12. JÄNNER
Am Sonntag klingelte das Telefon.
Ein Freund aus Sewastopol.
„Schaut euch das an.“
„Was?“
„Sewastopol.“
„Was ist dort?“
„Schaut einfach.“
Wir suchten. Im Fernsehen zuerst, dann im Internet.
Natascha fand die Bilder.
„Da.“
Menschen standen vor dem Schewtschenko-Denkmal. Winterjacken, Mützen, ein paar ukrainische Fahnen.
Ich rückte näher an den Bildschirm.
„Was ist das?“
„Maidan.“
„In Sewastopol?“
„Ja.“
Ich zählte beinahe.
Das konnten keine fünfzig sein.
„Vierzig“, sagte unser Freund am Telefon. „Vielleicht ein paar mehr. Einige sind aus Simferopol gekommen.“
Vierzig.
Ausgerechnet Sewastopol.
Wir sahen weiter.
Keine Barrikaden. Keine Helme. Kein Feuer. Menschen standen herum, redeten miteinander. Manche hielten Fahnen. Andere diskutierten mit Leuten, die offenbar nur vorbeigekommen waren.
„Und was wollen die?“
„Dass es friedlich bleibt. Wahlen. Machtwechsel über Wahlen.“
Ich sah wieder auf den Bildschirm.
Vierzig Menschen.
Zwei Tage später klingelte das Telefon wieder.
„Die haben sich jetzt organisiert.“
„Wer?“
„Die vom Sonntag.“
„Die vierzig?“
„Ja. Maidan-Sewastopol.“
Ich musste lachen.
Nicht über sie. Über die Zahl.
In Kiew standen Hunderttausende. In Simferopol waren es Ende November vielleicht sechshundert gewesen.
Und hier vierzig.
Aber sie standen dort.
In Sewastopol.
Mit ukrainischen Fahnen.
Seht her.
Wir sind auch da.
16. JÄNNER
Dann, am 16. Jänner, hoben sich im Parlament Hände. In Kiew.
Nicht entschieden, nicht überzeugt – eher hastig, wie in Notwehr. Als müsse etwas abgewehrt werden, das längst näher war, als man zugeben wollte.
Mit einem Federstrich erklärte das noch amtierende Regime fast jede Form des Widerspruchs zur Straftat. Versammlungen, Zelte, Bühnen, blockierte Straßen, gemeinsame Fahrten – alles plötzlich verdächtig. Selbst Worte galten als Gefahr: Kritik wurde zu „Verleumdung“, ein Helm zum „extremistischen Werkzeug“.
Man nannte diese Paragrafen bald nur noch so, wie sie waren:
Diktaturgesetze.
Am Abend sagte der Sprecher im Lokalfernsehen: „Ordnung kehrt zurück.“ Manche zuckten mit den Schultern. Andere: „Endlich.“ Und ein Nachklang eines Beschlusses, der nicht diskutiert werden sollte.
Eine Wut stieg in mir auf. Keine explosive, keine laute. Eher eine kalte, klare. Als hätte jemand eine letzte Grenze gezogen – und sie überschritten.
Zwei Welten standen nun einander gegenüber. Nicht als politische Modelle, sondern als Haltungen. Die eine verlangte Ordnung um jeden Preis. Die andere hielt an etwas fest, das keinen Schutz versprach.
Auf den Bildern sah ich, wie die Barrikaden weiterwuchsen.
Nicht trotzig, sondern notwendig.
Wir saßen lange so da. Der Fernseher lief, doch er sprach nicht mehr zu uns. Er erzählte von einer Welt, die sich gerade schloss. Und wir merkten, dass wir draußen standen.
17. JÄNNER
Am nächsten Tag saß Natascha wieder vor dem Computer.
„Hör dir das an.“
Ich ging zu ihr.
Sie hatte eine Erklärung des Krim-Parlaments geöffnet.
„Dreihundertsechzig Jahre Perejaslawer Rada.“
„Und?“
„Sie schreiben, das sei ein Beispiel. Für uns heute und für die kommenden Generationen.“
Ich las noch einmal über die Zeilen.
Perejaslaw. 1654
Russland und die Ukraine.
„Warum schreiben die das jetzt?“
Natascha zuckte mit den Schultern.
„Jahrestag.“
Natürlich.
Jahrestag.
Ein paar Stunden später rief sie mich wieder.
„Jetzt die anderen.“
„Welche anderen?“
„Unsere Maidan-Leute.“
Euromaidan-Krim hatte einen Appell veröffentlicht. An die Bürger der Ukraine. An die Vereinten Nationen. An die OSZE.
Wegen der Gesetze vom Vortag.
„Die sagen, das wird gefährlich.“
Ich setzte mich neben sie.
Auf demselben Bildschirm, am selben Tag, lasen wir zwei Meldungen von derselben Halbinsel.
Die einen erinnerten an Perejaslaw.
Die anderen riefen die OSZE und die Vereinten Nationen.
„Komisch“, sagte ich.
„Was?“
„Als würden die schon in zwei verschiedene Richtungen schauen.“
Natascha schwieg.
Damals war es nur ein Gedanke.
18. JÄNNER
Am nächsten Tag kam wieder ein Anruf.
„Kommt ihr auch?“
„Wohin?“
„Nach Kiew.“
„Nach Kiew? Wieso?“
„Zum Maidan.“
Ich sah Natascha verdutzt an. Sie hörte mit.
„Wer fährt?“
„Einige. Wir versuchen, Leute zusammenzubekommen.“
„Von hier?“
„Natürlich von hier.“
Das klang fast beleidigt.
„Und warum jetzt?“
Am anderen Ende wurde es kurz still.
„Weil es schlimmer wird.“
Er erzählte von den Gesetzen, die zwei Tage zuvor beschlossen worden waren. Von Versammlungen, die plötzlich verboten werden konnten, von Strafen, von Leuten, die Angst bekamen.
„Und bei uns fangen sie auch schon an.“
„Was fangen sie an?“
„Druck.“
„Auf wen?“
„Auf die vom Maidan. Anrufe. Drohungen. Leute werden beobachtet. Die sagen, das ist politische Verfolgung.“
„Und deshalb fährt man nach Kiew?“
„Auch deshalb.“
„Wann?“
„So schnell wie möglich.“
Ich hielt den Hörer eine Weile in der Hand.
Kiew.
Von der Krim nach Kiew.
Vor ein paar Tagen hatten wir noch darüber gesprochen, dass es hier überhaupt einen Maidan gab. Jetzt suchten sie Leute, die hinfahren sollten.
„Und?“, fragte Natascha.
„Sie wollen wissen, ob wir mitkommen.“
„Nach Kiew?“
„Ja.“
Sie sah mich an.
„Und?“
Ich wusste es nicht.
Ich war doch gerade erst dort gewesen. Eine Woche vielleicht. Und ich hatte etwas gesehen, das die Bilder im Fernsehen nicht zeigten: Es war dort viel ruhiger, als man von der Krim aus vermuten konnte.
Vielleicht war genau das der Grund, warum ich nicht das Gefühl hatte, sofort wieder hinzumüssen.
Vielleicht war es auch nur eine Ausrede.
Wir blieben.
19. JÄNNER
Nur einen Tag später kam die Reaktion.
Am Sonntag flackerte die Hruschewskoho-Straße im Licht von Feuer und Wasser. Wasserwerfer bei Minusgraden prallten auf brennende Reifen und Menschen. Rauch mischte sich mit Eis. Der Ton im Fernseher knirschte wie ein altes Videoband. Ich stellte ihn leiser.
Zu Hause wuchs die Wut.
Nicht plötzlich. Sie schwelte, kroch aus den Bildern in unsere Zimmer.
Dann reichte auch sie nicht mehr aus.
Sie wich der Fassungslosigkeit. Einer Ohnmacht.
Wir spürten, wie weit weg wir waren in diesem riesigen Land – und zugleich, wie nah: direkt vor Ort, im selben Moment.
Ein Bild blieb hängen, eines von denen, die nicht mehr verschwinden.
Klitschko, das Gesicht weiß vom Feuerlöscher.
Ein Held, der keiner ist.
Geblendet, taumelnd, die Hände erhoben – nicht als Sieger, nicht als Führer, sondern als jemand zwischen den Fronten, der versucht, etwas zu halten, das bereits entgleitet.
Kein Pathos. Keine Pose.
Nur Pulver, Chaos, ein Mann im falschen Moment am richtigen Ort.
Manchmal saßen wir gemeinsam auf dem Sofa, stumm, mit versteinerten Gesichtern.
Babuschka knirschte zwischen den Zähnen, die Janukowytsch-Leute sollten sich ertränken – „allesamt Lumpen“. Gleich darauf schlug ihre Stimme um in Mitleid: für die Jungen dort draußen, für die Mädchen hinter den Barrikaden, als wären sie ihre eigenen Kinder.
„Hier ist etwas zerbrochen“, sagte Natascha leise und fuhr sich durchs Haar, die Bewegung kurz, hart.
Mehr zu sich selbst als zu mir.
Es klang nicht überrascht. Eher vertraut.
Ich zündete eine Zigarette an, nur um etwas zu tun, und drückte sie gleich wieder aus. Selbst die Kinder wurden stiller.
Der Fernseher lief weiter.
Doch es war, als hörten wir nicht mehr zu – als lauschten wir nur noch einem Rauschen, einer dunklen Welle mit Gischt am Kamm.
Zum Zusehen verdammt.
20. JÄNNER
Ich war noch ganz niedergeschlagen vom Vortag. Der Kopf tat mir weh, ich hatte schlecht geschlafen und fühlte mich zerrissen. Die Bilder aus Kiew waren noch da. Feuer, Wasser, Rauch. Klitschko mit dem weißen Gesicht. Menschen, die dort standen, während wir zu Hause vor dem Fernseher saßen.
Ich wusste nicht einmal mehr genau, worüber ich wütend war. Darüber, was dort geschah. Darüber, dass wir hier waren. Vielleicht auch über mich selbst.
Der Fernseher lief wieder. Ein Bericht aus Simferopol. Zuerst hörte ich nur halb hin. Irgendetwas über Plakate, Trolleybusse, eine Schandtafel.
Dann sagte Natascha: „Schau.“
Auf dem Bildschirm erschienen Gesichter. Oppositionspolitiker, Leute vom Maidan, dazu große Schrift: Schandtafel. Ihr Ziel – Anarchie und wirtschaftlicher Ruin. Verräter an den Interessen der Krim.
„Was ist das?“
„Das läuft bei uns.“
„Wo?“
„Auf Werbetafeln. Auf Bigboards. Und in den Trolleybussen.“
Ich glaubte zuerst, sie meine den Fernsehbericht.
„Nein“, sagte sie. „Diese Filme. Die zeigen sie in den Trolleybussen.“
Dann fielen die Namen. Leonid Pilunskyj. Oleksandra Dworezka. Und plötzlich zwei, die ich inzwischen kannte: Andrij Schtschekun und Serhij Kowalskyj.
„Das sind doch die beiden.“
Natascha nickte.
Die vom Euromaidan-Krim. Vor wenigen Tagen waren es für mich noch Namen am Telefon gewesen. Irgendein Kowalskyj. Schtschekun aus Bachtschyssaraj, der mit den ukrainischen Schulen. Jetzt waren ihre Gesichter im Fernsehen.
Und nicht nur dort.
Der Bericht ging weiter. In den Wohnvierteln, in denen die Aktivisten lebten, seien Flugblätter aufgetaucht. Schwarze Markierung stand darauf. Fotos, Namen – und ihre Adressen.
„Adressen?“
Natascha sah mich an. „Die schreiben hin, wo die wohnen.“
Ich drehte den Fernseher lauter.
Eine Frau sprach. Oleksandra Dworezka, Menschenrechtsaktivistin aus Simferopol. Auch ihr Gesicht wurde gezeigt, auch ihre Adresse war verbreitet worden. Sie erklärte, warum sie die Krim vorübergehend verlassen hatte. Man wisse nicht, wer so einen Zettel in die Hand bekomme, sagte sie. Wer ihr Foto sehe, ihren Namen, ihre Wohnungsnummer. Wer lese, sie sei eine Extremistin und an ihren Händen klebe das Blut getöteter Menschen. Sie fühle sich nicht mehr sicher.
Babuschka schimpfte etwas vor sich hin.
„Was soll das sein?“
Niemand antwortete.
Dann ging es um Korruption. Dworezka und ihre Organisation hatten immer wieder Fälle öffentlich gemacht. Jetzt stand die Frage im Raum, ob genau diese Leute deshalb zur Zielscheibe wurden. Ein Vertreter der Krim-Verwaltung kam zu Wort. Amerika, sagte er. USAID. Extremisten. Schulungen für Massenunruhen.
Ich sah Natascha an.
„Jetzt sind das Extremisten?“
Sie zuckte mit den Schultern.
Der Bericht lief weiter, aber ich hörte kaum noch hin. Mich beschäftigten diese Namen. Schtschekun. Kowalskyj. Vor ein paar Tagen hatte ich noch gefragt: Wer ist das? Jetzt wusste ich es. Und offenbar sollten auch alle anderen wissen, wer sie waren.
Sogar wo sie wohnten.
Später musste ich noch einkaufen. Ich nahm das Auto und fuhr durch Simferopol.
Und tatsächlich.
Da standen sie.
Große Plakatwände am Straßenrand. Eine davon fiel mir sofort ins Auge. Links ein riesiges rotes Stoppschild: СТОП майдан. Stoppt den Maidan.
Daneben eine Menschenmenge. Fahnen, Regenschirme, Rot, Blau, Gelb. Alles dicht zusammengedrängt, unruhig, chaotisch. Darunter in großen Buchstaben: КРЫМ за стабильность! Die Krim für Stabilität. Und noch größer: НЕТ! экстремизму! Nein zum Extremismus.
Ich nahm den Fuß vom Gas.
Gestern Kiew. Heute das.
Maidan. Extremismus. Dazwischen ein Stoppschild.
Ich fuhr weiter, dann kam das nächste Plakat und später noch eines. Es war etwas anderes, davon im Fernsehen zu hören. Hier stand es am Straßenrand. In meiner Stadt.
Wer vorbeifuhr, musste keinen Bericht gesehen haben. Musste nichts über die Gesetze in Kiew wissen, nichts über die Barrikaden, nichts darüber, wer dort warum auf der Straße stand. Zwei Sekunden genügten. Maidan war Chaos. Die Krim war Stabilität.
Ich dachte wieder an Schtschekun und Kowalskyj. An ihre Gesichter. An die Adressen.
Es ging nicht mehr nur darum, gegen etwas zu sein. Es wurde gesagt, gegen wen.
Ich fuhr weiter zum Einkaufen.
Was sollte es noch sein?
Brot und Eier.