26. FEBRUAR
Am Morgen ging es mir etwas besser. Nicht gut, aber das Fieber war zurückgegangen. Mein Magen rebellierte noch immer, und eigentlich hätte ich im Bett bleiben sollen. Das Telefon lag neben mir, der Computer lief.
Schon früh hieß es, vor dem Obersten Rat der Krim werde es an diesem Tag ernst. Für den 26. Februar war eine Sondersitzung angekündigt worden. Was dort genau beschlossen werden sollte, wusste niemand so recht. Gerade das machte die Sache gefährlich. Seit dem Vortag wurde über ein Referendum gesprochen, über den Status der Krim, über mehr Autonomie, und immer wieder fiel dieses andere Wort: Abtrennung.
Irgendwann hieß es, die Tataren wollten verhindern, dass das Parlament einen entsprechenden Beschluss fasste. Der Medschlis hatte die Krimtataren aufgerufen, nach Simferopol zu kommen und für die territoriale Einheit der Ukraine einzutreten. Gleichzeitig mobilisierten die prorussischen Organisationen ihre Anhänger. Zwei Kundgebungen. Derselbe Ort. Derselbe Tag.
Schon am Vormittag kamen die ersten Meldungen. Krimtataren strömten aus allen Richtungen nach Simferopol. Busse kamen an, Autos, Menschen zu Fuß. Auf den ersten Bildern sah man hellblaue Fahnen mit der goldenen Tamga, dazwischen ukrainische Fahnen. Auf der anderen Seite russische Trikoloren und die Fahnen der prorussischen Organisationen.
Dann rief Rustjem an.
Er war außer Atem.
„Du glaubst nicht, was hier los ist. Alles voller blauer Fahnen. Unsere. Die tatarischen. Die Leute rufen, dass sie das hier nicht zulassen.“
In seiner Stimme lagen Aufregung und Stolz zugleich.
„Komm her“, sagte er. „Sieh dir das an.“
Ich hätte im Bett bleiben sollen. Natascha sagte es auch. Aber zehn Minuten später war ich angezogen und unterwegs.
Als ich in die Nähe des Parlaments kam, begriff ich zunächst gar nicht, was Rustjem gemeint hatte. Gegenüber, beim Hotel Ukraina, blieb ich stehen. Schon die Straßen ringsum waren voller Menschen, aber was sich im Hof des Obersten Rates abspielte, hatte ich noch nie gesehen.
Menschen. Überall Menschen.
Gefühlt Tausende, hineingepresst in diesen Hof zwischen Parlament, Mauern und Straße. So dicht, dass man stellenweise den Boden nicht mehr sah. Ich kannte diesen Platz, war oft genug hier vorbeigekommen. Gerade deshalb konnte ich kaum begreifen, wie viele Menschen plötzlich darin standen.
Und es war nicht eine Menge.
Es waren zwei.
Auf der einen Seite die Krimtataren und die proukrainischen Demonstranten. Hellblaue Fahnen mit der goldenen Tamga, dazwischen ukrainische Fahnen. Auf der anderen Seite die Anhänger der Russischen Einheit und anderer prorussischer Gruppen, russische Trikoloren über den Köpfen. Masse gegen Masse. Nicht auf zwei verschiedenen Plätzen, nicht mit hundert Metern Abstand, sondern direkt voreinander.
Dazwischen ein paar Reihen Milizionäre.
Das war alles.
Ich blieb eine Weile stehen und sah nur hin. So etwas hatte ich noch nie erlebt. Tausende Menschen, die sich auf engstem Raum gegenüberstanden und einander anschrien. Von der einen Seite kam „Krim – Ukraina!“, von der anderen „Rossija! Rossija!“. Dann antwortete wieder die eine Seite, dann die andere. Es waren keine einzelnen Stimmen mehr. Es war ein einziger Körper, der rief, und ihm gegenüber ein zweiter.
Die Lautstärke war gewaltig. Man verstand kaum noch, was zehn Meter weiter gesprochen wurde. Fahnen schlugen über den Köpfen, Menschen drängten von hinten nach vorne, vorne wurde zurückgedrückt. Immer wieder lief eine Bewegung durch die Menge, ohne dass man wusste, wo sie begonnen hatte. Plötzlich wurde man einen halben Meter zur Seite geschoben, dann wieder zurück. Man bewegte sich nicht mehr selbst. Die Masse bewegte einen.
Das machte mir Angst.
Nicht die einzelnen Menschen. Die Masse.
Ich sah Männer mit hochroten Gesichtern schreien, andere standen schweigend daneben. Frauen versuchten, sich irgendwo festzuhalten. Alte Männer waren da, junge, Krimtataren mit ihren Fahnen, prorussische Aktivisten mit Trikoloren, Kosaken, Männer in Lederjacken, Menschen mit Kameras und dazwischen die Milizionäre, die mit ihren Körpern verhindern sollten, dass beide Seiten vollständig ineinanderliefen.
Rustjem fand mich irgendwann in diesem Gedränge.
„Sie wollen verhindern, dass sie abstimmen“, schrie er mir ins Ohr.
„Worüber genau?“
Er verstand mich zuerst nicht. Ich fragte noch einmal.
Er zuckte mit den Schultern.
„Über uns! Über die Krim! Was weiß ich!“
Dann verschluckte die Menge seine Stimme.
Genau das war das Beängstigende. Niemand wusste genau, was im Parlament tatsächlich beschlossen werden sollte. Der Vorsitzende des Parlaments, Konstantinow, ließ erklären, ein Austritt aus der Ukraine stehe überhaupt nicht zur Debatte. Draußen glaubte ihm kaum noch jemand. Tausende standen dort, weil sie überzeugt waren, dass an diesem Tag über ihre Zukunft entschieden werden könnte. Die einen wollten verhindern, dass die Krim von der Ukraine weggeführt wurde. Die anderen forderten ein Referendum und eine stärkere Bindung an Russland.
Sogar die Kirchen meldeten sich inzwischen zu Wort. Metropolit Lasar von der Ukrainisch-Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats rief die Menschen auf der Krim zu Frieden, Eintracht und Einheit auf. In Kiew leitete die Generalstaatsanwaltschaft wegen separatistischer Aktivitäten auf der Halbinsel ein Verfahren ein.
Davon bekam ich in diesem Moment kaum etwas mit. Ich stand zwischen Menschen, Fahnen und Geschrei und versuchte überhaupt zu verstehen, was vor meinen Augen geschah.
Dann kippte die Stimmung.
Zuerst sah ich nur, wie Fahnen plötzlich schwankten. Dann bewegte sich die Menge. Eine Seite drückte, die andere hielt dagegen. Menschen schrien. Die Reihen der Milizionäre verschwanden stellenweise einfach zwischen den Körpern. Man konnte kaum noch erkennen, wo die eine Seite endete und die andere begann.
Irgendjemand neben mir sagte, da seien Leute dabei, die überhaupt nicht von hier kämen. Tituschki. Aus Makejewka, hieß es. Hergebracht. Bezahlt.
Ob das stimmte, wusste ich nicht.
Aber ich sah Männer, die ich nicht einordnen konnte. Breitschultrig, dunkle Jacken, manche mit Armbinden. Sie wirkten anders als viele der Menschen, die seit dem Morgen ihre Fahnen hielten und Parolen riefen. Ruhiger vielleicht. Organisierter. Oder ich bildete mir das bereits ein, weil inzwischen jeder jeden verdächtigte.
Rustjem beugte sich zu mir.
„Die sind nicht von hier.“
„Woher weißt du das?“
„Schau sie dir an.“
Mehr konnte auch er nicht sagen.
Ich bekam in diesen Minuten zum ersten Mal einen Eindruck davon, was passiert, wenn aus Tausenden einzelnen Menschen tatsächlich eine Masse wird. Sie hat keine Augen mehr. Sie sieht nicht, wer fällt. Sie weiß nicht, wer vorne steht. Irgendwo drücken Menschen nach vorne, die überhaupt nicht wissen können, was zehn Reihen vor ihnen geschieht.
Und trotzdem drücken sie.
Über die Köpfe hinweg sah ich irgendwann jemanden über eine provisorische Barrikade Richtung Parlamentsgebäude klettern.
Lukaschow.
Unser Nachbar. Abgeordneter.
Schon wieder.
Ich erkannte ihn sofort. Diesen Mann kannte ich nicht aus irgendeiner Nachricht. Ich kannte ihn aus unserem Leben. Zeitung. Gefängnis. Geschäfte. Und jetzt sah ich ihn dort, mitten in diesem Gedränge vor dem Parlament, dort, wo Gesetze gemacht wurden.
Allein das machte die Sache für mich noch unwirklicher.
Irgendwann stand neben mir ein Mann und rauchte. Wir wechselten ein paar belanglose Worte. Woher, wohin, was für ein Wahnsinn hier los sei. Nichts Bedeutendes. Dann begann er wieder Parolen in die Menge zu rufen. Russland. Russki Mir. Sieg. NATO. Brüssel. Die Begriffe kamen durcheinander, aber die Richtung war eindeutig.
Ich hörte eine Weile zu und sagte dann etwas, das ich später bereute.
„Wenn du unbedingt russisch leben willst, warum fährst du dann nicht nach Russland? Zwei Stunden.“
Er sah mich an. Nicht einmal besonders wütend. Eher überrascht.
„Wir holen uns nur zurück, was uns gehört.“
„Blödsinn“, sagte ich.
Zu laut.
Dann kamen wieder diese Wörter. Pobjeda. NATO. Brüssel. LGBT. Russki Mir. Wie aus einem Sack geschüttet. Sie erklärten nichts mehr. Sie wiesen nur noch eine Richtung.
Ich suchte in seinem Gesicht nach irgendeinem Zweifel.
Da war keiner.
Dann brüllte er etwas. Ich verstand nicht einmal mehr genau, was. Und plötzlich kam seine Faust. Ohne großen Anlauf, kurz und hart in den Magen.
Ausgerechnet in den Magen.
Mir blieb die Luft weg. Ich ging nach unten, stolperte und kniete einen Moment auf dem Pflaster. Einer der anderen zog ihn zurück, erstaunlich routiniert.
„Lass ihn“, sagte er.
Dann etwas, das ich bis heute nicht vergessen habe.
„Er ist Europäer.“
Der andere verschwand wieder zwischen den dunklen Jacken.
Ich blieb noch eine Weile. Vielleicht aus Trotz. Vielleicht weil ich nicht begriff, was gerade passiert war. Um mich herum ging alles weiter, als wäre nichts geschehen. Menschen schrien, Fahnen bewegten sich über den Köpfen, irgendwo wurde wieder gedrängt. Niemand interessierte sich für einen Mann, der gerade einen Schlag in den Magen bekommen hatte. Dafür war inzwischen zu viel los.
Irgendwann hatte ich genug.
Auf dem Heimweg sah ich wieder kleine Gruppen von Kosaken. Vereinzelt standen sie an den Straßen, nicht einmal besonders auffällig. Aber inzwischen nahm ich sie anders wahr als noch einige Tage zuvor. Sie wirkten auf mich wie Markierungen im Stadtraum. Nicht unbedingt handelnd. Aber bereit.
Zu Hause erzählte ich Natascha von dem Mann und von der Faust.
Sie fluchte.
„Nur Gewalt“, sagte ich. „Nur diese verdammten Phrasen.“
Dann erzählte ich ihr, was ich zu ihm gesagt hatte.
„Zwei Stunden Fahrt. Warum geht man nicht einfach nach Russland, wenn man unbedingt dort leben will?“
Natascha sah mich einen Moment an.
„Weil es ihnen nicht darum geht.“
„Worum dann?“
Sie zuckte mit den Schultern.
„Sie wollen ja nicht weg. Hier ist es besser“
Damit hatte sie recht. Meine Frage war zu einfach gewesen. Vielleicht sogar dumm. Wir sprachen alle von Heimat, aber inzwischen schienen wir mit diesem einen Wort völlig verschiedene Dinge zu meinen.
Am Abend saß ich wieder vor dem Computer. Mein Magen tat noch mehr weh als am Morgen. Nun waren überall Fotos und Videos von den Ereignissen zu sehen, darunter Aufnahmen von oben.
Erst da begriff ich, worin ich gestanden hatte.
Ich weiß nicht mehr, wie oft ich eines dieser Bilder vergrößerte und wieder verkleinerte. Von oben sah der Hof völlig anders aus als mittendrin.
Er war voll.
Nicht einfach gut besucht oder dicht gedrängt. Voll. Eine geschlossene Fläche aus Köpfen, Fahnen und Körpern. Hellblau auf der einen Seite, russische Trikoloren auf der anderen, dazwischen kaum etwas. Zwei Menschenmassen, unmittelbar gegeneinander gepresst.
„Schau dir das an“, sagte ich zu Natascha.
Sie beugte sich zum Bildschirm.
Ich zeigte irgendwo hinein.
„Da war ich.“
Auf den Bildern von oben verstand ich plötzlich, warum es sich unten so angefühlt hatte. Warum man geschoben wurde, ohne zu wissen, von wem. Warum einzelne Menschen überhaupt keine Kontrolle mehr darüber hatten, wohin sie sich bewegten. Ich hatte Demonstrationen gesehen, Kundgebungen, volle Plätze, den 9. Mai mit Tausenden Menschen.
Aber so etwas hatte ich noch nie gesehen.
Zwei Massen, die sich nicht gemeinsam für etwas versammelten, sondern gegeneinander.
Und zwischen ihnen praktisch kein Raum.
Dann kamen die Meldungen über Verletzte. Und schließlich hieß es, zwei Menschen seien gestorben. Einer war im Gedränge zusammengebrochen, bei dem anderen waren die Umstände zunächst nicht klar. Ich sah wieder auf diese Bilder von oben, auf die dicht gepackten Menschen, und plötzlich bekam die Nachricht eine andere Bedeutung. Von oben konnte man sehen, wie wenig Platz dort gewesen war. Wie schnell jemand zu Boden gehen und unter Hunderten Füßen verschwinden konnte.
Zwei Tote.
Nicht in Kiew.
Hier.
Vor unserem Parlament. In unserer Stadt.
Später erfuhr ich auch, dass die Sondersitzung nicht zustande gekommen war. Es hatte kein ausreichendes Quorum gegeben. Die Krimtataren und die proukrainischen Demonstranten hatten an diesem Tag tatsächlich verhindert, was sie befürchtet hatten – zumindest hatten sie verhindert, dass das Parlament unter diesen Umständen zusammentrat.
Für diesen einen Abend konnte man glauben, sie hätten gewonnen.
Später würde der 26. Februar in der Ukraine zum „Tag des Widerstands gegen die Besetzung der Autonomen Republik Krim und der Stadt Sewastopol“ werden. Damals wusste niemand, dass dieser Tag einmal einen Namen bekommen würde.
Ich saß vor dem Computer, krank, erschöpft, mit Schmerzen im Magen, und sah mir noch einmal die Bilder von oben an.
Zwei Massen.
Zwei Fahnenwelten.
Zwei Vorstellungen davon, wohin diese Halbinsel gehörte.
Und dazwischen fast nichts mehr.
Was wir nicht wussten: Wenige Stunden später würde niemand mehr Tausende Menschen brauchen, um in dieses Parlament zu gelangen.
27. FEBRUAR
Am Morgen kamen die ersten Bilder. In der Nacht hatten Bewaffnete gleich zwei zentrale Gebäude der Krim besetzt: das Parlament und den Ministerrat am Leninplatz. Vom Ministerrat liefen Schwarz-Weiß-Aufnahmen einer Überwachungskamera. Man sah Männer mit Waffen, schwere Taschen, die ins Gebäude getragen wurden, aufgebrochene Zugänge, Männer, die sich mit Gewehren im Anschlag durch die Gänge bewegten. Kurz darauf war das Gebäude abgeriegelt. Auch das Parlament war besetzt.
Niemand wusste genau, wer diese Männer waren. Selbstverteidigung, hieß es zuerst. Dann unbekannte Bewaffnete. Andere sprachen bereits von russischen Soldaten. Sie selbst erklärten nichts. Natascha und ich saßen vor dem Computer, gleichzeitig lief der Fernseher. Immer neue Bilder, immer neue Meldungen. Kaum hatte man eine verstanden, kam die nächste.
Gestern hatten sich vor diesem Parlament noch Tausende Menschen gegenübergestanden. Krimtataren und proukrainische Demonstranten auf der einen Seite, prorussische Gruppen auf der anderen. Dazwischen Miliz, Geschrei, Fahnen, Gedränge. Zwei Menschen waren gestorben. Und keine zwölf Stunden später hielten Bewaffnete das Gebäude besetzt.
Ich versuchte, das zu ordnen. Was geschah hier eigentlich? Seit Tagen beschleunigte sich alles. Erst waren es Demonstrationen gewesen, dann Straßensperren, Selbstverteidigung, Kosaken und Gerüchte über Bewaffnete. Gestern diese beiden Menschenmassen vor dem Parlament, Tote in Simferopol. Heute besetzte jemand unsere Regierung und unser Parlament. Jeder Tag schien einen Schritt weiterzugehen als der davor, inzwischen fast jede Stunde. Kaum hatte man sich an eine Nachricht gewöhnt, war sie schon von der nächsten überholt. Es fühlte sich an wie ein Übergriff nach dem anderen, und niemand konnte sagen, wo das enden sollte.
War es so weit?
Gegen elf Uhr klingelte mein Telefon. Eine österreichische Nummer. Die Botschaft. Nie zuvor hatte ich von ihnen gehört. Ich brauchte einen Moment, um überhaupt zu begreifen, wer da mit mir sprach. Von der österreichischen Botschaft hatte ich noch nie einen Anruf bekommen. Warum auch?
Man wolle etwas wissen. Ob es stimme, dass auf dem Gebäude des Krim-Parlaments die russische Fahne wehe.
„Blödsinn“, sagte ich fast reflexartig. „Die Krimfahne sieht der russischen nur ähnlich.“
Nein, nein, sagte die Stimme. Man habe Informationen, dass es tatsächlich die russische sei. Ich dachte kurz nach. „Ich schaue nach.“
Ich musste ohnehin in die Stadt. Ein paar Besorgungen waren zu erledigen, auch zur Post musste ich. Die lag direkt gegenüber dem Parlament. Wir vereinbarten, dass ich zurückrufen würde.
Also ging ich.
Die Stadt funktionierte noch. Autos fuhren, Geschäfte waren geöffnet, Marschrutkas hielten an ihren Haltestellen, Menschen gingen zur Arbeit. Und trotzdem war etwas anders. Merkwürdig still. Nicht wirklich still, Simferopol war nicht plötzlich verstummt, aber die Menschen waren leiser geworden. In den Cafés liefen die Fernseher. Kleine Gruppen standen auf den Gehsteigen, man sprach kurz miteinander, ging weiter, blieb wieder irgendwo stehen. Immer wieder sah jemand auf sein Telefon. Die Nachrichten waren überall, und immer schien jemand schon etwas Neues zu wissen.
Als ich zur Post kam, sah ich hinüber zum Parlament. Nach dem Vortag wirkte der Platz beinahe leer. Gestern diese ungeheure Masse, heute vielleicht zweihundert oder dreihundert Menschen. Russische Fahnen, Krimfahnen, Kosaken, Miliz. Dazwischen Männer, die ich nicht kannte. Einige bewaffnet. Mitten in Simferopol.
Ich konnte es noch immer nicht fassen. Das war nicht irgendein Bericht aus dem Fernsehen, nicht Kiew, nicht Moskau, nicht irgendein Konflikt, über den man morgens beim Kaffee las. Ich stand vor unserer Post. Gegenüber lag unser Parlament. Und davor standen Männer mit Gewehren.
Gestern hatten Tausende Menschen geschrien. Heute brauchte niemand mehr zu schreien.
Zwei der Bewaffneten lagen auf dem Boden, lange Gewehre im Anschlag. Keine Abzeichen, keine Kennzeichnung, die mir sagte, zu wem sie gehörten. Sie wirkten ruhig, kontrolliert, auffallend wortkarg. Keine aufgeregten Demonstranten, keine Männer, die Parolen schrien. Sie standen oder lagen einfach dort, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.
Dann erinnerte ich mich daran, weshalb ich überhaupt genauer hinsah. Die Fahne.
Ich suchte mit den Augen das Dach. Blau, Weiß, Rot. Ich sah genauer hin. Die Krimfahne hatte dieselben Farben, oben einen schmalen blauen Streifen, in der Mitte ein breites weißes Feld und unten einen schmalen roten. Aus der Entfernung konnte man sie leicht mit der russischen verwechseln. Aber diese hier nicht. Drei gleich breite Streifen.
Russland.
Ich stand da und schaute hinauf. Die Botschaft hatte recht. Und ich, der hier lebte, hatte es nicht gewusst. Das traf mich beinahe mehr als die Fahne selbst. Irgendwo außerhalb der Krim wusste jemand, was auf unserem Parlament wehte, und rief mich an, damit ich nachsah. Ich stand keine zehn Minuten davon entfernt.
Es war tatsächlich die russische Fahne.
Plötzlich erschien mir dieses Stück Stoff wichtiger als die ganzen Parolen der vergangenen Tage. Gestern hatten Tausende Menschen vor diesem Gebäude darum gerungen, welchen Weg die Krim nehmen sollte. Die Sondersitzung war nicht zustande gekommen. In der Nacht waren Bewaffnete gekommen, und jetzt hing die russische Fahne auf dem Dach. Keine zwölf Stunden.
Ich nahm mein Telefon und rief zurück.
„Sie haben recht“, sagte ich. „Es ist die russische.“
Am anderen Ende war es einen Moment still. Dann kam die nächste Frage. Ein Journalist vom Österreichischen Rundfunk wolle am nächsten Tag nach Simferopol fliegen. Ob ich ihm behilflich sein könne.
Damit hatte ich nun überhaupt nicht gerechnet. Gestern hatte ich zwischen Tausenden Menschen vor dem Parlament gestanden. Heute kontrollierte ich für die österreichische Botschaft, welche Fahne auf dessen Dach hing. Und morgen sollte ein Journalist aus Österreich kommen. Alles geschah plötzlich.
„Ja“, sagte ich. „Natürlich.“
Wenn jemand kommen und sich ansehen wollte, was hier geschah, würde ich helfen. Jede Hilfe zählte. Man werde mir mitteilen, wann er ankomme. Kurz darauf kam die SMS.
Ich blieb noch eine Weile in der Stadt und sah die Männer vor dem Parlament jetzt mit anderen Augen. Vielleicht auch nur deshalb, weil ich genauer hinsah. Keine Abzeichen, Waffen, diese Ruhe. Und plötzlich kam mir eine ganz einfache Frage: Wo war eigentlich unser Militär?
Wir hatten doch eines. Kasernen, Soldaten, Offiziere, einen Staat. Irgendwo musste es Befehle geben. Vielleicht wollte niemand provozieren. Vielleicht wusste Kiew mehr als wir. Vielleicht würde sich die Sache in ein paar Stunden erledigen. Ich suchte nach Erklärungen. Es gab noch immer für fast alles eine. Nur passten sie immer schlechter zusammen.
Auf der Straße fragte ich ein paar Menschen, was eigentlich los sei. Keiner wusste es genau, dafür hatte jeder etwas gehört. Russische Soldaten. Selbstverteidigung. Schwarzmeerflotte. Militärfahrzeuge ohne Kennzeichen. Männer mit fremdem Akzent. Einer erzählte etwas, der nächste widersprach ihm. Niemand konnte sagen, was davon stimmte. Aber etwas war in ihren Gesichtern, das ich in den Tagen zuvor so nicht gesehen hatte: Angst. Keine Panik, eher die Angst von Menschen, die merken, dass niemand mehr zuverlässig sagen kann, was in ihrer eigenen Stadt geschieht.
Irgendwann stieg ich in eine Marschrutka und fuhr nach Hause. Ich erzählte Natascha von der Fahne und davon, dass am nächsten Tag ein Journalist aus Österreich kommen würde.
„Zu uns?“
„Nicht zu uns. Ich besorge ihm ein Hotel.“
Ich begann herumzutelefonieren. Besetzt. Das nächste auch. Wieder besetzt. Es war wie verhext. Ausgerechnet jetzt schienen die Hotels voll zu sein. Schließlich versuchte ich es beim Tavrida. Dort kannte ich jemanden. Es klappte. Wenigstens etwas.
Dann rief Aleksander an. Er sprach hastig, beinahe im Stakkato. Diesmal berichtete er nicht mehr nur, er warnte. Er rufe als Freund an, sagte er, aber vielleicht hätte ich Kontakte. Österreich, Europa, vielleicht sogar Brüssel. Irgendjemand müsse doch verstehen, was hier gerade passiere.
Meine Kontakte bis Brüssel. Unter anderen Umständen hätte ich darüber gelacht. Heute nicht.
„Jemand muss etwas machen“, sagte er.
Ich wusste nicht, was ich ihm antworten sollte. Was sollte überhaupt noch jemand machen?
Während wir telefonierten, kamen schon die nächsten Nachrichten. Anatolij Mohyljow sei als Ministerpräsident abgesetzt worden. Sergej Aksjonow sollte ihn ersetzen.
Aksjonow?
Russische Einheit?
Seine Partei hatte bei der letzten Wahl gerade einmal drei Sitze im hundertköpfigen Krim-Parlament bekommen. Drei. Und jetzt sollte ihr Vorsitzender Ministerpräsident der Krim sein?
Aksjonow war in Simferopol kein Unbekannter. Um ihn kursierten seit Jahren Geschichten über seine Vergangenheit im kriminellen Milieu der neunziger Jahre. „Goblin“ sei damals sein Spitzname gewesen, hieß es. Und dieser Mann sollte jetzt die Krim regieren?
Ich las die Meldung noch einmal, als hätte ich mich verlesen.
Gleichzeitig hieß es, das Parlament habe ein Referendum über den Status der Krim beschlossen, zunächst für den 25. Mai.
Schon wieder etwas Neues.
Am Morgen die besetzten Gebäude. Dann die russische Fahne. Dann Aksjonow. Jetzt ein Referendum.
Und es war noch derselbe Tag.
Das war das Verstörende. Man kam nicht mehr hinterher. Jede einzelne dieser Nachrichten hätte noch wenige Tage zuvor gereicht, um eine Woche lang darüber zu diskutieren. Jetzt lagen zwischen ihnen manchmal nur Stunden.
Ich versuchte zu verstehen, wie diese Entscheidungen überhaupt zustande gekommen waren. Bewaffnete Männer hielten das Gebäude besetzt. Journalisten kamen nicht hinein. Abgeordnete wurden kontrolliert. Und drinnen wurde abgestimmt.
Aus Kiew kam schließlich die Reaktion Turtschynows. Russland müsse die bestehenden Vereinbarungen einhalten. Die Soldaten der Schwarzmeerflotte hätten innerhalb der vertraglich festgelegten Gebiete zu bleiben. Bewegungen außerhalb dieser Gebiete würden als Aggression gewertet.
Aggression.
Ich blieb an dem Wort hängen. Bis dahin hatten wir von Unruhen gesprochen, von Separatisten, Selbstverteidigung, Kosaken, Demonstranten und irgendwelchen Männern ohne Abzeichen. Jetzt sprach der amtierende Präsident der Ukraine von möglicher russischer Aggression.
Wieder war eine Grenze überschritten worden. Und wieder innerhalb weniger Stunden.
Am Abend liefen die Nachrichten weiter. Natascha und ich saßen vor dem Computer, der Fernseher lief, und ich machte Screenshots. Immer neue Bilder, immer neue Meldungen. Vieles widersprach sich. Manchmal wusste ich nicht mehr, was wir am Morgen noch für wahr gehalten hatten.
Das war vielleicht das Beängstigendste an diesen Tagen. Es gab keinen Zustand mehr, nur Veränderungen. Jeder Morgen begann anders, als der Abend zuvor geendet hatte. Und jeder Abend mit etwas, das am Morgen noch unvorstellbar gewesen war.
Aber eines musste ich nicht mehr überprüfen. Am Morgen hatte ich gelesen, auf unserem Parlament wehe eine russische Fahne. Gegen elf hatte ich der österreichischen Botschaft noch erklärt, sie verwechsle zwei Fahnen. Eine Stunde später stand ich davor und wusste es besser.
Die Fahne war russisch.
Und während wir noch versuchten zu begreifen, was allein das bedeutete, war Aksjonow bereits Ministerpräsident und ein Referendum angekündigt.
Es war noch immer der 27. Februar.