BRUNNEN OHNE GRUND

Russland trägt viele Namen in seiner Geschichte: Zarenreich, Sowjetunion, Föderation. Und jeder dieser Namen verspricht ein Bild, das nie ganz trifft.

Weite, Größe, Kälte, Gewalt – das sind die vertrauten Bilder. Wärme ist darin nicht verschwunden. Ich habe sie oft erlebt. Aber sie steht merkwürdig getrennt von dem, was dieses Land sich selbst erzählt.

Vielleicht beginnt dort der Widerspruch.

Im Privaten kann Nähe entstehen, Großzügigkeit, Freundschaft, eine Wärme, die mit keinem politischen Bild übereinstimmt. Sobald aber vom Land gesprochen wird, vom Staat, von Geschichte, beginnt eine andere Sprache. Größe tritt an die Stelle von Nähe, Opfer an die Stelle von Glück, Durchhalten an die Stelle von Zukunft.

Als müsste das Große schwer sein, um Bedeutung zu besitzen.

Über lange Zeiträume hat sich ein Gefühl eingeprägt: Ordnung kommt von oben, Sicherheit entsteht durch Zugehörigkeit, nicht unbedingt durch Recht. Gewalt muss dabei nicht ständig sichtbar sein. Es genügt, dass ihre Möglichkeit im Raum bleibt.

Wie bei einem Brunnen, dessen Tiefe man kennt, ohne den Grund zu sehen.

Man hält Abstand.

Vielleicht erklärt das auch die Macht der großen Erzählungen. Wo der Einzelne wenig verändern kann, gewinnt das Ganze an Bedeutung. Geschichte wird größer, je kleiner die eigene Reichweite erscheint. Mythos wirkt dann wie eine Dauermedikation: nicht um zu heilen, sondern um den Zustand erträglich zu halten.

Das Versprechen lautet nicht unbedingt, dass es besser wird.

Es genügt, dass es immer schwer war.

Darin liegt eine eigentümliche Entlastung. Armut lässt sich ertragen, solange sie Schicksal bleibt. Sobald sie zum Zustand wird, beginnt der Vergleich. Warum hier? Warum noch immer? Warum bei uns?

Vergleich erzeugt Fragen.

Und Fragen verlangen Konsequenzen.

Vielleicht liegt deshalb eine der erstaunlichsten Fähigkeiten nicht im Nichtwissen, sondern im Wissen ohne Folge. Ich begegnete diesem Mechanismus immer wieder. Menschen konnten erstaunlich präzise beschreiben, was falsch lief. Sie wussten, wer sich bereicherte, wer log, welche Entscheidung unsinnig war und warum etwas verfiel.

Es fehlte nicht an Erkenntnis.

Nur führte sie selten irgendwohin.

Man blickt hinunter, sieht tief und steigt nicht hinab.

So wird auch das Gesetz eigentümlich. Es existiert, aber man verlässt sich nicht darauf. Man arrangiert sich über Beziehungen, Absprachen und jemanden, der jemanden kennt. „Illegal“ bedeutet dann nicht zwangsläufig, dass etwas als unrecht empfunden wird. Es kann auch heißen: anders geregelt.

Die Gesellschaft wird dadurch nicht kriminell.

Aber sie lernt, neben dem Recht zu leben.

Und wer lange neben dem Recht lebt, sucht Halt anderswo: in Beziehungen, Gruppen, Hierarchien, Patronage. Vertrauen richtet sich weniger auf die Institution als auf den Menschen, der Zugang zu ihr besitzt.

Auch Verantwortung beginnt dadurch zu wandern. Nach oben, nach unten, irgendwohin. Selten bleibt sie dort, wo entschieden wurde.

Was im eigenen Leben fehlt, lässt sich dann leichter im Großen suchen.

Geschichte. Territorium. Sieg. Bedeutung.

Nicht notwendigerweise aus Stärke. Manchmal gerade aus dem Gegenteil.

Wer im eigenen Leben wenig Reichweite erfährt, kann sich in der Reichweite seines Landes vergrößern. Dann wird eine Grenze auf der Karte plötzlich persönlich, ein vergangener Sieg zum eigenen. Eine Rakete beweist etwas über einen selbst.

Größe ersetzt Nähe.

Vielleicht hält sich auch deshalb so hartnäckig das Bild von der großen, tiefen russischen Seele.

Ich habe lange über diese Tiefe nachgedacht.

Vielleicht ist sie tatsächlich tief.

Aber Tiefe allein ist noch kein Wert.

Ein Brunnen kann tief sein und trotzdem nichts hergeben. Man kann sich über ihn beugen, hinuntersehen, sein Echo hören und gerade aus der Unerreichbarkeit seines Grundes eine Geschichte machen.

Dann wird selbst das Unerklärte zum Beweis besonderer Tiefe.

Vielleicht liegt darin die letzte Beruhigung:

Wir sind nicht widersprüchlich.

Wir sind unergründlich.

Aber irgendwann genügt Unergründlichkeit nicht mehr.

Denn unter den Schichten liegen Entscheidungen. Unter den Entscheidungen liegen Taten. Und unter den Taten liegen Menschen, denen etwas geschehen ist.

Dorthin müsste man gelangen.

Nicht um Russland seine Geschichte zu nehmen, sondern um sie nicht länger nur als Schicksal zu erzählen.

Vielleicht ließe sich aus diesem Brunnen tatsächlich etwas heben, das schwerer wiegt als Gold:

die anerkannte Schuld.