14. FEBRUAR
Olympia lief währenddessen weiter.
Ich sah noch immer hin. Nicht mehr so aufmerksam wie in den ersten Tagen, aber oft genug. Die Ukraine hatte ihre erste Medaille gewonnen. Vita Semerenko, Bronze im Biathlon. Eine einzige Medaille, aber ich freute mich darüber, als wäre es mehr.
Russland sammelte ebenfalls Medaillen. Sotschi glänzte weiter. Jeden Abend dieselben perfekten Bilder: Schnee, Licht, Fahnen, Sportler, Zuschauer. Alles funktionierte. Alles hatte Regeln. Einer gewann, einer verlor, am nächsten Tag begann ein neuer Wettbewerb.
Fast konnte man vergessen, was außerhalb dieser Bilder geschah.
Dann blieb ich an einer Meldung vom Vortag hängen.
Janukowytsch hatte einen Erlass unterzeichnet. Das sechzigjährige Jubiläum der Übertragung der Krim an die Ukrainische Sowjetrepublik sollte auf staatlicher Ebene begangen werden. Veranstaltungen waren vorgesehen, Ausstellungen, Konferenzen, Sendungen in Radio und Fernsehen. Sogar eine Jubiläumsmünze sollte es geben.
Warum ausgerechnet jetzt?
Janukowytsch musste wissen, was auf der Krim geschah. Vier Tage zuvor hatte Sergej mir von Simferopol erzählt. Zwei Tage zuvor hatte Konstantinow im Liwadija-Palast über eine andere, stärkere Autonomie gesprochen. Schon Anfang Februar war im Krimparlament sogar Russland als möglicher Garant dieser Autonomie ins Gespräch gebracht worden.
Und nun kam aus Kiew dieser Erlass.
Vielleicht wollte Janukowytsch beruhigen. Vielleicht wollte er daran erinnern, dass die Krim zur Ukraine gehörte. Im Erlass selbst war von der Konsolidierung der ukrainischen Gesellschaft die Rede.
Vielleicht war es auch einfach ein Jubiläum, das ohnehin bevorstand.
Ich wusste es nicht.
Was mich allerdings wunderte, war das Datum. 13-ter Februar.
Ich war überzeugt gewesen, dass die Geschichte mit der Übertragung der Krim im März gewesen war. Der 9. März war das Datum, das mir im Kopf geblieben war. So kannte ich es hier.
Jetzt hieß es plötzlich: sechzig Jahre.
Ich fragte Natascha.
„War das nicht im März?“
Sie sah mich an.
„Dachte ich auch.“
Mehr machten wir daraus nicht.
Aber das Datum blieb mir im Kopf.
18. FEBRUAR
Der Morgen begann wie so viele zuvor – und doch war etwas anders. Zehntausende zogen durch die Straßen Kiews in Richtung Werchowna Rada. Sie nannten es den friedlichen Angriff. Die Demonstranten wollten zum Parlament, wollten Druck machen, wollten zurück zur Verfassung von 2004 und damit die Macht des Präsidenten beschneiden. Wir sahen die Bilder. Menschen mit ukrainischen Fahnen, mit Plakaten, Helmen und improvisierten Schilden. Sie gingen durch Straßen, die ich kannte. Hruschewskoho. Instytutska. Das Regierungsviertel. Orte, durch die man sonst ging, ohne darüber nachzudenken.
Diesmal kamen sie nicht weit. Berkut-Einheiten und Truppen des Innenministeriums blockierten die Zugänge zum Parlament. Dann begannen die Zusammenstöße. Steine flogen, Blendgranaten explodierten, Tränengas zog durch die Straßen. Demonstranten warfen Molotowcocktails, Sicherheitskräfte gingen mit Schilden und Schlagstöcken vor. Aus einem Marsch wurde eine Schlacht.
Ich weiß nicht mehr, wie lange wir schon vor dem Fernseher saßen, als die ersten Meldungen über Tote kamen. Tote. Bis dahin hatte man sich an vieles gewöhnt. An Barrikaden. An brennende Reifen. An Berkut. An verletzte Menschen, Blut, eingeschlagene Scheiben. Selbst an Molotowcocktails hatte man sich beinahe gewöhnt. Aber nicht daran. Menschen starben. Im Laufe des Tages wurden es immer mehr. Demonstranten, Angehörige der Sicherheitskräfte. Hunderte wurden verletzt. Irgendwann verloren die Zahlen ihre Bedeutung, weil hinter jeder neuen Zahl dasselbe stand: Einer war am Morgen noch aufgestanden und am Abend nicht mehr da.
Und während wir nach Kiew sahen, reagierte auch die Krim.
Das Präsidium des Obersten Rates richtete einen Appell an Janukowytsch. Was an diesem Tag in Kiew geschah, bezeichnete es bereits als Beginn eines Bürgerkriegs. Der Präsident müsse entschlossen handeln und außerordentliche Maßnahmen ergreifen. Sollte die Eskalation weitergehen, behalte sich der Oberste Rat der Krim das Recht vor, die Bewohner der Halbinsel dazu aufzurufen, den zivilen Frieden und die Ruhe auf der Krim zu verteidigen.
Ich blieb an diesen Worten hängen.
Bürgerkrieg.
Ruhe und Ordnung verteidigen.
Wieder diese Ordnung.
Noch wenige Tage zuvor hatte ich das Wort in der Marschrutka gehört, zwischen Bildern aus Ägypten, brennenden Straßen und Toten. Jetzt verwendete es die politische Führung der Krim selbst. Das, was auf dem kleinen Bildschirm über dem Fahrer noch wie Propaganda gewirkt hatte, stand plötzlich in einem offiziellen Appell.
Und während die Führung der Krim davon sprach, die Halbinsel vor dem zu bewahren, was in Kiew geschah, waren Menschen von hier längst dort. Unter den an diesem Tag getöteten Angehörigen der Sicherheitskräfte waren drei Männer von der Krim: Dmytro Wlassenko, Witalij Hontscharow und Andrij Fedjukin. Zwei gehörten zu den Inneren Truppen des Innenministeriums, Fedjukin zum Berkut.
Gleichzeitig geschah auf der Krim das Gegenteil. Unter den Anhängern des Maidan wurde mobilisiert. Menschen wollten nach Kiew fahren, um die Demonstranten dort zu unterstützen.
Vielleicht war es genau das, was mich so beunruhigte.
Die Krim stand nicht außerhalb dessen, was in Kiew geschah.
Menschen von hier standen dort auf verschiedenen Seiten. Die einen in Uniform. Die anderen wollten aufbrechen, um den Maidan zu unterstützen. Und dazwischen saßen wir, sahen zu und versuchten zu begreifen, was aus diesem Land gerade wurde.
Am Nachmittag verschob sich die Gewalt immer weiter in Richtung Maidan. Dann kam die Ankündigung. Die Behörden verlangten, den Platz zu räumen.
Am Abend rückten die Sicherheitskräfte vor.
Wir saßen wieder vor dem Bildschirm. Zu Hause. Warm. Zu leise. Der Raum roch nach Abend, nach Tee, nach etwas Alltäglichem. Der Fernseher stand an derselben Stelle wie immer, dieselben Möbel, dieselben Wege durch die Wohnung. Nichts war verrückt, nichts verschoben – und gerade das machte es unerträglich. Draußen in Kiew brannte der Maidan.
Die Bilder kamen beinahe ohne Pause. Reihen von Schilden rückten vor. Wasserwerfer. Blendgranaten. Feuer. Menschen liefen über den Platz, andere schleppten Material zu den Barrikaden. Reifen und Holz brannten, schwarzer Rauch hing über allem. Von der Bühne kamen Durchsagen, Gebete, die Hymne. Meter um Meter drängten die Sicherheitskräfte die Menschen zurück. Demonstranten warfen alles in die Feuer, was brennen konnte, um zwischen sich und den vorrückenden Reihen eine Wand aus Flammen zu halten.
Dann brannte das Gewerkschaftshaus. Ich kannte dieses Gebäude. Jeder kannte es inzwischen. Seit Wochen war es Teil des Maidan gewesen, Zentrale, Schlafplatz, Versorgungsstation, Krankenhaus. Nun schlugen Flammen aus den Fenstern. Menschen waren noch darin.
Ich weiß nicht mehr, wann Natascha und ich aufgehört hatten, miteinander zu reden. Wir saßen einfach da. Auf dem Bildschirm rannten Menschen. Sie duckten sich, stolperten, zogen andere hinter sich her. Die Kamera wackelte, verlor den Fokus, fing sich wieder. Man hörte Schreie, Explosionen, Stimmen aus Lautsprechern. Dazwischen immer wieder die Glocken des Michaelsklosters. Es war Nacht geworden. Und noch immer hielt der Platz.
Dieses Schulter an Schulter rührte mich mehr, als ich damals zeigen konnte. Einer fiel, andere zogen ihn zurück. Einer schleppte Reifen, ein anderer Pflastersteine, wieder andere versorgten Verletzte. Menschen, die sich vermutlich wenige Wochen zuvor nicht gekannt hatten, hielten sich gegenseitig auf den Beinen. Es war mehr als Sympathie. Es war Nähe – nicht unmittelbar, aber real. Hergestellt durch Bilder, die etwas übertrugen, das sich kaum in Worte fassen ließ.
Und gleichzeitig saß ich hier. Auf einem Sofa auf der Krim. Ich dachte: Jetzt müsste man aufspringen. Jetzt müsste man da sein. Aber ich saß. Wir saßen. Natascha hielt die Hände ineinander verschränkt, so fest, dass die Knöchel weiß wurden. Aus dem Nebenzimmer kamen die Geräusche der Kinder. Ihr Leben ging weiter, während auf dem Bildschirm etwas zerbrach.
Ich merkte, wie sich etwas in mir teilte. Ein Teil folgte den Bildern, der andere blieb hier, in dieser Wohnung, in Sicherheit und vollkommen machtlos. Diese Distanz war plötzlich kein Schutz mehr. Sie war Ohnmacht. Vielleicht auch Schuld.
Man kann weit genug entfernt sein, um nichts tun zu können. Und nah genug, um nie wieder zu vergessen, dass man es nicht getan hat.
Irgendwann in dieser Nacht gingen wir schlafen. Oder versuchten es zumindest.
Der Maidan stand noch.
19. FEBRUAR
Am Morgen stand der Maidan noch.
Nach allem, was wir in der Nacht gesehen hatten, war das beinahe schon eine Nachricht für sich. Die Barrikaden waren teilweise zerstört, das Gewerkschaftshaus ausgebrannt, Menschen tot, Hunderte verletzt. Aber der Platz war nicht geräumt worden.
Wir schalteten den Fernseher ein und sahen wieder hin.
Menschen räumten auf. Sie schleppten Holz, Steine, Reifen, bauten Barrikaden wieder auf, versorgten Verletzte. Priester standen zwischen ihnen. Andere kamen mit Essen, Medikamenten, warmer Kleidung. Nach dieser Nacht wirkte beinahe jede gewöhnliche Bewegung merkwürdig. Jemand trug einen Karton. Jemand fegte. Jemand schenkte Tee aus.
Als könne man nach so einer Nacht einfach weitermachen.
Aber genau das taten sie.
Auch die andere Seite war noch da. Sicherheitskräfte standen weiterhin rund um das Zentrum. Niemand wusste, ob sie wieder angreifen würden. Es gab Gespräche, Meldungen über Verhandlungen, Forderungen nach einer Waffenruhe. Dazwischen immer neue Zahlen über Tote und Verletzte.
Es war kein Frieden.
Es war eine Pause.
Und während in Kiew gezählt, aufgeräumt und gewartet wurde, beschäftigte sich das Krimparlament wieder mit der Autonomie.
Der Oberste Rat billigte an diesem Tag den Entwurf eines Konzepts zur Änderung der ukrainischen Verfassung. Es ging um die Weiterentwicklung des Status der Autonomen Republik Krim.
Schon wieder dieses Wort.
Status.
Seit Anfang Februar begegnete es mir immer häufiger. Erst hatte das Präsidium darüber gesprochen, Russland möglicherweise als Garanten dieses Status anzurufen. Dann hatte Konstantinow im Liwadija-Palast erklärt, das bestehende Modell der Autonomie habe sich erschöpft. Und nun lag ein Konzept zur Weiterentwicklung dieses Status auf dem Tisch.
Allerdings war dieser Entwurf nicht über Nacht entstanden. Er stammte nicht aus den Kämpfen, die wir gerade in Kiew sahen. Daran war schon lange gearbeitet worden. Bereits im März 2013 hatte eine Kommission der Verfassungsversammlung den Entwurf unter Beteiligung von Vertretern des Krimparlaments beraten und gebilligt.
Das machte die Sache nicht weniger bemerkenswert.
Vielleicht sogar im Gegenteil.
Denn etwas, das lange in Kommissionen gelegen hatte und nach Verwaltungsrecht klang, bekam plötzlich einen anderen Klang.
Autonomie.
Status.
Verfassung.
Wörter, die noch vor wenigen Wochen kaum jemanden außerhalb der Politik interessiert hatten, standen nun neben anderen Wörtern.
Bürgerkrieg.
Ordnung.
Garant.
Ich wusste nicht, wohin das führte. Vielleicht führte es nirgendwohin. Vielleicht suchte man tatsächlich nur nach einer Möglichkeit, die Ukraine anders zu organisieren und der Krim mehr Rechte innerhalb dieses Staates zu geben.
Noch war das möglich.
Am selben Tag standen in Jalta etwas mehr als fünfzig Menschen auf der Straße und demonstrierten ihre Solidarität mit dem Euromaidan.
Fünfzig waren nicht viele.
Aber sie waren da.
Auch das war die Krim.
Während ihr Parlament über eine Weiterentwicklung der Autonomie sprach, standen Menschen in einer ihrer bekanntesten Städte und zeigten öffentlich, dass sie sich mit denen in Kiew verbunden fühlten.
Es passte immer weniger zusammen.
Vielleicht war genau das die Krim in diesen Tagen. Nicht eine Seite gegen die andere, sauber getrennt, sondern vieles gleichzeitig. Menschen von hier waren am Vortag als Angehörige der Sicherheitskräfte in Kiew gestorben. Andere wollten von hier nach Kiew fahren, um den Maidan zu unterstützen. Das Parlament sprach vom Beginn eines Bürgerkriegs und davon, Ruhe und Ordnung auf der Halbinsel zu verteidigen. Und in Jalta standen Menschen für den Maidan auf der Straße.
Niemand wusste, welche dieser Stimmen am Ende die stärkere sein würde.
Am Abend sahen wir wieder nach Kiew.
Der Maidan stand noch.
Vielleicht glaubten wir deshalb für einen Moment, das Schlimmste sei vorbei.
20. FEBRUAR
Am Morgen schalteten wir den Fernseher ein.
Auf dem Bildschirm war die Instytutska-Straße.
Männer gingen die Straße hinauf. Mit Holzschilden und Bauhelmen, manche nur mit Mützen. Dinge, die gegen Steine vielleicht Schutz boten. Nicht gegen Kugeln.
Dann die ersten Schüsse.
Ein Mann fiel.
Ich weiß noch, dass ich zuerst dachte, er sei gestolpert. Es ging so schnell. Einer lief zu ihm, dann noch einer. Sie zogen ihn zurück. Einer hielt seinen Schild vor sich, während der andere den Mann an den Armen nahm.
Dann wieder Schüsse.
Noch einer fiel.
Menschen warfen sich hinter Bäume, Mauern, Schilde. Andere liefen trotzdem weiter nach oben. Mit diesen lächerlichen Holzplatten vor dem Körper, mit Bauhelmen auf dem Kopf, als könnte irgendetwas davon sie schützen.
„Was machen die?“, fragte ich.
Niemand antwortete.
Ich verstand zunächst nicht, was ich da sah. Vielleicht wollte ich es nicht verstehen. Seit Wochen hatten wir Gewalt gesehen. Schlagstöcke, Tränengas, Wasserwerfer, brennende Barrikaden, Steine, Molotowcocktails. Man hatte sich auf eine entsetzliche Weise daran gewöhnt.
Aber das hier war anders.
Das waren keine Gummigeschosse mehr.
Menschen wurden erschossen.
Auf offener Straße.
Die Kamera blieb darauf. Sie wackelte, verlor Menschen aus dem Bild, fand andere. Ein Mann lag hinter einem Baum. Ein anderer kroch zu ihm. Wieder Schüsse. Männer versuchten Verwundete wegzutragen. Priester waren zwischen ihnen, schwarze Mäntel, Kreuze in den Händen. Irgendwo schrie jemand nach einem Arzt.
Dann fiel wieder einer.
Und irgendwann begriff ich, dass wir nicht mehr auf einen Zusammenstoß sahen.
Wir sahen Menschen beim Sterben zu.
„Schau nicht hin“, sagte Natascha leise.
Aber sie sah selbst.
Keiner von uns konnte wegsehen.
Babuschka lief mit dem Tablet zwischen Küche und Wohnzimmer hin und her. Sie fluchte, stellte es irgendwo ab, nahm es wieder in die Hand. Als müsste sie etwas tun. Irgendetwas. Aber was sollte sie tun? Was sollten wir tun? Wir saßen Hunderte Kilometer entfernt auf der Krim und sahen zu, wie in der Hauptstadt unseres Landes Menschen erschossen wurden.
Die Kinder stellten kaum noch Fragen.
Vielleicht merkten sie, dass wir keine Antworten mehr hatten.
Wir wechselten zwischen den Sendern. Russische Sender erzählten etwas anderes als ukrainische, deutsche wieder anders. Wer griff wen an? Wer schoss? Von wo wurde geschossen? Wer hatte angefangen?
Irgendwann spielten die Worte keine Rolle mehr.
Die Bilder waren dieselben.
Instytutska.
Menschen hinter Bäumen.
Holzschilde.
Körper auf dem Asphalt.
Schüsse.
Immer wieder wurde das Hotel Ukraina gezeigt. Die Kameras zoomten auf Fenster, auf Dächer, auf Stellen, an denen jemand Bewegungen zu erkennen glaubte. Reporter versuchten zu erklären, woher geschossen wurde.
Wir wussten es nicht.
Wir wussten nur, dass geschossen wurde.
Und dass Menschen starben.
Einer nach dem anderen.
Noch am Abend zuvor hatte ich für einen Moment geglaubt, das Schlimmste sei vielleicht vorbei. Der Maidan hatte den Angriff überstanden. Er stand noch. Nach all den Stunden, nach dem Feuer, nach den Angriffen der Sicherheitskräfte war er noch da gewesen.
Das hatte sich beinahe wie Hoffnung angefühlt.
Und jetzt das.
Ich weiß nicht mehr, wie lange wir vor dem Fernseher saßen. Zeit hatte an diesem Morgen keine richtige Ordnung mehr. Es gab nur diese Straße und immer neue Bilder.
Irgendwann weinte Natascha.
Nicht plötzlich. Nicht laut. Die Tränen liefen einfach.
Babuschka sah sie an und begann ebenfalls zu weinen.
Und dann ich.
Ich wollte eigentlich nicht. Vielleicht gerade deshalb. Ich saß da und merkte, wie mir die Tränen kamen, und schämte mich nicht einmal dafür.
Wofür auch?
Da starben Menschen.
Unsere Menschen.
Nicht, weil wir sie kannten. Wir kannten keinen von ihnen. Wir wussten ihre Namen nicht, wussten nicht, woher sie kamen, ob sie Kinder hatten, Frauen, Männer, Eltern, die vielleicht gerade vor einem anderen Fernseher saßen und denselben Menschen auf diesem Asphalt erkannten.
Vielleicht war es genau das, was plötzlich unerträglich wurde.
Für uns waren es Bilder.
Für irgendjemanden war jeder einzelne von ihnen die ganze Welt.
Und während wir noch nach Kiew sahen, geschahen Dinge, die uns auf der Krim unmittelbar betrafen.
Die „Krymskaja Prawda“ war an diesem Morgen mit einer Schlagzeile erschienen, die kaum noch etwas offenließ: „Sachartschenko, wach auf! Banderisten töten Milizionäre und friedliche Bürger.“
Banderisten.
Da war es wieder.
Nicht Demonstranten. Nicht Oppositionelle. Nicht einmal mehr Extremisten.
Banderisten.
Während auf unseren Bildschirmen Menschen auf der Instytutska starben, wurde auf der Krim bereits festgelegt, wer Täter und wer Opfer war.
Ich weiß nicht mehr, wann ich davon erfuhr. Vieles ging an diesem Tag unter in den Bildern aus Kiew.
Konstantinow war in Moskau.
Der Vorsitzende unseres Krimparlaments traf dort russische Politiker. Es ging um die Krim, um Zusammenarbeit, um die geplante Brücke über die Straße von Kertsch, um russische Projekte auf der Halbinsel.
Aber an diesem Tag sagte Konstantinow noch etwas anderes. Wenn das Land auseinanderbreche, erklärte er sinngemäß, werde sich auch die Krim entscheiden müssen.
Abspaltung.
Das Wort stand plötzlich im Raum.
Vieles ging an diesem Tag unter in den Bildern aus Kiew. Vielleicht nahmen wir auch nicht mehr alles auf. Irgendwann war man voll. Da passte nichts mehr hinein.
Aber die Dinge lagen erschreckend dicht nebeneinander.
Auf der Instytutska wurden Menschen erschossen.
In Moskau sprach der Vorsitzende des Krimparlaments darüber, was die Krim tun könnte, wenn die Ukraine auseinanderbrach.
Und auf der Krim schrieb eine Zeitung von „Banderisten“.
Am selben Tag waren auch Menschen von der Krim auf dem Heimweg. Sie waren nach Kiew gefahren, um den Antimaidan zu unterstützen. In der Oblast Tscherkassy, bei Korsun-Schewtschenkiwskyj, wurde ihre Buskolonne von Anhängern des Maidan gestoppt. Es kam zu Gewalt. Menschen wurden geschlagen und bedroht, Busse beschädigt und in Brand gesetzt.
Die Geschichten darüber verbreiteten sich schnell und wurden größer. Bald war von einem Massaker die Rede, von ermordeten Krimbewohnern, von Menschen, die nur deshalb angegriffen worden seien, weil sie von der Krim kamen.
Was genau dort geschehen war, wusste in diesem Moment kaum jemand.
Aber die Bilder von den beschädigten und brennenden Bussen waren da.
Und die Angst auch.
Das war das Gefährliche an diesem Tag.
Man musste nichts mehr erfinden, um Angst zu erzeugen.
Es gab wirkliche Tote in Kiew. Es gab wirkliche Gewalt gegen Menschen, die vom Antimaidan zurückkehrten. Es gab wirkliche brennende Busse.
Man musste nur noch entscheiden, welche Bilder man zeigte.
Und welche man nicht zeigte.
Wen man Opfer nannte.
Und wen Banderist.
Wir saßen im Wohnzimmer wie festgenagelt.
Der Fernseher lief weiter.
Irgendwann sagte niemand mehr etwas.
Was hätte man auch sagen sollen?
Wir hatten in den vergangenen Wochen gestritten, gehofft, geflucht, diskutiert. Wir hatten versucht zu verstehen, wer recht hatte, wer log, wohin das alles führen würde. Immer hatten wir noch geglaubt, man könne darüber reden.
An diesem Tag gab es nichts mehr zu diskutieren.
Da lagen Menschen auf einer Straße in Kiew.
Tot.
Wir sahen weiter hin, obwohl wir längst nicht mehr hinsehen wollten.
Natascha weinte.
Babuschka weinte.
Ich weinte.
Wir weinten uns leer.