Herbst-Winter 2013.
Es begann nicht mit Soldaten. Es begann mit einer Unterschrift, die plötzlich nicht mehr gesetzt werden sollte.
Am 21. November stoppte die Regierung von Ministerpräsident Mykola Asarow die Vorbereitungen für das Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union. Formal war es noch keine endgültige Absage. Janukowytsch hätte wenige Tage später in Vilnius noch unterschreiben können.
Aber es reichte.
Am selben Abend rief der Journalist Mustafa Nayyem über Facebook dazu auf, auf den Maidan zu kommen. Wer mit der Entscheidung nicht einverstanden war, sollte kommen. Heute Abend. Halb elf. Warm anziehen, Tee mitbringen.
Mehr war es eigentlich nicht. Keine Revolution. Kein Umsturz. Ein Treffpunkt.
Und sie kamen.
Zuerst ein paar Hundert. Später tausend, vielleicht zweitausend.
Wir sahen die ersten Bilder.
Ist das real?
Noch wusste niemand, was daraus werden würde.
Drei Tage später waren es Zehntausende. Vielleicht sechzigtausend, vielleicht hunderttausend, vielleicht mehr. Die Zahlen wechselten je nach Sender. Aber die Bilder nicht.
Der Platz war voll.
Noch immer ging es um dieses Abkommen mit Europa. Um die Entscheidung, die Vorbereitungen zur Unterzeichnung zu stoppen. Und noch immer bestand die Möglichkeit, dass Janukowytsch in Vilnius doch unterschreiben würde.
Er tat es nicht. Am 29. November war es endgültig.
Wir hatten es kommen sehen. Und trotzdem saßen wir da und konnten es kaum glauben.
Janukowytsch war nach Vilnius gefahren. Das Abkommen lag fertig da. Jahrelang war darüber verhandelt worden. Und nun unterschrieb er nicht.
Auch die Gesichter in Vilnius sprachen ihre eigene Sprache. Angela Merkel, José Manuel Barroso, Herman Van Rompuy. Gespräche bis zuletzt. Merkel trat auf Janukowytsch zu. Man sah die beiden miteinander reden. Später hörten wir ihren Satz: Man habe mehr erwartet.
Natascha und ich schauten einander an.
Das war es jetzt? Was für ein abgekartetes Spiel!
Damals konnten wir noch nicht wissen, was aus dieser nicht gesetzten Unterschrift werden würde.
In der folgenden Nacht kamen die Bilder, die alles veränderten.
Berkut.
Die Spezialeinheit der Miliz.
Schwarze Helme, Schilde, Schlagstöcke. Eine geschlossene Reihe rückte auf die wenigen Menschen zu, die noch auf dem Platz standen. Dann brach sie auf. Studenten liefen, andere lagen bereits am Boden. Männer in Uniform schlugen brutal weiter, auch auf jene, die kaum noch Widerstand leisteten. Menschen flüchteten über den Platz, manche bis zum Michaelskloster.
Wir sahen die Bilder und schauten einander an.
Was machen die da?
Unter ihnen waren auch Berkut von der Krim.
Von hier?!
Das erfuhren wir schnell.
Plötzlich war selbst das nicht mehr nur Kiew.
Am nächsten Tag telefonierte man. Man schickte sich Videos. Jeder hatte etwas gesehen, jeder wusste etwas. Eltern sahen ihre Kinder. Andere sahen einen Staat, der glaubte, ein paar Studenten einfach von einem Platz prügeln zu können.
Da ging es plötzlich nicht mehr nur um Europa.
Und dann kam der 1. Dezember.
Hunderttausende.
Eine halbe Million vielleicht. Manche sprachen von noch mehr. Die genaue Zahl war plötzlich nebensächlich. Man sah die U-Bahnen, die Straßen, den Maidan. Menschen kamen aus anderen Städten. Eltern kamen. Alte. Studenten. Arbeiter.
Fahnen und Menschen, soweit die Kamera reichte.
Wir saßen auf der Krim vor dem Fernseher.
Ist das noch derselbe Protest?
Nein.
Da war etwas passiert.
Kiew war plötzlich überall.
Man sah diese Bilder und verstand zunächst gar nicht, was ihre Größe bedeutete. So viele Menschen hatte die Ukraine seit der Orangenen Revolution nicht mehr auf der Straße gesehen.
Und wir saßen auf der Krim und sahen zu. Fernsehen, Radio, Internet. Ukrainische Sender, russische Sender, internationale Nachrichten.
Dasselbe Land, dieselben Bilder – und immer weniger dieselbe Geschichte.
Vorne standen plötzlich Männer, deren Namen nun jeden Tag fielen. Klitschko. Jazenjuk. Tjahnybok. Luzenko. Sie sprachen, wurden beklatscht, ausgebuht, unterbrochen. Forderungen wurden gestellt, verschärft, wiederholt: Rücktritt der Regierung, Neuwahlen, Freilassung der Verhafteten. Aber bald merkte man, dass der Platz größer war als seine Politiker. Die Menschen waren nicht gekommen, weil Klitschko sie gerufen hatte.
Sie waren schon da.
Vielleicht war genau das neu.
Man wartete nicht mehr darauf, dass jemand sagte, was zu tun war.
Man tat es.
Zelte entstanden, Küchen, Schlafplätze, medizinische Versorgung. Brot wurde gebracht, Speck, Tee, warme Kleidung. Priester standen zwischen den Menschen, andere schleppten Holz, irgendjemand kehrte den Platz.
Es entstand Ordnung.
Nicht von oben.
Einfach so.
Vielleicht war gerade das für Moskau gefährlicher als der Protest selbst.
Am 8. Dezember wieder diese Bilder. Menschen, soweit die Kamera reichte. Der Marsch der Millionen, nannten sie ihn. Vielleicht war es keine Million. Es spielte keine Rolle. Hunderttausende genügten, um zu sehen, dass hier etwas entstanden war, das sich nicht mehr einfach wegschicken ließ.
Am Abend fiel Lenin. Auch das sahen wir. Menschen auf dem Sockel, Seile, Fahnen, Jubel. Ein Denkmal fällt schnell. Was mit ihm fällt, braucht länger.
In Moskau verstand man das vermutlich besser als wir. Dort änderte sich die Sprache. Man sprach von Umsturz, von Nationalisten, von Bandera, von Faschisten. Und immer wieder von Chaos.
Vor allem dieses Wort blieb hängen.
Chaos.
Irgendwann hörte man es auch bei uns.
Was ist dort los? Warum gehen die nicht nach Hause? Wer bezahlt das? Was wollen die eigentlich? Was, wenn das außer Kontrolle gerät?
Im lokalen und russischen Fernsehen hörte man es zuerst. Dann wurde es zum Echo. Es ging auf die Straße, in die Häuser, in die Gespräche und schließlich in die Köpfe:
Das sind doch alles bezahlte Provokateure.
Ein Mythos, der sich bis heute hält. Und als hätte die Behauptung allein nicht genügt, bekam sie Zahlen und Bilder. 200 Hrywnja. 350 Hrywnja am Tag. Rund 44 Dollar waren das damals. Für ukrainische Verhältnisse genug, damit es glaubwürdig klang.
Und es gab die Bilder dazu.
Menschen standen an, Geld wurde ausgeteilt, Scheine wechselten die Hände. Ich kannte solche Bilder. Wir kannten diese Praxis. Titushki. Bezahlte Männer, angeworben und herangekarrt, wenn man Leute brauchte, die provozierten, einschüchterten oder zuschlugen. Und nun sah ich Bilder dieser Art im Fernsehen wieder – nur mit einer anderen Erklärung. Jetzt sollten sie beweisen, dass der Maidan bezahlt wurde.
Das störte mich.
Nicht einmal, weil ich ausschließen wollte, dass dort irgendjemand irgendwann Geld angenommen hatte. Natürlich konnte es das geben. Bei Hunderttausenden Menschen wäre es vermessen gewesen, das Gegenteil zu behaupten. Nur erklärte es nicht, warum Hunderttausende kamen und blieben.
Aber ich war dort. Ich sprach mit vielen. Nicht mit zwei oder drei. Mit vielen. Studenten, Arbeitern, älteren Menschen, Leuten aus Kiew und solchen, die von weit her gekommen waren. Ich fragte nach. Ich hörte zu. Nur einen, der mir sagte, er bekomme Geld dafür, dort zu stehen, fand ich nicht.
Und trotzdem genügte irgendwann ein Bild. Dazu eine Zahl: 350 Hrywnja am Tag.
Anfangs war es noch eine Frage gewesen: Wer bezahlt die?
Bald war es keine mehr.
Die werden bezahlt.
Anders könne es gar nicht sein. Wer würde freiwillig im Winter auf einem Platz stehen, dort schlafen, frieren, Tag für Tag, Woche für Woche?
Dass Menschen genau das freiwillig tun könnten, weil ihnen etwas wichtig genug war, kam in dieser Vorstellung kaum noch vor.
Also musste jemand dahinterstehen. Das Ausland. Amerika. Die NATO. Der Westen. Je nachdem, wer gerade sprach.
Es war die Entwertung einer ganzen Bewegung. Wer bezahlt wurde, musste kein Anliegen mehr haben. Keine Überzeugung. Keinen Grund, dort zu stehen. Geld genügte als Erklärung.
Und wer innerlich ohnehin auf der Seite Russlands stand, dem gefiel, was er hörte.
Bezahlt.
Das passte.
Man musste nicht mehr fragen, warum diese Menschen dort standen. Man musste ihnen nicht zuhören. Man musste sich nicht einmal vorstellen, dass sie etwas wollten, das man selbst nicht wollte.
Das Bild war fertig.
Und es passte in das selbst gestrickte Muster.
Vielleicht fiel uns diese Veränderung gerade deshalb so auf, weil die Krim bis dahin anders funktioniert hatte. Russisch, ukrainisch, sowjetisch, manchmal alles gleichzeitig. Man stritt, schimpfte über Kiew, schwärmte von Moskau, und am nächsten Tag ging man wieder gemeinsam zur Arbeit.
Nun begann sich etwas zu verändern.
Erst in den Nachrichten. Dann in den Gesprächen.
Maidan. Bandera. Faschisten. Chaos. Extremisten. Vom Westen bezahlte Putschisten.
In den Bussen liefen Videos aus Kiew. Vermummte Männer, Barrikaden, Rangeleien, Polizeiketten. Dieselben Bilder, die wir sahen. Nur mit einer anderen Geschichte darunter.
Und irgendwann blieb diese Geschichte nicht mehr im Fernseher. Sie saß mit am Küchentisch. Fuhr im Bus mit. Stand vor den Werkshallen.
Plötzlich verriet ein Satz mehr als früher.
Und gerade auf der Krim bedeutete das etwas.
Denn die Krim war kein Russland. Das sagten selbst jene Russen, die hierherkamen. Aber sie war russischer als viele andere Teile der Ukraine, näher an Moskau, voller sowjetischer Erinnerung und zugleich ukrainischer, als sie es sich manchmal selbst eingestand. Nicht unbedingt in Symbolen. Im Alltag.
Vielleicht hatte sie gerade deshalb so lange funktioniert.
Man konnte Russisch sprechen und einen ukrainischen Pass haben. Russische Sender sehen und seine Steuern nach Kiew zahlen. In Sewastopol die russische Flotte sehen und in Simferopol ukrainische Behörden. Man konnte sich als Russe fühlen, Ukrainer sein, Sowjetmensch geblieben sein oder sich für die ganze Frage überhaupt nicht interessieren.
Das alles passte irgendwie nebeneinander.
Nun schien dieses Nebeneinander schwieriger zu werden.
Plötzlich wurde wichtiger, wie jemand über den Maidan sprach.
Und selbst die Sprache bekam langsam eine Bedeutung, die sie vorher nicht gehabt hatte.
Auf der Krim sprachen wir vor allem Russisch. Wir sprachen Russisch. Andere Ukrainisch, Krimtatarisch, Armenisch. Sprachen, Herkunft und Familiengeschichten lagen übereinander, oft im selben Freundeskreis, manchmal in derselben Familie.
Russisch war Alltag, nicht Bekenntnis.
Eine Sprache, die aus Fenstern und Radios drang, in der man einkaufte, stritt, liebte, Geschäfte machte.
Und damit waren wir nicht einmal außergewöhnlich. Auch in Odessa, Charkiw und Dnipropetrowsk bestimmte Russisch große Teile des städtischen Alltags. Selbst in Kiew hörte man es überall. Ukrainisch war die Staatssprache. Aber Sprache und Staat waren zwei verschiedene Dinge.
Russisch zu sprechen bedeutete nicht, Russe sein zu wollen. Und Ukrainer zu sein bedeutete nicht, Ukrainisch sprechen zu müssen.
Das war für uns selbstverständlich.
Auch auf der Krim war die Nähe zu Russland nicht überall gleich.
In Sewastopol war Moskau näher als bei uns in Simferopol. Die russische Schwarzmeerflotte lag dort im Hafen, sowjetische Geschichte war Gegenwart geblieben. Man sprach von Russland wie von einem Verwandten, den man gut kannte.
Simferopol war anders. Keine schöne Stadt, keine stolze. Eine notwendige. Verwaltung statt Mythos. Hier liefen die Fäden der Halbinsel zusammen.
Hier lebten wir.
Und die Bilder aus Kiew gingen weiter.
In der Nacht vom 10. auf den 11. Dezember wieder Berkut, Sicherheitskräfte, Barrikaden. Menschen wurden alarmiert und kamen zurück auf den Platz. Die Glocken des Michaelsklosters läuteten mitten in der Nacht.
Und wieder saßen wir davor.
Man begann die Uhrzeit zu vergessen. War das noch heute oder schon morgen? Man ging schlafen und wusste nicht, was am Morgen noch stehen würde. Wir telefonierten rund um die Uhr, schickten Hilfe, fragten nach, wer dort war, was gebraucht wurde, was passiert war.
Gleichzeitig kamen Menschen nach Kiew, die man sonst nur aus den Nachrichten kannte. Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton ging über den Maidan. Victoria Nuland aus Amerika stand zwischen den Demonstranten und verteilte Essen. Dann John McCain, ein amerikanischer Senator auf einer Bühne in Kiew, neben ihm die ukrainische Opposition.
Innerlich applaudierten wir.
Aber inzwischen war dieser Platz zu einem internationalen Schauplatz geworden. Moskau sah hin, Brüssel sah hin, Washington sah hin.
Wir sahen hin.
Und jeder sah etwas anderes.
Am 17. Dezember flog Janukowytsch nach Moskau. Putin bot Milliarden. Fünfzehn Milliarden Dollar für ukrainische Staatsanleihen, dazu billigeres Gas. Wieder Zahlen auf dem Bildschirm: Milliarden, Gaspreise, Kredite, Zollunion, Europa, Russland. Als ließe sich das, was draußen auf der Straße geschah, noch in einer Tabelle lösen.
Es sollte beruhigen.
Es tat das Gegenteil.
Kurz vor Weihnachten hatte sich der Maidan eingerichtet. Die Menschen gingen nicht nach Hause. In Kiew standen Barrikaden, im Süden und Osten entstanden Gegendemonstrationen. Und auf der Krim diskutierte man. Beim Essen, im Auto, im Büro, am Telefon.
Warum gehen die nicht nach Hause? Wie lange soll das noch gehen? Was, wenn das außer Kontrolle gerät?
Manchmal hatte ich den Eindruck, dass manche ihre Courage bewunderten, ohne selbst bereit zu sein, diesen Weg zu gehen. Andere verdammten sie längst. Und viele schwiegen sich langsam in eine Haltung hinein, die immer offizieller klang.
Ich weiß nicht mehr, wann ich zum ersten Mal merkte, dass es längst nicht mehr nur um Kiew ging. Vielleicht merkt man solche Dinge nie in dem Moment, in dem sie beginnen. Ein Satz klingt noch wie eine Meinung. Dann hört man ihn wieder. Am nächsten Tag noch einmal. Von jemand anderem. Bis etwas selbstverständlich geworden ist, das wenige Wochen zuvor noch erklärt werden musste.
So verging der Dezember. Nicht als Übergang, sondern als Zustand.
Protest wurde Alltag, Anspannung Gewohnheit.
Und wir lebten weiter.
Wir arbeiteten, kauften ein, hatten Kinder, schickten Hilfe, telefonierten. Rund um die Uhr. Wir brachten die Kinder ins Bett. Und der Fernseher lief. Morgens Nachrichten, abends Nachrichten, dazwischen Nachrichten. Wer kam dazu? Wer trat auf? Was hatte Moskau gesagt? Was Brüssel? Was Janukowytsch?
Man ging am Fernseher vorbei und blieb wieder stehen.
Was ist passiert?
Noch nichts.
Eine Stunde später dieselbe Frage.
Und?
Noch immer nichts.
Dann kamen die Autos.
Der Automaidan.
Nach der Gewalt gegen die Studenten hatten sich Menschen mit ihren Autos organisiert. Sie brachten Demonstranten zum Maidan, transportierten Lebensmittel und Material. Bald fuhren sie nicht mehr nur zum Maidan.
Sie fuhren dorthin, wo die Macht saß.
Oder wohnte.
Am 29. Dezember sahen wir die Bilder einer Autokolonne, die von Kiew hinaus nach Meschyhirja fuhr, zu Janukowytschs abgeschirmter Residenz nördlich von Kyjiw. Mehr als tausend Autos sollen es gewesen sein, vielleicht weit mehr. Ukrainische Fahnen, europäische Fahnen, Hupen. Kilometerlang zog sich die Kolonne über die Straße.
Die Menschen warteten nicht mehr darauf, dass die Macht zu ihnen auf den Maidan kam.
Sie fuhren zu ihr.
Vor Meschyhirja war Schluss. Polizei, Lastwagen, Absperrungen, Berkut. Einige hundert Meter vor der Residenz kam die Kolonne zum Stehen.
Janukowytsch blieb hinter seinen Mauern.
Wir sahen diese endlose Reihe von Autos.
Der Maidan hatte Räder bekommen.
Die letzten Tage des Dezembers waren schwer.
Natascha saß vor ihrem Computer und dem Handy. Ich vor meinem. Babuschka vor dem Fernseher.
Eigentlich waren wir alle nur noch platt.
Was sich in den vergangenen Wochen und besonders in den letzten Tagen ereignet hatte, war schwer zu ertragen. Manchmal waren wir wütend. Manchmal kamen nur noch die Tränen. Dann wieder Hoffnung. Und manchmal dieses eigenartige Gefühl, selbst ein wenig Teil von etwas zu sein, obwohl wir achthundert Kilometer entfernt auf der Krim saßen.
Es war wie ein Film, den niemand ausschalten konnte.
Nur dass es keiner war.
Natascha traf es härter. Es war ihr Land, ihr Volk. Sie litt, war wütend und gleichzeitig ein wenig stolz auf das, was dort geschah. Auf diese Menschen, die nicht einfach nach Hause gingen.
Wir wurden verraten.
Verkauft.
So fühlte es sich an.
Viele unserer Freunde saßen genauso vor ihren Bildschirmen. Wir schrieben einander, telefonierten, schickten Nachrichten und Bilder weiter. Andere schwiegen.
Überhaupt wurde es stiller miteinander.
Irgendwie war jeder mehr bei sich.
Auch auf dem Schulhof, wenn wir die Kinder zum letzten Schultag abholten, wurde über den Maidan gesprochen. Aber anders. Vorsichtiger. Man sagte etwas, wartete auf die Reaktion des anderen und wusste oft schon nach einem Satz, wie weit man weiterreden konnte.
Fast wie ein Lackmustest.
Denn auf der Krim war da immer auch Russland.
Nicht die Frage, wem die Krim gehörte. Das war für uns klar. Wir lebten in der Ukraine.
Die Krim war Ukraine.
Aber dieses Schaukeln zwischen der Ukraine und Russland kannten wir seit Jahren. In den Familien, in der Sprache, in den Nachrichten, in den Köpfen. Mal zog es stärker in die eine Richtung, mal in die andere. Meist hatte man gelernt, damit zu leben.
Der Maidan brachte Bewegung hinein.
Plötzlich verriet ein Satz mehr als früher. Man merkte, wer mitfieberte. Wer ablehnte. Wer lieber schwieg.
Und viele versuchten, das Gleichgewicht zu halten.
Auch wir waren müde. Emotional erschöpft und vollkommen eingenommen von dem, was wir sahen.
Viel Kraft war nicht mehr da.
Es war Ende Dezember.
Und für den Moment reichte es einfach.