4. MÄRZ
Ich holte wieder Geld bei Western Union ab. Fünfhundert Euro. Mehr bekam man nicht auf einmal.
Die Tatarin hinter dem Schalter in der Post war freundlich; sie kannte uns inzwischen. Trotzdem dauerte es. Sie musste Rücksprache mit dem Filialleiter halten, mein Reisepass ging hin und her, wurde angesehen, wieder zurückgegeben. Schließlich zählte sie das Geld ab und schob es mir über den Tresen.
Dann beugte sie sich ein wenig vor und sagte leise, der Schalter werde noch heute geschlossen.
Früher als angekündigt.
Ich steckte das Geld ein und ging weiter. Keine fünfzig Meter die Straße hinunter standen wieder die Journalisten an ihrem Übertragungsplatz. Heute waren es fünf. Es war Mittag. Amerikaner, Deutsche, ein Franzose, unser Mann aus Österreich und einer, den ich nicht zuordnen konnte.
Alle kannten einander. Alles wirkte geordnet, beinahe ruhig. Man rauchte, redete, wartete. Dann ging ein kaum merkliches Zucken durch die Gruppe. Zigaretten wurden ausgedrückt, Jacken gerichtet, Kopfhörer aufgesetzt. Einer nach dem anderen trat vor seine Kamera.
Die Übertragungen begannen.
Jeder für sein Land, für seinen Sender, für seine Sendezeit. Teilweise sprachen sie gleichzeitig, keine fünf Meter voneinander entfernt, mit demselben Platz und denselben bewaffneten Männern im Hintergrund.
Und doch klang es jedes Mal anders.
Der Amerikaner sprach entschlossen von Widerstand. Der Deutsche sezierte die Abläufe. Der Franzose zog historische Linien. Jeder suchte einen anderen Zugang, einen anderen Ton, einen anderen Satz für dasselbe Bild.
Ich stand daneben und hörte zu.
Fünf Reporter. Dasselbe Stück. Fünf Deutungen.
Keine davon musste falsch sein. Gerade das irritierte mich. Sie standen am selben Ort, sahen dasselbe, spürten denselben Wind – und erzählten ihren Zuschauern doch verschiedene Wirklichkeiten.
Nach wenigen Minuten war alles vorbei. Mikrofone wurden ausgeschaltet, Kopfhörer abgenommen, Stimmen senkten sich. Die Anspannung fiel ab, beinahe augenblicklich.
Dann tauschten sie Informationen aus. Präzise, schnell, kollegial. Wer was gehört hatte. Wo sich Truppen bewegten. Welche Straße gesperrt war. Wo vielleicht noch etwas passieren könnte.
Eben noch Weltpolitik, jetzt Logistik.
Dann gingen sie auseinander. Autos starteten, Türen klappten zu. Jeder fuhr in eine andere Richtung, auf der Suche nach dem nächsten Ort, dem nächsten Bild, dem nächsten Satz.
Ich blieb noch einen Moment stehen.
Mich beschäftigte weniger, ob einer von ihnen recht hatte. Mich beschäftigte, wie schnell aus einem Ereignis verschiedene Geschichten werden konnten. Vielleicht ging es gar nicht anders. Vielleicht musste jeder auswählen, kürzen, einordnen. Aber seit Tagen lebten wir selbst zwischen solchen Ausschnitten und versuchten daraus zu verstehen, was mit unserem Land geschah.
Zu Hause erzählte ich Natascha davon. Doch ich merkte schnell, dass meine Worte sie kaum erreichten. Vielleicht redete ich auch nur, um das Schweigen zu vertreiben. Um mir selbst zu beweisen, dass noch etwas erklärt werden konnte.
Wir fühlten uns allein.
Vielleicht erwarteten wir zu viel. Vielleicht erwarteten wir etwas, das niemand leisten konnte. Aber von Simferopol aus wirkte der Westen in diesen Stunden nicht wie eine Macht.
Eher wie ein Zuschauer.
Also saßen wir wieder vor dem Fernseher.
Erschöpft. Erniedrigt. Verlassen.
Eine Nachricht jagte die nächste. Jede neue zerschlug eine Gewissheit, die wir wenige Stunden zuvor noch gehabt hatten. Es war zu viel, zu schnell, zu widersprüchlich. Und trotzdem konnten wir den Blick nicht lösen. Wir zappten durch die Sender, klammerten uns an Sätze und Bilder und suchten nach einem Faden, an dem sich die Wirklichkeit noch festhalten ließ.
Dann erschien Wladimir Putin.
Er saß in Moskau vor Journalisten und erklärte die Welt, in der wir angeblich lebten.
Janukowytsch sei weiterhin der rechtmäßige Präsident der Ukraine. Die neue Führung in Kiew sei durch einen verfassungswidrigen Umsturz an die Macht gekommen. Russland müsse seine Landsleute schützen.
Und die bewaffneten Männer auf der Krim?
Keine russischen Soldaten.
Solche Uniformen könne man überall kaufen.
Ich sah Natascha an.
Dann wieder auf den Bildschirm.
Seit Tagen standen diese Männer vor unseren Regierungsgebäuden, auf unseren Straßen, vor unseren Kasernen und Flugplätzen. Wir sahen ihre Fahrzeuge. Wir sahen ihre Waffen. Wir sahen, wie sie sich bewegten und wie ukrainische Soldaten hinter ihren Toren festsaßen.
Und nun erklärte uns der Präsident Russlands, dass das, was wir sahen, nicht das war, was wir sahen.
Putin sprach ruhig. Kein Zögern. Keine sichtbare Unsicherheit. Einen Anschluss der Krim an Russland, sagte er, ziehe Russland nicht in Betracht. Über die Zukunft der Krim könnten nur deren Bewohner entscheiden. Er sprach über Recht, über Schutz, über einen Staatsstreich in Kiew und zog Parallelen zum Kosovo.
Je länger ich ihm zuhörte, desto weniger ging es mir um einzelne Sätze.
Es war die Selbstverständlichkeit.
Hier wurde Wirklichkeit nicht einfach geleugnet. Sie wurde durch eine andere ersetzt.
Dann kamen die Bilder aus Belbek.
Ausgerechnet Belbek.
Den Luftwaffenstützpunkt kannte ich. Ich hatte dort einen Kunden. Am Tag zuvor hatten wir gesehen, wie die ukrainischen Soldaten hinter ihren Toren festsaßen. Jetzt bewegten sie sich.
Die Kamera zeigte eine Gruppe ukrainischer Soldaten, die über das Flugfeld ging. Unbewaffnet. Vorne Oberst Julij Mamtschur. Neben und hinter ihm seine Männer. Sie trugen Fahnen und sangen die ukrainische Hymne.
Vor ihnen standen die bewaffneten Männer in Grün.
Jene Männer, von denen Putin gerade erklärt hatte, sie seien keine russischen Soldaten.
Mamtschur ging weiter.
Kein Helm. Keine Schutzweste. Keine Waffe.
Nur seine Männer, die Fahnen und die Hymne.
Ich saß vor dem Fernseher und merkte, wie ich die Luft anhielt.
Die Entfernung zwischen den beiden Gruppen wurde kleiner. Auf der einen Seite Männer mit Sturmgewehren, auf der anderen Männer, die nichts in den Händen hielten, womit sie sich hätten verteidigen können.
Dann fielen Warnschüsse.
Kurze, harte Schläge.
Die Männer blieben stehen.
Die Hymne brach nicht ab.
Ich weiß noch, was ich dachte.
Wow.
Nicht mehr. Einfach nur: Wow.
Uns traten die Tränen in die Augen.
Es war nicht einmal Begeisterung. Eher dieses ungläubige Staunen darüber, dass jemand tatsächlich tat, was seit Tagen niemand zu tun schien: sich bewegen.
Nicht weg.
Auf sie zu.
Mamtschur sprach mit den Bewaffneten. Irgendwann war klar, dass diese paar hundert Meter nichts Grundsätzliches verändern würden. Die Russen würden deshalb nicht verschwinden. Belbek würde nicht plötzlich wieder frei sein. Kein Staat wurde durch einen Marsch über ein Flugfeld gerettet.
Und trotzdem hatte sich etwas verändert.
Die Hymne war ihre Rüstung.
Vielleicht berührte uns die Szene gerade deshalb so sehr. Seit Tagen sahen wir ukrainische Soldaten hinter Gittern, Toren und Mauern. Wartend. Ohne Befehl. Neutralisiert, bevor überhaupt gekämpft worden war.
Jetzt waren einige von ihnen aus dem Tor gekommen.
Mehr nicht.
Aber auch nicht weniger.
Am Vortag hatte Natascha gesagt: „Wenn niemand hier aufsteht, sind wir verloren.“
Jetzt stand da jemand.
Die Nachrichten liefen weiter. Ukrainische Marineeinrichtungen wurden blockiert, Schiffe zunehmend an ihren Liegeplätzen festgesetzt, weitere Stützpunkte umstellt. An Land standen sogenannte Selbstverteidiger und bewaffnete Männer ohne Hoheitszeichen vor Kasernen und verlangten Übergaben, Seitenwechsel, Gehorsam gegenüber der neuen Führung der Krim.
Es war dasselbe Muster, das wir am Vortag allmählich erkannt hatten. Man musste die ukrainischen Streitkräfte nicht in einer Schlacht besiegen. Es genügte, ihre Bewegungsfreiheit immer weiter einzuschränken.
Straßen.
Flugplätze.
Kasernen.
Häfen.
Frequenzen.
Und trotzdem war dieser Tag anders.
Am Morgen hatte ich fünf Journalisten dabei beobachtet, wie sie dieselbe Wirklichkeit in fünf verschiedene Geschichten verwandelten. Am Nachmittag hatte Putin erklärt, die Männer, die wir seit Tagen sahen, seien nicht seine Soldaten.
Und dann war Mamtschur auf diese Männer zugegangen.
Vielleicht blieb mir die Szene deshalb so deutlich im Gedächtnis.
Man konnte über Worte streiten. Über Putschisten, Selbstverteidigung, Schutz, Recht, Russland, die Ukraine, den Westen, den Kosovo. Man konnte dieselben Bilder unterschiedlich kommentieren und dieselben Ereignisse in verschiedene Geschichten einordnen.
Aber auf diesem Flugfeld wurde es plötzlich einfach.
Da standen Männer mit Waffen.
Und andere gingen unbewaffnet auf sie zu.
Mehr musste ich in diesem Augenblick nicht verstehen.
Am Abend saßen wir noch lange vor dem Fernseher. Die Nachrichten liefen weiter, aber Belbek blieb hängen. Immer wieder sah ich diese Männer vor mir, die Fahnen, die Schritte, hörte die Hymne und dann die Warnschüsse.
Es hatte nichts entschieden.
Vielleicht war genau das so schwer zu ertragen.
Aber zum ersten Mal seit Tagen hatte ich nicht nur gesehen, wie etwas genommen wurde.
Ich hatte jemanden gesehen, der sich weigerte, einfach beiseitezutreten.
5. MÄRZ
Der Tag begann wie so viele in diesen Wochen mit Bildern, die sich längst nicht mehr wie Nachrichten anfühlten. Ich schaltete den Fernseher ein, noch bevor der Kaffee heiß war. Immer dieselben Männer ohne Abzeichen. Obama, Wetter, Sanktionen, Werbung für Tiefkühlpizza, Putin. Kyjiw, Moskau, Berlin, New York, Simferopol. Ich schaltete weiter, noch einmal zurück, zappte zwischen den Sendern.
Bei den deutschen blieb alles auf Abstand. Ruhig, korrekt, glatt. Die russischen erklärten souverän und geschlossen, als wäre längst entschieden, was geschah. Die ukrainischen ließen mich nicht los. Stimmen zu laut, Bilder zu nah, Sätze, die nicht fertig wurden. Als sprächen sie nicht über etwas, sondern aus ihm heraus. Irgendwo dazwischen musste etwas liegen, das trug.
Dann sah man Straßensperren bei Armjansk. Das Tor zur Krim. Dort, wo man die Halbinsel verlässt, wenn man Richtung ukrainisches Festland will, nach Cherson und weiter nach Odessa oder Kyjiw. Wir verstanden sofort, was diese Bilder bedeuteten. Nicht als Information, sondern als Gefühl: Etwas schloss sich.
Armjansk lag an einer der schmalsten Stellen der Landverbindung. Salzseen, Steppe, flaches Wasser. Wer die Straßen dort kontrollierte, kontrollierte einen der wichtigsten Wege hinaus. Weiter östlich lag die zweite Verbindung über Chongar, Richtung Dschankoj, mit Straßen, Gleisen und einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt. Wer diese Wege kontrollierte, machte aus der Halbinsel beinahe eine Insel.
Die Kameras zeigten Fahrzeuge, Straßensperren und bewaffnete Männer. Busse hielten an, Autos wurden herangewinkt, Menschen stiegen aus, warteten und zeigten ihre Papiere. Offiziell waren die Wege nicht vollständig geschlossen. Aber sie waren auch nicht mehr einfach offen. Das war ein Unterschied, den man verstand, sobald man selbst hier lebte.
Dann hörte ich, dass Flüge gestrichen wurden. Ein Freund aus Odessa rief an. Er wollte herkommen, nach seinem Geschäft sehen.
„Sie lassen niemanden mehr durch“, sagte er. „Nur noch mit besonderen Papieren.“
Ich lachte zu schnell, zu laut. Der Geschmack blieb bitter.
Kurz darauf kam ein Anruf aus Lwiw. Ein Kunde. Seine Stimme klang, als stünde er in einem leeren Raum. Ob unsere Lieferungen noch kämen. Ob wir überhaupt noch erreichbar seien. Ich sah auf den Bildschirm, auf Straßen, Kontrollpunkte und Männer, die niemandem erklärten, wer ihnen Befehle gab.
Ich wusste es nicht.
Bis vor wenigen Tagen hätte ich einem Kunden sagen können, wann seine Ware kam. Ich hätte jemanden angerufen, einen Fahrer organisiert, eine Spedition gefragt. Es hatte immer irgendeine Lösung gegeben. Jetzt wusste ich nicht einmal mehr, ob eine Straße morgen noch dieselbe Bedeutung haben würde wie heute.
Später hieß es, weitere ukrainische Soldaten hätten die Seiten gewechselt, Offiziere und Angehörige der Sicherheitsorgane hätten sich den neuen Behörden unterstellt. Andere blieben in ihren Kasernen und warteten auf Befehle aus Kyjiw. Wieder dieses seltsame Bild: keine große Bewegung, kein offener Kampf. Stillstand. Als hätte man die Krim nicht erobert, sondern angehalten. Mitten im Atemzug.
Am Nachmittag kamen Livebilder aus Simferopol. Robert Serry, der Sondergesandte der Vereinten Nationen, war auf der Krim, um sich selbst ein Bild von der Lage zu machen.
Endlich, dachte ich. Jemand von außen. Nicht noch ein Fernsehstudio in Moskau, Berlin oder New York. Einer war tatsächlich hier.
Serry hatte sich mit Vertretern der ukrainischen Marine getroffen. Danach wurde sein Wagen von Männern blockiert. Einige von ihnen waren bewaffnet. Sie verlangten, dass er die Krim verlasse. Zunächst hieß es sogar, er sei entführt worden. Das stimmte nicht. Aber sein Auto kam nicht weiter. Serry stieg aus, ging zu Fuß und suchte schließlich Schutz in einem Café.
Mitten in Simferopol.
Ich kannte diese Straßen.
Vor dem Lokal sammelten sich Menschen, russische Fahnen waren zu sehen, Rufe waren zu hören. Journalisten drängten sich um Serry, Kameras liefen. Irgendwann wurde ein Weg durch die Menge geschaffen. Schließlich gelangte er zum Flughafen und verließ die Krim noch am selben Abend.
Ich saß vor dem Fernseher und konnte kaum glauben, was ich sah. Die Vereinten Nationen. Ausgerechnet die UNO. Seit Tagen warteten wir darauf, dass irgendjemand von außen kam, jemand, dessen Anwesenheit vielleicht wenigstens etwas verändern würde. Nun war einer da – und kam nicht einmal mehr ungehindert von einem Gespräch zum nächsten.
Natürlich wusste ich, dass Serry keine Armee hinter sich hatte und keinen Kontrollpunkt räumen lassen konnte. Aber darum ging es mir nicht. Es ging um das Bild. Er war gekommen, um sich anzusehen, was auf der Krim geschah, und man hatte ihm innerhalb weniger Stunden gezeigt, wie weit die Kontrolle inzwischen reichte.
Auch Dunja Mijatović, die OSZE-Beauftragte für Medienfreiheit, war an diesem Tag in Simferopol. Von den Protesten gegen ihre Anwesenheit sah ich später einige Fotos. Darauf standen Frauen vor einem Hotel, manche mit Kopftüchern und Einkaufstaschen, andere mit russischen Fahnen. Es waren keine Bilder einer Armee und keine Bilder bewaffneter Männer. Gerade deshalb blieben sie mir im Gedächtnis. Sie hätten ebenso gut auf einem Markt oder an einer Bushaltestelle stehen können.
Ich kannte solche Frauen aus dem Alltag. Ich wusste nicht, warum jede Einzelne dort stand, ob aus Überzeugung, aus Angst oder weil jemand sie zusammengerufen hatte. Ein Foto verriet das nicht. Es zeigte nur diesen eigenartigen Kontrast: ganz gewöhnliche Menschen, die plötzlich Teil eines politischen Bildes geworden waren, das weit über ihren Alltag hinausging.
Vielleicht beschäftigte mich das auch deshalb so sehr, weil inzwischen fast alles zu einem Bild geworden war. Die Soldaten vor den Kasernen, die Fahnen vor dem Parlament, die Journalisten, Serry im Café, diese Frauen vor dem Hotel. Jeder sah Ausschnitte und versuchte daraus zu verstehen, was geschah.
Die Wahrheit begann sich wie Nebel zu verhalten. Man spürte sie, aber sie ließ sich kaum noch festhalten. Informationen liefen gegeneinander an, überholten sich, widersprachen einander. Russische Sender sprachen von Selbstverteidigungskräften und vom Schutz der Bevölkerung. Ukrainische Sender von russischen Soldaten und Besatzung. Westliche Sender suchten nach Formulierungen, die sie belegen konnten.
Und wir saßen mittendrin. Nicht vor der Krim. Auf ihr.
Je dunkler es wurde, desto schwerer lag die Luft. Eine Freundin aus Feodossija schrieb per SMS, ihre Straße werde von Männern mit Gewehren kontrolliert. Ein ehemaliger Mitarbeiter schickte mir ein Foto aus Jalta: bewaffnete Männer auf einem Verwaltungsgebäude, klein im Bild, aber eindeutig in ihrer Haltung.
Wieder Orte, die ich kannte. Wieder Menschen, die ich kannte. Und immer dieselbe Frage: Wie lange noch?
Zum ersten Mal setzte sich ein Gedanke fest, den ich bisher nicht zugelassen hatte.
Ausreisen?
Wir hatten hier unser Zuhause, unsere Firma, unsere Kunden in der ganzen Ukraine. Die Kinder. Unser Leben. Wohin sollten wir gehen? Und warum?
Noch vor einer Woche wäre mir die Frage absurd vorgekommen. Jetzt dachte ich an Enteignung, an Beschlagnahmung, an Konten, die man nicht mehr öffnen konnte, an Grenzen, die plötzlich keine Verwaltungsgrenzen mehr waren. Wörter, die lange abstrakt gewesen waren, bekamen Gewicht.
Ich sprach es nicht aus, nicht einmal leise, als könne schon das Wort etwas endgültig machen. Aber ich wusste, dass Natascha und ich darüber würden reden müssen.
Ich fühlte mich hilflos. Nicht nur als Vater und Ehemann, auch als Unternehmer. Jahre hatte ich damit verbracht, Probleme zu lösen. Wenn etwas nicht funktionierte, fand man einen anderen Weg, einen anderen Lieferanten, eine andere Bank, einen anderen Transport. Irgendetwas.
Jetzt gab es kein Problem, das ich lösen konnte.
Also griff ich nach dem einzigen Gedanken, der mir blieb: Es ist eine Prüfung. Augen zu und durch.
Mein Vater nannte das früher „keine Wellen machen“. Vielleicht war es keine Stärke, vielleicht nur ein Reflex, ein Versuch, nicht unterzugehen. Indem ich das Unkontrollierbare zur Prüfung erklärte, gab ich mir wenigstens eine Rolle. Nicht nur Opfer, sondern jemand, der etwas aushält.
Dieser Gedanke wurde zu einem Geländer im Dunkeln. Dünn. Kalt. Aber da. Und je mehr mir die Kontrolle entglitt, desto fester klammerte ich mich daran.
Am Abend stieß ich auf einen Bericht eines österreichischen Journalisten, der sich auf der Krim befand. Das überraschte mich. Ein Österreicher. Hier. Ich schrieb ihm eine E-Mail und fragte, ob wir uns kurz treffen könnten. Das Hotel Moskau lag nicht weit von uns entfernt. Er sagte zu, und wir trafen uns in der Lobby.
Er hörte zu, und ich erzählte ihm, was ich erfahren hatte: Ein Spezialkommando sei unterwegs in Richtung Krim. Der Auftrag lautete, Aksjonow festzunehmen. Vom Haftbefehl wusste ich bereits seit dem Vortag. Nicht aus den Nachrichten.
Manche Verbindungen entstehen über Jahre, manchmal Jahrzehnte. In diesen Tagen merkte ich, dass Informationen auf Wegen liefen, die mit offiziellen Pressekonferenzen wenig zu tun hatten.
Ich bat ihn, meinen Namen nicht zu nennen. Er schrieb tatsächlich darüber und hielt sich daran.
Erst Monate später erfuhr ich, dass das Kommando entdeckt worden war. Unterlaufen. Noch vor der Grenze zur Krim gestoppt. Auch andere sollten festgenommen werden, doch vieles war bereits verraten worden.
Damals wusste ich das noch nicht.
An diesem Abend wusste ich nur, dass Kyjiw offenbar noch versuchte zu handeln. Irgendwo wurden Haftbefehle geschrieben, Befehle erteilt, Männer losgeschickt. Auf dem Papier existierte der Staat. Aber auf der Krim begann man sich zu fragen, wie weit seine Befehle überhaupt noch reichten.
Gegen neun Uhr rief mich ein alter Bekannter an, ein pensionierter Offizier. Er sagte nur einen Satz:
„Sie versenken das Schiff heute Nacht.“
Ich fragte nach, doch er sagte kaum mehr. Danach legte ich auf.
Ich wusste nicht, ob es stimmte. In diesen Tagen hörten wir vieles. Manche Meldungen erwiesen sich als richtig, andere verschwanden wieder.
Also wartete ich.
In der Nacht zum 6. März kam die Bestätigung. In der Einfahrt zum Donuslaw hatten russische Kräfte die ausgemusterte Otschakow versenkt. Ein altes Kriegsschiff, absichtlich auf den Grund gesetzt, um die Fahrrinne zu blockieren.
Kein Gefecht. Kein feindlicher Treffer.
Sie versenkten ihr eigenes altes Schiff, damit die ukrainischen Schiffe im Donuslaw nicht hinauskonnten.
Ich saß vor dem Fernseher und sah die ersten Bilder. Da lag sie. Stahl im Wasser. Eine Hafenausfahrt, die keine mehr war.
Und plötzlich passte auch dieses Bild zu allem, was ich an diesem Tag gesehen hatte. Am Morgen die Straßen nach Norden. Am Nachmittag Robert Serry in einem Café in Simferopol. Am Abend die Frage, ob wir selbst noch hinauskonnten. Und in der Nacht ein Schiff quer vor einer Hafenausfahrt.
Die Krim schloss sich.
Nicht mit einem Schlag. Weg für Weg, Tor für Tor, Ausfahrt für Ausfahrt.
Für einen kurzen Moment hatte es noch so ausgesehen, als könne der ukrainische Staat handeln.
Dann war auch dieser Moment vorbei.