WARUM DANN NOCH KRIEG?

Als es gelang, Recht zu tilgen und Grenzen neu zu ziehen – beinahe lautlos, ohne die Bilder eines großen Krieges –, entstand ein gefährlicher Irrtum: dass Wirklichkeit formbar sei. Die Krim war genommen. Die Gegenwart hatte widersprochen, aber sie hatte den Vorgang nicht rückgängig gemacht.

Wer erlebt, wie leicht sich Realität verschieben lässt, kann versucht sein, es erneut zu tun. Der Blick ging weiter nach Westen. Die Ukraine wurde zum nächsten Raum, ihr Osten zum Hebel. Namen tauchten auf, die bald mehr waren als Orte: Charkiw, Mariupol, Odessa.

Doch warum überhaupt Krieg, wenn die Krim gezeigt hatte, dass es auch anders ging?

Vielleicht gerade deshalb.

Die Ukraine hatte begonnen, sich zu lösen. Politisch, wirtschaftlich, kulturell. Langsam, widersprüchlich, keineswegs geradlinig, aber sichtbar. Aus Moskauer Sicht war das nicht einfach die Entwicklung eines Nachbarstaates. Es war der Verlust eines Raumes, den man nie ganz als fremd akzeptiert hatte.

Darin lag die eigentliche Gefahr. Nicht in der Schwäche der Ukraine, sondern in ihrer Bewegung.

Ein Staat an der Grenze, der sich einer anderen politischen Ordnung zuwendet, kann für ein autoritäres System mehr sein als ein außenpolitisches Problem. Er zeigt, dass Alternativen existieren. Dass Ordnung nicht zwingend von oben kommen muss und Geschichte nicht dort stehenbleibt, wo die Macht sie gern festhalten würde.

Furcht vor Bedeutungsverlust verband sich mit imperialem Anspruch. Hinzu kam das Kalkül: eine militärisch und politisch angeschlagene Ukraine, ein Westen, dessen Reaktion begrenzt erschien, und die Erfahrung der Krim. Das Fenster schien offen. Lieber jetzt Fakten schaffen, als später zusehen, wie sich endgültig etwas entzog, das man nie als wirklich fremd anerkannt hatte.

Der Erfolg auf der Krim musste diese Wahrnehmung verstärken. Er konnte den Eindruck erzeugen, Geschichte lasse sich fortschreiben wie ein Drehbuch und Grenzen ließen sich verschieben, ohne einen Preis zu zahlen, der den Gewinn überstieg.

Doch die Ukraine war nicht die Krim.

Was dort als beinahe vollendete Tatsache präsentiert werden konnte, stieß nun auf Widerstand. Aus Einfluss wurde Zwang, aus Zwang Krieg.

Und mit dem Krieg veränderte sich auch seine Bedeutung.

Er sollte nicht mehr nur etwas zurückholen. Er musste beweisen, dass Russland noch bestimmen konnte, wohin Geschichte sich bewegt. Territorium wurde damit zum sichtbaren Maß einer viel größeren Behauptung: Größe, Unersetzlichkeit, Zentralität.

Die Ukraine eignete sich für diese Erzählung auf besondere Weise. Nah genug, um als „Teil von uns“ bezeichnet zu werden, und zugleich groß und eigenständig genug, dass ihre Unterwerfung als historischer Sieg hätte erscheinen können.

Damit wurde der Angriff auch zur Selbstvergewisserung. Aus Bedeutungsverlust ließ sich Mission machen, aus Stillstand Bewegung, aus fehlender Zukunft eine große Vergangenheit, die noch einmal hergestellt werden sollte.

Gewalt wurde zur Sprache, wo andere Formen von Bedeutung nicht mehr genügten.

Vielleicht erklärt das auch, warum победа mehr bezeichnet als einen militärischen Erfolg. Sieg wird zur Verdichtung einer ganzen Erzählung. Er soll bestätigen, dass die Opfer notwendig waren, die Geschichte richtig gelesen wurde und die eigene Macht noch immer Geschichte schreiben kann.

Genau darin liegt die Falle.

Je höher der Preis des Krieges steigt, desto schwerer wird es, ihn ohne Sieg zu beenden. Denn dann müsste nicht nur eine militärische Niederlage erklärt werden, sondern auch, wofür all das geschehen ist.

Der Krieg, der Stärke beweisen sollte, erzeugt damit seine eigene Notwendigkeit.

Nicht weil er gewonnen werden muss, um Land zu besitzen.

Sondern weil irgendwann nur noch der Sieg begründen kann, warum man den Krieg begonnen hat.