25. JÄNNER

Plötzlich kam eine Nachricht, mit der ich nicht gerechnet hatte.

Janukowytsch hatte wieder mit den Oppositionsführern verhandelt. Jazenjuk, Klitschko und Tjahnybok waren dabei.

Dann kam das überraschende Angebot.

Jazenjuk sollte Ministerpräsident werden, Klitschko sein Stellvertreter.

Mein Telefon klingelte.

„Hast du die Nachrichten gesehen?“

Ein Freund. Kurz darauf der nächste.

„Schau ins Fernsehen.“

Natürlich schaute ich.

Das war keine Kleinigkeit.

Und ausgerechnet Jazenjuk.

Auf der Krim war er kein unbekannter Politiker aus Kiew. Seine politische Karriere hatte hier begonnen. 2001 war er nach Simferopol gekommen und Wirtschaftsminister der Autonomen Republik Krim geworden. Wir kannten den Namen. Ich erinnerte mich auch daran, dass er damals die Geschäftsdokumentation seines Ministeriums auf Ukrainisch umstellen ließ. Selbst die Beschriftungen der Büros wurden ukrainisiert. Auf der russischsprachigen Krim war das durchaus aufgefallen.

Und nun sollte dieser Jazenjuk Ministerpräsident der Ukraine werden.

Für einen Moment dachte ich tatsächlich: Das könnte es sein.

Vielleicht war das der Ausweg. Janukowytsch blieb Präsident, aber Jazenjuk würde die Regierung führen. Klitschko dazu. Die Opposition wäre nicht mehr nur auf der Straße gestanden, sondern plötzlich selbst an der Macht beteiligt gewesen. Und wenn Jazenjuk annahm, sollte sogar die Regierung Asarow zurücktreten.

Nach allem, was wir in den vergangenen Tagen gesehen hatten, war das viel.

Wir redeten darüber. Natürlich redeten wir darüber.

Vielleicht geht es jetzt.

Vielleicht hören die Schüsse auf.

Vielleicht gehen sie endlich aufeinander zu.

Aber dann kamen die Reaktionen.

Jazenjuk nahm das Angebot nicht an. Noch nicht. Es gebe keine Einigung. Klitschko verlangte weiterhin vorgezogene Präsidentschaftswahlen. Die Gespräche sollten weitergehen.

Und je länger ich darüber nachdachte, desto komplizierter wurde dieses Angebot.

Denn Janukowytsch wäre geblieben.

Präsident.

Mit seiner Macht, seinem Apparat, seinen Leuten.

Jazenjuk hätte die Regierung geführt, aber unter einem Präsidenten, gegen den die Menschen seit Wochen auf der Straße standen. Aus Gegnern wären plötzlich Teile desselben Systems geworden, das sie gerade bekämpften.

Eine ausgestreckte Hand, während die andere noch festhielt.

Vielleicht war es ein wirklicher Versuch, einen Ausweg zu finden. Vielleicht wollte Janukowytsch Zeit gewinnen. Vielleicht beides. Ich wusste es nicht.

Einige Wochen zuvor hätte ich ein solches Angebot wahrscheinlich für einen gewaltigen Schritt gehalten. Jetzt lagen Tote auf dem Weg dorthin. Menschen waren erschossen worden. Andere zusammengeschlagen, verschleppt, verletzt. In den Regionen wurden Verwaltungen besetzt. Auf der Krim wurde vom Ausnahmezustand und von Selbstbestimmung gesprochen.

Zu viel war inzwischen geschehen.

Und vielleicht zeigte sich das nirgendwo deutlicher als auf dem Maidan selbst.

Jazenjuk, dessen politische Karriere einmal in Simferopol begonnen hatte, war inzwischen zu einem der Gesichter jener Bewegung geworden, vor der die politische Führung der Krim warnte. Janukowytsch bot ihm an, die Regierung zu führen.

Und trotzdem gingen die Menschen nicht nach Hause.

26. JÄNNER

Am nächsten Morgen waren wir beide müde.

Nicht nur müde vom wenigen Schlaf. Müde von den Nachrichten, den Bildern, den Gesprächen. Seit Tagen war kaum eine Stunde vergangen, in der nicht wieder etwas geschehen war.

Aber zum ersten Mal hatte ich auch das Gefühl, dass es sich vielleicht drehen könnte.

Wir sprachen noch einmal über den Abend zuvor. Über Janukowytschs Angebot. Über Jazenjuk. Darüber, ob das vielleicht doch ein Weg hinaus sein konnte. Selbst einige unserer Freunde hatten es ähnlich gesehen. Die Anrufe am Vortag waren ja nicht ohne Grund gekommen.

Hast du die Nachrichten gesehen?

Vielleicht geht da etwas.

Nur Valera war anderer Meinung. Unser „Pilzexperte“, wie wir ihn nannten. Er kannte sich mit Pilzen aus wie kaum jemand sonst und versorgte uns regelmäßig mit seinem Wissen darüber.

„Eine Finte“, sagte er.

„Warum?“

„Zeit gewinnen.“

Mehr brauchte er gar nicht.

Ich war mir nicht sicher. Vielleicht hatte er recht. Vielleicht auch nicht. Ich wollte wohl einfach glauben, dass nach allem, was wir gesehen hatten, irgendwann einer von ihnen einen Schritt machen musste. Irgendjemand musste doch anfangen.

Vielleicht war dieses Angebot genau das.

Wir redeten noch eine Weile darüber. Natascha war vorsichtiger als ich. Auch sie wollte, dass es endlich aufhörte, aber Hoffnung war inzwischen etwas geworden, mit dem man sparsam umging.

Dann kam am Tag eine Meldung aus unserer unmittelbaren Nähe.

Myrne. Draußen bei Simferopol.

Die Miliz hatte dort etwa dreißig Fans von Tawrija festgenommen. Ultras.

Ich kannte diese Jungs nicht. Aber ich wusste inzwischen, warum sie aufgefallen waren. Einige von ihnen hatten sich auf die Seite des Krim-Euromaidan gestellt. Nicht unbedingt, weil sie plötzlich alle begeisterte Anhänger des Maidan geworden waren. Sie wollten verhindern, dass auf die Leute dort eingeprügelt wurde.

Nun hatte die Miliz sie nach einem Training eingesammelt.

Personalien. Passdaten. Fotos. Filmaufnahmen.

Dann ließ man sie wieder gehen.

Ich sah zu Natascha.

„Was soll das?“

Dreißig Fußballfans.

Warum fotografierte man sie? Warum filmte man sie? Warum brauchte man ihre Passdaten?

Vielleicht war es nichts. Eine Kontrolle. Einschüchterung. Irgendeine dieser Aktionen, die man in solchen Tagen nicht mehr einordnen konnte.

Aber es passte nicht zu dem Gefühl, mit dem dieser Tag begonnen hatte.

Gerade noch hatten wir darüber gesprochen, ob sich etwas beruhigen könnte.

Und jetzt begann man bei uns, Namen und Gesichter zu sammeln.

27. JÄNNER

Hochzeitstag.

Dreizehn Jahre verheiratet. Und zugleich acht Jahre Eltern unseres Sohnes. Zwei Gründe zu feiern – und doch fühlte es sich nicht wie ein Festtag an.

Wir wollten uns diesen Tag nicht nehmen lassen.

Für Benno bereiteten wir alles vor. Pizza, ein paar Freunde, Lachen nach der Schule. Für ihn sollte es leicht bleiben. So leicht, wie es für Kinder sein darf, wenn Erwachsene versuchen, ihnen das Schwere fernzuhalten.

Zwischen Natascha und mir lag an diesem Tag etwas Unsichtbares. Nicht zwischen uns, eher über uns. Wir waren beide müde, angespannt, mit den Gedanken immer wieder woanders.

Blumen. Eine Umarmung. Ein Kuss.

„Alles Gute zum Hochzeitstag.“

Dreizehn Jahre.

Wir sahen uns an und wussten wohl beide, dass für mehr gerade die Kraft fehlte.

Nur Babuschka freute sich.

Für sie waren Feiertage Feiertage. Geburtstag war Geburtstag, Hochzeitstag war Hochzeitstag. Gleichgültig, was draußen geschah. Vielleicht war das ihre Art, der Welt zu trotzen. Vielleicht hatte sie in ihrem Leben einfach gelernt, die guten Tage zu nehmen, wenn sie kamen.

Also Pizza. Kinder. Stimmen. Lachen.

Und dazwischen immer wieder die Nachrichten.

Am selben Tag ging die Führung der Krim noch einen Schritt weiter. Das Präsidium des Obersten Rates beschloss, die Tätigkeit und die Symbole von Swoboda auf der Krim zu verbieten. Auch andere, wie es hieß, „radikale Formationen“ sollten darunter fallen.

Die Begründung ließ mich aufhorchen.

In zehn Regionen der Ukraine habe bereits ein „antikonstitutioneller Umsturz“ stattgefunden. Die legitime Macht werde gewaltsam aus ihren Ämtern gedrängt, Verwaltungsgebäude würden gestürmt, Ministerien besetzt.

Und dann ging es wieder um die Krim.

Ihr Status sei bedroht. Ihre Verfassung.

Bedroht von wem?

Noch war Janukowytsch Präsident der Ukraine. Seine Regierung war im Amt. Auf der Krim regierte seine Partei der Regionen. Konstantinow saß an der Spitze des Parlaments.

Und trotzdem sprach man hier bereits davon, die Krim schützen zu müssen.

Selbst an den Zufahrten zur Halbinsel sollte die Bewachung verstärkt werden. Bahnhöfe, Flughäfen, Busbahnhöfe – sogar Perekop wurde ausdrücklich genannt.

Perekop.

Die schmale Landenge, die die Krim mit dem ukrainischen Festland verband.

Warum musste man sie schützen?

Ich wusste es nicht.

Vielleicht dachte ich auch nicht lange genug darüber nach. Im Nebenzimmer waren Kinder. Benno hatte Geburtstag. Irgendjemand wollte noch ein Stück Pizza. Babuschka räumte etwas vom Tisch. Natascha rief nach mir.

Das Leben lief einfach weiter.

Aber wieder waren ein paar neue Wörter hinzugekommen.

Erst Selbstbestimmung.

Dann Ausnahmezustand.

Jetzt Umsturz.

Bedrohung.

Schutz der Krim.

28. JÄNNER

Gegen zehn Uhr am Vormittag kam die Nachricht aus Kiew.

„Asarow ist zurückgetreten.“

Natascha sah von ihrem Bildschirm auf.

„Wirklich?“

„Ja.“

Ich las es noch einmal.

Mykola Asarow. Seit fast vier Jahren Ministerpräsident und einer dieser Politiker, die wir beide nicht ausstehen konnten. Viele Ukrainer konnten es ebenso wenig. Selbst Ukrainisch sprach er nach all den Jahren noch immer so schlecht, dass seine Auftritte regelmäßig zum Gespött wurden. Er wirkte wie aus einer anderen Zeit, aus jener alten politischen Welt, gegen die sich inzwischen so viel Wut richtete.

Und jetzt trat ausgerechnet er zurück.

Es überraschte mich.

Und gleichzeitig war es für mich die einzig logische Konsequenz.

Irgendjemand musste nachgeben. Nach den Toten, den Barrikaden, den gescheiterten Gesprächen und dem Angebot an Jazenjuk konnte es nicht einfach weitergehen wie bisher.

Einer musste den ersten Schritt machen.

Jetzt war es Asarow.

Dann kam die nächste Nachricht. Nur kurz danach: Das Parlament hob die meisten der umstrittenen Gesetze vom 16. Jänner wieder auf.

Das war viel.

Nach all den Tagen mit Toten, Verletzten, Barrikaden und Drohungen gab plötzlich jemand nach.

Natascha und ich sahen uns an.

Vielleicht doch.

Vielleicht begann sich etwas zu lösen.

Janukowytsch war noch Präsident. Seine Leute saßen noch überall. Aber Asarow war weg, und diese Gesetze, über die wir uns tagelang aufgeregt hatten, waren wieder aufgehoben.

Selbst Babuschka schrie „Hurra!“, lachte laut und riss beide Fäuste hoch, als hätten wir gerade etwas gewonnen.

Wir waren erleichtert. Nicht euphorisch. Dafür war zu viel passiert. Aber vielleicht würde es jetzt ruhiger werden. Vielleicht hatten sie begriffen, dass es so nicht weiterging.

Natascha und ich wollten raus. Weg vom Fernseher, wenigstens für eine Weile. Wir gingen am Salgir entlang. Die kalte Luft tat gut, wir redeten über Asarow, über Jazenjuk, darüber, ob das vielleicht wirklich der Anfang sein könnte.

Dann hörten wir Stimmen.

Sie kamen aus Richtung Leninplatz.

Dort hatte sich die Russische Einheit versammelt. Fahnen, Menschen, Reden. Gegen den Euromaidan, gegen die „Extremisten“, gegen das, was angeblich aus Kiew auf die Krim zukam.

Schon wieder Extremisten.

Das Wort war inzwischen überall.

Kaum eine Stunde später standen in derselben Stadt die Krimtataren vor der Vertretung des ukrainischen Präsidenten. Der Medschlis hatte zur Kundgebung aufgerufen. Gegen das Blutvergießen. Gegen eine Diktatur.

Ich sagte zu Natascha:

„Das ist doch verrückt.“

„Was?“

„Die stehen fast nebeneinander.“

Simferopol war nicht groß. Leninplatz hier, die Vertretung des Präsidenten dort. Auf der einen Seite warnten sie vor dem Maidan. Auf der anderen vor der Regierung.

Und beide redeten von Gefahr.

Das war unsere Krim.

Russisch. Ukrainisch. Krimtatarisch. Ukrainischer Staat, russische Sprache, die russische Flotte in Sewastopol. Menschen, die nach Moskau sahen, und andere, die Moskau gerade deshalb misstrauten.

Wir lebten mittendrin und hatten uns daran gewöhnt.

Später las ich, dass Konstantinow in Moskau war.

„Was macht der denn dort?“

Natascha zuckte mit den Schultern.

Der Präsident unseres Krim-Parlaments traf Abgeordnete der russischen Staatsduma.

Moskau.

Na und?

Russland war immer da. Politiker flogen nach Moskau, russische Politiker kamen auf die Krim, in Sewastopol lag die Schwarzmeerflotte. Niemand von uns sprang auf, nur weil Konstantinow in Moskau saß.

Und trotzdem blieb es hängen.

Vielleicht wegen des Tages davor.

Da hatte das Präsidium des Krim-Parlaments von einem „antikonstitutionellen Umsturz“ in Teilen der Ukraine gesprochen. Swoboda und andere „radikale Formationen“ sollten auf der Krim verboten werden. Die Autonomie sei bedroht, ihre Verfassung müsse geschützt werden. Sogar die Zufahrten zur Halbinsel sollten stärker bewacht werden.

Das hatte ich schon seltsam gefunden.

Jetzt saß Konstantinow in Moskau.

„Gestern reden sie vom Umsturz, heute fährt er nach Moskau.“

„Und?“

„Nichts. Ich sag ja nur.“

Mehr war es nicht.

Was hätte es auch sein sollen?

Janukowytsch war Präsident der Ukraine. Auf der Krim regierte seine Partei der Regionen. Asarow war gerade zurückgetreten, das Parlament hatte die Gesetze zurückgenommen. Eigentlich sah es danach aus, als würde der Druck endlich etwas bewirken.

Und trotzdem wurden die Worte bei uns immer schärfer.

Umsturz.

Putsch.

Extremisten.

Bezahlt.

Dieses „bezahlt“ kam inzwischen ständig. Als könnten all diese Menschen gar nicht aus eigenem Willen auf der Straße stehen. Als müsste jemand dahinterstecken, sie schicken, dafür zahlen.

„Glaubst du das?“

Natascha sah mich an.

„Was?“

„Dass die alle bezahlt werden?“

Sie schüttelte den Kopf.

Ich auch.

Am Abend liefen wieder die Nachrichten.

Kiew. Simferopol. Kiew.

Wir sahen dieselben Bilder wie alle anderen und hörten Geschichten dazu, die immer weniger zusammenpassten. Für uns waren da Menschen, die seit Wochen gegen ihre Regierung aufstanden und inzwischen Tote zu beklagen hatten. Für andere waren es Extremisten, die das Land ins Chaos stürzten.

Und hier auf der Krim standen am selben Tag Menschen auf der Straße, die vor völlig verschiedenen Gefahren warnten.

Am Morgen hatte ich noch gedacht, jetzt wird es endlich ruhiger.

Am Abend war ich mir nicht mehr sicher.

Immer häufiger wurde über die Krim gesprochen, als wäre sie etwas Geschlossenes. Als hätte sie eine Meinung, eine Richtung, einen Willen.

Aber das war nicht die Krim, die ich kannte.

Ich wusste nur, dass die Krim nicht eine Stimme hatte.

Sie hatte viele.

1. FEBRUAR

Der Winter hielt sich noch, aber die Enge im Haus wurde mir zu viel. Zu viele Stimmen aus dem Fernseher, zu viele Gedanken, die keinen Platz fanden.

Ich musste raus.

Ich rief Andrij an. Zögerte kurz, dann hob er ab. Seine Stimme war ruhig wie immer, ein wenig überrascht vielleicht, aber offen.

„Komm“, sagte er. „Natürlich.“

Ein paar Stunden später saßen wir bei ihm am Tisch. Tee, dampfend. Pilmeni, noch zu heiß zum Essen.

Draußen zog der Wind durch die Straße, Fahnen schlugen gegen ihre Masten, irgendwo klirrte Metall. Drinnen war es still. Diese Art von Stille, die nicht drückt, sondern trägt.

Andrij war Ende vierzig. Ein stiller, bedächtiger Mann mit rauen Händen, die von Arbeit erzählten, und einem Blick, der selten eilte. In seinen Bewegungen lag die Ruhe des Gewohnten, das Wissen jener, die mehr tragen als sagen.

Er hatte sein ganzes Leben in der Werft gearbeitet, wie schon sein Vater und sein Großvater vor ihm. Er kannte die Schiffsrümpfe, ihre Linien und ihren Rost, als wären es Lebewesen. Politik hatte ihn nie besonders interessiert. Aber das Leben hatte ihm gezeigt, wie sehr sie trotzdem entschied: über den Gaspreis, den Lohn am Monatsende, über die Zukunft seiner beiden Söhne.

Ich besuchte ihn und Maria hin und wieder, alle paar Monate, meist um diese Zeit, bei Kertsch. Unsere Bekanntschaft reichte viele Jahre zurück. Früher hatte er mit Natascha zu tun gehabt, als sie noch die Werft belieferte. So hatten wir uns kennengelernt.

Ich mochte seine raue, direkte Art, diese Mischung aus Skepsis und Herzlichkeit in seiner tiefen Stimme. Und ich mochte sein Haus. Ein schlichtes, fest verwurzeltes Gebäude, mit leuchtend blauen Fensterrahmen, schweren Holztüren und einem Garten, der schon auf den Frühling wartete.

Vielleicht wollte ich deshalb gerade zu ihm.

„Weißt du“, sagte er irgendwann und rückte seine Tasse näher zu sich, „ich schäme mich fast, es laut zu sagen … aber ein Teil von mir konnte sich eine Annäherung an Russland tatsächlich vorstellen. Dass man aufhören sollte zu kämpfen, da in Kiew.“

Ich sah ihn an, überrascht.

„Nicht wegen Putin“, fuhr er nach einer kurzen Pause fort. „Und auch nicht wegen dieser Männer mit ihren Waffen.“

Er stockte, suchte nach einem Wort, stand auf und ging zum Fenster.

Erst da bemerkte ich wieder, wie groß er war. Ein massiger Mann, breit in den Schultern, schwer im Stand, als hätte die Arbeit seinen Körper langsam in Besitz genommen.

„Es war die Vorstellung, dass es vielleicht einfacher würde“, sagte er schließlich. „Weniger Chaos. Weniger leere Versprechen. Vielleicht endlich ein Staat, der funktioniert.“

Dann drehte er sich zu mir um und klopfte sich mit der Faust auf die Brust.

„Ich bin Ukrainer. Im Herzen. Ohne jede Frage.“

Er atmete aus.

„Aber ich bin müde. Wirklich müde. Müde von Regierungen, die kommen und gehen und nichts verändern. Müde von Politikern, die nur an sich selbst denken. Müde davon, jeden Winter zu frieren, weil das Geld für Gas fehlt, während sich irgendwer sein drittes Haus oder gleich Paläste baut.“

Er schwieg eine Weile und sah auf seine Hände.

„Müde davon“, sagte er schließlich, leiser, fast zu sich selbst, „dass Korruption wie ein Naturgesetz behandelt wird – und wir alle so tun, als ließe sich daran nichts ändern.“

„Verstehst du?“

Ich nickte.

„Irgendwann denkt man … vielleicht braucht es einfach einen Neuanfang. Einen Schnitt. So radikal, dass alles Alte verschwindet. Alles auf null.“

Er machte eine kleine Bewegung mit der Hand, als wische er etwas vom Tisch.

„Vielleicht ist so ein Schock nötig, damit überhaupt wieder etwas wachsen kann. Vielleicht kann man ein Land nicht reparieren, sondern muss es noch einmal neu bauen. Von Grund auf.“

Er zögerte.

„Und wenn ein Beitritt zur russischen Zollunion genau das bringt – Ordnung, Stabilität, Chancen –, dann ist das für viele kein Verrat.“

Er sah mich an.

„Es ist Hoffnung.“

Ich sagte nichts.

Nicht, weil ich zustimmte. Aber ich verstand, was er meinte.

Seine Hoffnung war erstaunlich konkret. Dass seine Mutter eine höhere Pension bekäme – und später auch er. Dass das Gas billiger würde. Dass investiert würde. Dass in der Werft wieder Schiffe gebaut würden. Dass Touristen kämen und Geld in die Stadt brächten.

Keine große Idee.

Ein Leben, das einfacher wurde.

„Und außerdem“, sagte er nach einer Weile, „wenn ich mit Artjem rede – meinem Sohn –, wenn er alle paar Monate aus Kiew nach Hause kommt, verstehe ich ihn kaum noch. Er spricht fast nur noch Ukrainisch.“

Er stockte.

„Ich … ich will das nicht. Dafür bin ich zu alt. Russisch ist meine Sprache. Die Sprache, in der ich denke.“

„Aber niemand nimmt sie dir weg“, sagte ich. „Halb Kiew spricht russisch.“

Er schwieg.

Nur ein leichtes Zucken um seinen Mund verriet, dass ihn der Satz getroffen hatte.

Ich konnte ihn nicht verurteilen.

Dazu war er mir zu wichtig – er und Maria.

Und vielleicht, wenn ich ehrlich bin, war ich selbst nicht völlig frei von dieser Versuchung. Auch in mir regte sich ein bequemer Gedanke:

Was wäre, wenn das alles nicht mehr unsere Sorge wäre?

Wenn andere es übernähmen – entschlossener, effizienter, kompromissloser?

Es blieb ein Gedanke.

Und erschreckte mich gerade deshalb.

Jahre später erfuhr ich, dass Andrij und Maria sich hatten scheiden lassen.

Die Kinder sah er kaum noch. Einer ging nach Deutschland. Der andere kämpfte an der Front – gegen das, was damals als Hoffnung begonnen hatte.

Maria war Ukrainerin aus Cherson, Andrij Russe.

Was früher einfach zu ihrem gemeinsamen Leben gehört hatte, war zu einer Grenze geworden.

Bei einem unserer letzten Telefonate sagte er leise, dass er sich fast schäme, damals mit „Ja zum Anschluss“ gestimmt zu haben.

Ich hörte zu.

Es war nicht so gekommen, wie er es sich vorgestellt hatte. Der Kurs war gefallen, die Preise gestiegen. Vieles war nicht rosiger geworden. Manches schlimmer.

Er sagte, er habe inzwischen verstanden, was dieser Schritt bedeutet hatte. Was er ausgelöst, was er zerstört hatte. Aber ich spürte, wie schwer es ihm fiel, darüber zu sprechen.

Am Ende sagte er nur:

„Marias Haus hat’s auch erwischt.“

Dann schwieg er.

Dann legte er auf. In Tränen.