28. FEBRUAR
Dasselbe Bild wie am Vortag – und doch anders.
Am Morgen fuhr ich wieder durch Simferopol. Ich hatte in den letzten beiden Tagen kaum gegessen und fühlte mich leer, ein wenig ausgehöhlt. Vielleicht lag es am Hunger, vielleicht an allem zusammen. Ich parkte beim Hotel Ukraina und ging zu Fuß weiter.
Die Stadt funktionierte. Autos standen an den Ampeln, Marschrutkas fuhren, Geschäfte waren geöffnet, Menschen gingen zur Arbeit. Niemand rannte, niemand schrie. Und trotzdem war Simferopol nicht mehr dieselbe Stadt wie noch wenige Tage zuvor.
An immer mehr Stellen sah ich Männer in Uniform. Ohne Abzeichen, ohne Flagge, ohne irgendetwas, das erklärte, zu wem sie gehörten. Kleine Gruppen bewegten sich konzentriert durch die Stadt, verschwanden hinter Gebäuden, tauchten anderswo wieder auf. Es waren nicht einmal besonders viele.
Gerade deshalb wirkten sie so merkwürdig.
Niemand zeigte Stärke durch Masse.
Niemand musste es.
Vor dem Parlament sah ich wieder zwei von ihnen. Sie lagen auf den Stufen, links und rechts, flach auf dem Boden, die langen Gewehre vor sich, die Läufe auf den Platz gerichtet. Davor standen Menschen mit Fahnen, manche redeten, andere rauchten, wieder andere schauten einfach nur zum Gebäude hinauf. Russische Trikoloren bewegten sich im Wind.
Noch zwei Tage zuvor hatten sich hier Tausende Menschen gegenübergestanden. Krimtataren und proukrainische Demonstranten auf der einen Seite, prorussische Gruppen auf der anderen. Es war geschrien, gedrängt und geschoben worden. Zwei Menschen waren gestorben.
Jetzt war der Platz vergleichsweise ruhig und wirkte auf mich trotzdem bedrohlicher.
Nicht gefährlich. Ich hatte nicht das Gefühl, dass gleich jemand auf mich schießen würde. Niemand bedrohte mich, niemand sagte mir, ich solle verschwinden. Man konnte stehen bleiben, schauen, weitergehen.
Aber da lagen Männer mit Gewehren auf den Stufen unseres Parlaments, und niemand konnte mir sagen, zu welcher Armee sie gehörten.
Weiter hinten standen vielleicht zwanzig oder dreißig Männer in grünen Uniformen. Schwer bewaffnet, ruhig, auffallend beherrscht. Einige redeten miteinander, andere beobachteten den Platz. Keine Nervosität, keine großen Gesten. Sie wirkten nicht wie Männer, die sich spontan zusammengefunden hatten, um irgendein Gebäude zu beschützen. Dafür war ihre Ausrüstung zu einheitlich, ihre Bewegung zu selbstverständlich, ihre Ruhe zu auffällig.
Ich sah sie eine Weile an und hatte einen vollkommen absurden Gedanken:
Wird hier ein Film gedreht?
Vielleicht kam er mir gerade deshalb, weil alles so unwirklich aussah. Die Uniformen, die Waffen, das Parlament dahinter, russische Fahnen davor und Menschen, die danebenstanden, als gehöre all das plötzlich zum Stadtbild.
Nur die Musik fehlte, die einem erklärte, was man davon halten sollte.
Dieses bewusste Zurückhalten fiel mir inzwischen überall auf. Keine großen Gesten, kein Geschrei, keine Provokationen. Hätten sie Menschen geschlagen oder ihre Waffen herumgeschwenkt, hätte man gewusst, woran man war.
Aber sie taten nichts davon.
Sie waren einfach da.
Und ihre Anwesenheit genügte.
Später fuhr ich zum Flughafen. Dort war dieses Prinzip noch deutlicher zu sehen. Schon an der Zufahrt standen Bewaffnete. Fahrzeuge waren so positioniert, dass man langsamer fahren musste. Einer der Männer beobachtete die Autos. Er schrie niemanden an, fuchtelte nicht mit seiner Waffe herum, er sah nur, ob man bremste.
Ich bremste und durfte weiter.
Auch hier ging der Betrieb weiter. Autos kamen und fuhren wieder ab, Menschen zogen Koffer hinter sich her, Angehörige warteten vor der Ankunft, Türen öffneten und schlossen sich. Hinter den Scheiben bewegten sich Passagiere, die üblichen Durchsagen kamen aus den Lautsprechern.
Und dazwischen Männer mit Sturmgewehren.
Vor dem Restaurant standen vier oder fünf von ihnen. Mächtig wirkende Männer, schwer bewaffnet, aber nicht aggressiv. Einige hielten ihre Waffen vor dem Körper, andere beobachteten die Zufahrt. In der Nähe standen Lastwagen. Weitere Soldaten bewegten sich zwischen ihnen und den Gebäuden hin und her, konzentriert, ohne Hast.
Der Zugang zum Restaurant war blockiert oder zumindest kontrolliert.
Ein, zwei Fernsehteams hatten ihre Kameras aufgebaut und hielten den Männern Mikrofone hin.
Wer seid ihr?
Woher kommt ihr?
Keine Antwort.
Nicht einmal ein Abzeichen gab eine.
Ich sprach mit ein paar Leuten. Man sagte mir, sie würden sichern. Andere sprachen von freiwilligen Selbstverteidigern, wieder andere längst von russischen Spezialkräften.
Ich wusste es nicht.
Aber für eine zusammengewürfelte Bürgerwehr wirkten sie auf mich zu professionell.
Und wieder war da dieser Widerspruch: Ich empfand die Situation nicht unmittelbar als gefährlich. Ich konnte mich frei bewegen, stehen bleiben, mit Menschen sprechen. Journalisten filmten wenige Meter von den Bewaffneten entfernt. Niemand schoss in die Luft, niemand brüllte Befehle.
Fast schien es, als wollten diese Männer ausdrücklich zeigen, dass von ihnen keine Gefahr ausging.
Wir sind hier.
Mehr nicht.
Nur dass dieses Hier inzwischen unser Parlament, unsere Regierung und nun auch unseren Flughafen umfasste.
Es wurde Zeit. Der ORF-Reporter sollte landen.
Ich nahm mein vorbereitetes Schild und ging zur Ankunft. Hinter mir standen Bewaffnete, vor mir öffneten sich die Türen und Menschen kamen mit ihren Koffern heraus. Ich wartete zwischen den anderen Abholern wie an jedem gewöhnlichen Tag.
Dann kam er. Eine Tasche in der Hand, Gepäck dabei.
Wir begrüßten uns und gingen erst einmal hinaus, um eine Zigarette zu rauchen. Ich erzählte ihm, was ich wusste: vom Parlament, von der russischen Fahne, von Aksjonow, vom Referendum und von den Männern ohne Abzeichen. Auch davon, dass es ein Kampf gewesen war, überhaupt ein Hotelzimmer für ihn zu finden.
Alles voll.
Journalisten, Beobachter, Fremde.
Viel erklären musste ich ihm nicht. Er sah selbst, was am Flughafen stand.
Ich brachte ihn zum Hotel. Er musste ankommen, telefonieren, seine Redaktion informieren und sich vorbereiten. Wir vereinbarten, uns noch am Nachmittag wiederzutreffen.
Als ich später zu ihm kam, war aus dem Mann mit der Reisetasche bereits der Reporter geworden. Kamera, Stativ, Kabel auf dem Gehsteig. Die Techniker hantierten mit ihrer Ausrüstung, der Reporter telefonierte. Autos fuhren vorbei, Passanten gingen zwischen uns hindurch, gegenüber die eingerüstete Kirche.
Und vielleicht fünfzig Meter weiter stand das Parlament.
Das war das Absurde.
Man musste nicht irgendwohin fahren, um vom normalen Simferopol in das Zentrum dessen zu gelangen, worüber inzwischen halb Europa berichtete. Ein paar Schritte genügten.
Ich stand bei den Leuten vom ORF und sah ihnen bei der Arbeit zu. Einer überprüfte die Kamera, ein anderer den Ton. Kabel lagen auf dem Pflaster. Eine Frau ging vorbei, Autos fuhren durch die Straße, jemand telefonierte.
Und wenige Meter weiter russische Fahnen.
Es gab keine sichtbare Grenze zwischen diesen beiden Welten. Keinen Zaun, keinen Kontrollpunkt, nichts, was einem sagte:
Bis hierher ist Alltag.
Ab hier beginnt etwas anderes.
Wir gingen die wenigen Meter hinüber. Vor dem Parlament hatte sich wieder eine größere Menge versammelt. Russische Trikoloren waren überall, dazwischen Fahnen prorussischer Organisationen. Menschen standen vor dem Gebäude, manche trugen Uniformteile, andere Zivilkleidung. Einer sprach, irgendwo wurde applaudiert.
Der Reporter arbeitete, ich stand etwas abseits und beobachtete.
Noch zwei Tage zuvor hatte hier ein vollkommen anderes Bild geherrscht. Hellblaue Fahnen der Krimtataren, ukrainische Fahnen, Tausende Menschen, die „Krim – Ukraine“ gerufen hatten.
Dann eine Nacht.
Bewaffnete hatten das Gebäude übernommen.
Und jetzt standen vor demselben Parlament russische Fahnen.
Nicht Wochen später.
Zwei Tage später.
Ich hatte in diesen Tagen ständig das Gefühl, den Ereignissen hinterherzulaufen. Kaum hatte ich verstanden, was am Morgen geschehen war, war am Nachmittag schon etwas Neues Realität. Kaum hatte man eine Erklärung gefunden, war sie wertlos.
Parlament. Ministerrat. Flughafen. Aksjonow. Referendum. Bewaffnete ohne Abzeichen. Russische Fahnen.
Jede Stunde schien plötzlich wichtig, und jeder neue Tag nahm etwas weg, das am Tag davor noch selbstverständlich gewesen war.
Im Laufe des Tages wurde deutlich, dass das, was ich selbst am Flughafen gesehen hatte, kein einzelner Vorgang war.
Bewaffnete ohne Hoheitsabzeichen kontrollierten nicht nur den Flughafen von Simferopol. Auch Belbek bei Sewastopol war blockiert. Meldungen kamen aus Jewpatorija, von militärischen Anlagen, von der staatlichen Rundfunkgesellschaft der Krim und von Ukrtelekom.
Was am Vortag noch auf das Parlament und den Ministerrat konzentriert gewirkt hatte, breitete sich aus.
Es ging nicht mehr nur um politische Gebäude.
Es ging um Flughäfen, Kommunikation, Fernsehen, Verkehrswege. Um jene Stellen also, über die eine Halbinsel mit dem Rest des Landes verbunden war.
Und trotzdem empfand ich es noch immer nicht als Krieg.
Das war das Merkwürdige.
Die Männer am Flughafen schossen nicht. Sie schrien nicht. Sie ließen Menschen passieren. Flugreisende kamen mit ihren Koffern aus der Ankunft, Angehörige warteten, Journalisten filmten.
Und irgendwo in diesem Durcheinander landete an diesem Tag auch Wladimir Schirinowski in Simferopol.
Schirinowski.
Ausgerechnet er.
Er kam mit Parteifreunden und fuhr von hier weiter nach Sewastopol. Später sah ich die Bilder. Er sprach von russischer Hilfe und Unterstützung, davon, dass Russland seine Leute nicht im Stich lassen werde. Gas werde es künftig praktisch umsonst geben, die Pensionen würden ein Mehrfaches betragen.
Zustimmung.
Beifall.
Noch wenige Tage zuvor hätte ich einen solchen Auftritt wahrscheinlich als politische Provokation abgetan. Jetzt landete ein führender russischer Politiker auf einem Flughafen, an dem bewaffnete Männer ohne Hoheitsabzeichen standen, und fuhr anschließend nach Sewastopol, um den Menschen dort eine Zukunft mit Russland auszumalen.
Es geschah alles gleichzeitig.
Während wir noch darüber rätselten, wer die Männer vor unserem Parlament waren, standen dieselben oder ähnlich ausgerüstete Männer bereits an Flughäfen und Kommunikationsanlagen. Während Kiew von Provokation und Aggression sprach, kamen russische Politiker auf die Krim. Vertreter der ukrainischen Bevölkerung auf der Krim wandten sich bereits an die internationale Gemeinschaft. Andere sprachen von Schutz, Selbstverteidigung, Frieden und Ruhe.
Immer wieder diese Worte:
Schutz.
Frieden.
Ruhe.
Je öfter ich sie hörte, desto weniger beruhigten sie mich.
Vielleicht war das der Punkt, an dem mir auffiel, dass zwei vollkommen verschiedene Wirklichkeiten nebeneinander entstanden.
In der einen wurde die Krim geschützt.
In der anderen wurde sie Stück für Stück der Kontrolle der Ukraine entzogen.
Und genau da lag etwas, das mich zunehmend verstörte.
In Kiew hörte ich aus russischen und prorussischen Medien ständig das Wort Putsch. Eine nicht rechtmäßige Regierung, Faschisten, Nationalisten, eine gewaltsame Machtübernahme.
Aber was geschah dann hier vor meinen Augen?
Bewaffnete Männer ohne Abzeichen besetzten unser Parlament und unseren Ministerrat. Unter ihrer Kontrolle wurde eine Regierung abgesetzt und eine neue eingesetzt. Flughäfen wurden blockiert, Kommunikationsanlagen kontrolliert, russische Fahnen gehisst.
Wenn das in Kiew ein Putsch gewesen sein sollte – was war dann das hier?
Ich hatte darauf keine Antwort.
Später zog ich mich für eine Weile in ein Café zurück und bestellte einen tatarischen Kaffee. Auf dem Fernseher liefen die Bilder ohne Ton. Fahnen, Männer mit Waffen, Politiker. Darunter Laufbänder mit denselben Worten:
Selbstverwaltung.
Schutz.
Referendum.
Niemand im Raum reagierte besonders. Man trank Kaffee, blätterte in Zeitungen, hob manchmal kurz den Blick. Der Kellner stellte meine Tasse vor mich hin.
Draußen fuhr ein Militärfahrzeug vorbei, drinnen wechselte das Bild.
Ich dachte wieder an unser Militär.
Wo war es?
Die Ukraine hatte Kasernen auf der Krim, Soldaten, Offiziere, Waffen. Irgendwo musste es Befehle geben. Vielleicht wollte man nicht provozieren. Vielleicht verhandelte jemand. Vielleicht wusste Kiew mehr als wir.
Ich fand noch immer Erklärungen.
Aber sie hielten immer kürzer.
Freunde riefen an. Nicht mehr nur, um zu fragen, sondern um zu berichten. Jeder hatte etwas gesehen, jeder kannte jemanden, der etwas gehört hatte. Einer sagte, er kenne jemanden beim Militär. Nicht hoch, irgendwo dazwischen.
Man habe keinen Befehl.
Noch nicht.
Vielleicht komme einer.
Vielleicht sei es besser zu warten.
Ein anderer sagte nur:
„Das wird geregelt.“
Geregelt.
Als ginge es um Strom oder Wasser.
Dann kamen Meldungen über russische Militärhubschrauber, die auf die Krim geflogen seien.
Ich weiß heute nicht mehr, ob ich an diesem Tag selbst welche über Simferopol gesehen habe. Vielleicht ja. Vielleicht vermischt sich dieses Bild mit den Nachrichten und den Tagen danach.
Deshalb will ich es nicht behaupten.
Aber ich erinnere mich an die Meldungen, und sie passten zu dem Bild, das sich von Stunde zu Stunde zusammensetzte.
Bewaffnete am Parlament.
Am Ministerrat.
Am Flughafen.
Militärfahrzeuge auf den Straßen.
Nun Hubschrauber über der Krim.
Jede einzelne Meldung ließ noch Raum für Zweifel.
Zusammen ließen sie immer weniger.
Das war vielleicht das Verstörendste an diesem Tag. Nicht die Angst, dass im nächsten Augenblick geschossen würde. Ich hatte diese Angst nicht. Die Männer am Flughafen hatten mich nicht bedroht.
Es war die Fassungslosigkeit darüber, wie schnell etwas verschwand, ohne dass es diesen einen Augenblick gab, in dem man sagen konnte:
Jetzt ist es passiert.
Am Abend saßen Natascha und ich wieder vor den Nachrichten. Seit Tagen suchten wir nach Erklärungen.
Vielleicht beruhigt sich alles.
Vielleicht greift Kiew ein.
Vielleicht ziehen die Männer wieder ab.
Vielleicht ist das alles nur Druck.
Immer blieb noch ein Vielleicht.
Dann brach Natascha zusammen.
Nicht dieses stille Weinen, das ich von den Tagen des Maidan kannte. Sie presste ein Kissen an sich und schrie.
Ich wusste zuerst nicht, was ich tun sollte.
Es war kein Schrei nach jemandem, kein Satz, keine Frage. Nur ein Schrei, der aus einer Tiefe kam, in der es offenbar keine Worte mehr gab.
Ich setzte mich zu ihr.
Vielleicht begriff ich erst in diesem Moment, was wir seit Tagen machten.
Wir suchten nach Erklärungen, weil jede Erklärung bedeutete, dass noch irgendeine Ordnung existierte. Dass irgendjemand wusste, was geschah. Dass irgendjemand noch die Kontrolle hatte.
Am Morgen war ich durch Simferopol gefahren wie immer. Ich hatte geparkt, telefoniert, einen Journalisten vom Flughafen abgeholt, eine Zigarette geraucht, Kaffee getrunken und Menschen beobachtet.
Am Abend war all das noch immer möglich.
Gerade das war das Unheimliche.
Unsere Stadt sah noch aus wie unsere Stadt. Die Straßen waren dieselben, die Häuser, die Cafés, die Menschen. Morgen würden wieder die Marschrutkas fahren.
Aber etwas Grundsätzliches hatte sich verschoben, und ich konnte noch immer nicht sagen, wann genau es geschehen war.
Vielleicht gab es diesen einen Augenblick gar nicht.
Vielleicht bestand eine Besetzung am Anfang genau daraus, dass fast alles blieb, wie es war.
Nur die Macht wechselte den Platz.