WER FÜHRT HIER EIGENTLICH KRIEG ?

Lange sprach man von Russland, als wäre damit alles gesagt: ein Land, eine Geschichte, eine Entscheidung. Doch je länger dieser Krieg dauert, desto deutlicher zeigt sich eine Irritation. Worte und Handlungen passen nicht mehr zusammen, Opfer und Nutzen ebenso wenig wie Risiko und Verantwortung.

Man spürt, dass etwas kämpft – aber es bleibt unklar, wer.

Diese Unschärfe ist kein Mangel der Analyse. Sie ist Teil des Geschehens.

Kriege haben normalerweise ein Subjekt: einen Staat, eine Führung, ein erklärtes Ziel. Auch dieser Krieg hat selbstverständlich Verantwortliche, Entscheidungen und Befehle. Und doch reicht die einfache Zuordnung irgendwann nicht mehr aus. Zwischen Befehl und Folge, zwischen Entscheidung und Preis liegt ein Raum, in dem Verantwortung zerfällt und die Handlung trotzdem fortgesetzt wird.

Ist es das Volk? Millionen können einen Krieg tragen, ohne ihn beschlossen zu haben. Sie kämpfen, produzieren, schweigen, rechtfertigen, verlieren Söhne und erhalten Entschädigungen. Aber Völker sitzen nicht an einem Tisch und beschließen den Angriff.

Ist es eine Idee – Größe, Geschichte, Auftrag? Ideen können Herrschaft tragen, solange sie etwas erklären. Doch irgendwann erklären sie nicht mehr. Sie werden wiederholt.

Ist es eine Gruppe von Männern mit gemeinsamer Vergangenheit, Zugriff auf Macht und einem Interesse an deren Dauer? Sicher spielt sie eine Rolle. Aber auch Gruppen handeln nicht im Namen der Geschichte. Sie benutzen sie.

Vielleicht liegt die Antwort deshalb weniger in einem einzelnen Handelnden als in dem System, das diese Handelnden hervorgebracht haben.

Ein System, das gelernt hat, auf Veränderung mit Kontrolle zu reagieren. Was sich entzieht, wird zurückgeholt. Was widerspricht, wird unterdrückt. Was sich nicht unterdrücken lässt, wird zum Feind erklärt. Aus einer politischen Methode wird mit der Zeit ein Reflex.

Auch die Macht selbst veränderte sich auf diese Weise. Sie wurde nicht in einem einzigen Augenblick genommen, sondern schrittweise der Möglichkeit ihres Verlustes entzogen: Institution für Institution, Medium für Medium, Gericht für Gericht. Opposition wurde begrenzt, absorbiert, vertrieben oder ausgeschaltet. Wahlen blieben, aber die Bedingungen veränderten sich. Verantwortung wanderte nach oben, während sie sich zugleich auf dem Weg dorthin auflöste.

Am Ende entscheidet einer – und trotzdem scheint niemand verantwortlich zu sein.

Vielleicht ist gerade das die vollkommenste Form eines solchen Systems.

Der Soldat hat Befehl. Der Offizier ebenfalls. Der Beamte erfüllt Vorschriften. Der Journalist erklärt. Der Unternehmer liefert. Der Zuschauer sieht zu. Jeder ist Teil der Bewegung und kann zugleich behaupten, sie nicht begonnen zu haben.

So entsteht ein Krieg, der einen Urheber hat und dennoch von einem ganzen Apparat getragen wird.

Je länger er dauert, desto stärker verändert er diesen Apparat. Scheitern, Bedeutungsverlust und die Kosten des Krieges müssen erklärt werden. Der äußere Gegner übernimmt dabei eine immer größere Funktion. Er ist nicht mehr nur derjenige, gegen den gekämpft wird. Er wird zum Grund dafür, warum weitergekämpft werden muss.

Damit verändert sich auch der Hass. Er richtet sich irgendwann nicht mehr allein gegen Soldaten oder eine Regierung, sondern gegen die Möglichkeit, dass die Ukraine als etwas Eigenes fortbesteht: mit ihrer Sprache, ihrer Erinnerung, ihren Entscheidungen und ihrer Zukunft.

Zerstörung wird dann nicht nur militärisch in Kauf genommen. Sie kann selbst Teil der Vorstellung von Lösung werden. Wenn das Andere nicht zurückkehrt, soll wenigstens seine Eigenständigkeit verschwinden.

Hier berührt Krieg etwas, das über die Eroberung von Territorium hinausgeht.

Und genau hier kehrt die Frage zurück:

Wer führt diesen Krieg?

Nicht „die Russen“. Eine solche Antwort wäre ebenso bequem wie falsch. Aber auch die Vorstellung einer kleinen Gruppe, die einen ansonsten unbeteiligten Staat gegen seinen Willen bewegt, reicht nicht mehr aus.

Es ist eine Herrschaft, die sich einen Staat untergeordnet hat, ein Apparat, der ihre Entscheidungen ausführt, und eine Gesellschaft, deren Teile sich auf sehr unterschiedliche Weise daran beteiligen – durch Überzeugung, Anpassung, Angst, Vorteil, Gleichgültigkeit oder Schweigen.

Aus diesem Zusammenspiel entsteht ein Zustand, der mehr ist als die Summe seiner Beteiligten.

Und dieser Zustand kann sich irgendwann selbst erhalten.

Denn ein Ende des Krieges wäre nicht einfach Stillstand. Es würde Fragen zurückbringen, die der Krieg verdrängt: Wer hat entschieden? Wer hat profitiert? Wer hat getötet? Wer hat geschwiegen? Wofür?

Solange der Krieg dauert, lassen sich diese Fragen vertagen.

Gewalt kann noch als Notwendigkeit erzählt werden. Opfer können Sinn erhalten. Scheitern kann dem Feind zugeschrieben werden. Selbst Verlust wird zum Beweis dafür, dass man weitermachen muss.

Krieg wird so zum Mittel der Selbststabilisierung.

Nicht weil Russland Krieg braucht.

Sondern weil eine Ordnung entstanden ist, für die Frieden gefährlicher werden kann als Krieg.

Im Krieg darf sie fordern, bestrafen, mobilisieren und erklären. Im Frieden müsste sie antworten.

Vielleicht liegt darin die Bedeutung dieses eigentümlichen Rufes:

Goida.

Nicht Sieg.

Nicht einmal Zukunft.

Bewegung.

Nur weiter.

Die Realität zeigt, dass das möglich ist.

Schon wieder.