VERGESSLICHKEIT?

In Staaten werden bestimmte Ereignisse groß gehalten, den Mythos nährend, andere klein gehalten oder an den Rand gedrängt. Was trägt, darf bleiben. Schwieriger wird, was verpflichtet.

Denn Dankbarkeit kann politisch unbequem werden, wenn sie einer Erzählung eigener Größe widerspricht. Sie verweist auf andere, auf Abhängigkeit, auf einen Augenblick, in dem man Hilfe brauchte. So verschiebt sich Erinnerung nicht, weil sich die Vergangenheit geändert hätte, sondern weil sich das Bedürfnis nach ihr verändert hat.

Übrig bleibt der große Sieg. Und mit ihm zunehmend der Anspruch, ihn allein getragen zu haben.

Die Vereinigten Staaten waren zu Beginn des Zweiten Weltkriegs neutral. Später unterstützten sie gemeinsam mit Großbritannien und anderen Alliierten die Sowjetunion in erheblichem Umfang. Über Lend-Lease kamen Lastwagen, Lokomotiven, Eisenbahnausrüstung, Treibstoff, Lebensmittel, Rohstoffe und Maschinen. Diese Lieferungen ersetzten nicht die ungeheuren sowjetischen Opfer und sie gewannen den Krieg nicht an ihrer Stelle. Aber sie halfen einer Armee, sich zu bewegen, versorgt zu werden und weiterzukämpfen.

Der Sieg war deshalb auch materiell kein Werk eines Einzelnen.

Das ist bekannt. Es fehlt nicht an Wissen. Schwieriger ist, was aus diesem Wissen folgt.

Denn die Hilfe kam von jenen, die heute wieder als Feind beschrieben werden.

Auch die neunziger Jahre passen schlecht in eine geschlossene Geschichte ewiger westlicher Feindschaft. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion kamen Kredite, Lebensmittelhilfe, Investitionen, Beratung und Zugang zu Märkten. Grenzen öffneten sich. Menschen reisten, studierten, handelten, lasen Bücher, die zuvor kaum erreichbar gewesen waren. Nicht alles daran war selbstlos, nicht alles klug, manches scheiterte. Auch der Westen verfolgte Interessen.

Aber Feindschaft allein erklärt diese Jahre nicht.

Später ließ sich die Offenheit anders erzählen. Aus Schwäche wurde Demütigung, aus Hilfe Einmischung, aus Beratung Bevormundung. Die Vergangenheit musste dafür nicht verschwinden. Es genügte, ihren Sinn zu verändern.

Vielleicht ist Vergessen deshalb das falsche Wort.

Noch deutlicher wird es beim Krieg selbst. Es war nicht Russland allein, das gegen Deutschland kämpfte, sondern die Sowjetunion. Russen kämpften und starben, aber ebenso Ukrainer, Belarussen, Kasachen, Georgier, Armenier und Angehörige vieler anderer Völker. Ganze Regionen wurden verwüstet, Millionen Menschen verloren ihr Leben.

Der Sieg war sowjetisch.

Nicht ausschließlich russisch.

Nach dem Ende der Sowjetunion blieb jedoch ein Problem zurück: Wem gehörte diese Erinnerung? Russland konnte sich als wichtigster Nachfolgestaat verstehen. Aber es konnte die gemeinsame Vergangenheit nicht übernehmen, ohne zugleich jene aus ihr herauszudrängen, die ebenfalls gekämpft, gelitten und gesiegt hatten.

Gerade die Ukraine macht diesen Widerspruch sichtbar. Ihre eigene Erinnerung nimmt Russland nichts von seinen Toten und nichts von seinem Anteil am Sieg. Aber sie widerspricht dem Alleinanspruch auf dessen Bedeutung.

Denn wenn Ukrainer ihre Geschichte selbst erzählen, wird aus der gemeinsamen Vergangenheit kein russisches Eigentum mehr. Sie können an denselben Krieg erinnern und andere Schlüsse daraus ziehen. Sie können dieselben Toten betrauern, ohne daraus eine Verpflichtung gegenüber Moskau abzuleiten. Sie können Teil dieser Geschichte gewesen sein und trotzdem eine andere Zukunft wählen.

Damit wird Erinnerung teilbar.

Und genau das verträgt sich schlecht mit einem Mythos, der seine Kraft aus Ausschließlichkeit bezieht.

Vielleicht liegt darin auch ein Teil der Härte, mit der Geschichte immer wieder neu geordnet wird. Was Nähe schafft, wird übernommen. Was Abhängigkeit zeigt, verkleinert. Was andere zu Mitbesitzern der Vergangenheit macht, verliert an Gewicht. Nichts davon muss aus den Archiven verschwinden.

Es genügt, wenn es aus der Erzählung verschwindet.

Erinnerung wird dann nicht gelöscht, sondern konserviert wie unter Permafrost: vorhanden, fest, scheinbar unveränderlich. Gefährlich wird es, wenn etwas auftaut und wieder sichtbar wird, was längst an seinen Platz gelegt worden war.

Dass man Hilfe angenommen hat.

Dass man nicht allein gekämpft hat.

Dass der Sieg niemandem allein gehört.

Und dass gemeinsame Geschichte kein Recht auf gemeinsame Staatlichkeit begründet.

Vielleicht ist Vergesslichkeit deshalb tatsächlich das falsche Wort. Die Archive sind da, die Lieferungen, die Dokumente, die Toten. Vergessen wird nicht unbedingt, was geschehen ist.

Vergessen wird, was daraus folgen müsste.

Denn eine geteilte Geschichte verlangt zumindest die Anerkennung geteilter Erinnerung. Und geteilte Erinnerung verträgt keinen Alleinanspruch.

Vielleicht liegt darin eine der Zumutungen einer eigenständigen Ukraine. Nicht nur, dass sie sich politischem Zugriff entzieht.

Sie nimmt ihre Geschichte mit.

Nicht der Verlust von Territorium ist dann die eigentliche Zumutung.

Sondern der Verlust der Deutung.