DIE LITURGIE DER MACHT ALS SEIFENBAD

Im Jahr 988 ließ sich Vladimir der Große auf der Krim taufen, und kurz darauf befahl er, dass die Bewohner von Kyiv in den Dnipro steigen sollten.

In der späteren Erzählung erscheint dieser Moment beinahe vollkommen. Man geht ins Wasser und kommt auf der anderen Seite einer neuen Ordnung wieder heraus. Die alte Welt bleibt zurück. Das Wasser erklärt nichts, es wäscht.

Viele Jahrhunderte später erscheint eine ähnliche Bewegung in anderer Form. 1570 ließ Ivan IV. Novgorod verwüsten. Menschen wurden geplündert, gefoltert, in den Fluss geworfen, Tausende starben. Danach zog sich der Zar zurück, fastete, betete, vollzog Liturgie. Die Gewalt verschwand dadurch nicht, aber etwas konnte wieder geordnet werden.

Man taucht unter und taucht wieder auf.

Darin liegt kein Beweis für ein historisches Muster, das sich durch tausend Jahre russischer Geschichte zieht. Vielleicht aber für eine politische Versuchung, die weder russisch noch religiös sein muss: Handlung erzeugt Zweifel, Zweifel verlangt nach Ausgleich – und dieser Ausgleich muss nicht durch Erklärung entstehen. Ein Ritual kann genügen. Es begründet nichts, aber es stellt Ordnung wieder her.

Darin liegt eine Kraft der Liturgie. Nicht im Glauben selbst, sondern in der Wiederholung einer Form, deren Bedeutung nicht jedes Mal neu ausgehandelt werden muss. Wer sich bekreuzigt, betet, kniet oder eine Prozession begeht, vollzieht etwas, das vor ihm bestand und nach ihm bestehen wird.

Politische Macht kennt dieselbe Versuchung. Das zwanzigste Jahrhundert beseitigte diese Form nicht, obwohl es Gott aus ihr entfernte. Die Partei setzte sich an seine Stelle. Paraden übernahmen etwas von Prozessionen, Hymnen etwas von Gebeten, Märtyrer etwas von Heiligen. Der Atheismus vernichtete die Liturgie nicht. Er lernte, ihre Formen zu benutzen.

Vielleicht erklärt das auch, weshalb Kirche und Staat später wieder so mühelos nebeneinanderfinden konnten. Nicht weil sie dasselbe wären, sondern weil beide eine Sprache beherrschen, in der Ordnung durch Wiederholung sichtbar wird. Man muss nicht jedes Mal begründen, warum sie gilt. Man vollzieht sie.

Auch heute begegnet mir diese Bewegung außerhalb jeder Kirche. Krieg, Korruption, Gewalt – doch bevor daraus eine Position entstehen muss, geschieht etwas anderes. Man erzählt sich eine Geschichte. Der Westen habe gezwungen. Man verteidige sich nur. Die Lage sei komplizierter, als sie erscheine. Russland habe keine andere Wahl gehabt.

Diese Sätze erklären wenig, aber sie wirken. Sie nehmen dem Geschehen seine Schärfe, verschieben Verantwortung und erlauben Zustimmung, ohne dass sie als Schuld empfunden werden muss. Nicht Überzeugung steht dabei immer im Zentrum. Oft genügt Entlastung.

Man taucht in eine Erzählung ein und kommt leichter wieder heraus.

Vielleicht ist das das eigentliche Seifenbad. Nicht die Lüge selbst, nicht einmal der Glaube an sie, sondern die Möglichkeit, eine Handlung moralisch zu durchqueren, ohne dort bleiben zu müssen. Was geschehen ist, bleibt geschehen. Aber seine Bedeutung wird gewaschen.

Darin liegt auch die Kraft einer Ordnung, die sich selbst mit höherer Bedeutung versieht. Russland verstand sich lange nicht bloß als Staat unter Staaten. Im Gedanken des Dritten Rom lag die Vorstellung, etwas zu bewahren, das anderswo verloren gegangen sei.

Damit verändert sich auch Niederlage. Sie ist nicht mehr nur ein Ergebnis, sondern kann zur Prüfung werden. Rückschläge lassen sich als Bewährung erzählen, Verluste als Opfer, Isolation als Beweis der eigenen Besonderheit. Selbst Krieg kann in eine Geschichte treten, in der er nicht mehr als Entscheidung erscheint, sondern als Notwendigkeit. Die Wirklichkeit muss sich dafür nicht ändern. Ihre Bedeutung genügt.

Vielleicht liegt gerade darin die Haltbarkeit solcher Systeme. Zar, Partei und Präsident sind nicht dasselbe. Ihre Herrschaftsformen, ihre Ideologien und ihre Zeiten unterscheiden sich fundamental. Aber Macht kann immer dieselbe Möglichkeit nutzen: Sie muss nicht jeden Tag neu begründet werden, wenn sie in eine Ordnung eingebettet ist, deren Fortsetzung selbst schon als Begründung gilt.

Dann wird Wiederholung zur Bestätigung. Das Ritual nimmt die Schuld nicht, es macht sie tragbar.

Man taucht unter und taucht wieder auf.

Und kann weiterleben mit dem, was geschehen ist.