DAS GESICHT

Ich fragte mich lange, wie ein Präsidentenkult entsteht. Anfangs fügte ich dem keine besondere Bedeutung zu.

Sind halt so, die Russen, dachte ich.

Sie tragen ein Gesicht auf einem Leibchen, auf einer Kappe, kleben es auf ihr Telefon. Andere tragen Fußballspieler oder Rockbands mit sich herum. Warum also nicht einen Präsidenten?

Und doch stieß ich immer öfter daran. Als Europäer verstand ich es und verstand es zugleich nicht. Wer in Österreich mit dem Gesicht des Bundespräsidenten auf dem T-Shirt durch die Straßen liefe, würde vermutlich belächelt. Natürlich kannte man Personenkult auch anderswo. Selbst in den USA wurde Politik zunehmend personalisiert. Aber dort blieb die Gegenwelt sichtbar. Gerade an ihr konnte man erkennen, dass die Person nicht der Staat war.

In Russland fiel mir etwas anderes auf. Die Flagge verschwand nicht, auch der Doppeladler blieb. Aber neben diese Zeichen trat immer stärker ein Gesicht. Manchmal schien es mir sogar, als würde es ihre Funktion übernehmen.

Es blieb nicht bei Bildern. Lieder wurden komponiert, Sprüche entstanden, das Gesicht erschien auf Gegenständen, in Geschäften und auf Kleidung. Manche trugen es nicht beiläufig, sondern sichtbar. Putin auf der Brust hatte etwas von einem Bekenntnis, manchmal sogar von einem Code. Man wusste etwas über den anderen, bevor man mit ihm gesprochen hatte. Manchmal empfand ich es als Warnung.

Zum ersten Mal bewusst aufgefallen war mir das während des zweiten Tschetschenienkriegs. Putin war noch nicht lange im Zentrum der Macht, aber etwas hatte sich verändert. Der bis dahin beinahe gesichtslose Funktionär bekam Kontur: Stärke, Entschlossenheit, Härte. Einer, der nicht lange redet, sondern handelt. Selbst seine grobe Sprache gehörte dazu. Terroristen werde man verfolgen, wo immer man sie finde, notfalls auf dem Klo.

Es war roh, aber es wirkte nicht wie die Rohheit eines Mannes, der die Kontrolle verliert. Die Rohheit selbst wurde zum Beweis der Kontrolle.

Später war dieses Gesicht überall. Besonders deutlich wurde es mir auf der Krim. Binnen kürzester Zeit nach dem sogenannten Referendum tauchte Putin in den Geschäften auf: auf Badetüchern, Kaffeetassen, Polstern und T-Shirts. Gerahmte Porträts standen zum Verkauf, Tätowierer boten sein Gesicht als Motiv an. Man konnte Putin tragen, aufhängen, verschenken, auf ihm liegen und aus ihm trinken. Selbst ins Obszöne wurde das Bild verlängert.

Es war grotesk. Faszinierender aber war die Geschwindigkeit. Den Kult hatte es vorher gegeben, nun wirkte es, als sei ein Damm gebrochen.

Bei Putins Begegnung mit Obama vor der UN-Generalversammlung 2015 beobachtete ich weniger die beiden Präsidenten als diejenigen, die zusahen. Eine Geste, eine geballte Hand, ein grobes Wort, und schon wurde darin Stärke erkannt. Was Putin tatsächlich gemeint hatte, wurde beinahe zweitrangig.

Da begann mich eine andere Frage zu beschäftigen. Wann hört ein Präsident auf, nur Präsident zu sein? Wann wird seine Geste zu unserer Geste, seine Kränkung zu unserer Kränkung, seine Stärke zu unserer Stärke?

Vielleicht hatte ich die falsche Frage gestellt. Vielleicht ging es gar nicht darum, wie Putin einen Kult um seine Person geschaffen hatte. Was, wenn Putin lediglich eine Stelle besetzt hatte, die schon vor ihm vorhanden war?

Ein gewöhnlicher Präsident kann irren und verlieren. Man kann über ihn lachen, ihn beschimpfen, abwählen und ersetzen. Das Amt bleibt, die Person geht. Bei einer Kultfigur geschieht etwas anderes. Die Person beginnt das Amt zu überschreiten. Putin regiert Russland dann nicht mehr nur, er verkörpert es.

Von diesem Augenblick an verändert sich auch Kritik. Wer Putin kritisiert, kritisiert nicht mehr nur eine Steuer, ein Gesetz oder eine außenpolitische Entscheidung. Er berührt Russland, seine Geschichte, seine Größe und irgendwann auch diejenigen, die sich darin wiedererkennen.

Deshalb war ein Satz, den ich so oft hörte, aufschlussreicher als jede Zustimmung zu einer einzelnen Entscheidung: Ohne Putin würde Russland zerfallen.

Ein Mensch war zur Existenzbedingung eines Landes geworden.

Vielleicht brauchte dieser Kult zuerst eine Verletzung. Ohne die späte Sowjetunion, ihren Zerfall und die neunziger Jahre lässt sich Putins Aufstieg nur schwer verstehen. Es ging nicht nur um verlorenes Geld, Kriminalität oder unbezahlte Löhne. Verloren gegangen war auch Bedeutung. Ein Land, das sich als Weltmacht verstanden hatte, war plötzlich eines unter anderen.

Vielleicht war die tiefere Kränkung nicht einmal die Armut. Man wusste, dass man nicht viel hatte. Aber Größe konnte wärmen. Sie lag über der Armut wie ein Mantel. Man hatte wenig, gehörte aber zu etwas Großem. Als auch diese Größe verloren ging, war der Mantel weg.

Putin konnte ihn zurückgeben, ohne den Wohlstand zurückgeben zu müssen. Wir werden wieder respektiert. Man muss wieder mit uns rechnen. Wir stehen wieder auf. Der Präsident wurde zum Reparateur eines beschädigten Selbstbildes.

Ich hatte lange geglaubt, ein unterdrückter Mensch müsse sich zwangsläufig nach Freiheit sehnen, aber vielleicht hatte ich Freiheit mit Freiheitssehnsucht verwechselt. Wer über Generationen erfährt, dass Entscheidungen oben getroffen werden, kann lernen, die Entscheidung oben zu erwarten. Man misstraut dem Polizisten, dem Beamten, dem Gericht, dem Gouverneur. Man weiß, dass gestohlen, gelogen und geschoben wird. Aber ganz oben soll einer sein, der Ordnung schafft.

Vielleicht bedingt das eine sogar das andere. Je weniger Vertrauen in Institutionen vorhanden ist, desto größer kann die Sehnsucht nach der Person werden, die über ihnen steht. Wo Institutionen schwach sind, wird die Person nicht trotz ihres Versagens groß, sondern durch dieses Versagen.

Und dann kann seine Stärke zu meiner werden. Der einzelne Mensch entscheidet vielleicht wenig über den Staat, den Gouverneur oder die Polizei, manchmal nicht einmal darüber, ob eine Behörde ihm morgen Schwierigkeiten macht. Aber dort oben sitzt einer, der entscheidet. Er kann, was ich nicht kann, und irgendwann wird daraus: Was er kann, können wir.

Wenn wir stark sind, bin auch ich nicht mehr ganz so klein.

Persönliche Ohnmacht und staatliche Macht müssen sich nicht widersprechen. Sie können einander sogar brauchen.

Vielleicht sah ich deshalb den Mann mit Putin auf dem T-Shirt anfangs falsch. Ich dachte, er verehre Putin. Vielleicht verehrte er auch etwas an sich selbst, das er nur über Putin erreichen konnte: Größe, Bedeutung, Zugehörigkeit, das Gefühl, auf der richtigen Seite der Macht zu stehen.

Dafür muss man dem Präsidenten nicht einmal nahekommen. Vielleicht ist Entfernung sogar notwendig. Das alte Muster kannte Russland lange: Der Zar ist gut, die Bojaren sind schlecht. Die Straße ist kaputt? Der Gouverneur. Die Korruption? Die Funktionäre. Die Armee schlecht ausgerüstet? Das Ministerium. Und Putin? Wenn Putin davon wüsste.

Anfangs erschien mir dieser Gedanke absurd. Schließlich war er Präsident. Wenn einer Verantwortung trug, dann doch er. Aber ich dachte politisch, während der Kult psychologisch funktioniert. Verantwortung kann nach unten fließen, während Erfolg nach oben fließt.

Dafür braucht es nicht einmal Liebe. Manche bewunderten Putin, manche fürchteten ihn, manche profitierten von ihm. Andere hatten sich an ihn gewöhnt oder glaubten einfach, alles andere wäre schlimmer. Vollkommen unterschiedliche Gefühle konnten am selben Punkt enden: Wer denn sonst?

Vielleicht ist dieser Satz für einen Präsidentenkult sogar wertvoller als „Ich liebe Putin“. Liebe kann verschwinden. „Wer denn sonst?“ bedeutet, dass nicht nur die Alternative verschwunden ist. Langsam verschwindet die Vorstellung, dass es überhaupt eine geben könnte.

Nach zwanzig Jahren kommt etwas hinzu: die eigene Biografie. Man hat ihn gewählt, verteidigt, vielleicht die Krim begrüßt, später den Krieg gerechtfertigt. Jahr für Jahr legt man etwas dazu. Irgendwann müsste man nicht mehr nur sagen, Putin habe sich geirrt. Man müsste sagen: Ich habe mich geirrt. Vielleicht zwanzig Jahre lang.

Mit jedem Jahr wird der Rückweg länger. Die dauerhafteste Loyalität entsteht vielleicht dort, wo der Widerruf teurer wird als die Zustimmung. Irgendwann verteidigt man nicht mehr ihn, sondern die eigene Biografie.

Damit verstand ich auch die T-Shirts anders. Am Anfang produziert der Staat die Bilder: Putin im Flugzeug, beim Judo, beim Angeln, mit Soldaten, in der Kirche. Putin als Staatsmann, Oberbefehlshaber, Historiker, als einer, der alles weiß und noch etwas mehr.

Aber irgendwann übernehmen die Menschen die Produktion. Sie tragen das Gesicht selbst durch die Straßen, hängen es in ihre Wohnungen, kleben es auf Autos, drucken es auf Tassen, erzählen die Geschichten weiter, wiederholen die Sätze und verteidigen das Bild. Der Staat muss den Kult nicht mehr allein herstellen.

Das verlief allerdings nicht nur von oben nach unten. Was oben angeboten wurde, musste unten auf etwas treffen, sonst wäre es Dekoration geblieben. Der Kult wurde gelenkt, aber von unten gefüttert. Man gab Putin Stärke, indem man seine Stärke sehen wollte, und Größe, indem man sich in ihr wiedererkannte. Jedes sichtbare Bekenntnis bestätigte dem Nächsten, dass dieses Bild stimmte.

So entstand ein Kreislauf. Oben wurde geliefert, was unten angenommen wurde. Unten wurde verstärkt, was oben wieder gezeigt werden konnte. Irgendwann ließ sich kaum noch sagen, wo die Inszenierung endete und die Überzeugung begann.

Und irgendwo auf diesem Weg verändert sich ein Pronomen. Aus er wird wir. Er hat sich dem Westen widersetzt, wir haben uns dem Westen widersetzt. Er hat die Krim genommen, wir haben die Krim genommen. Er ist stark, wir sind stark.

Vielleicht war das die eigentliche Leistung des Kultes: Die Macht des Einzelnen wurde zum Selbstgefühl vieler.

Sie mussten sich über Putin nicht einmal einig sein. Der eine brauchte seine Stärke, ein anderer seine Ordnung, einer seinen Stolz, der nächste seine Vergangenheit. Es genügte, dass jeder etwas Eigenes in ihm verteidigte.

Vielleicht hatte mich deshalb dieses Gesicht auf der Brust gewarnt. Es sagte nicht nur: Ich mag diesen Präsidenten. Es sagte auch: Ich gehöre zu diesem Wir. Und darin lag bereits die Frage an den anderen: Wo stehst du?

Dieses Wir erfasste nicht alle. Vielleicht nicht einmal so geschlossen, wie seine Sichtbarkeit vermuten ließ. Es gab jene, die Putin ablehnten, über ihn spotteten, demonstrierten, das Land verließen oder schwiegen. Schon ihre Existenz widerspricht jeder Vorstellung einer russischen Natur. Aber wo die Bindung entstand, konnte sie tief reichen, denn dort ging es längst nicht mehr nur um einen Präsidenten. Es ging um das eigene Land, die eigene Größe, die eigene Entscheidung und die eigene Vergangenheit. Wer Putin angriff, berührte irgendwann etwas, das der andere bereits für einen Teil seiner selbst hielt.

Dabei hatte das Ja einen Vorteil: Es war sichtbar. Die einen trugen ihr Nein selten auf der Brust, die anderen ihr Ja. Sichtbarkeit schafft Gewicht, Gewicht schafft Normalität, und Normalität macht es für den Nächsten leichter, sich dazuzustellen.

Das war keine russische Natur. Es war politische und gesellschaftliche Gravitation.

Selbst unter Emigranten blieb das Konterfei präsent. In Deutschland, in den USA, dort, wo Russen längst außerhalb Russlands lebten, tauchte Putin auf T-Shirts, Kappen und Aufklebern auf. Das überraschte mich fast noch mehr, denn dort war das Bild freiwillig gewählt. Niemand verlangte, Putin auf der Brust zu tragen. Gerade in der Fremde konnte das Gesicht deshalb zum Bekenntnis werden, zur mitgenommenen Flagge.

Man kann ein Land verlassen, ohne die Vorstellung von Macht zu verlassen, die man dort gelernt hat. Sie reist mit.

Und vielleicht führt gerade das zurück zur eigentlichen Frage: War Putin überhaupt der Anfang dieser Geschichte?

Namen, Systeme und Ideologien wechselten. Zar, Partei, Lenin, Stalin, Sowjetunion – nichts davon blieb unverändert, nichts davon ist Putin. Und doch stellt sich die Frage, ob etwas anderes leichter überdauerte: die Vorstellung, dass sich Staat, Größe, Schutz und Schicksal in einer Person verdichten können.

Wieder ein Gesicht. Auf Wänden, in Amtsräumen, auf Plätzen, in Schulen, im Fernsehen. Die Systeme wechselten, die Gesichter auch. Aber immer wieder bekam Macht ein Gesicht.

Dann wäre Putin nicht der Erfinder seines Kultes. Er hätte verstanden, welche Stelle noch immer besetzbar war.

Das bedeutet nicht, dass Russland von Natur aus einen starken Mann braucht. Gesellschaften sind kein Schicksal. Aber Erfahrungen können weitergegeben, Machtbeziehungen gelernt und schwache Institutionen vererbt werden. Ein Kult kann gelenkt werden, aber tief wird er erst dort, wo Menschen beginnen, ihn selbst zu tragen.

Und eine leere Stelle kann auf den Nächsten warten.

Putin formte Russland. Aber das Russland, das ihn möglich machte, formte auch Putin. Deshalb wäre es zu einfach zu glauben, mit dem Verschwinden des einen verschwände automatisch das andere. Die schwierigere Aufgabe wäre nicht nur, einen Präsidenten zu ersetzen.

Man müsste diese Stelle leer lassen können.

Auf der Krim stand dieses Gesicht plötzlich überall. Auf Tassen, T-Shirts, Polstern, Badetüchern und an Wänden. Damals dachte ich, ein Damm sei gebrochen.

Heute glaube ich: Was dahinter lag, war kein Wasser.

Es war Schlamm.