ZENTRUM OHNE NÄHE

Ein Staat kann stark sein und sich doch nicht gehören.

Moskau ist ein Staat im Staat. Eigentlich sind es mehrere. Regierung, Präsidialadministration, Duma, Dienste, Ministerien, große Unternehmen, Armee – jeder hat seinen Bereich, seine Leute, seine Interessen. Alle arbeiten für dasselbe Zentrum und zugleich gegeneinander.

Von außen sieht man davon wenig. Aus den Regionen erst recht. Dort wird aus den vielen Moskaus ein einziges. Ein Punkt auf der Landkarte, an dem alles zusammenläuft.

Aber Moskau ist mehr als Macht. Moskau ist eine Vorstellung. Vielleicht der Ort, an dem Russland sich selbst am liebsten betrachtet.

Das merkt man an denen, die zum ersten Mal dort sind. Selbst russische Besucher stehen auf dem Roten Platz und schauen. Der Kreml, die Mauern, die Türme, die Kirchen. Man kennt die Bilder seit der Kindheit und steht plötzlich davor.

Natürlich ist das Inszenierung. Aber Inszenierung funktioniert nur, wenn etwas vorhanden ist, das sich inszenieren lässt.

Moskau wirkt nicht durch Nähe, eher durch das Gegenteil. Da ist etwas Kühles in dieser Macht, etwas Erhabenes, Exaktes, manchmal beinahe Unnahbares. Die Mauern, die großen Räume, die langen Wege, die Wachen, die Rituale. Selbst die Entfernung scheint Teil davon zu sein. Vielleicht ist manches bewusst inszeniert, anderes einfach entstanden. Wahrscheinlich lässt sich das längst nicht mehr trennen.

Entscheidend ist, was es erzeugt.

Dem Zentrum muss man nicht nahekommen. Es genügt zu wissen, dass es da ist. Erhabenheit braucht Abstand. Aus der Nähe sieht man Fugen, Menschen, Fehler. Aus der Entfernung sieht man Form.

Vielleicht gilt das auch für Macht.

Gerade aus den Regionen ist Moskau deshalb nah und fern zugleich. Zweitausend Kilometer entfernt und jeden Abend im Wohnzimmer. Man sieht den Kreml häufiger als das Verwaltungsgebäude der eigenen Oblast. Man kennt seine Säle, seine Tore, seine Paraden. Man kennt vielleicht nicht die Menschen, die dort Entscheidungen vorbereiten, aber man kennt die Bilder, vor denen diese Entscheidungen verkündet werden.

Im Dorf bleibt das Zentrum abstrakt. Die Straße bröckelt, die Jungen gehen, der Laden schließt früher als früher. Moskau ist weit weg, vielleicht weiter, als die Kilometer vermuten lassen.

Und trotzdem ist es da.

Aus der Entfernung verschwinden die Einzelheiten. Man sieht nicht Regierung, Duma, Präsidialadministration und Dienste, nicht ihre Interessen und Kämpfe. Man sieht Moskau. Das Zentrum wird umso eindeutiger, je weniger man von ihm sieht.

Dort ist das Geld, dort wird gebaut, dort sind die hohen Gehälter. Moskau nimmt sich die Besten. Man kann darüber schimpfen und trotzdem stolz darauf sein. Man beneidet Moskau als Ort und braucht es zugleich als Vorstellung. Seine Größe kann als die eigene empfunden werden, obwohl man an ihr kaum teilhat.

Vielleicht liegt darin auch eine Sehnsucht nach Macht. Nicht unbedingt danach, selbst mächtig zu sein. Es genügt, dass Macht irgendwo vorhanden ist. Dass irgendwo jemand sitzt, der kann. Dass irgendwo entschieden und das Ganze zusammengehalten wird.

Man verlässt sich auf Moskau, während man selbst verlassen ist.

Dann genügt manchmal ein Ereignis. Bilder, Fahnen, ein neues „unser“. Für einen Moment reicht eine unsichtbare Linie vom Dorf bis ins Zentrum. Man gehört dazu, nicht durch Mitwirkung, sondern durch Ereignis. Man fühlt Verbindung, ohne im eigenen Leben etwas verändern zu müssen.

Darin liegt eine besondere Form politischer Nähe. Sie verlangt keine Teilhabe.

Macht braucht nicht unbedingt Nähe. Vielleicht braucht sie sogar Distanz. Ein nahes Zentrum müsste sich erklären. Man könnte ihm widersprechen, seine Schwächen sehen, seine Menschen kennenlernen. Man würde entdecken, dass dort ebenfalls gezögert, gestritten, taktiert und improvisiert wird.

Das ferne Zentrum muss sich weniger erklären.

Es kann bedeuten.

Aus der Nähe zerfällt das eine Moskau in viele Moskaus. Aus der Ferne setzt es sich wieder zusammen: der Kreml, der Präsident, die Fahne, die Geschichte. Und irgendwann nur noch Moskau.

Dahinter liegt auch die Erinnerung daran, was geschieht, wenn das Zentrum nicht mehr hält. Von der Smuta bis zum Zerfall der Sowjetunion kehrt dieselbe Erfahrung in unterschiedlichen Formen zurück: Schwäche des Zentrums bedeutet nicht automatisch Freiheit. Sie kann auch bedeuten, dass niemand mehr weiß, was hält.

Lieber Ordnung bewahren als Macht neu verteilen.

Vielleicht erklärt das auch, warum diese Ordnung nicht allein von Moskau diktiert werden muss. Sie verteilt sich im Land, weil genügend Menschen innerhalb des Systems von ihr profitieren.

Der Gouverneur gibt Macht nach oben ab und erhält dafür Macht nach unten. Solange Moskau weit genug entfernt ist, kann er in seinem Gebiet beinahe König sein. Seine Legitimation kommt von oben, seine Herrschaft findet unten statt.

Moskau nimmt ihm Souveränität und gibt ihm dafür Herrschaft.

Und wenn etwas nicht funktioniert, ist das Zentrum weit genug entfernt, um schuld zu sein. Das Geld kam nicht. Das Ministerium hat entschieden. Die Vorgaben waren falsch.

Nur der Zar kann merkwürdig unberührt bleiben. Man kann über Moskau schimpfen und trotzdem glauben, dass ganz oben einer sitzt, der Ordnung schaffen würde, wenn er nur wüsste, was unten geschieht. Je weiter Verantwortung nach oben wandert, desto weniger greifbar wird sie.

So verteilt sich Macht, während Verantwortung verschwindet. Das Zentrum muss dafür nicht alles kontrollieren. Es braucht genügend Mitspieler, die von seiner Entfernung ebenso leben wie von seiner Stärke.

Vielleicht ist das die eigentliche Leistung dieses Zentrums: Es ist überall und muss nirgendwo nahe sein.

Seine Ferne ist kein leerer Raum zwischen Moskau und den Regionen. Sie gehört zur Macht selbst.

Und sie ermöglicht etwas Merkwürdiges. Der Einzelne kann politisch bedeutungslos bleiben und sich dennoch der Bedeutung des Ganzen zugehörig fühlen. Er besitzt die Macht nicht. Aber er kann ihre Größe als seine empfinden.

Geliehene Größe.

Vielleicht hält sie gerade deshalb so gut. Sie verlangt keine Mitwirkung, keine Verantwortung und nicht einmal persönlichen Gewinn. Es genügt, zu einem großen Ganzen zu gehören.

Denn das Individuum ist verlassen.

Das Wir ist es nicht.