DIE HYPOTHEK
Man spricht oft von Geschichte, als wäre sie etwas, das hinter einem liegt. Ich habe sie anders erlebt – nicht als Erinnerung, sondern als Gewicht. Holodomor, Krieg, Tote, Tschernobyl und all das, was dazwischen lag und nie ganz verschwand, liegen nicht einfach nebeneinander. Es verdichtet sich, wird schwer und trägt sich weiter: im Tonfall, im Blick, in der Art zu reagieren.
Abhängigkeiten lösen sich nicht in einer Nacht. Sie verschieben sich. Ketten werden lockerer, Glied für Glied. Was weitergegeben wird, verbraucht sich, verliert an Kraft, manchmal auch an Bedeutung. Nicht plötzlich, sondern im Gebrauch.
Was blieb, war deshalb kein Erbe.
Es war eine Hypothek.
Die Ukraine hat sie übernommen, nicht aus Wahl, sondern aus Herkunft. Wie jemand, der in ein altes Haus zurückkehrt: Es gehört ihm, aber nichts darin ist intakt. Die Fenster fehlen, die Türen schließen nicht, die Luft steht. Man erkennt die Räume – und doch muss man erst herausfinden, was davon noch zu gebrauchen ist.
So beginnt man nicht bei null. Man beginnt im Zustand. Und selbst das, was man überwinden will, bleibt zunächst erhalten: in der Art, wie man bittet, wie man nimmt, wie man gibt und wem man vertraut.
1991 war deshalb kein Anfang. Eher ein Erwachen, und kein geordnetes. Man stand da mit dem, was übrig war.
Dazu gehörten auch die Gewohnheiten eines Systems, in dem der offizielle Weg oft nicht der wirkliche gewesen war. Der Lohn allein entschied nicht darüber, was man bekam. Entscheidend war häufig der Zugang – zu Waren, zu Knappem, zu Menschen, die etwas beschaffen konnten. Wer Beziehungen hatte, kam leichter durch. Nähe konnte Verfahren ersetzen, Loyalität das Recht und ein Gefallen den nächsten.
Diese Ordnung funktionierte gerade deshalb so lange, weil sie niemand erklären musste. Man wusste, wen man fragen musste und was dafür erwartet wurde.
Mit dem Ende der Sowjetunion verschwand diese Logik nicht. Sie verlor ihren Rahmen. Vieles, was vorher in einer halbwegs berechenbaren Ordnung informeller Beziehungen stattgefunden hatte, trat nun offen hervor. Geld kam hinzu, Besitz wurde neu verteilt, staatliche Strukturen zerfielen oder wurden privatisiert. Aus Beziehungen konnten Geschäfte werden, aus Ämtern Vermögen und aus Nähe Macht.
Russland und die Ukraine trugen zunächst viel von derselben Hypothek. Der Unterschied lag weniger in ihrem Ursprung als darin, was später daraus entstand.
In der Ukraine blieb vieles offen, widersprüchlich und sichtbar. Machtzentren konkurrierten miteinander, wechselten, bekämpften sich. Korruption verschwand dadurch nicht. Aber auch sie bekam kein dauerhaftes Zentrum. Wer heute geschützt war, konnte morgen angreifbar sein.
In Russland begann sich dieselbe alte Logik zunehmend zu ordnen. Nicht indem Korruption verschwand, sondern indem sie sich in eine Hierarchie einfügte. Nähe zur Macht entschied nicht mehr nur darüber, wer etwas bekam. Sie entschied zunehmend darüber, wer etwas behalten durfte.
Vielleicht liegt darin ein wesentlicher Unterschied.
Beide Länder hatten ein altes Haus übernommen.
Aber sie begannen, es verschieden umzubauen.