FEINDE? WELCHE FEINDE?
Russland wiederholt es wie einen Reflex:
Niemand kann uns besiegen – außer wir uns selbst.
Ein Satz wie eine Warnung. Und wie eine Ausrede. Dabei liegt er vielleicht näher an der Wahrheit, als beabsichtigt.
Russlands Geschichte ist weniger eine Abfolge äußerer Niederlagen als auch eine Geschichte selbst erzeugter Zusammenbrüche. Imperien scheitern selten nur an Invasionen. Sie scheitern an Erstarrung, Überdehnung und an der Unfähigkeit, Wandel zuzulassen.
Doch was im Inneren entsteht, lässt sich dort schwer bekämpfen. Angst, Zweifel, das Misstrauen gegenüber der eigenen Schwäche brauchen einen Namen, und leichter als die eigene Ordnung lässt sich ein äußerer Gegner benennen.
Im öffentlichen Ton wird daraus ein Mantra:
Wir haben nie angegriffen.
Wir haben nie verloren.
Wir haben die Faschisten besiegt.
Geschichte wird nicht verarbeitet, sondern immer wieder so ausgelegt, dass sie in die Gegenwart passt. Besiegt zu werden heißt Opfer. Zu siegen heißt Sendung. Dazwischen bleibt wenig Platz.
Vielleicht braucht es deshalb immer wieder einen Gegner, damit das eigene Scheitern nicht zu lange betrachtet werden muss.
Die NATO eignete sich dafür hervorragend.
Nicht jede russische Sorge über ihre Ausdehnung muss erfunden gewesen sein, damit sie politisch nutzbar wurde. Entscheidend ist etwas anderes. Staaten, die früher zum sowjetischen Machtbereich gehört hatten, entschieden zunehmend selbst, wohin sie gehören wollten. Wer eine „Zurückdrängung der NATO auf den Stand von 1997“ fordert, verlangt deshalb mehr als militärische Sicherheit. Er verlangt die Wiederherstellung eines Raumes, in dem die Entscheidungen anderer Staaten nicht allein deren Entscheidungen sein sollen.
Gerade darin lag das Problem.
Ein mir gut bekannter General lebte damals auf der Krim, längst pensioniert. Eines Abends standen wir oberhalb des Hafens von Sewastopol. Er zeigte auf die Schiffe – rostige Rümpfe, schief liegende Decks, Bewegung ohne Ziel – und sagte leise:
„Wir dachten immer, wir verteidigen uns gegen Feinde. Dabei haben wir nur verhindert, dass jemand hinsieht.“
Es war kein Geständnis. Eher eine Feststellung.
Vielleicht fürchtete Russland an der NATO deshalb nie nur ihre Waffen. Gefährlich war auch das Prinzip dahinter: dass souveräne Staaten Entscheidungen treffen und sich anschließend so aneinander binden können, dass daraus eine Grenze entsteht.
Nicht aus Zwang, sondern aus Entscheidung.
Gerade deshalb eignet sich die NATO so gut als Bedrohungsnarrativ. Sie bündelt militärische Macht, bindet diese Macht aber zugleich. Wer einem Bündnis beitritt, erhält nicht nur Schutz. Er übernimmt Verpflichtungen und erkennt Grenzen an.
Vielleicht sieht Russland in der NATO deshalb nicht nur einen Gegner.
Es sieht eine Grenze.
Und Grenzen, die tatsächlich gelten, sind schwer zu ertragen, wenn man gewohnt ist, sie als verhandelbar zu betrachten. Also werden sie rhetorisch überhöht, moralisch dämonisiert und strategisch getestet – nicht nur, um herauszufinden, wie stark sie sind, sondern wo sie nicht gelten.
Doch je länger der Krieg dauert, desto schwieriger wird eine andere Frage.
Wer ist eigentlich dieser Feind?
Bljat. Suka. Na chui.
So klingt der Krieg inzwischen auch weit entfernt von der Front. In Moskau, in Perm, dort, wo Menschen wütend fragen, warum ukrainische Drohnen nach Russland kommen, warum Raketen einschlagen, warum die Ukrainer überhaupt zurückschlagen.
Als wäre selbst ihre Gegenwehr eine Provokation.
Konstantin Malofejew brachte die eigentümliche Logik beinahe vollkommen auf den Punkt: Russland könne nicht verlieren, weil die Ukrainer ebenfalls Russen seien. Wenn Russen gegen Russen kämpfen, könne Russland am Ende gar nicht wirklich besiegt werden.
Ein bemerkenswerter Gedanke.
Ein System annektiert damit selbst seine Niederlage. Man bekämpft sich gewissermaßen selbst – also kann der andere nicht gewinnen.
Doch wenn man diesen Gedanken zu Ende führt, kehrt er sich gegen seine eigene Behauptung.
Denn wenn die Ukrainer tatsächlich Teil eines russischen Volkes wären, wie behauptet wird, dann hätte sich ein Teil dieses Volkes gegen Russland erhoben. Ein Teil, der sich organisiert hat, sich wehrt und nicht mehr zurückwill.
Dann wäre die Ukraine nicht der Beweis russischer Einheit, sondern ihres Gegenteils.
Und vielleicht liegt genau darin die tiefere Bedrohung. Nicht darin, dass ein fremdes Land Russland militärisch besiegen könnte, sondern darin, dass etwas, das man als Teil seiner selbst betrachtet, aufhört, Teil davon sein zu wollen.
Denn wenn das möglich ist, wird aus Geschichte kein Schicksal mehr.
Dann kann Zugehörigkeit enden. Gemeinsame Vergangenheit begründet keinen Besitz. Nähe bedeutet keinen Gehorsam. Menschen, die einmal Teil desselben politischen Raumes waren, können sich entscheiden, ihn zu verlassen.
Damit bekommt auch der Satz, niemand könne Russland besiegen außer Russland selbst, eine andere Bedeutung.
Der Feind läge tatsächlich im Inneren – nur nicht dort, wo man ihn vermutet. Er läge in der Möglichkeit, sich zu lösen, anders zu leben und Nein zu sagen, ohne daran zugrunde zu gehen.
Deshalb bekommt eine Niederlage eine Bedeutung, die weit über das Militärische hinausreicht. Sie würde anerkennen müssen, dass der andere tatsächlich ein anderer ist.
Dass seine Entscheidung gilt.
Dass die Grenze gilt.
Und dass Russland dort endet.
Malofejew sprach es aus.
Vielleicht hat er nur nicht zu Ende gedacht, was er sagte.