HEXEN UND MAGIER

Meine Schwiegermutter legt bis heute Karten. Sie macht kein großes Aufheben darum. Die Karten kommen auf den Tisch, werden gemischt, ausgelegt, betrachtet. Manchmal nimmt sie danach getrocknete Blätter, zündet sie an und geht damit durch die Räume. Der Rauch zieht hinter ihr her, durch die Türen, in die Ecken. Was genau er dort soll, habe ich nie verstanden. Vielleicht etwas vertreiben. Vielleicht etwas fernhalten.

Natascha wiederum sieht sich gern Horoskope an. Nicht so, dass danach entschieden würde, ob die Welt morgen untergeht. Sie schaut eben nach. Was steht dort? Passt etwas? Kommt etwas?

Für mich war das lange fremd. Aberglauben kannte ich natürlich. Jeder kennt ihn. Auf Holz klopfen, eine Zahl meiden, irgendeinen kleinen Unsinn tun und gleichzeitig behaupten, man glaube selbstverständlich nicht daran. Aber dort begegnete mir mehr.

In den neunziger Jahren schien diese zweite Welt überall hervorzukommen. Amulette wurden verkauft, gegen den bösen Blick gab es das Auge. In fast jedem Auto schienen kleine Heiligenbilder mitzufahren, häufig drei nebeneinander. Daneben vielleicht noch etwas anderes. Es störte einander nicht.

Das wunderte mich. Ich hatte gelernt, dass Überzeugungen einander ausschließen. Entweder man glaubt an Gott oder an Karten, an Medizin oder an eine Heilerin, an die Sterne oder an die eigene Entscheidung. Dort schien das niemanden besonders zu beschäftigen. Das Kreuz und das Auge, der Arzt und vielleicht noch jemand.

Nicht entweder oder.

Und.

Auch das Fernsehen nahm diese Welt auf. Wahrsager, Heiler und Menschen mit angeblich übersinnlichen Fähigkeiten traten auf, später wurden daraus ganze Shows mit Extrasensen. Menschen sollten sehen können, was andere nicht sahen, Vergangenes erkennen, Verborgenes finden, manchmal Zukünftiges. Anfangs hielt ich davon wahrscheinlich dasselbe wie viele Menschen aus dem Westen.

Nun ja.

Aber irgendwann wurde es schwieriger, darüber zu lachen. Denn es waren keineswegs nur alte Frauen auf dem Land. Man hörte von Geschäftsleuten, Politikern und Wohlhabenden, die solche Menschen aufsuchten. Selbst Oligarchen erzählten in Interviews manchmal fast beiläufig davon. Menschen, die Unternehmen bewegten, Millionen und später Milliarden, beschäftigten Anwälte, Berater und Ärzte – und gingen trotzdem hin.

Das passte nicht zu meiner Erklärung. Ich hatte angenommen, solche Vorstellungen würden dort besonders stark, wo Bildung fehlte, vielleicht auch Geld oder Sicherheit. Aber Geld fehlte diesen Menschen nicht. Bildung oft auch nicht.

Warum also gingen gerade sie?

Im Südwesten der Ukraine begegnete mir diese andere Welt besonders häufig. Rund um Mukatschewo fühlte sich vieles ohnehin anders an. Die Karpaten, Ungarn, Rumänien, verschiedene Sprachen und Traditionen lagen dicht beieinander. Grenzen waren dort nie nur Linien auf einer Karte. Man hörte von Menschen, die etwas konnten: heilen, sehen, etwas wegnehmen, etwas wissen.

Wie viel davon stimmte, wusste ich nicht. Aber die Menschen fuhren hin, auch Wohlhabende, manchmal von weit her. Aus Moskau hörte ich Ähnliches. Von Menschen, bei denen man lange auf einen Termin warten musste. Man ging diskret. Man sprach darüber, aber nicht unbedingt dort, wo man hinging.

Ich fragte mich manchmal, ob darunter etwas Älteres lag. Eine Verbindung zur Erde vielleicht, zu Pflanzen, Orten, Jahreszeiten, zu Vorstellungen, die lange vor der modernen Welt da gewesen waren. Ich wusste es nicht. Vielleicht war schon diese Vorstellung zu romantisch. Denn wo jemand Hoffnung anbietet, kann jemand anderer damit Geld verdienen.

Trotzdem blieb die Frage: Warum verschwand diese Welt nicht?

Vielleicht hatte ich die Sache von der falschen Seite betrachtet. Vielleicht ging es gar nicht zuerst um Glauben, sondern um Kontrolle.

Ein Mensch geht zum Arzt, und der Arzt sagt: Ich weiß es nicht. Er führt ein Unternehmen, aber niemand kann ihm sagen, was morgen geschieht. Er besitzt Geld, aber seine Frau kann ihn verlassen. Er kennt Minister, aber ein anderer kann morgen näher am Minister sein. Er hat Einfluss, aber er kann krank werden.

Je länger ich darüber nachdachte, desto weniger widersprüchlich erschien mir der Oligarch bei der Wahrsagerin. Vielleicht war sein Reichtum kein Argument dagegen, sondern sogar ein Teil der Erklärung. Denn mit jeder Möglichkeit, etwas zu kontrollieren, wird deutlicher sichtbar, was sich nicht kontrollieren lässt.

Geld vergrößert die Macht. Vielleicht vergrößert es zugleich den Rand ihrer Ohnmacht.

Dort könnte die Magie beginnen. Nicht als Gegenteil der Vernunft, sondern an dem Punkt, an dem die Vernunft sagt: Weiter weiß ich nicht.

Und jemand anderes sagt: Ich schon.

Die Wahrsagerin behauptet, eine Verbindung zu etwas zu besitzen, das ich nicht sehen kann. Der Heiler kennt eine Ursache, die mir verborgen bleibt. Der Astrologe erkennt eine Ordnung, die ich nicht erkenne. Der Schamane besitzt Zugang zu einer Welt, zu der ich keinen Zugang habe.

Aber war die Welt der Macht, die ich kennengelernt hatte, wirklich so vollkommen anders?

Auch dort war das Sichtbare selten alles. Warum bekam dieser den Auftrag, warum wurde jener plötzlich reich? Warum verlor einer sein Unternehmen, während ein anderer unbehelligt blieb? Auf dem Papier gab es Gründe: Gesetze, Verordnungen, Zuständigkeiten. Aber oft genügte das nicht, um zu verstehen, was tatsächlich geschah. Man musste die Verbindungen kennen. Wer kannte wen? Wer hatte Zugang? Wer konnte anrufen? Wer war wem nah?

Das Sichtbare hatte unsichtbare Ursachen.

Da lag die Ähnlichkeit, die ich so lange übersehen hatte. Magie behauptet unsichtbare Verbindungen. Personalisierte Macht lebt von ihnen. Das eine war nicht das andere, aber beides gewöhnte den Menschen daran, hinter das Sichtbare zu schauen und vor allem eine Frage zu stellen:

Wer hat Zugang?

Plötzlich erinnerte ich mich an Rasputin.

Ein Mann ohne Ministerium, ohne Armee, ohne Amt, das seine tatsächliche Bedeutung erklärt hätte. Und trotzdem kam er bis in die Zarenfamilie. Dort saßen Menschen an der Spitze eines riesigen Reiches. Minister, Beamte, Generäle, Ärzte, Kirche und Polizei standen ihnen zur Verfügung.

Nur das Blut ihres Sohnes nicht.

Zarewitsch Alexei litt an Hämophilie. Wenn er blutete, konnte der Zar befehlen, was er wollte. Das Blut gehorchte ihm nicht. Und Rasputin schien etwas zu können, was andere nicht konnten.

Wie groß sein tatsächlicher Einfluss war und wie viel später zur Legende wurde, ist für diesen Gedanken fast zweitrangig. Entscheidend ist die Umkehrung: Der mächtigste Mann des Reiches stand an einer Grenze seiner Macht. Und hinter dieser Grenze erschien jemand, dem man zutraute, weitersehen zu können.

Unten sucht man jemanden, der jemanden kennt. Weiter oben sucht man Zugang zu einem Beamten. Der Unternehmer braucht jemanden im Ministerium, der Oligarch Zugang zum Kreml. Immer geht es nach oben. Nähe erhöht die Wirkung.

Das war die Gravitation, die ich kannte.

Aber was geschieht ganz oben?

Wer dort angekommen ist, hat ein eigenartiges Problem: Über ihm ist niemand mehr.

Zumindest kein Mensch.

Vielleicht beginnt genau dort die Suche nach einer anderen Ordnung. Gott. Schicksal. Sterne. Vorzeichen. Ein Schamane.

Mehr als hundert Jahre nach Rasputin erschienen wieder Berichte über Schamanen in der Nähe russischer Macht, diesmal im Umfeld Putins. Es wurde von Reisen, Ritualen, Mystikern und Beratungen berichtet. Sergej Schoigu und dessen Herkunft aus Tuwa tauchten in diesen Geschichten immer wieder auf. Nicht alles davon war gesichert. Manches blieb Gerücht, manches wurde dementiert.

Ich wusste nicht, was davon stimmte. Aber inzwischen interessierte mich beinahe mehr, dass solche Geschichten überhaupt glaubwürdig genug erschienen, um erzählt zu werden. Der Kreml verfügte über Atomwaffen, Geheimdienste, Satelliten, Generäle, Milliarden und Informationen aus einem halben Planeten. Trotzdem blieb die Vorstellung möglich, dass es jemanden geben könnte, der noch etwas anderes wusste.

Bei meiner Schwiegermutter war es einfach. Ihre Karten entschieden über niemanden außer vielleicht über sie selbst. Beim Herrscher war das anders. Wenn er einem General glaubte, hatte das Folgen. Wenn er einem Geheimdienst glaubte, hatte das Folgen. Wenn er einem Priester glaubte, konnte es Folgen haben. Und wenn er einem Menschen glaubte, der behauptete, die Zukunft sehen zu können?

Wer wusste wirklich, warum oben eine Entscheidung fiel? Ein Minister, ein Geheimdienst, ein alter Freund, ein Oligarch, ein Priester, ein Schamane? Je weiter man vom Zentrum entfernt war, desto weniger ließ sich das unterscheiden. Man erfuhr die Entscheidung, nicht unbedingt ihren Weg.

Vielleicht liegt darin eine besondere Einsamkeit großer, stark zentralisierter Staaten. Nicht die Größe allein ist entscheidend, sondern die Entfernung zwischen dem Einzelnen und dem Ort, an dem über ihn entschieden wird. Je stärker sich Macht im Zentrum verdichtet, desto weiter kann dieses Zentrum vom Menschen entfernt sein.

Wer keinen Einfluss darauf hat, wer den Herrscher beeinflusst, ist nicht nur dem Herrscher ausgeliefert. Er ist auch dessen Einflüssen ausgeliefert.

Vielleicht war genau deshalb selbst die Vorstellung eines Schamanen in der Nähe des Präsidenten nicht vollkommen fremd. Sie veränderte die Ordnung nicht. Sie passte in sie.

Unten suchte man jemanden, der jemanden kannte. Oben jemanden, der etwas wusste. Dazwischen lag ein riesiger Raum voller Menschen, die weder das eine noch das andere überprüfen konnten.

Später kamen Berichte über Verjüngung hinzu. Über Bäder mit Extrakten aus den noch durchbluteten Geweihen von Maralhirschen, denen besondere Wirkung zugeschrieben wurde. Gleichzeitig ging es ganz real um moderne Forschung, Biotechnologie, Regeneration und Möglichkeiten, menschliches Leben zu verlängern.

Das eine ist nicht das andere. Ein Labor ist kein Schamane, Wissenschaft keine Magie. Und trotzdem richtete sich beides gegen dieselbe Grenze:

den eigenen Körper.

Bis dahin hatte ich Gravitation immer vom Zentrum nach außen betrachtet. Etwas besaß Masse und zog anderes an. Menschen suchten Nähe, Nähe schuf Zugang, Zugang Möglichkeiten, Macht verdichtete sich.

Aber vielleicht endet Gravitation nicht am Zentrum.

Vielleicht wird auch das Zentrum selbst von etwas angezogen.

Je größer die Macht eines Menschen wird, desto ungewöhnlicher wird seine Erfahrung mit Grenzen. Türen öffnen sich. Menschen warten. Autos warten. Flugzeuge warten. Ärzte kommen, Minister kommen, Entfernungen verschwinden. Gesetze lassen sich ändern. Andere führen aus, was beschlossen wurde.

Die Welt gewöhnt einen daran, dass Widerstand nachgibt.

Bis auf einen.

Man kann Menschen warten lassen, Flugzeuge warten lassen, Entscheidungen warten lassen.

Nur die Zeit wartet nicht.

Und dann bekam diese Geschichte noch eine Pointe, die ich mir nicht hätte ausdenken können.

In Russland trat ein junger Sänger auf: Jaroslaw Dronow. Seinen Künstlernamen hatte er sich selbst gegeben: SHAMAN.

2022 sang er ein Lied, das bald überall zu hören war. Patriotisch, groß, mit ausgestreckten Armen und jener Gewissheit, die keine zweite Stimme mehr braucht.

Ja russki.

Ich bin Russe.

Es klang beinahe wie eine neue Hymne.

Ich musste an all die Jahre denken. An die Karten meiner Schwiegermutter, die Heiligenbilder in den Autos, Wahrsager und Extrasense, an Rasputin und die Geschichten über Schamanen in der Nähe der Macht.

Und nun stand einer auf der Bühne.

Er nannte sich Schamane.

Und sang Russland, wer es war.

Alles passte.