2. MÄRZ
Am Morgen lag neuerlich eine eigentümliche Stille über der Stadt. Nicht friedlich, sondern schwer – wie die Pause zwischen zwei Stößen. Auf den Hauptstraßen waren weniger Zivilfahrzeuge unterwegs als sonst. Dort, wo gewöhnlich Busse hielten und Menschen warteten, standen nun Männer in Kampfmontur. Keine Abzeichen, keine Rangstreifen, nur Sturmgewehre und eine Körpersprache, die keinen Zweifel daran ließ, wer hier bestimmte. Wer anhielt, wurde kontrolliert. Wer zu lange fragte, bekam keine Antwort, nur einen Blick. Und wer weiterging, hatte das Gefühl, eine Grenze überschritten zu haben, die niemand gezogen hatte und die dennoch da war.
Rund um das Parlamentsgebäude, beim Lenin-Denkmal und an den Zufahrten nach Simferopol waren neue Sperren errichtet worden. Die Bewaffneten wirkten routiniert, präzise, nicht wie irgendeine hastig zusammengewürfelte Bürgerwehr. Am Vortag hatte der russische Föderationsrat Putin die Vollmacht erteilt, russische Streitkräfte auf dem Territorium der Ukraine einzusetzen. An diesem Sonntag bekam diese Entscheidung ein Gesicht.
Im russischen Fernsehen lief die Abstimmung immer wieder: einstimmig. Eine Geste der Geschlossenheit, eine Entscheidung ohne sichtbares Risiko für jene, die sie getroffen hatten. Gleichzeitig fuhren Militärfahrzeuge durch die Stadt und über die Halbinsel. Mannschaften, Material, Versorgung. Russische Nummernschilder tauchten auf. Und noch immer sprach niemand von Annexion.
Es hieß, man schütze die Landsleute. Man garantiere Stabilität. Man sorge für Ordnung. Es hieß alles – nur nicht das, was vor unseren Augen geschah.
Auf den Straßen wehten russische Fahnen. Vor der Werchowna Rada der Krim standen Menschen und riefen: „Rossija, pomogi!“ – Russland, hilf uns. Auf Schildern stand: Krim ist Russland. Als wäre es bereits entschieden.
Aber nicht alle dachten so.
Das sah ich erst später in den Nachrichten. Am Taras-Schewtschenko-Denkmal in Simferopol hatten sich Menschen versammelt, einige Dutzend, vielleicht hundert. Aktivisten des Euromaidan-Krim und andere, die gegen die russische Militärintervention protestierten. Sie trugen ukrainische Fahnen und Plakate gegen Krieg und Besatzung und appellierten an die internationale Gemeinschaft, die territoriale Integrität der Ukraine zu schützen.
Es waren nicht viele, aber sie waren da. Und das war wichtig. Denn während auf den Bildern vor dem Parlament russische Fahnen dominierten, zeigte sich wenige Straßen weiter eine andere Krim. Eine, die nicht gerufen hatte: Russland, hilf uns. Eine, die niemanden eingeladen hatte.
Viele andere blieben zu Hause. Ukrainer und Krimtataren verfolgten die Nachrichten hinter geschlossenen Türen. Wer hinausging, tat es vorsichtig. Gegenstimmen wurden leiser. Manchmal durch Worte, manchmal genügte die bloße Präsenz bewaffneter Männer.
Im Laufe des Tages hörten wir immer mehr. Hier sei eine Kaserne blockiert worden, dort eine Stellung. Irgendwo seien wieder russische Soldaten aufgetaucht. Vieles waren zunächst nur Meldungen und Namen von Orten: Feodossija, Sudak, Kertsch. Orte, die wir kannten, ohne zu wissen, was dort in diesem Augenblick tatsächlich geschah.
Erst am Abend setzte sich das Bild zusammen.
In Feodossija hatten russische Soldaten gemeinsam mit Kosaken den Stützpunkt des 1. Bataillons der ukrainischen Marineinfanterie umstellt. Bei Sudak war eine Radarstellung der ukrainischen Luftwaffe von bewaffneten russischen Kräften besetzt worden. In Kertsch saßen ukrainische Marineinfanteristen in ihrer Kaserne fest. Was am Morgen noch wie eine Ansammlung einzelner Zwischenfälle ausgesehen hatte, ergab plötzlich ein Muster. Militäreinrichtungen wurden blockiert, Zufahrten kontrolliert und ukrainische Soldaten in ihren eigenen Stützpunkten festgesetzt. Nicht überall wurde gestürmt. Nicht überall musste überhaupt Gewalt angewendet werden. Es genügte, davorzustehen.
Im Fernsehen zeigten sie Bilder aus Kasernen. Unsere Kasernen. Geschlossene Tore, Fahrzeuge dahinter, Soldaten, die standen, saßen, warteten. Nicht in Stellung, nicht im Einsatz, sondern in einem Zustand dazwischen. Alles wirkte ordentlich. Zu ordentlich. So sah Stillstand aus, wenn man ihn filmte.
Ein Bekannter rief an. Er sagte, man dürfe nichts tun. Nicht schießen, nicht rausfahren, nicht einmal reagieren. „Ohne Kriegsrecht“, sagte er, „gibt es nur Wachdienst.“ Ich fragte nicht weiter nach. Ich wusste, was er meinte.
Draußen standen Männer ohne Abzeichen, drinnen warteten Männer mit Abzeichen. Die einen hatten einen Auftrag. Die anderen warteten auf einen Befehl.
Aus Kyjiw kamen inzwischen Meldungen, dass die ukrainischen Streitkräfte in erhöhte Gefechtsbereitschaft versetzt und Mobilmachungsmaßnahmen eingeleitet würden. Auf dem Papier reagierte der Staat. Auf der Krim war davon wenig zu spüren. Hier standen seine Soldaten hinter Toren.
Noch beunruhigender waren die Nachrichten aus den eigenen Reihen. Sergej Aksjonow, dessen Regierung von Kyjiw nicht anerkannt wurde, setzte Petro Syma als neuen Leiter des SBU auf der Krim ein. Damit ging es längst nicht mehr nur um Straßen, Gebäude und Kasernen. Es ging um die Sicherheitsorgane selbst.
Dann kam die Nachricht von Denys Beresowskyj. Erst am Vortag war er zum Befehlshaber der ukrainischen Marine ernannt worden, nun erklärte er seine Loyalität gegenüber der neuen Krimführung. Ich musste die Meldung zweimal lesen. Der Befehlshaber der ukrainischen Marine. Einen Tag im Amt – und dann die andere Seite. Kyjiw enthob ihn seines Kommandos, am Abend wurde gegen ihn ein Verfahren wegen Hochverrats eingeleitet.
Vielleicht zeigte mir diese Nachricht deutlicher als vieles andere, was gerade geschah. Ein Staat verliert ein Gebiet nicht erst dann, wenn seine Fahne eingeholt wird. Er verliert es Stück für Stück: eine Straße, ein Gebäude, eine Kaserne, einen Beamten, einen Offizier. Bis irgendwann die Frage entsteht, wer überhaupt noch wem gehorcht.
Im Radio und im Fernsehen begann man über Recht zu sprechen. Von Verfahren, von Zuständigkeiten, von Übergängen. Das Wort Kriegsrecht fiel kaum, aber es stand im Raum. Gleichzeitig liefen andere Bilder: offene Straßen, offene Gebäude, freie Bewegung. Zwei Wirklichkeiten, beide real, aber nur eine davon war handlungsfähig.
Man nannte es nicht Krieg. Nicht einmal Intervention. Man sprach von Selbstschutzkräften, von Ordnung und Stabilität. Und doch wusste jeder, der durch Simferopol ging: Diese Ordnung kam nicht von hier.
Am Abend gingen die Lichter an. Busse fuhren, Kinder spielten in den Innenhöfen. Von weitem konnte man glauben, es sei ein gewöhnlicher Sonntag. Aber inzwischen wusste ich mehr über das, was während dieses Tages auf der Halbinsel geschehen war.
Feodossija, Sudak, Kertsch. Die Kasernen. Der SBU. Beresowskyj. Die Männer vor den Toren. Und gleichzeitig diese wenigen Menschen am Schewtschenko-Denkmal, die mit ukrainischen Fahnen dastanden und gegen eine Besatzung protestierten, die offiziell noch immer keine sein sollte.
Das alles gehörte zu demselben Tag.
Auf einer eigens einberufenen Pressekonferenz vor internationalen Journalisten, übertragen von ATR, trat Wladimir Konstantinow auf. Er warnte die zentralukrainischen Regionen vor einem militärischen Eingreifen und sprach von Brüdern in Donezk. Von der Ukraine, sagte er, werde bald nichts mehr übrigbleiben. Die Regionalregierung habe sich längst an Moskau gewandt, um finanzielle Unterstützung zu erhalten. Man spreche im Namen der Krimbewohner. Autonomie erschien plötzlich nicht mehr als Ziel, sondern eher als Übergang, als Zwischenschritt auf dem Weg in etwas Größeres: den Russki Mir.
Am Abend traf ich mich mit dem Journalisten zum Essen. Wir saßen in einem neutralen, austauschbaren Restaurant und sprachen über das, was in den vergangenen Tagen geschehen war und was an diesem Tag hinzugekommen war. Viel mehr gibt es darüber nicht zu sagen. Auch er versuchte, sich ein Bild zu machen, so wie wir alle.
Als ich später nach Hause kam, liefen noch immer die Nachrichten. Was mich zunehmend störte, war die Sprache. Es war von Kontrolle die Rede, von Einfluss, von Stabilität, von bewaffneten Männern und Selbstschutzkräften. Begriffe, die etwas beschrieben und es gleichzeitig auf Abstand hielten.
Auf der Krim aber standen fremde Soldaten vor ukrainischen Kasernen. Ukrainische Militäreinrichtungen wurden blockiert. Eine Radarstellung war besetzt. Ein eben ernannter Befehlshaber hatte die Seite gewechselt. Dafür brauchte es eigentlich keine komplizierte Sprache.
Erst später begriff ich, wie wichtig Wörter in solchen Tagen werden. Sie können Gewalt benennen oder sie verwalten. Sie können einen Vorgang sichtbar machen oder ihn so lange beschreiben, bis er beinahe gewöhnlich klingt.
In jener Nacht sah ich noch einmal nach den Kindern. Sie schliefen längst.
Am Morgen hatte ich Männer mit Waffen gesehen. Am Abend wusste ich, dass auf der ganzen Halbinsel ukrainische Kasernen blockiert wurden, eine Radarstellung besetzt war und der eben ernannte Befehlshaber der ukrainischen Marine die Seite gewechselt hatte.
Und mitten in Simferopol hatten sich einige Menschen hingestellt und ausgesprochen, was offiziell noch immer kaum jemand beim Namen nennen wollte.
Besatzung.
Mit Ratlosigkeit, aber auch mit Wut, ging ich zu Bett.
3.MÄRZ
Früh am Morgen rief Aleksander wieder an. Ich lag noch im Bett.
Er sagte nicht viel, nur, dass Angst herrsche. Selbst bei ihm. Ein Bulle von einem Mann. Einer, der zuschlagen konnte, wenn es sein musste. Der durch die Milizschule und die wilden Neunziger gegangen war, bis ganz nach oben.
Er sagte, das Fernsehen werde bald abgeschaltet. Die Technik sei längst vor Ort. Man habe die Kontrolle über den Hauptsendeturm auf dem Tschatyr-Dag. Von dort aus lasse sich alles stören. Oder ersetzen.
Ich stand auf und schaltete die Nachrichten ein. Nicht einmal Frühstück. Kaffee, Zigaretten und gleich los. Ich wollte der Sache nachgehen. Was sonst. Es war längst ein Reflex geworden.
Allein dieses viele Zusehen.
Ich kann mich noch heute an dieses Gefühl erinnern. Man war nicht dabei und war es doch. Nur anders. Vieles fand inzwischen im Kopf statt. Man wollte begreifen und wusste gleichzeitig, dass man immer nur Ausschnitte sah. Bilder, Stimmen, Meldungen. Manchmal schienen sie näher als die Wirklichkeit vor der eigenen Haustür.
Gerade auf der Krim entstand daraus ein seltsamer Widerspruch. Auf der Straße erfuhr man oft weniger als zu Hause vor dem Bildschirm. Viele Orte waren nicht erreichbar, andere längst abgeriegelt oder einfach zu weit entfernt. Und während draußen eine beinahe schockhafte Zurückgezogenheit herrschte, kamen drinnen die Nachrichten Schlag auf Schlag. Im Norden, im Westen, im Süden, im Osten, im Zentrum. Kaum hatte man verstanden, was an einem Ort geschehen war, kam die nächste Meldung von einem anderen. Man sah mehr, als man selbst erleben konnte, und wusste doch nie, ob man genug gesehen hatte, um wirklich zu verstehen.
Irgendwann musste ich raus. Weg vom Bildschirm, weg von den Meldungen. Ich ging zu Fuß in die Stadt. Unterwegs musste ich wieder an Aleksanders Warnung denken und beschloss, eine stärkere Antenne zu kaufen, eine für den analogen Empfang. Nur für den Fall, dass er recht behalten sollte.
Die Stadt war eigentümlich still. Nicht friedlich, sondern schwer, wie die Pause zwischen zwei Stößen. Auf den Hauptstraßen waren weniger Autos unterwegs als sonst. An den Kreuzungen, an denen normalerweise Menschen standen und warteten, war kaum jemand. Und wer unterwegs war, schwieg.
Je näher ich dem Zentrum kam, desto mehr änderte sich das Bild. Dort, wo sonst Busse hielten und Menschen warteten, standen Männer in Kampfmontur. Keine Abzeichen, keine Rangstreifen. Nur Sturmgewehre und eine Körpersprache, die keinen Zweifel daran ließ, wer hier bestimmte. Wer sich dem Zentrum näherte, wurde kontrolliert. Wer zu lange fragte, bekam keine Antwort, nur einen Blick. Und wer weiterging, hatte das Gefühl, eine Grenze überschritten zu haben, die niemand gezogen hatte – und die dennoch da war.
Rund um das Parlamentsgebäude, am Lenin-Denkmal und an wichtigen Zufahrten standen Bewaffnete und Sperren. Die Männer wirkten routiniert, präzise, kalt. Das hier war keine improvisierte Miliz. Jedenfalls sah es nicht danach aus.
Zwei Tage zuvor hatte der russische Föderationsrat Putin die Vollmacht zum Einsatz russischer Streitkräfte auf ukrainischem Territorium erteilt. Jetzt musste niemand mehr darüber diskutieren, was eine solche Vollmacht auf der Krim bedeuten konnte. LKW-Kolonnen ohne erkennbare Kennzeichen waren auf der Halbinsel unterwegs. Mannschaften, Material, immer mehr Bewaffnete. Und noch immer sprach niemand von Annexion.
Es hieß, man schütze die Landsleute. Man garantiere Stabilität. Immer wieder dieselben Worte. Alles hieß es – nur nicht das, was vor unseren Augen geschah.
Auf den Straßen sah ich russische Fahnen. Vor dem Parlament standen Menschen, einige riefen: „Rossija, pomogi!“ – Russland, hilf uns. Andere hielten Schilder hoch: Krim ist Russland.
Als wäre es bereits entschieden.
Auf dem Rückweg fiel mir wieder auf, wie leer die Stadt wirkte. Weniger Menschen als sonst, weniger Verkehr, weniger Stimmen. Wer unterwegs war, schien es eilig zu haben.
Zu Hause ging ich als Erstes zum Fernseher und schaltete durch die Programme. Auf einer Frequenz, auf der zuvor noch Tschernomorskaja gelaufen war, war plötzlich russisches Fernsehen zu sehen.
Rossija 24.
Ich schaltete zurück und wieder hin. Es lag nicht an der Antenne. Aleksander hatte recht gehabt. Sie hatten begonnen, die Sender auszutauschen.
Dann kamen die nächsten Meldungen.
Belbek war blockiert. Die Bilder zeigten bewaffnete Männer vor den Zufahrten und ukrainische Soldaten dahinter. Tore, Zäune, Männer, die warteten. Niemand wusste, was als Nächstes geschehen würde.
Ich kannte Belbek gut. Ich hatte dort einen Kunden. Und wer auf der Krim lebte, wusste, was dieser Ort bedeutete. Neun Kilometer nördlich von Sewastopol, an der Westküste. Dort waren die MiG-29 stationiert. Man konnte sie sehen, wenn man nahe genug kam, silbern im Licht. Belbek stand für etwas. Für die Ukraine auf der Krim vielleicht. Jetzt standen die Flugzeuge dort, und ihre Soldaten kamen nicht hinaus.
Dann Perewalne. Das war näher. Viel näher. Keine Nachricht von irgendeinem Ende der Halbinsel, sondern praktisch vor unserer Haustür. Auch dort standen bewaffnete Männer vor einer ukrainischen Militäreinheit. Wieder Tore, wieder Soldaten dahinter, wieder dieses seltsame Bild einer Armee, die noch existierte und sich doch kaum bewegen konnte.
Und die Meldungen hörten nicht auf. Aus Bachtschissarai wurden russische Soldaten und Schützenpanzer gemeldet, aus Nowooserne weitere Truppenbewegungen. Dann Chongar und Perekop im Norden. Orte, die ich kannte, wurden plötzlich zu Punkten auf einer militärischen Karte.
Aus Sewastopol kam eine andere Nachricht.
Denys Beresowskyj.
Am Vortag hatten wir noch fassungslos vor dem Fernseher gesessen, als der gerade erst zum Befehlshaber der ukrainischen Marine ernannte Konteradmiral der neuen Krimführung seine Loyalität erklärt hatte. Einen Tag im Amt, dann die andere Seite. Kyjiw hatte ihn sofort abgesetzt und ein Verfahren wegen Hochverrats eingeleitet.
Aber damit war die Geschichte nicht vorbei.
An diesem Montagmorgen tauchte Beresowskyj am Hauptquartier der ukrainischen Marine in Sewastopol auf. Er wollte die Offiziere dazu bringen, ihm zu folgen und sich der neuen Krimführung zu unterstellen.
Wieder saßen wir vor dem Fernseher und sahen Männer in Uniform, nur diesmal standen sie nicht auf verschiedenen Seiten eines Tores.
Sie standen einander gegenüber.
Beresowskyj sprach zu ihnen. Er erklärte seine Position, versuchte sie zu überzeugen. Dienstgrade sollten erhalten bleiben, Gehälter weiterbezahlt werden. Sie müssten nur akzeptieren, dass sich die Ordnung geändert hatte.
Dann trat sein Nachfolger Serhij Hajduk vor die Offiziere. Er verlas den Befehl aus Kyjiw, mit dem Beresowskyj abgesetzt worden war.
Und plötzlich begannen die Männer zu singen.
Die ukrainische Hymne.
Einige weinten.
Beresowskyj stand dabei.
Kein Schuss. Keine Schlägerei. Kein großes Wort. Nur Männer, die mit einem Lied beantworteten, was ihnen angeboten wurde.
Sie gingen nicht mit.
Ich weiß nicht mehr, ob ich damals schon begriff, warum mich diese Szene so berührte. Vielleicht weil sie das Gegenteil dessen war, was wir seit Tagen sahen. Überall wurden Tore geschlossen, Einheiten blockiert, Befehle unklar, Zuständigkeiten verschoben. Und hier standen Offiziere, denen ihr ehemaliger Befehlshaber gerade einen anderen Weg anbot.
Sie antworteten mit der Hymne.
Das war kein militärischer Sieg. Es änderte nichts an den Männern vor den Kasernen, nichts an den russischen Fahrzeugen auf den Straßen und nichts an der Lage der ukrainischen Marine.
Aber zum ersten Mal sah ich, dass eine Befehlskette auch in die andere Richtung reißen konnte.
Nicht jeder ging mit.
Am Abend kam Kertsch dazu. Dort, ganz im Osten, hatten bewaffnete russische Kräfte den Fährübergang unter ihre Kontrolle gebracht. Weitere Männer und Fahrzeuge kamen mit den Fähren vom russischen Festland herüber. Ukrainische Grenzer versuchten, sie aufzuhalten, doch sie konnten es nicht verhindern.
Damit kamen die Soldaten nicht mehr nur aus den russischen Stützpunkten auf der Krim. Sie kamen über das Meer. Direkt aus Russland.
Langsam begann sich aus all diesen Meldungen etwas zusammenzusetzen. Im Osten Kertsch. Im Norden die Übergänge bei Chongar und Perekop. Im Westen Belbek und Sewastopol. Im Zentrum Simferopol und Perewalne. Dazwischen Straßen, Kasernen, Flugplätze, Häfen und immer neue bewaffnete Männer.
Am Morgen waren es für mich noch einzelne Nachrichten gewesen. Ein Ort, dann der nächste. Ein Fahrzeug, eine Straßensperre, ein Tor, vor dem Männer mit Waffen standen. Jetzt sah es anders aus.
Es waren keine einzelnen Punkte mehr.
Es war ein Netz.
Mitten in Simferopol geschah an diesem Tag noch etwas, von dem ich damals nichts wusste. Ein Krimtatar namens Reschat Ametow ging allein vor das Gebäude des Ministerrates. Kein Trupp, keine Gruppe, kein Aufstand. Ein einzelner Mann, der gegen die Besetzung protestierte. Männer der sogenannten Selbstverteidigung führten ihn ab. Danach verschwand er.
Wir erfuhren davon erst später. Seine Leiche wurde Tage danach gefunden.
Dass dies am selben Tag geschah, an dem ich durch Simferopol gegangen war, eine Antenne gekauft, die Bewaffneten gesehen und versucht hatte zu verstehen, was um uns herum vorging, bekam für mich erst im Nachhinein eine Bedeutung. Während wir darüber redeten, was man tun könnte, war einer tatsächlich hinausgegangen und hatte sich hingestellt.
An diesem Montag wusste ich davon nichts.
Wir saßen zu Hause und sahen weiter fern. Immer wieder kamen Bilder aus ukrainischen Kasernen. Geschlossene Tore, Fahrzeuge dahinter, Soldaten, die standen, saßen, warteten. Nicht in Stellung, nicht im Einsatz. Ein Zustand dazwischen. Alles ordentlich. Zu ordentlich.
So sah Stillstand aus, wenn man ihn filmte.
Ein Bekannter rief an und sagte, die Soldaten dürften nichts tun. Nicht schießen, nicht rausfahren, nicht reagieren. „Ohne Kriegsrecht“, sagte er, „gibt es nur Wachdienst.“
Ich fragte nicht weiter. Es war seine Erklärung. Ob sie juristisch stimmte, wusste ich nicht. Aber sie beschrieb ziemlich genau, was wir sahen. Auf der einen Seite ukrainische Soldaten hinter Toren, auf der anderen bewaffnete Männer, die sich frei bewegten. Zwei Wirklichkeiten, beide real, und doch war nur eine davon handlungsfähig.
Natascha und ich sprachen darüber. Leise, fast vorsichtig. Wir konnten verstehen, dass man in Kyjiw andere Sorgen hatte. Alles war neu, alles verletzt. Ein Staat ohne wirkliche Ordnung, ohne Geld, ohne verlässliche Rückendeckung. Der Westen zeigte Anteilnahme, aber keinen Halt. Nichts, worauf man in diesem Augenblick Soldaten in Bewegung setzte.
Mama sagte, die Soldaten seien gekauft.
Wir widersprachen. Das war uns zu einfach, zu bequem. Wir kannten diese Leute. Das Militär war nicht verkauft.
Es war neutralisiert.
Das begriff ich an diesem Tag immer deutlicher. Die Russen mussten die ukrainische Armee gar nicht besiegen. Sie mussten sie nur daran hindern, sich zu bewegen. Die Kasernen blockieren, die Straßen kontrollieren, die Flugplätze besetzen, die Übergänge sichern, die Häfen überwachen. Und inzwischen begannen sie auch noch, die Frequenzen zu übernehmen.
Kein großer Angriff. Keine Schlacht. Keine Front, wie man sie sich vorstellte. Sie nahmen der anderen Seite Stück für Stück die Möglichkeit, überhaupt zu handeln.
Das Militär wurde zur Kulisse. Nicht entehrt, nicht geschlagen. Aus dem Spiel genommen.
Natascha sagte einen Satz, der blieb: „Wenn niemand hier aufsteht, sind wir verloren.“
Sie meinte nicht das Militär.
Sie meinte uns.
Damals wusste ich noch nichts von Reschat Ametow. Heute muss ich bei diesem Satz auch an ihn denken.
Freunde und Kunden riefen an und fragten, wie es uns gehe. Doch eigentlich wollten sie wissen, was geschah. Informationen von der Krim kamen nicht mehr so nach außen wie zuvor. Jeder hatte etwas gehört, etwas gesehen, kannte jemanden. Und niemand wusste mehr, welches Bild vollständig war.
Ein Geschäftsfreund aus Österreich meldete sich, einer, zu dem der Kontakt bis dahin eher lose gewesen war. Ich hatte ihm geschrieben und um Hilfe gebeten, um Geld, weil plötzlich alles stillstand. Er antwortete sofort. Er werde Geld schicken, über Western Union. Seine Frau gehe gleich los.
Er war der Einzige. Und ich werde ihm dafür immer dankbar sein.
Und trotzdem lief der Tag weiter. Kinder spielten, Cafés waren offen, Busse fuhren. Das war vielleicht das Verstörendste daran. Die Welt hörte nicht auf, nur weil unsere gerade eine andere geworden war.
Am Abend saßen wir wieder vor den Nachrichten. Die Namen der Orte kamen erneut. Kertsch. Chongar. Perekop. Belbek. Perewalne. Simferopol. Am Morgen hatte ich sie noch einzeln wahrgenommen. Jetzt nicht mehr.
Im Osten kamen neue Kräfte über die Fähre. Im Norden lagen die Wege zum ukrainischen Festland. Im Westen waren Flugplätze und Marineeinrichtungen blockiert. Im Zentrum standen sie vor Kasernen und Regierungsgebäuden. Und über uns begannen die Frequenzen zu wechseln.
Allein dieses viele Zusehen.
Jetzt verstand ich, warum es mich so erschöpfte. Man sah immer nur Ausschnitte. Aber manchmal ergaben diese Ausschnitte plötzlich ein Ganzes.
Dann wechselten die Nachrichten nach New York.
Witali Tschurkin, Russlands Botschafter bei den Vereinten Nationen, saß vor dem Sicherheitsrat. In seiner Hand hielt er ein Schreiben.
Von Wiktor Janukowytsch.
Ich sah genauer hin.
Janukowytsch war seit Tagen fort. In Kyjiw hatte das Parlament ihn seines Amtes enthoben, eine neue Regierung war im Aufbau, und Russland bezeichnete ihn weiterhin als rechtmäßigen Präsidenten der Ukraine.
Nun hielt Tschurkin einen Brief hoch, den Janukowytsch zwei Tage zuvor an Putin gerichtet hatte.
Er las daraus vor.
Die Ukraine stehe am Rand eines Bürgerkriegs. Chaos und Anarchie herrschten im Land. Menschen würden verfolgt, besonders im Südosten und auf der Krim.
Und dann kam der entscheidende Satz.
Janukowytsch bitte den Präsidenten der Russischen Föderation, die russischen Streitkräfte einzusetzen, um Recht und Ordnung, Frieden und Stabilität wiederherzustellen und die Bevölkerung der Ukraine zu schützen.
Ich starrte auf den Fernseher.
Da saß der russische Botschafter im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen und hielt das Schreiben eines Präsidenten hoch, der nicht mehr in Kyjiw war, während auf der Krim russische Soldaten ohne Abzeichen vor ukrainischen Kasernen standen.
Plötzlich bekam auch das eine Ordnung.
Nicht unsere.
Ihre.
Was wir auf der Krim seit Tagen sahen, bekam in New York eine Begründung. Nicht als Invasion. Nicht als Besetzung. Sondern als Hilfe. Als Wiederherstellung von Ordnung. Als Schutz auf Bitte des Mannes, den Russland weiterhin als Präsidenten der Ukraine betrachtete.
Vielleicht war es genau das, was mich daran so verstörte. Während wir noch versuchten zu verstehen, was überhaupt geschah, existierte die Erklärung dafür bereits.
Sie war fertig.
Sie hatte Begriffe, Argumente und jetzt sogar einen Brief.
Und während Tschurkin dieses Blatt Papier hochhielt, standen auf der Krim Männer mit Gewehren vor unseren Kasernen.
Das eine erklärte das andere nicht.
Aber es sollte ihm einen Namen geben.
Hilfe.
Was mir außerdem auffiel, waren die Telefone. Gespräche knackten, Worte brachen ab, Sätze verschwanden mitten im Klang. Vielleicht war es nur das Netz. Vielleicht auch nicht. In diesen Tagen begann man selbst solchen Dingen eine Bedeutung zu geben.
Als würde sich vorsorglich eine unsichtbare Mauer zwischen uns und dem Rest des Landes schieben.
Und irgendwann begriff ich: Man hatte uns nicht entwaffnet. Man hatte uns verschoben.
Wie Figuren.
Vom Subjekt zum Objekt.
Und mit jedem dieser Tage schien auch Kyjiw ein Stück weiter weg.
An diesem Abend war es spürbar weiter weg.