleiben?

Ich sah hinaus. Die Kinder spielten weiter.

Für einen Moment wusste ich nicht, was ich antworten sollte. Ich verstand, woher dieser Gedanke kam. Diese Generation hatte Entbehrung erlebt, Mangel, Zusammenbruch, die schwierigen Jahre danach. Vieles davon war Teil ihrer Identität geworden.

Aber warum musste das Leid weitergegeben werden?

Warum musste die nächste Generation erst Angst haben, damit die Angst der vorherigen einen Sinn bekam?

Ich verabschiedete mich. Draußen war die Luft kalt. Der Schritt aus dem warmen Geschäft zog eine klare Linie.

Auf dem Heimweg dachte ich lange über diesen Satz nach.

Warum sollten unsere Kinder verschont bleiben?

Ich verstand ihn.

Und lehnte ihn ab.

Nicht aus Bosheit hatten sie das gesagt. Gerade das machte es so verstörend. Es war etwas, das sie für gerecht hielten. Als müsse jede Generation ihre Prüfung bestehen, damit sie das Recht auf das Erreichte der vorherigen erwarb.

Ich dachte an Stella und Benno.

Nein.

Unsere Kinder sollten nicht lernen müssen, was Angst ist, nur damit wir ihnen anschließend erklären konnten, wie wertvoll Frieden war.

Sie sollten Frieden für selbstverständlich halten dürfen.

Vielleicht war genau das sein Zweck.

Als ich weiterging, hatte sich an der Stadt nichts verändert. Autos fuhren, Menschen trugen Einkaufstaschen, irgendwo bellte ein Hund. Über Simferopol lag dieser fast gleichgültige Vorfrühling.

Nur in meinem Kopf lief die Uhr.

Zehn Tage.

  1. März.

In der Nacht hatten sie ein Schiff versenkt und eine Hafenausfahrt geschlossen.

Am Vormittag hatte das Parlament den Termin vorgezogen und die Entscheidung über Russland auf den Stimmzettel gesetzt.

Dann verschwanden ukrainische Fernsehsender.

Und im Norden standen internationale Beobachter vor einem Kontrollpunkt und durften nicht herein.

Alles geschah am selben Tag.

Das war vielleicht das Verstörendste.

Nicht ein einzelner großer Schlag.

Viele kleine, präzise Schritte, die alle in dieselbe Richtung führten.

Raum wurde enger.

Information wurde enger.

Und jetzt wurde auch die Zeit enger.

Zum ersten Mal hatte ich nicht mehr das Gefühl, wir könnten einfach abwarten, was geschah.

Zuschauen reichte nicht mehr.

Wir mussten beginnen, darüber nachzudenken, was wir tun würden.

7. MÄRZ

Am Morgen lagen die Schiffe noch immer dort. Die Otschakow, in der Nacht zuvor in der Einfahrt zum Donuslaw versenkt, ragte aus dem Wasser. Daneben weitere Hindernisse, Stahl und Rost quer in einer Fahrrinne, die einmal hinaus ins Schwarze Meer geführt hatte. Und es blieb nicht dabei. Im Laufe des Tages kam die Nachricht, dass ein weiteres ausgemustertes Hilfsschiff versenkt worden war, BM-416, ein kleines ehemaliges Taucherschiff. Noch ein Rumpf, noch ein Hindernis. Die Sperre wurde dichter.

Die ukrainischen Schiffe im Donuslaw lagen dahinter. Nicht besiegt, nicht zerstört, sondern eingeschlossen. Das war inzwischen das Prinzip, das sich überall wiederholte. Man musste die ukrainische Armee nicht vernichten. Es genügte, ihr die Bewegung zu nehmen. Vor den Kasernen standen Bewaffnete, an den Straßen Kontrollpunkte, vor der Hafenausfahrt lagen versenkte Schiffe.

Stillstand als Waffe.

Weiter kamen Aufforderungen, die Waffen niederzulegen, die Stützpunkte zu übergeben, sich den neuen Behörden anzuschließen. Mal klangen sie wie Angebote, mal wie Drohungen. Immer stand dieselbe Frage dahinter: Wie lange wollt ihr noch? Viele ukrainische Soldaten und Matrosen wussten vermutlich selbst nicht, worauf sie warteten. Befehle aus Kyjiw kamen oder kamen nicht, widersprachen einander oder ließen Spielraum. Draußen standen Männer mit Waffen, von denen offiziell weiterhin behauptet wurde, sie seien keine russischen Soldaten.

Und dann sah ich Bilder, die mich trotz allem zum Lachen brachten. Ukrainische Matrosen standen auf den Decks ihrer eingeschlossenen Schiffe und zeigten den Russen ihre nackten Hintern.

Ich musste tatsächlich lachen.

Es war absurd, kindisch vielleicht, militärisch vollkommen bedeutungslos. Ihre Schiffe saßen fest, vor der Ausfahrt lagen versenkte Rümpfe, draußen standen die Russen und warteten darauf, dass sie aufgaben.

Und die Antwort dieser Männer war, ihnen den nackten Arsch zu zeigen.

Das gefiel mir.

Noch war nicht jeder bereit, den Kopf zu senken.

Auch die OSZE versuchte erneut, auf die Krim zu gelangen. Bereits am Vortag waren die internationalen Militärbeobachter bei Armjansk gestoppt worden. Nun versuchten sie es wieder. Wieder kamen sie nicht durch. Inzwischen bestand die Gruppe aus Beobachtern zahlreicher Staaten. Sie waren auf Einladung der ukrainischen Regierung gekommen, um sich selbst ein Bild von den militärischen Aktivitäten auf der Krim zu machen. Genau das aber wurde ihnen verweigert.

Ich fand das zunehmend grotesk. Seit Tagen erklärte man, es gebe keine russische Intervention. Die bewaffneten Männer seien lokale Selbstverteidigungskräfte, Russland habe mit ihnen nichts zu tun. Gleichzeitig ließ man internationale Militärbeobachter nicht hinein.

Am Vortag hatten sie es versucht.

Heute wieder.

Wieder Schluss.

Ich musste an Robert Serry denken. Der UNO-Sondergesandte war nach Simferopol gekommen, bedrängt worden und schließlich abgereist. Nun standen die nächsten internationalen Beobachter draußen vor der Krim.

Wer drinnen war und störte, sollte hinaus.

Wer draußen war und nachsehen wollte, kam nicht hinein.

Was blieb, waren Fernsehbilder, Handyfotos, Meldungen von Freunden und Bekannten. Ein Kontrollpunkt hier, Bewaffnete dort, eine Kaserne umstellt, ein Offizier bedroht, ein Sender abgeschaltet, ein Schiff versenkt. Und dazwischen die Gerüchte. Jemand hatte gehört, dass eine Einheit übergelaufen sei. Ein anderer wusste angeblich, dass russische Panzer unterwegs seien. Dann hieß es, ein Stützpunkt werde noch in dieser Nacht gestürmt. Eine Stunde später wusste jemand, dass überhaupt nichts geschehen würde. Wir telefonierten, verglichen, suchten nach Bestätigungen und wussten am Ende oft genauso wenig wie vorher.

Irgendwann hielt es ohnehin keiner von uns mehr zu Hause aus. Und wir mussten einkaufen.

Morgen war der 8. März.

Weltfrauentag.

Auf der Krim war das kein Tag, den man beiläufig überging. Blumen, Torten, etwas Gutes zu essen. Man gratulierte den Frauen, besuchte Familie oder Freunde, saß zusammen. Vielleicht würde jemand bei uns vorbeikommen. Vielleicht würden wir selbst irgendwohin fahren. Wer wusste das schon. In diesen Tagen ließ sich kaum noch etwas planen, aber der 8. März war der 8. März.

Also fuhren wir zum Auchan.

Nicht nur ich. Natascha kam mit, Babuschka auch, und natürlich die Kinder. Wir mussten alle raus. Weg von den Fernsehern, den Telefonen und den Nachrichten, die seit Tagen durch die Wohnung liefen.

Wir brauchten Lebensmittel, etwas Gutes zum Essen, Süßigkeiten für die Kinder. Und natürlich eine Torte. Ohne Torte ging es nicht. Vielleicht noch eine zweite, falls Freunde kamen.

Eigentlich war es eine vollkommen gewöhnliche Fahrt.

Und gerade deshalb blieb sie mir in Erinnerung.

Schon nach wenigen Minuten hatte ich das Gefühl, dass es Natascha und Babuschka nicht nur ums Einkaufen ging. Beide sahen ungewöhnlich aufmerksam aus den Fenstern. Natascha nach links und rechts, Babuschka von der Rückbank zwischen den Kindern hindurch. Sie sagten nichts dazu. Vielleicht bildete ich es mir auch nur ein.

Aber ich hatte das Gefühl, sie wollten die Stadt sehen.

Unsere Stadt.

Wir fuhren durch Simferopol, dieselben Straßen wie unzählige Male zuvor. Dieselben Häuser, Kreuzungen, Ampeln und Reklametafeln. Marschrutkas hielten, Trolleybusse zogen unter ihren Leitungen dahin, Menschen standen an Haltestellen oder trugen Einkaufstaschen nach Hause.

Simferopol war noch da.

Nur sahen wir es anders an.

Wo stehen Bewaffnete? Wo ist eine Straße gesperrt? Welche Fahne hängt dort? Wer steht vor diesem Gebäude? War dieser Kontrollpunkt gestern schon da?

Früher war ich durch diese Straßen gefahren und hatte Verkehr gesehen, Geschäfte, Menschen. Jetzt suchte mein Blick nach Männern mit Waffen.

Vielleicht taten Natascha und Babuschka dasselbe.

Für die Kinder war es einfacher. Wir fuhren zum Auchan. Einkaufen. Torte. Morgen war der 8. März. Vielleicht kamen Freunde.

Im Auchan war Betrieb. Einkaufswagen klapperten, Menschen standen vor den Regalen, Kinder liefen zwischen ihnen herum. Vor den Süßwaren und Torten war mehr los. Männer suchten Geschenke, Frauen schoben volle Wagen. Brot, Fleisch, Gemüse, Getränke. Alles war da.

Menschen kauften für morgen ein.

Sie planten Essen.

Sie kauften Torten.

Auch wir legten unsere Sachen in den Wagen. Etwas Gutes für morgen, eine Torte, dies und das, was man eben brauchte. Natascha überlegte, was wir kochen könnten. Babuschka hatte ihre eigenen Vorstellungen. Die Kinder wollten natürlich etwas anderes.

Fast normal.

Draußen standen Bewaffnete. Im Donuslaw lagen versenkte Schiffe. Internationale Beobachter kamen nicht auf die Krim. In neun Tagen sollte über den Anschluss an Russland abgestimmt werden.

Und wir standen vor einem Regal und entschieden, welche Torte wir für den 8. März nehmen sollten.

Beides war wahr.

Danach musste ich noch ins Geschäft. Auch dort lief der Alltag weiter, soweit er eben noch weiterlaufen konnte. Ware musste ausgeliefert werden, Kunden warteten, Rechnungen existierten weiterhin.

In einem Schuhgeschäft kam ich mit einem älteren Ehepaar ins Gespräch. Ende sechzig vielleicht. Sie hatten eine Datscha, Gesichter von Arbeit gezeichnet, die Hände ineinander verschränkt, wie bei Menschen, die ein Leben lang zusammengehalten hatten. Wir redeten über das, worüber inzwischen jeder redete.

Die Frau blickte hinaus, wo Kinder spielten.

„Die Jungen“, sagte sie, „die sollen auch einmal fühlen, was wir gefühlt haben. Damals.“

Ihr Mann nickte.

„Sie sollen nicht glauben, dass alles selbstverständlich ist. Dass Frieden vom Himmel fällt und man ihn nur aufheben muss. Vielleicht ist es gut, wenn sie einmal Angst haben.“

Ich sah die beiden an. Ich erwartete beinahe Zorn in ihren Gesichtern.

Da war keiner.

„Unsere Eltern haben den Krieg erlebt“, sagte sie nach einer Weile. „Und wir haben die Jahre danach getragen. Warum sollten unsere Kinder verschont bleiben?“

Ich sah hinaus.

Die Kinder spielten weiter.

Warum sollten unsere Kinder verschont bleiben?

Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte.

Ich verabschiedete mich. Draußen war die Luft kalt. Der Schritt aus dem warmen Geschäft tat gut.

Auf dem Weg zum Auto kam der Satz wieder.

Warum sollten unsere Kinder verschont bleiben?

Ich dachte an Stella und Benno.

Nein.

Sie sollten Frieden für selbstverständlich halten dürfen.

Vielleicht war genau das sein Zweck.

Auf der Rückfahrt saßen wir wieder gemeinsam im Auto, die Einkäufe hinten, die Kinder bei Babuschka. Ich sah Natascha an und dann in den Rückspiegel. Wieder wanderten ihre Blicke hinaus über Häuser, Kreuzungen, Menschen und Fahnen.

Niemand sagte viel.

Vielleicht hatten wir tatsächlich nicht nur einkaufen wollen.

Vielleicht hatten wir nachsehen wollen, ob unser Simferopol noch existierte.

Es existierte.

Noch.

Zu Hause liefen wieder die Nachrichten. Von verschiedenen ukrainischen Stützpunkten kamen Berichte über bewaffnete Männer vor den Toren, über Verhandlungen, Aufforderungen zur Übergabe und Versuche, in militärische Einrichtungen einzudringen. Auch von Schüssen bei einer ukrainischen Marineeinrichtung wurde berichtet. Niemand war verletzt worden.

Noch immer war daraus kein offener Krieg geworden. Aber die Entfernung dorthin wurde kleiner. Seit Tagen standen sich bewaffnete Männer gegenüber. Die einen innerhalb ihrer Kasernen und Stützpunkte, die anderen davor. Manchmal lagen nur ein Tor, ein Zaun oder wenige Meter Straße zwischen ihnen.

Jeder hatte Waffen.

Niemand wusste, wer irgendwann die Nerven verlieren würde.

Am Abend sprachen Natascha und ich wieder über den 16. März.

Noch neun Tage.

„Was glaubst du, was passiert?“, fragte ich.

Natascha sah mich an.

Was sollte sie antworten?

Bewaffnete Männer kontrollierten wichtige Gebäude und Straßen. Ukrainische Militäreinheiten waren blockiert. Ukrainische Fernsehsender verschwanden. Internationale Beobachter kamen nicht auf die Krim.

Und in neun Tagen sollten Menschen in Wahllokale gehen, ein Kreuz machen und wieder herauskommen.

Als wäre das alles.

Später sah ich wieder Nachrichten aus dem Donuslaw. Die Schiffe lagen noch dort. Die Russen draußen, die Ukrainer drinnen.

Keiner schoss.

Keiner wich.

Die Russen hatten Zeit.

Die Ukrainer nicht.

Sie mussten nicht angreifen. Sie mussten nur warten.

Ich dachte noch einmal an die Matrosen und ihre nackten Hintern.

Am Morgen hatte ich darüber gelacht.

Jetzt musste ich wieder grinsen.

Und morgen war der 8. März.

Wir hatten eine Torte gekauft.