DER VORWEGGENOMMENE STREIT
Vor Jahren hatte ich etwas beobachtet, das zunächst klein wirkte. Als die Tochter sagte, sie geht, begann es Tage zuvor. Dinge, die man gemeinsam hätte tun können, waren plötzlich erledigt. Gespräche kippten schneller, die Stimmung wurde enger, gereizter. Man stritt mehr als sonst – nicht über Wichtiges, gerade deshalb.
Einmal ging es um nichts, um einen Löffel, der nicht dort lag, wo er liegen sollte. Ein Satz wurde zu viel, ein Blick zu lang. Die Stimmen wurden schärfer, zu laut für den Raum, Blicke antworteten nicht mehr, sie warnten. Es eskalierte schnell. Was sich über Jahre angesammelt hatte, stand plötzlich im Raum: Vorwürfe, die längst nicht mehr zum Anlass passten. Zu alt, zu groß, zu viel. Es fiel alles auf einmal, fast erleichtert.
Am nächsten Tag war es vorbei, als hätte es seinen Zweck erfüllt. Säcke wurden gepackt. Man wusste, dass es kommen würde, irgendwann, aber man war nicht darauf gefasst. Nicht jetzt. Nicht so.
Ich hielt das für Zufall, bis ich es wieder sah und wieder hörte, nicht nur bei mir. Die gleichen kleinen Konflikte, die gleiche Nervosität, die gleiche Verschiebung kurz vor einer Trennung. Heute glaube ich, dass darin eine Vorbereitung liegt. Nicht auf den Menschen, sondern auf den Verlust. Zwei Zustände, die lange zusammengehörten, trennen sich, und das lässt sich nicht einfach aushalten. Also beginnt etwas davor. Die Spannung wird vorverlegt, entladen, bevor sie unaushaltbar wird, in kleinen Konflikten und scheinbar belanglosen Reibungen. Man streitet nicht, weil etwas falsch ist, sondern weil etwas endet.
Vielleicht macht der Streit die Trennung sogar leichter. Wer sich im Zorn trennt, muss den Verlust für einen Augenblick nicht fühlen. Der andere geht nicht einfach, er wird zum Gegenüber. Aus Nähe wird Distanz, bevor die wirkliche Distanz entsteht.
Ab jetzt allein.
Irgendwann begann ich mich zu fragen, ob etwas von diesem Muster auch außerhalb von Familien sichtbar werden kann. Nicht als psychologisches Gesetz und schon gar nicht als Erklärung von Geschichte. Eher als eine Bewegung, die sich manchmal wiederholt, wenn etwas Vertrautes sich entzieht.
Vielleicht wog diese Erfahrung für Russland besonders schwer. Innerhalb weniger Generationen waren Ordnungen verschwunden, die unverrückbar erschienen waren. Zuletzt die Sowjetunion. Grenzen wurden zu Staatsgrenzen, Republiken zu Ländern, Menschen, die eben noch zum selben politischen Raum gehört hatten, gingen eigene Wege.
Man konnte das akzeptieren. Aber vielleicht nicht wirklich annehmen.
Denn jede Trennung enthält noch etwas anderes. Wenn einer gehen kann, können andere folgen. Und wer geht, nimmt nicht nur etwas mit. Er beweist, dass ein anderes Leben möglich ist. Vielleicht lag darin ein Teil jener Unruhe, die ich später zu erkennen glaubte. Es ging nicht nur um Territorium oder Einfluss. Auch Bedeutung, Zugehörigkeit und das eigene Bild von sich selbst gerieten ins Rutschen.
Der Maidan war so ein Moment. Plötzlich stand etwas im Raum, das lange abstrakt geblieben war: Sie gehen. Nicht irgendwann, sondern jetzt.
Die Ukraine entfernte sich nicht nur politisch. Sie beanspruchte, selbst zu entscheiden, wohin sie gehörte. Was sich entzog, traf eine Entscheidung, die Russland nicht kontrollierte.
Vielleicht beginnt an solchen Punkten jener vorweggenommene Streit. Verweigerung, Reibung, Zuspitzung. Was sich entzieht, wird zum Gegner, und der Konflikt ersetzt die Anerkennung des Verlusts. Man streitet sich ein, weil Streit leichter auszuhalten ist als das Eingeständnis, dass etwas vorbei sein könnte.
Dann kam die Krim.
Sie ließ sich als Gegenbeweis lesen. Man konnte zurückholen, was sich entfernte. Man konnte halten, wenn man nur fest genug zugriff. Nicht, weil es blieb, sondern weil man es nicht gehen ließ.
Darin lag mehr als territoriale Macht. Es lag Selbstbestätigung. Seht her, wir haben zurückgeholt, was uns genommen werden sollte – vom Westen, wie man erzählte. Und sie sind froh. Wir auch. Vielleicht musste man es sich so erzählen, weil damit die Trennung für einen Augenblick aufgehoben war. Was auseinanderdriftete, schien wieder zusammengefügt. Der Verlust war nicht mehr Verlust, sondern Sieg.
Doch Festhalten hebt Trennung nicht auf. Es verhindert nur, dass sie stattfinden darf.
Vielleicht liegt darin eine der Bewegungen, die später immer größer wurden. Was nicht freiwillig bleibt, muss gehalten werden. Was sich nicht halten lässt, muss zurückgeholt werden. Und was sich nicht zurückholen lässt, wird irgendwann zum Gegner.
Krieg ist dann nicht nur Eskalation. Er wird zur Form, zu einer Möglichkeit, etwas, das man nicht akzeptieren kann, in etwas zu verwandeln, das man bekämpfen darf.
Vielleicht liegt darin ein Teil seiner Logik. Vielleicht auch nur unser Bedürfnis, ihm überhaupt eine zuzuschreiben.
Denn möglicherweise ist das Schwerste nicht der Verlust selbst, sondern anzuerkennen, dass etwas gegangen ist und nicht zurückkommt – mit etwas, das man selbst nicht geworden ist.