DIE LAUTEN SPIEGEL DER MACHT
Die lautesten Stimmen der Gegenwart sprechen nicht aus Unwissen, sondern aus Erfahrung.
Margarita Simonjan verbrachte als Jugendliche im Rahmen eines Austauschprogramms Zeit in den Vereinigten Staaten, in New Hampshire. Wladimir Solowjow ging 1990 in die USA, lehrte Wirtschaft in Alabama und versuchte sich dort auch geschäftlich. Sie kannten das Außen nicht nur aus sowjetischen Karikaturen oder späteren Feindbildern. Sie hatten es gesehen.
Vielleicht ist gerade das interessant. Sie gingen aus eigenen Stücken, neugierig, ehrgeizig, auf der Suche nach Möglichkeiten. Sie gingen hinaus, aber Russland verließ sie offenbar nie.
Sie kamen zurück und fanden ihren Platz immer näher an der Macht. Vielleicht suchten sie Halt, vielleicht Karriere, vielleicht erkannten sie früher als andere, was auf dem neuen Markt der Loyalitäten gefragt war. Irgendwann lässt sich ohnehin kaum noch unterscheiden, wo Opportunismus endet und Überzeugung beginnt. Wer lange genug sagt, was verlangt wird, hört irgendwann seine eigene Stimme darin.
Sie verkauften sich gut.
Ihre Propaganda ist deshalb kein Schrei aus einer abgeschlossenen Welt. Sie kennt die Medienlogik des Westens und bedient sich ihrer Mittel: Tempo, Ironie, Überzeichnung. Nur werden sie ins Zersetzende gekehrt. Nicht Ablehnung ist die eigentliche Waffe, sondern Parodie. Wer so spricht, muss nicht überzeugen. Es genügt, zu entwerten und zu beschämen.
Gerade ihre Erfahrung machte sie brauchbar. Sie konnten nicht nur sagen: Der Westen ist der Feind.
Sie konnten sagen: Ich war dort.
Das verlieh dem Feindbild die Autorität des Zeugen.
Heute gehört Verrat zu den härtesten Vorwürfen des Systems. Er trifft jene, die Russland verlassen, sich dem Westen zuwenden, dort leben wollen oder das eigene Land mit ihm vergleichen. Genau jene Grenze aber hatten auch Simonjan und Solowjow überschritten. Sie hatten Möglichkeiten angenommen, gelernt, gearbeitet, gelebt. Später halfen sie dabei, aus derselben Bewegung nach außen etwas Verdächtiges zu machen.
Die Ukraine machte diesen Widerspruch gefährlicher. Amerika war weit entfernt und ließ sich zum abstrakten Feind erklären. Die Ukraine lag daneben. Sie teilte Geschichte, Familien, Sprache und sowjetische Erfahrung – und begann dennoch, sich anders zu entscheiden.
Sie musste nicht beweisen, dass alles besser werden konnte. Es genügte, dass sie zeigte, dass etwas anderes möglich war. Wenn dort eine Gesellschaft ihre Bindung an das ehemalige Zentrum lösen konnte, blieb eine unangenehme Frage:
Warum nicht wir?
Vielleicht lag darin eine besondere Gefahr. Nicht nur in der Ukraine selbst, sondern in der Möglichkeit, für die sie stand. Ein verwandtes Land, dessen bloße Entwicklung zeigte, dass gemeinsame Geschichte nicht zu gemeinsamer Zukunft verpflichtete.
Irgendwann wurde aus dieser Abwehr eine Sprache, in der selbst Vernichtung ihren Schrecken verlor. Zerstörung wird verwaltet wie ein technischer Vorgang, Städte werden zu Zielen, Tote zu Zahlen und Krieg zu notwendiger Arbeit. „Russland beginnt keine Kriege“, heißt es, tausendfach wiederholt, bis Wiederholung Wirklichkeit ersetzen soll.
Gerade hier kehren ihre Biografien zurück.
Denn sie wissen es besser.
Der Unwissende kann einer Lüge glauben.
Was aber ist mit dem, der es besser weiß?
Vielleicht besteht darin der eigentliche Verrat. Nicht darin, dass sie Russland verlassen hatten. Nicht darin, dass sie gesehen hatten, wie andere Gesellschaften leben und sich organisieren.
Sondern darin, dass sie zurückkehrten und verrieten, was sie selbst gesehen hatten.