GEOPOLITIK

Der Russe denkt geopolitisch.

Schewardnadse soll es einmal selbst gesagt haben. Sinngemäß: Jeder Russe sei auch ein Geopolitiker. Vielleicht war es ironisch gemeint. Vielleicht kannte er dieses Denken einfach zu gut. Er hatte lange genug in seinem Innersten gelebt.

Der Russe denkt geopolitisch und selten nur an sich. Oder besser: genau an sich. Nur eben über den Umweg der Welt.

Afghanistan, Syrien, Georgien, Moldawien, Kuba, Japan. Afrika sowieso. Nordkorea, der Iran und dann China, früher ein Feind. Europa, die USA, die Arktis, das Schwarze Meer und die Nachbarn erst. Alles ist von Interesse, alles steht mit allem in Verbindung.

Vielleicht liegt es an der Fläche, an diesem ungeheuren Raum, der schon auf der Karte eine Behauptung ist. Vielleicht am Öl, am Gas, an den Metallen, am Holz, am Getreide. An all dem, was da ist und verteilt werden kann: verkauft, zurückgehalten, angeboten, entzogen. Auf Zeit.

Vielleicht liegt es auch an der Geschichte. An einem Reich, das Sicherheit nie nur an seiner Grenze suchte, sondern möglichst weit davor. Wer sich bedroht fühlt, verschiebt die Grenze. Und wenn er sie verschoben hat, beginnt dahinter bereits die nächste Unsicherheit. So kann ein Land wachsen und sich trotzdem immer bedroht fühlen.

Die Welt wird zu einer Karte, auf der Russland ständig irgendwo stehen muss: davor, dahinter, dazwischen, dagegen. Stillstand scheint kaum möglich, denn wer stillsteht, könnte zurückfallen, wer zurückfällt, verliert Einfluss, und wer Einfluss verliert, verliert Größe. Zumindest in dieser Vorstellung.

Irgendwann stellte sich mir eine andere Frage: Was geschieht eigentlich, wenn man die Karte weglegt?

Wenn man nicht nach Washington blickt, nicht nach Brüssel, Kyjiw oder Peking, nicht auf Flugzeugträger, Grenzen, Handelswege, Rohstoffe und Einflusszonen, sondern nach innen. Dorthin, wo der Russe lebt. In seiner Stadt, seinem Dorf, seiner Wohnung, im Stiegenhaus davor. Auf der Straße, die seit Jahren nicht repariert wurde. Im Krankenhaus, in der Schule. In einer Region, aus der Öl, Gas, Metalle, Holz und Menschen kommen und in der von diesem ungeheuren Reichtum manchmal erstaunlich wenig zurückbleibt.

Dort wird die Geopolitik plötzlich kleiner. Denn dort müsste der Einzelne nicht fragen, was Amerika vorhat, sondern warum das Dach undicht ist. Nicht, warum die NATO angeblich näher kommt, sondern warum das Krankenhaus weiter weg ist. Nicht, wem die Arktis gehören wird, sondern wem eigentlich gehört, was unter seinen eigenen Füßen liegt.

Und genau dort geschieht etwas Merkwürdiges. Aus dem Ich wird ein Wir.

Unser Öl, unser Gas, unsere Arktis, unsere Flotte, unsere Raketen, unsere Krim, unser Sieg, unser Land. Das größte Land der Erde.

Das Wort unser vollbringt dabei Erstaunliches. Es verteilt Besitz, ohne ihn verteilen zu müssen. Denn dem kleinen Mann gehört die Ölquelle nicht. Ihm gehört der Konzern nicht, die Mine nicht, das Gas nicht, der Hafen nicht und die Rakete schon gar nicht. Vielleicht gehört ihm nicht einmal die Wohnung, in der er lebt, auf eine Weise, die ihm Sicherheit vor dem Staat gäbe. Aber wir haben Öl, wir haben Gas, wir haben Atomwaffen, wir haben die Krim.

Und damit verteilt dieses Wir noch etwas anderes: Macht, ohne Macht verteilen zu müssen.

Der Einzelne entscheidet vielleicht nicht einmal darüber, was vor seinem Haus geschieht. Er kann die Verwaltung nicht bewegen, den Zustand seines Stiegenhauses nicht ändern. Vor einem Beamten ist er Bittsteller, vor einem Polizisten vorsichtig, vor dem Staat klein. Aber vor der Welt wird er groß.

Plötzlich verhandeln wir mit Amerika, weisen Europa seinen Platz zu, haben Verbündete und Einfluss. Wir werden gehört, und uns muss man fürchten.

Vielleicht liegt darin eine der eigentümlichsten Kräfte der Geopolitik. Sie macht den Einzelnen größer, ohne seine Lage verändern zu müssen. Seine Straße bleibt dieselbe, sein Krankenhaus bleibt dasselbe, sein Einkommen vielleicht auch. Nur sein Maßstab verändert sich. Er steht nicht mehr vor seinem Haus, sondern auf der Weltkarte.

So kann das, was Tausende Kilometer entfernt geschieht, wichtiger werden als das, was hinter der eigenen Tür geschieht. Die NATO wichtiger als die Straße, Amerika wichtiger als die eigene Verwaltung, der Zustand Europas interessanter als der Zustand des eigenen Hauses. Nicht weil der Russe nicht an sich denkt. Vielleicht gerade weil er an sich denkt.

Denn dieses große Wir gibt ihm etwas, was das kleine Ich nicht hat: Bedeutung, Größe, Macht und vielleicht sogar das Gefühl von Besitz. Nur in einer Form, über die er selbst nicht verfügen kann.

Vielleicht erklärt das auch, warum der Blick nach innen so schwerfällt. Wer ihn lange genug aushält, müsste irgendwann fragen, warum das eigene Leben so wenig von jener Größe enthält, von der ständig gesprochen wird. Warum ein Land reich sein und der Einzelne sich trotzdem arm an Einfluss fühlen kann. Warum Macht überall sichtbar ist und dort fehlt, wo er selbst etwas verändern möchte.

Dann könnte er an einen Punkt gelangen, an dem Amerika nicht mehr antworten kann. Die NATO auch nicht, Europa nicht und nicht einmal die Ukraine.

Dann bleibt nur der Blick nach innen.

Und vielleicht ist genau das der unangenehmste Blick von allen. Denn dort lautet die Frage nicht mehr:

Wo stehen wir?

Sondern:

Wie lebe ich?