DIE CHOREOGRAFIE DER GRÖSSE
Vielfach sind wir eingenommen von den Errungenschaften, die dort entstanden sind: Raketen, Literatur, Musik, Technik, Raumfahrt – von allem, was Glanz verleiht.
Dabei übersehen wir leicht, unter welchen Bedingungen ein Teil dieser Größe entstand. Nicht unbedingt aus Überfluss oder Freiheit, sondern unter Kontrolle, Entbehrung und einer Ordnung, die entschied, wohin Kraft, Geld und Menschen gingen.
Man sieht das Leuchtende und übersieht das Dahinter: den kargen Bauernhof, das verfallene Holzhaus in Sibirien, Schlammstraßen ohne Brücken, fehlendes Gas in Regionen, die selbst Gas fördern.
Ein Land erobert den Himmel, während im eigenen Dorf das Feuer fehlt. Raketen im All, kalte Küchen am Boden. In den Städten glänzt die Macht, auf dem Land bleibt vieles zurück.
Vielleicht liegt darin ein alter Mechanismus. Größe entsteht nicht nur dort, wo viel vorhanden ist. Manchmal wird sie gerade dort hervorgebracht, wo etwas gezeigt werden muss. Ressourcen werden gebündelt, Menschen gefordert, anderes zurückgestellt. Die Welt sieht das Resultat. Den Preis sieht sie selten.
Das Ballett ist dafür vielleicht das vollkommenste Bild.
Alles wirkt leicht. Der Sprung, die Drehung, die Bewegung eines Körpers, der für einen Augenblick die Schwerkraft verloren zu haben scheint. Was man nicht sieht, sind Drill, Wiederholung, Schmerz und Disziplin. Man zeigt die Aufführung, nicht den Weg dorthin.
Gerade deshalb eignet sich das Ballett so gut als Bild einer Größe, die ihre Bedingungen verschwinden lässt.
Im Westen wurde russische Kultur gern als Gegenwelt zur russischen Härte verstanden. Tschaikowsky, Tolstoi, Dostojewski, die großen Bühnen, Orchester und Museen schienen von einem anderen Russland zu erzählen. Von Tiefe, Empfindsamkeit, Geist.
Und natürlich erzählen sie davon.
Die Schönheit ist wirklich. Das Können ist wirklich. Die Kunst ist wirklich.
Die Täuschung beginnt erst dort, wo wir daraus etwas anderes ableiten.
Dass kulturelle Verfeinerung auch moralische Verfeinerung bedeuten müsse. Dass ein Land, das solche Musik hervorbringt, nicht zugleich zerstören könne. Dass Schönheit etwas über die Fähigkeit zur Grausamkeit aussage.
Dabei hat sie das nie getan.
Vielleicht beruhigt uns Kultur gerade deshalb so sehr. Sie gibt dem Fremden eine vertraute Gestalt. Wer liest, musiziert, zitiert und lächelt, erscheint uns näher. Wir erkennen darin etwas von uns selbst und schließen daraus auf anderes, das damit gar nichts zu tun haben muss.
Das ist eine alte Täuschung der Zivilisation.
Grausamkeit trägt Lackschuhe.
Beim russischen Ballett wird dieser Widerspruch besonders sichtbar. Seine Vollkommenheit beruht auf einer Disziplin, die im Ergebnis nicht mehr sichtbar sein darf. Schmerz wird in Leichtigkeit verwandelt, Wiederholung in Selbstverständlichkeit, Kontrolle in Eleganz.
Man sieht den Sprung.
Nicht die tausend Versuche davor.
Darin liegt keine Schuld des Balletts. Im Gegenteil. Vielleicht liegt gerade darin seine Größe. Aus Härte kann Schönheit entstehen, ohne dass die Schönheit dadurch falsch wird.
Aber sie macht die Härte auch nicht ungeschehen.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Choreografie der Größe. Nicht in einer Täuschung durch die Kunst, sondern in unserer Bereitschaft, uns von ihrem Glanz beruhigen zu lassen.
Wir sehen die Rakete und nicht das Dorf.
Die Bühne und nicht den Drill.
Die Schönheit und nicht ihren Preis.
Und manchmal verwechseln wir Bewunderung mit einem Urteil.
Doch Schönheit spricht niemanden frei.