2. bis 7. FEBRUAR
In den Tagen darauf änderte sich nichts Sichtbares. Die Arbeit ging weiter. Der Winter blieb mild. Und wir genossen ein wenig diesen beinahe Waffenstillstand.
Nach den Wochen davor tat die Ruhe gut. Der Maidan rauchte noch, aber er brannte nicht. Menschen standen an den Feuerstellen, tranken Tee, hielten Reden. Selbst die Polizei schien nur noch zu beobachten. Die Bilder der Gewalt, die den Januar geprägt hatten, rückten für ein paar Tage in den Hintergrund.
Wir wollten glauben, dass sich alles beruhigte.
Auf der Krim schien ohnehin nichts zu passieren. Die Märkte waren voll, die Busse fuhren. In den Cafés sprach man über Preise, über das Wetter, über den nächsten Sommer.
Und immer öfter hörte ich Sätze wie:
Das geht uns nichts an.
Die sollen das unter sich klären.
Hauptsache, es gibt keinen Krieg.
Es waren keine Parolen. Eher Beruhigungen. Man wollte sich nicht festlegen, solange noch alles offen schien.
Am 4. Februar hörte ich dann von einer Sitzung in Simferopol.
Das Präsidium des Obersten Rates der Autonomen Republik Krim hatte darüber gesprochen, sich an den russischen Präsidenten und das russische Parlament zu wenden. Russland sollte als Garant für den Status der Autonomie der Krim auftreten.
Bei diesem Satz horchte ich auf.
Garant?
Warum Russland?
Die Krim war eine autonome Republik innerhalb der Ukraine. Ihr Status war ukrainisches Verfassungsrecht. Was hatte der Präsident eines anderen Staates dabei zu garantieren?
Das Wort blieb mir hängen.
Garant.
Es klang harmlos. Fast beruhigend.
Noch war es nur eine Überlegung in einer Sitzung. Kein Beschluss, keine Soldaten, keine Straßensperren. Am nächsten Morgen fuhren die Busse wieder, die Geschäfte öffneten, die Menschen gingen zur Arbeit.
Aber Russland war ausgesprochen worden.
Nicht irgendwo im Fernsehen in Moskau. Nicht von irgendeinem Kommentator.
Hier.
Auf der Krim.
Zwei Tage später klingelte das Telefon.
Ein Freund aus Jewpatorija rief an. Ich erkannte seine Stimme sofort, aber etwas war anders. Er hatte Tränen in der Stimme.
Und dann begann er Ukrainisch zu sprechen.
Ich kannte ihn lange. Ukrainisch hatte ich ihn nie sprechen hören.
In der St.-Martin-Kirche in Jewpatorija hatten sich Priester und Gläubige der ukrainischen griechisch-katholischen und der römisch-katholischen Kirche zu einer gemeinsamen Gebetswache versammelt. Sie beteten für Frieden und Ruhe in der Ukraine.
Er erzählte davon.
Ich fragte nicht, warum er plötzlich Ukrainisch sprach.
Ich hörte einfach zu.
Damals verband ich diese beiden Ereignisse noch nicht miteinander. Heute liegen gerade einmal zwei Tage dazwischen.
In Simferopol sprach man davon, Russland zum Garanten der Krim zu machen.
In Jewpatorija beteten Menschen für die Ukraine.
Die einen suchten Schutz bei Russland. Die anderen bekannten sich zur Ukraine. Und die große Mehrheit ging einkaufen, fuhr zur Arbeit, holte die Kinder ab und hoffte, dass sie sich nicht entscheiden müsse.
Auch wir hofften noch.
Wir hielten diese Tage für Ruhe.
Heute weiß ich: Die Entscheidung war längst dabei, sich einzurichten.
7. FEBRUAR
Dann kam wieder eine Nachricht aus Kiew.
Etwa tausend Menschen standen vor dem Gebäude des ukrainischen Geheimdienstes SBU. Sie verlangten, dass dieser auf die separatistischen Äußerungen des Obersten Rates der Krim reagierte.
Separatistisch.
Schon wieder die Krim.
Noch vor wenigen Tagen hätte ich bei diesem Wort wahrscheinlich einfach weitergehört. Jetzt nicht mehr. Nicht nach dem „Garanten“. Nicht nachdem im Präsidium unseres Parlaments darüber gesprochen worden war, Russland könne den Status der Krim garantieren.
Ich konnte es nicht richtig einordnen. Was sollte daraus werden? Was bedeutete es überhaupt?
Also lenkte ich mich ab. Ganz bewusst.
Ich schaltete auf Olympia.
An diesem Abend wurden in Sotschi die Winterspiele eröffnet. Seit Monaten waren sie Thema gewesen. Putins Prestigeprojekt. Milliarden waren verbaut worden, über die Kosten wurde gestritten, über Korruption, über Sinn und Unsinn dieser gigantischen Inszenierung.
Aber genau das wollte ich jetzt sehen.
Etwas anderes.
Ich sah in den nächsten Tagen viel davon. Nicht einmal aus besonderem Interesse am Sport. Ich genoss einfach die anderen Bilder.
Bunte Stadien. Fahnen. Sportler. Musik. Alles perfekt inszeniert. Etwas begann zu einer bestimmten Zeit und würde zu einer bestimmten Zeit wieder enden. Es gab Regeln, Ergebnisse, Sieger und Verlierer.
Fast Normalität.
Monatelang hatte Russland gezeigt, was dort entstanden war. Sotschi war zum Prestigeprojekt geworden, mehr als fünfzig Milliarden Dollar schwer. Putin saß auf der Tribüne und genoss seinen Triumph.
Ich feuerte für die ukrainische Mannschaft.
Und ich weiß noch, wie mich ein Gedanke für einen Moment aufhellte: Olympische Spiele bedeuteten Frieden. Zumindest sollte es so sein.
Vielleicht würde allein das reichen.
Tretjak entzündete gemeinsam mit Irina Rodnina das olympische Feuer. Für mich war Tretjak der Eishockeyspieler schlechthin.
Dass bei der Eröffnung einer der fünf olympischen Ringe nicht aufgegangen war, sah man im russischen Fernsehen später nicht mehr. Darüber las man anderswo. Ebenso darüber, wer alles nicht gekommen war. Viele westliche Staats- und Regierungschefs fehlten.
Aber das interessierte mich nur am Rand.
Die Spiele lenkten ab.
Auch bei uns stellte sich wieder etwas wie Routine ein. Wir besprachen Pläne und bereiteten uns langsam auf die Saison vor.
„Komisch, oder?“, sagte Natascha einmal, während sie die Einkaufstüten ausräumte. „Draußen brennt die Welt – und wir machen Budgets.“
„Vielleicht ist das gut so. Einer muss ja weitermachen.“
Sie nickte, ohne aufzusehen.
„Ich weiß nicht. Es fühlt sich an, als würden wir uns an irgendetwas festklammern.“
„Tun wir wahrscheinlich auch.“
„Einkaufen, kochen, Kinder wegbringen …“ Sie hielt inne. „Manchmal denke ich, das ist alles nur ein Beweis, dass die Welt noch funktioniert.“
„Oder ein Versuch, uns das einzureden.“
Sie lachte leise.
„Vielleicht beides.“
Ich kannte dieses Verhalten.
Nach Erdbeben hatte ich Menschen gesehen, deren Häuser kaum noch standen und die trotzdem den Boden kehrten.
Kein Dach, keine Mauern.
Aber kehren.
Als wäre das der nächste logische Schritt.
Vielleicht machten wir nichts anderes. Wir arbeiteten, kauften ein, kochten, brachten die Kinder zur Schule und planten die kommende Saison.
Während in Sotschi die Feuerwerke aufstiegen, ordneten wir unsere Tage.
Nicht weil uns gleichgültig war, was geschah.
Wir brauchten nur etwas, das noch funktionierte.
Und für ein paar Tage gab uns die Olympiade genau das.
8. FEBRUAR
Am Abend kam Sergej zu uns.
Wir kannten uns lange. Er war Offizier und lebte in Saky. An diesem Abend wirkte er müde. Nicht nur ein bisschen.
Schon bei uns zu Hause hatte ich das Gefühl, dass er etwas zurückhielt. Er sprach, aber nicht so, wie ich ihn kannte. Immer wieder brach er einen Gedanken ab oder wechselte das Thema.
Vielleicht lag es an Natascha.
Irgendwann fragte er mich, ob ich ihn nach Hause fahren könne. Er sei müde.
Nach Saky war es ein gutes Stück.
Ich sagte zu.
Erst als wir allein im Auto saßen, begann er zu erzählen.
Die Straßen waren ungewöhnlich leer an diesem Abend. Selbst auf der Hauptstraße begegneten uns kaum Autos. Es war längst dunkel, vor uns nur der Lichtkegel der Scheinwerfer und dahinter wieder Schwarz.
Sergej erzählte von Simferopol. Von einem Forum. Von Menschen, die aus verschiedenen Teilen der Krim gekommen waren. Von verschlossenen Türen.
Ich hörte ihm eine Weile zu.
„Das wolltest du vorhin nicht erzählen?“
Er sah aus dem Fenster.
„Nicht alles.“
„Wegen Natascha?“
Er antwortete nicht sofort.
„Sie macht sich schon genug Sorgen.“
Damit war klar, dass er mich nicht nur wegen seiner Müdigkeit gebeten hatte, ihn nach Hause zu fahren.
Je länger wir Richtung Saky fuhren, desto mehr erzählte er.
An diesem Tag hatte in Simferopol ein gesamtkrymisches Forum stattgefunden. „Euromaidan-Krim“. Menschen waren aus verschiedenen Teilen der Halbinsel gekommen: Aktivisten der örtlichen Euromaidans, Vertreter des Medschlis der Krimtataren, Politiker und Leute aus Bürgerinitiativen.
„Fast fünfhundert“, sagte Sergej.
Eigentlich hätten sie sich im Garnisonshaus der Offiziere treffen sollen. Der Saal war vereinbart, der Vertrag unterschrieben, die Miete bezahlt.
„Und dann haben sie uns nicht hineingelassen.“
Ich sah kurz zu ihm hinüber.
„Wer?“
„Das Haus der Offiziere.“
„Aber ihr hattet doch gemietet.“
„Ja.“
„Und warum?“
Er schwieg einen Moment.
„Das Militär mischt sich nicht in Politik ein.“
Ich musste beinahe lachen.
„Und du bist was?“
Jetzt sah er zu mir.
„Offizier.“
Dann schaute er wieder hinaus.
Es war nicht lustig.
Also hatten sie das Forum draußen abgehalten.
Sergej erzählte von ukrainischen Fahnen, europäischen Fahnen, von Menschen aus Simferopol, Jewpatorija, Jalta, Kertsch und anderen Orten der Krim. Auch Krimtataren waren gekommen. Sie wollten zeigen, dass es auf der Krim nicht nur jene gab, die ständig im Namen der ganzen Halbinsel sprachen.
„Und die anderen?“, fragte ich.
„Natürlich waren die auch da.“
Anhänger des Russischen Blocks. Gegner des Maidan. Russische Fahnen. Rufe gegen Faschisten und Verräter.
Die Polizei stand dazwischen.
Ich fuhr und hörte ihm zu.
Vier Tage zuvor hatte ich dieses Wort gehört: Garant. Russland als Garant für den Status der Krim.
Jetzt erzählte Sergej, wie sich mitten in Simferopol Menschen gegenübergestanden hatten, die offenbar nicht einmal mehr dasselbe sahen, wenn sie auf dasselbe Land blickten.
Die einen mit ukrainischen und europäischen Fahnen.
Die anderen mit russischen.
Eigentlich war auch das auf der Krim nichts Neues. Russische Fahnen waren nichts Neues. Der Streit darüber, wohin die Krim gehörte, war es ebenfalls nicht.
Aber etwas hatte sich verändert.
Es rückte näher.
„Wie war die Stimmung?“, fragte ich.
Sergej schwieg einen Moment.
„Schlecht.“
„Gefährlich?“
Er dachte nach.
„Nein. Noch nicht.“
Dieses Noch blieb eine Weile im Auto.
Wir fuhren weiter. Die Straße vor uns war fast leer. Ab und zu kam uns ein Auto entgegen, blendete für einen Moment auf, dann waren wir wieder allein.
Sergej lehnte den Kopf zurück.
Ich fragte ihn, was die Leute dort eigentlich wollten.
„Dass man uns hört“, sagte er.
Mehr nicht.
Später wurde oft so getan, als hätte die Krim längst gewusst, wohin sie wollte.
An diesem 8. Februar standen in Simferopol Menschen mit ukrainischen Fahnen und sagten etwas anderes.
Sergej war einer von ihnen.
Ich brachte ihn nach Saky.
Auf dem Rückweg waren die Straßen noch immer fast leer.
Ich fuhr allein nach Hause.
Zu viel ging mir durch den Kopf.
12. FEBRUAR
Ich war in der Stadt unterwegs, stieg in eine Marschrutka und setzte mich. Was selten genug vorkam. Platz war.
Auf dem kleinen Bildschirm über dem Fahrer liefen keine Musikvideos, keine Werbung für Möbel oder Ferienhäuser, sondern Bilder, die wie aus einem anderen Leben wirkten. Man müsse das Vaterland schützen, hieß es. Berkut stehe bereit. Dann Szenen aus Ägypten, 2013. Straßenschlachten, brennende Plätze, Leichen. „So beginnt Anarchie“, sagte eine Stimme. „Sie zerstört alles.“
Dazwischen geschnitten waren Gesichter, die wir aus den Nachrichten kannten. Politiker, deren Worte plötzlich nicht mehr wie Meinungen klangen, sondern wie Drohungen. Und da war er wieder, dieser Tonfall, diese Stimme, die man hier gut kannte.
Nicht zufällig hatte man vor geraumer Zeit Anatolij Mogilew auf die Krim geschickt. Ein Polizist im Anzug. Eine Karriere, die nicht mit Reden begonnen hatte, sondern in Uniform. Früher Milizgeneral, dann Innenminister, jetzt Regierungschef der Autonomen Republik. Ich hatte seine Entsendung auf die Krim immer so verstanden: als Mann der Ordnung. Als jemanden, der dafür sorgen sollte, dass hier nichts aus dem Ruder lief. Gerade auf der Krim war das nicht unwichtig. Die Krimtataren forderten ihre Rechte ein und organisierten sich, oppositionelle Medien und NGOs widersprachen, ukrainisch orientierte Gruppen wurden sichtbarer und stellten sich gegen die Strukturen und Methoden Janukowytschs. Mogilew stand für die andere Seite. Für Kontrolle, Loyalität und dafür, Abweichungen möglichst klein zu halten.
Und plötzlich klangen die Nachrichten anders. Nicht mehr wie Warnungen, sondern wie Befehle.
Was sollte das, fragte ich mich. Ich kannte ihn doch. Wozu diese Panikmache – ausgerechnet hier? Sicher, er war ein Mann Janukowytschs. Aber das hier ging weiter. Es war zu viel, zu früh, zu gezielt.
Ich sah hinaus auf die vorbeiziehenden Straßen. Menschen mit Einkaufstaschen, Gesichter im Winter. Niemand schrie, niemand lief. Alles wirkte normal. Und doch war nichts mehr normal.
In diesem Moment begann ich zu begreifen, dass Propaganda kein Geschrei sein muss. Sie kommt nicht unbedingt mit Plakaten und Fanfaren. Sie schleicht sich ein, in Nebensätzen, in scheinbar harmlosen Meldungen, in der Auswahl der Bilder. Sie behauptet nichts. Sie setzt voraus. Und wenn man sie oft genug hört, klingt sie irgendwann nicht mehr wie eine Meinung, sondern wie ein Wetterbericht. Wie eine Beschreibung der Welt.
Irgendwann sprach auch ich anders. Ich sagte „die dort in Kiew“ und nicht mehr „unsere Regierung“. Ich sagte „Ordnung“, wenn ich „Angst“ meinte. Die Worte verschoben sich, und mit ihnen die Wirklichkeit.
Das Video lief noch ein paar Tage. Dann verschwand es. Andere Bilder traten an seine Stelle, lautere, eindeutigere. Man lernte schnell, was Aufmerksamkeit bekam und was nicht. Ich erzählte zu Hause von dem Video in der Marschrutka und erntete ein Schulterzucken. Es gab Wichtigeres. Alltag, Termine, Kinder.
Was ich an diesem Tag nicht wusste: Während ich in dieser Marschrutka saß, sprach Wladimir Konstantinow im Liwadija-Palast über eine andere Ordnung der Ukraine. Der Vorsitzende unseres Krimparlaments erklärte das bisherige Modell der Autonomie für erschöpft. Die Krim brauche mehr Rechte, mehr Macht, eine andere Verfassung.
Er war nicht allein. Vertreter zahlreicher Gebietsräte waren gekommen, vor allem aus dem Süden, Osten und der Mitte des Landes. Viele gehörten demselben politischen Machtgefüge an, das Janukowytsch trug. Der Westen fehlte weitgehend. Kiew ebenfalls.
Noch wollte niemand dort offiziell die Ukraine auflösen. Im Gegenteil. Man sprach von einer neuen Verfassung, von Dezentralisierung, von einer zweiten Parlamentskammer für die Regionen. Von einer Ukraine, die anders organisiert werden sollte.
Aber Konstantinow hatte vier Tage zuvor den Leuten von Euromaidan-Krim nicht einmal einen Saal bieten können.
Nun saß er im Liwadija-Palast. Ausgerechnet dort, wo 1945 Stalin, Roosevelt und Churchill zusammengesessen und über die Nachkriegsordnung Europas verhandelt hatten. Über Grenzen, Einflusszonen und darüber, wie dieser Kontinent nach dem Krieg aussehen sollte.
Fast siebzig Jahre später wurde dort wieder über Ordnung gesprochen.
Diesmal über die der Ukraine.