JÄNNER 2014
Der Jänner auf der Krim begann mild. Keine Eiseskälte. Aber die Tage wirkten länger, als sie hätten sein sollen. Auf den Plätzen roch es nach Kastanien und Diesel, nach nassem Laub, das in den Ecken zu modern begann, und irgendwo darunter noch immer nach Süden, nach Meer.
In der Wohnung hingegen roch es nach Suppe, nach Babuschkas Teig und nach all dem, was zu diesen Tagen gehörte. Es war warm, beinahe behaglich, und noch hielt sich etwas von der Freude der vergangenen Tage.
Noch kurz zuvor war Silvester gewesen.
Nichts deutete darauf hin, dass sich unsere Welt verändern würde. Und doch lag etwas in der Luft – ein feines Surren, das man erst hörte, wenn es still wurde. Die Bilder der letzten Tage flimmerten weiter, selbst wenn niemand hinsah.
Sie waren unser ungebetener Gast.
Das neue Jahr hatte begonnen wie immer: mit Gläsern, Umarmungen, einem Zählen, das Ordnung versprach. Wenige Tage später folgte das orthodoxe Weihnachten. Einkäufe, Vorbereitungen, gedeckte Tische.
Man hielt sich daran, als ließe sich Zeit durch Wiederholung beruhigen.
Dann kam der vierte Jänner. Der Geburtstag unserer Tochter.
Wir feierten ihn so gut es ging. Uns war alles fast zu viel, aber dieser Tag gehörte ihr. Er verging stiller als sonst. Kein Fest im eigentlichen Sinn – eher eine Pflicht gegenüber dem Leben, das weiterlief und Aufmerksamkeit verlangte.
Die Tage reihten sich aneinander, wie im Kalender vorgesehen. Feiertage folgten auf Feiertage. Während in der Hauptstadt das Feuer hoch stand, blieb hier der Rhythmus bestehen.
Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Bedarf.
Man kochte, deckte den Tisch, brachte die Kinder ins Bett.
Man tat, was man tat, wenn man nicht wusste, was man sonst tun sollte.
Anderswo begann sich etwas zu lösen, das nicht mehr einzuholen war.
Hier hielt man fest.
07. JÄNNER
Am Morgen hatte Babuschka die Nachbarin gesehen.
Sie stand am Fenster und sah hinunter.
„Die geht in die Kirche.“
Das war zunächst nichts Besonderes. Es war der siebte Jänner, Weihnachten. Nur die Kirche wunderte sie.
„Nicht zu unserer.“
Später traf sie die Frau wieder. Im Stiegenhaus, mit einer Tasche in der Hand. Babuschka fragte natürlich.
„Wo warst du?“
„In der Kathedrale.“
„Bei den Ukrainern?“
„Ja.“
Am Abend erzählte sie es uns beim Essen.
„Stellt euch vor. Die haben dort für die Einheit der Ukraine gebetet.“
Natascha sah auf.
„Wer?“
„In der ukrainischen Kirche. Und danach waren dort diese vom Maidan.“
„Was haben die gemacht?“
Babuschka suchte nach dem Wort.
„Wertep.“
„Ein Krippenspiel?“
„Ja. Weihnachten eben.“
Sie erzählte weiter. Junge Leute, ein ukrainisches Krippenspiel, Leute vom Maidan. Nichts Großes. Nichts, worüber man länger hätte nachdenken müssen.
Aber dieser eine Satz blieb bei mir hängen.
Sie hatten für die Einheit der Ukraine gebetet.
Am siebten Jänner 2014.
Auf der Krim.
Später lief wieder der Fernseher. Bilder aus Kiew, Stimmen, Gesichter, dieselben Plätze wie in den Tagen zuvor. Manchmal sah niemand mehr richtig hin. Das Gerät lief einfach weiter.
Unser ungebetener Gast.
Und irgendwo zwischen Küche, Weihnachten und den Bildern aus Kiew begann etwas zusammenzurücken, das für uns noch nicht zusammengehörte.
Slavik, Nataschas Bruder, kam noch vorbei. Er brachte gemahlenen Mohn mit, und Babuschka freute sich. Ihr Sohn war da. An Weihnachten.
Wir standen in der Küche und redeten. Darüber, wie es uns ging, über die Kinder, über das Geschäft, über dieses und jenes. Alltägliches eben. Babuschka hantierte neben uns mit Tellern und Schüsseln, der Fernseher lief irgendwo im Hintergrund.
Irgendwann kam Kiew ins Gespräch.
„Das ist doch nicht gut, was dort passiert“, sagte Slavik. „Überhaupt nicht.“
„Hast du die Bilder gesehen?“, fragte ich.
„Natürlich. Aber das wird doch alles hochgepuscht.“
„Hochgepuscht?“
„Von 1+1. Von UT1. Von Kanal 5.“
Er zählte die ukrainischen Sender auf, als läge darin bereits die Erklärung.
Ich widersprach. Er widersprach mir. Nicht laut, nicht böse. Aber plötzlich sprachen wir nicht mehr über die Kinder oder das Geschäft. Wir sprachen über dieselben Bilder und sahen etwas anderes.
Babuschka bemerkte es sofort.
Mit einem Teller in der Hand bewegte sie sich zwischen uns, ganz selbstverständlich, als müsse sie nur irgendwo vorbei. Dann blieb sie stehen.
„Hört doch auf. Es ist Weihnachten.“
Sie hatte recht.
Slavik sah irgendwann auf die Uhr.
„Ich muss sowieso weiter. Zu Ludmilla. Und dann noch woanders hin.“
Wir umarmten uns kurz. Wie immer.
Nur war da etwas geblieben, das vorher nicht da gewesen war.
Später sprach ich mit Natascha darüber. Darüber, wie weit Kiew entfernt war und wie mühelos es trotzdem bis in unsere Küche gekommen war.
Sie hörte mir eine Weile zu.
„In einer Krise“, sagte sie schließlich, „verstehst du, wer zu dir, und vor allem wer für was steht.“
Am nächsten Morgen war nichts anders.
Slavik war weg, der Mohn noch da. Babuschka machte Frühstück. Die Kinder waren bei Freunden im selben Haus.
Und im Fernsehen lief Kiew weiter.
10. JÄNNER.
Kein Heldentum.
Eher ein Muss. Ein neuer Pass. Und das Bedürfnis, den Geruch zu prüfen. Ich wollte nicht mehr über Kiew sprechen, ohne Kiew gesehen zu haben.
Natascha rief mir noch nach: „Pass auf in Kiew.“
Ich nickte, als ließe sich Vorsicht einpacken wie ein Schal.
Der Flug ging am selben Tag hin und zurück.
Der Flieger war völlig leer – was selten war. Nur ich. Angelaufene Fenster, schaler Kaffee.
Ich nahm ein Taxi.
Der Fahrer fragte nicht nach dem Ziel. Er wusste es. Oder tat so. Ausländer wollten da hin.
Die Heizung lief zu heiß, das Radio rauschte, Stimmen verschwammen.
Durch die beschlagene Scheibe zog die Stadt vorbei wie ein Bild, das nicht scharf werden wollte.
Je näher wir kamen, desto langsamer wurde der Verkehr. Straßen waren gesperrt, Umleitungen improvisiert. Der Fahrer fluchte leise, stellte den Motor ab, wieder an. Schließlich hielt er an.
„Weiter geht es nicht“, sagte er. Nicht entschuldigend, eher feststellend.
Ich stieg aus.
Auf der Botschaft lag eine seltsame Stille.
Kein Wort darüber, was draußen geschah. Nur Formulare, Unterschriften, Nummern. Stimmen gedämpft, höflich, fern. Als ließe sich alles ordnen, solange es in Akten passte.
Ich war dort – und doch in einer anderen Welt.
Von dort ging ich zu Fuß weiter. Hinunter zum Bessarabski-Markt. Der Geruch von Fleisch und Orangen, nasser Stein, Stimmen, die nichts erklärten. Von dort weiter Richtung Kreschtschatyk.
Grau. Nass. Kalt.
Ich fühlte mich fremd, als gehörte ich nicht hierher. Zögernd, fast beschämt, tastete ich mich durch die Gassen. Die ersten Fahnen sah ich schon von weitem. Dann Rauch über den Dächern. Irgendwo sang jemand, erst kaum hörbar, dann wieder verschluckt vom Lärm der Straße.
Je näher ich kam, desto weniger ähnelte die Stadt jener aus dem Fernsehen.
Die Barrikaden zuerst. Reifen, Bretter, Säcke, zusammengetragenes Zeug, das hier plötzlich einen Zweck hatte. Dahinter Zelte, Planen, Kabel, Feuerstellen. Menschen gingen mit Bechern und Schüsseln an mir vorbei. Einer trug Holz. Ein anderer schleppte einen Sack. Jemand rief etwas, irgendwo schlug Metall auf Metall.
Und dieser Geruch.
Rauch. Nasse Wolle. Suppe. Holz. Kalter Asphalt.
Ich hatte Bilder davon gesehen. Viele. Aber Bilder rochen nicht.
Vor mir wuchs eine andere Stadt.
Keine Ansammlung von Demonstranten, wie ich sie aus dem Fernsehen kannte. Hier wurde gekocht, getragen, gekehrt, gewacht. Alte mit ernsten Gesichtern standen neben Studenten mit Helmen. Priester gingen zwischen den Zelten hindurch. Einer hielt ein Kreuz vor der Brust. Ein Mann wärmte seine Hände über einem Feuer. Zwei andere stritten darüber, wohin eine Kiste gehörte.
Kein Chaos.
Das überraschte mich vielleicht am meisten.
Alles schien seinen Platz zu haben, obwohl niemand diesen Platz geplant hatte. Küchen, Schlafstellen, Wachen, Wege durch die Zelte. Eine Ordnung, die entstanden war, nicht verordnet.
Ich blieb stehen.
Für einen Moment hatte ich das Gefühl, hier nicht hinzugehören. Andere hatten Nächte auf diesem Platz verbracht, hatten gefroren, waren geschlagen worden. Ich kam für ein paar Stunden, mit meinem neuen Pass in der Tasche und einem Rückflug am Abend.
Vielleicht war es das, was mich beschämte.
Der zentrale Weihnachtsbaum stand über allem wie ein Gerippe. Metall, überzogen mit Fahnen, Transparenten und Botschaften. Ein Weihnachtsbaum, der keiner mehr war. Darunter kehrte ein Mann Holzspäne vom Asphalt. Ganz ruhig. Hin und her. Als ließe sich mit einem Besen wenigstens ein kleiner Teil dieser Welt in Ordnung halten.
Fotografien hingen an Netzen. Ikonen lehnten neben Helmen.
Davor ein Käfig. Darin eine Puppe in Häftlingskleidung – der Präsident als Karikatur. Ich musste kurz lachen und wusste im selben Moment nicht, ob mir danach war.
Die Bühne wirkte kleiner als im Fernsehen.
Auch das irritierte mich.
„Stop political repression.“
Auf Englisch.
Für das Draußen.
Ich ging weiter und machte Bilder. Aber irgendwann merkte ich, dass ich das Telefon immer öfter sinken ließ.
Manches ließ sich nicht fotografieren.
Den Geruch nicht. Die Kälte in den Fingern nicht. Nicht die Selbstverständlichkeit, mit der Menschen hier Suppe austeilten, Holz trugen oder einfach blieben.
Und auch nicht dieses eigentümliche Gefühl, dass hier etwas entstanden war, das größer war als der Platz, auf dem ich stand.
Ich ging weiter, machte Bilder. Jeder Schritt schwer vom Wissen um das, was bereits geschah und was noch kommen konnte. Und zugleich leicht – getragen von der Gewissheit, dass diese Menschen mehr hielten als nur ihr eigenes Leben.
Später, am Flughafen Zhulyany: leere Sitzreihen, Neonlicht, das Schaben der Besen. Wieder fast leer.
Ich flog weg, doch der Rauch hing noch in meiner Kleidung.
Zurück auf der Krim stellte ich den Beutel mit Orangen auf den Küchentisch, zog die Jacke aus und legte das Telefon hin. Die Wohnung roch nach Suppe.
Babuschka fragte, ob es kalt gewesen sei.
„Es brennt“, sagte ich.
Sie verstand, ohne nachzufragen.
Später erzählte ich Natascha von Kiew. Von den Zelten, den Feuerstellen, den Menschen, der Ordnung zwischen den Barrikaden. Davon, wie anders alles gewirkt hatte als auf dem Bildschirm.
„Ich bewundere die“, sagte ich. „Ich könnte das nicht.“
Sie sah mich an.
„Was?“
„Dort bleiben. Nacht für Nacht. In der Kälte. Und nie wissen, was als Nächstes passiert.“
Ich erzählte ihr von den Studenten, den Alten, den Priestern, von den Männern, die Holz schleppten und Suppe verteilten. Von diesem Platz, der sich eingerichtet hatte, als müsse er noch lange bleiben.
11. JÄNNER
Der Winter in Simferopol war mild. Die Sonne stand über den Häusern, und ich genoss ihre Wärme, während ich mit unserem Hund durch die Straßen ging. Von der Kälte in Kiew war hier wenig zu spüren.
Und doch saß sie mir noch in den Knochen.
Zu Hause lief der Fernseher.
Ich sah dieselben Barrikaden, denselben Rauch, dieselben Menschen, zwischen denen ich gestern noch gestanden hatte. Aber aus der Perspektive der Kamera sah Kiew anders aus.
Geordneter vielleicht. Weiter weg. Die Kamera zeigte Ausschnitte, wechselte die Perspektive, rückte heran und wieder fort. Gestern hatte es keinen Bildrand gegeben. Ich hatte mich umdrehen können, hatte gehört, was hinter mir geschah, die Kälte gespürt, den Rauch gerochen, die Menschen neben mir gesehen. Jetzt entschied jemand anderes, wohin ich sah.
Das irritierte mich.
Gestern war ich dort gewesen. Heute sah ich zu.
Vielleicht war es genau dieser Unterschied, der mir zum ersten Mal bewusst machte, wie wenig ein Bild von dem festhalten konnte, was sich dort tatsächlich anfühlte.
Dann kam ein Anruf von einem Freund.
Er erzählte, auf der Krim hätten sie jetzt einen eigenen Stab des nationalen Widerstands organisiert. Maidan nannte sich das. Oder Euromaidan-Krim. So genau wusste er es selbst nicht.
Ich staunte.
„Wer? Und wie?“
„Irgendein Kowalskyj. Und Andrij Schtschekun.“
„Kennst du die?“, fragte ich Natascha.
„Schtschekun?“
Sie überlegte.
„Ja. Irgendwoher.“
„Wer ist das?“
„Der aus Bachtschyssaraj.“
Mehr kam zuerst nicht. Dann fiel es ihr wieder ein.
„Der mit den ukrainischen Schulen.“
„Lehrer?“
„Ja. Irgendwas mit ukrainischer Sprache. Der kommt, glaube ich, aus Lwow.“
Jetzt erinnerte ich mich auch dunkel. Ich hatte den Namen irgendwann bei Radio Swoboda gehört.
„Der lebt doch schon ewig hier.“
„Ja.“
Dann sah sie mich an.
„Der hat doch Ende November den Euromaidan hier mitorganisiert. Hast du das vergessen?“
Hatte ich.
Sechshundert Leute sollen damals in Simferopol gewesen sein.
Sechshundert.
Bis dahin war der Maidan für uns vor allem Kiew gewesen. Ich war gerade von dort zurückgekommen, hatte die Menschen gesehen, die Barrikaden, die Kälte gespürt. Und nun saß ich wieder in Simferopol und begriff langsam, dass das, was ich in Kiew zurückgelassen zu haben glaubte, längst auch hier angekommen war.
Jetzt hatte es Namen.
Kowalskyj. Schtschekun.
Und es war hier.
Es lag ohnehin längst dieses Gefühl im Raum, dass man etwas tun müsste. Dass Zuschauen nicht mehr genügte. Aber niemand wusste, was.
Man spendete, schrieb Nachrichten, redete mit Freunden. Manchmal schwieg man auch, weil man inzwischen nicht mehr wusste, mit wem man noch reden konnte. Nichts davon schien zu reichen.
Also wartete man. Nicht auf eine Entscheidung, eher auf ein Zeichen. Auf etwas, das dieses Schweigen beenden würde.
Worauf genau, wusste niemand.