DAS FATALE
Es gibt hunderte Stunden von Aufnahmen, die eines zeigen: einen fürsorglichen, intelligenten, sogar sensibel wirkenden Mann, einen, der leise spricht, überlegt, kontrolliert. Nichts daran wirkt roh, nichts drängt sich auf.
Und genau darin liegt das Problem.
Macht muss nicht laut sein. Sie braucht keine Lautstärke, sie braucht Raum. Laut ist meist nur, wer sie trägt.
Man könnte mit ihm sprechen, ruhig, differenziert, auf Augenhöhe. Vielleicht wären es die besten Gespräche, die man führen kann. Und genau das ist das Fatale. Nicht die Distanz erzeugt Wirkung, sondern die Möglichkeit der Nähe. Sie macht das Gegenüber anschlussfähig, verständlich, beinahe zugänglich.
Man würde ihn treffen wollen, nicht aus Zustimmung, sondern aus Neugier. Man würde sitzen, Wasser stünde bereit, man würde sich erkundigen, ob alles recht sei. Am Ende ein Foto, vielleicht ein Geschenk, für die Frauen Blumen, Tee. Es gäbe Gründe, mehr als einem lieb ist. Russland ist kompliziert, die Welt auch.
Und doch wüsste man, dass man dabei verbrennt – nicht an ihm, sondern an dem, was ihn trägt.
Allein wäre er nur ein alter Mann, vielleicht sogar ein kleiner. Aber er ist nicht allein.
Noch bevor man ihm begegnet, begegnet man den anderen. Dem FSO, den Leibwächtern, dem Protokoll, den Mauern, den Kontrollen und Türen. Jemand entscheidet, wer hineindarf, wo man wartet, wann man geht, wie nahe man kommt und wo man steht. Menschen werden ausgewählt, geprüft, hereingeführt und hingestellt.
Die Macht beginnt lange vor dem Mann.
Vielleicht kann er deshalb so leise sprechen.
Man muss nur einen russischen Fernsehabend ansehen, um zu verstehen, wie gut die Arbeit verteilt ist.
Zuerst kommt die Welt.
In Westi und bei Dmitri Kisseljow ist sie groß, bedrohlich, geopolitisch. Internationale Krisen, Amerika, Europa, China, Indien, Sanktionen, Waffen, Gipfeltreffen. Putin schüttelt Hände in Neu-Delhi, wird in Peking empfangen, sitzt an großen Tischen. Man zeigt, wer auf ihn wartet, wer neben ihm gehen darf, wer ihm zuhört. Auch Rücken können politische Botschaften sein: ein Staatschef, der wartet, ein anderer, der auf Putin zugeht, eine Delegation, die sich erhebt.
Die Welt wird zur Rangordnung. Das Zentrum ist hier.
Und immer schwingt dieselbe Frage mit: Wo steht Russland darin? Wird es gefürchtet, ernst genommen, respektiert? Selbst England kann plötzlich wieder wichtig werden, gerade weil erklärt werden muss, dass es das eigentlich nicht mehr sei. Die Welt draußen ist voller Gegner, Zumutungen und Beweise dafür, dass Russland sich behaupten muss.
Kisseljow muss dabei nicht flüstern. Das ist seine Aufgabe nicht.
Er schafft die Fallhöhe, aus der Putin später umso ruhiger erscheinen kann.
Denn danach gibt es eine Sendung, die tatsächlich Moskau. Kreml. Putin. heißt.
Drei Wörter. Eine Stadt, ein Gebäude, ein Mann.
Nach der Weltlage kommt die Nahaufnahme.
Pawel Sarubin darf heran. Er begleitet Putin, wartet auf ihn, spricht ihn an, fragt nach. Noch leiser als Putin selbst. Die Kamera geht mit durch Gänge und Türen, bleibt stehen, wenn er stehen bleibt, hört zu, wenn er etwas beiläufig sagt. Eine Bemerkung, ein Blick, eine kleine Gewohnheit – jede Kleinigkeit wird berichtenswert, weil sie in seiner Nähe geschieht.
Manchmal nimmt diese Nähe beinahe absurde Formen an. Putin öffnet einen Kühlschrank, holt Topfen heraus und teilt ihn mit dem Journalisten. Etwas Alltäglicheres lässt sich kaum zeigen. Und gerade deshalb wird es gezeigt. Der Journalist darf davon kosten. Die Kamera ist dabei.
Sie darf fast alles, weil sie nichts bedroht.
Die Banalität wird geadelt. Es ist regelmäßige Speichelleckerei, aber eine erstaunlich moderne. Nicht ständig das monumentale Porträt, nicht der Herrscher auf dem Sockel. Im Gegenteil: Man verkleinert ihn.
Währenddessen kämpft die Front weiter.
Ein Kühlschrank genügt, ein Löffel Topfen, ein Mann, den man scheinbar privat kennt. Nach all den Krisen schmeckt ihm der Topfen noch.
Fast beruhigend.
Man könnte danach schlafen gehen.
Irgendwann hat man das Gefühl, diesen Mann längst zu kennen. Er gehört zum Leben dazu, nicht mehr nur als Präsident, sondern wie jemand, dessen Gesicht seit Jahren im selben Zimmer auftaucht.
Aber man kennt nur die Nähe, die gezeigt werden soll.
Mediale Nähe ist nicht das Gegenteil politischer Distanz. Sie kann ihre vollkommenste Form sein.
Denn tatsächlich kommt kaum jemand nahe. Um ihn liegen Ringe der Kontrolle. Wer vor ihm steht, ist ausgewählt worden. Wo er steht, ist bestimmt, ebenso die Entfernung. Wer sprechen darf, wann gesprochen wird und wann eine Begegnung endet – alles hat eine Form.
Selbst Staatschefs entkommen ihr nicht. Auch sie werden gezeigt: wartend, stehend, von hinten, auf Putin zukommend.
Der lange Tisch war nur das sichtbarste Möbelstück dieser Ordnung.
Entfernung wurde Architektur.
Und dann wieder: Putin, der Mann fürs Volk.
Auf seine stundenlangen Pressekonferenzen wird gewartet, ebenso auf die großen Fragerunden und die sogenannten direkten Leitungen zum Präsidenten. Vier Stunden, fünf Stunden. Journalisten, Bürger, Regionen, Tafeln, Bildschirme, Mikrofone. Fragen kommen aus dem ganzen Land. Eine Mutter, die dankt, ein Arbeiter im neuen Anzug, der ihm nicht passt, ein Gouverneur, der verspricht, ein Soldat, jemand mit einer kaputten Straße, jemand mit einer unbezahlbaren Wohnung.
Der Präsident hört zu, fragt nach, macht sich Notizen und verspricht, sich darum zu kümmern. Ein Problem, das irgendwo im riesigen Land feststeckte, gelangt bis ganz nach oben.
Natürlich ist auch diese Nähe organisiert. Fragen werden ausgewählt, Menschen ausgewählt, Reihenfolgen bestimmt. Gerade deshalb funktioniert das Spektakel. Es zeigt die unmittelbare Verbindung zwischen einem einzelnen Menschen und dem Präsidenten.
Dazwischen scheint fast nichts mehr zu liegen.
Das ist vielleicht die merkwürdigste Leistung dieser Inszenierung: Ein Staat mit Ministerien, Gouverneuren, Verwaltungen, Behörden und Millionen Beschäftigten verschwindet für einen Augenblick. Übrig bleiben zwei Menschen. Einer hat ein Problem. Der andere kann es lösen.
Der Staat inszeniert sein eigenes Versagen, um die Unentbehrlichkeit seines Präsidenten zu beweisen.
Eine Straße wurde nicht repariert – Putin wird es richten. Ein Lohn nicht bezahlt – Putin hört davon. Eine Wohnung fehlt, eine Heizung funktioniert nicht, irgendwo versagt eine Verwaltung. Was in einem funktionierenden Staat die Autorität der Spitze beschädigen müsste, stärkt sie hier. Jeder Defekt der Institutionen wird zum Beweis für die Notwendigkeit des Mannes.
Je schwächer der Staat als Institution erscheint, desto stärker erscheint der Staat als Person.
Und immer wieder dieselbe Botschaft, ohne dass sie ausgesprochen werden muss:
Er weiß Bescheid.
Gorbatschow wirkte anders. Jelzin erst recht. Auch sie waren Präsidenten, auch sie wurden gefilmt, auch um sie standen Apparate. Aber ihre Schwächen blieben sichtbar. Gorbatschow konnte erklären, reden, sich verheddern, Widerspruch bekommen. Jelzin konnte groß wirken und im nächsten Augenblick erschreckend klein.
Ihre Schwächen beschädigten die Macht.
Bei Putin geschieht beinahe das Gegenteil. Seine Zurückhaltung stärkt sie.
Um ihn herum ist Macht längst zu einer Form geworden. Sie empfängt ihn, bevor er kommt. Sie ordnet den Raum, wählt die Bilder, bestimmt die Entfernung und macht andere laut, damit er leise bleiben kann.
Er muss nicht brüllen oder auf den Tisch schlagen. Andere öffnen die Türen und schließen sie wieder. Andere kontrollieren, wählen aus, stellen Menschen hin und halten Abstand. Andere werden laut, wenn Lautstärke nötig ist, erklären, loben, wiederholen, schneiden Bilder zusammen und tragen jedes kleine Zeichen hinaus.
Er selbst kann sitzen bleiben, zuhören, fragen, leise sprechen.
Und Orden verleihen.
Als Quittung der Macht.
Auch das gehört dazu. Denn Macht kann nicht nur nehmen. Sie muss zurückgeben, wenigstens ein Zeichen. Der Orden sagt, dass das Opfer gesehen wurde, dass Loyalität zählt.
Vielleicht liegt darin die letzte Bindung. Sie brauchen ihn. Aber er lässt sie wissen, dass auch er sie braucht.
Erst damit schließt sich der Kreis.
Vielleicht beginnt Macht dort vollkommen zu werden, wo der Mächtige sie selbst kaum noch zeigen muss, weil andere sie tragen und dafür von ihm gesehen werden.
Man wartet, wird gerufen, nimmt den vorgesehenen Platz ein und spricht anders, sobald man im Raum ist. Niemand muss einem sagen, wem dieser Raum gehört.
Vielleicht ist das das Fatale.
Nicht dass Putin überall wäre. Er muss es nicht mehr sein.
Kisseljow kann schreien. Sarubin kann flüstern. Der FSO hält die Menschen fern. Der Bürger trägt sein Problem nach oben. Der Soldat sein Opfer. Der Ausgezeichnete seinen Orden.
Jeder trägt etwas.
Und alle tragen ihn.