AUSLÄNDER
Es war schon eigenartig. Man konnte dieses Muster über Jahre beobachten. Es kam immer öfter, immer deutlicher, bis mir irgendwann ein ziemlich banales Bild dazu einfiel: Kommando Fass. Ein Wort genügt.
In russischen Nachrichten funktionierte etwas Ähnliches. In den Medien, etwa bei der Komsomolskaja Prawda, sah man immer wieder dieselbe Abfolge.
Schnitt.
Ein Mann mit hinter dem Rücken gefesselten Händen wird, den Kopf nach unten gedrückt, von vermummten Sicherheitskräften abgeführt. Irgendwo liegen Menschen mit dem Gesicht zum Boden. Bewaffnete Männer stehen daneben.
Einer unterschreibt.
Nicht das Geständnis, wie man zunächst meinen könnte, sondern eher das Protokoll dessen, was geschehen sein soll.
Schnitt.
Auf einem Bett liegen sorgfältig nebeneinander ausgebreitete Hundertdollarscheine.
Schnitt.
Der Sprecher der Miliz. Bestechung. Sabotage. Ein geplanter Terroranschlag. Ausländer.
Schnitt.
Die Politik. Man müsse durchgreifen, die Miliz stärken, die Sicherheit erhöhen.
Ich sah das immer wieder. Irgendwann musste gar nicht mehr erklärt werden, was daran gefährlich war. Das Wort brachte seine Bedeutung bereits mit. Doch wer diese Ausländer waren, blieb oft offen. Nicht einmal ihre Staatsangehörigkeit wurde genannt. Sie waren einfach Ausländer. Am besten mit Bart.
Als läge die Gefahr grundsätzlich jenseits der eigenen Grenzen. Hier das Eigene, dort das Fremde. Innen Ordnung, außen Bedrohung.
Das Ungewöhnliche daran war, dass viele dieser kurzen Nachrichten auf mich gestellt wirkten. Wer aufmerksam hinsah, erkannte immer wieder dieselben Bilder, dieselbe Dramaturgie, beinahe dieselben Bewegungen.
Ich fragte einmal meinen Freund bei der Miliz danach. Er hatte einen hohen Rang. Wir waren in der Sauna, wie so oft. Dort sprach man anders, vertrauter, nackt, bei Wodka und Speck.
Er lächelte nur und meinte, vieles davon sei schnell produziert.
Gestellt?
Er lächelte wieder.
Das war Antwort genug.
Je nach Wetterlage oder politischer Situation kamen dann auch die Namen der Nationen dazu. Nach 2014 schien sich dieses Muster auf der Krim noch zu verdichten. Fast täglich wurde von vereitelten Anschlägen, Spionage oder Sabotage berichtet. Die Bilder unterschieden sich kaum: vermummte Einsatzkräfte, Männer auf dem Boden, ein Formular, das wie ein Geständnis wirkte und doch das Protokoll war, und fast immer dieselben ordentlich ausgelegten Dollarscheine auf einem großen Bett.
Das Bild wirkte. Durch die Wiederholung vielleicht noch mehr.
Irgendwann begann ich aus Spaß nachzurechnen. Auf ein Doppelbett passen ungefähr zweihundertfünfzig Hundertdollarscheine, also rund 25.000 Dollar. Für manche der angeblich bezahlten Taten eine erstaunliche Summe.
Aber vielleicht war die Summe ohnehin nicht das Entscheidende. Das Bild musste stimmen: vermummte Männer, ein Festgenommener, Dollars auf einem Bett und dieses eine Wort: Ausländer.
Eigentlich hätte mich schon damals wundern müssen, wie wenig dieses Wort erklärte. Wenn ein Franzose gemeint war, warum sagte man nicht Franzose? Wenn ein Ukrainer, warum nicht Ukrainer? Wenn ein Amerikaner, warum nicht Amerikaner?
Vielleicht weil die Genauigkeit das Bild nur gestört hätte. Der Ausländer musste niemand Bestimmter sein. Seine Funktion bestand gerade darin, von draußen zu kommen.
Damit bekamen auch die Dollars auf dem Bett eine andere Bedeutung. Sie waren nicht nur Beweismittel, sondern erzählten dieselbe Geschichte wie das Wort. Das Geld kam von außen, der Auftrag kam von außen, also kam auch die Gefahr von außen.
Und damit wurde zugleich etwas anderes geschützt: das Innere.
Wenn Verrat von außen bezahlt wird, muss man weniger danach fragen, warum jemand im Inneren verrät. Wenn Unruhe von außen gesteuert wird, muss man weniger über Unzufriedenheit sprechen. Und wenn Sabotage aus dem Ausland kommt, braucht man nicht zu fragen, was im eigenen Land zerbrochen sein könnte.
Vielleicht war der Ausländer deshalb nicht nur ein Feindbild. Er war eine Entlastung, weil er die Ursache mit nach draußen nahm.
Wer damit gemeint war, konnte wechseln. Das Wort blieb.
Irgendwann genügte es.