DAS MÄRCHEN AN DAS MAN GLAUBEN SOLL
Armut ist führbar, solange sie als Schicksal gilt – nicht als Zustand, sondern als Herkunft. Wer sagt: Du bist dafür geboren, entzieht jede Alternative. Was unveränderlich erscheint, muss nicht gestaltet werden. Es wird ertragen.
Aber Armut gab es nicht überall. Und vielleicht war gerade das wichtig. Sie war verschieden verteilt, manchmal kaum sichtbar, anderswo so tief, dass ganze Regionen im Osten im Morast zu versinken schienen. Dazwischen lagen Moskau, Petersburg, die großen Städte, neue Wohnungen, Autos, Geschäfte, Restaurants und Menschen, die es offenbar geschafft hatten. Es gab gerade genug Wohlstand, um zu wissen, dass es auch mehr gab.
Damit änderte sich etwas. Armut war nicht mehr nur Schicksal, sie konnte nun auch als persönliches Versagen gelesen werden. Wer wenig hatte, musste nicht fragen, warum eine Region verfiel, warum Arbeit fehlte, warum Häuser und Straßen zerfielen. Er konnte sich fragen, warum er noch dort war. Andere hatten es doch auch geschafft. Man musste nur gehen.
Also verließ man das Haus, suchte Arbeit, ging auf Baustellen, wurde irgendwann prorab, Vorarbeiter, verdiente mehr, schickte Geld zurück oder blieb gleich dort. Der Aufstieg hatte eine Figur bekommen. Nicht jeder konnte sie erreichen, aber jeder konnte sie sehen.
Wer es nicht schaffte, hatte zunächst versagt. Blieb er lange genug unten, wurde auch dieses Versagen wieder zu etwas, das eben so war. Man hatte Pech gehabt, war am falschen Ort geboren, hatte nicht die richtigen Beziehungen. Die Zeiten waren schlecht. Russland war Russland. Vielleicht hatte Gott es so gewollt.
So konnte Schicksal Armut erklären, Aufstieg die Möglichkeit beweisen und Misserfolg zur persönlichen Angelegenheit werden. Am Ende kam man beinahe dort heraus, wo man begonnen hatte.
Nur die Ordnung war unterwegs verschwunden.
Für Frauen gab es eine andere Erzählung. Unzählige Filme erzählten sie: Eine junge, schöne Frau kommt aus der Provinz in die Stadt. Sie hat wenig, vielleicht gar nichts, wird enttäuscht, gedemütigt, übersehen – bis jemand sie sieht. Der Richtige. Der Mann mit Wohnung, Stellung, Geld oder wenigstens Zukunft. Am Ende wird sie gerettet.
Es war die alte russische Märchenwelt in neuer Kleidung. Der Mann zieht hinaus und besteht die Prüfung, die Frau wird gefunden. Irgendwo warten Moskau, das Geld, die Stellung, der Prinz.
Auch hier bleibt die Ordnung unschuldig. Man muss den Menschen nicht versprechen, dass es allen besser gehen wird. Es genügt, ihnen zu zeigen, dass einige es geschafft haben. Dann wird Ungleichheit nicht zum Beweis gegen das System, sondern zum Beweis seiner Durchlässigkeit. Wer unten bleibt, hat den Weg nicht gefunden, war nicht mutig, geschickt oder schön genug – oder nicht nah genug an den richtigen Leuten.
Das funktioniert gerade deshalb, weil nicht alles erfunden ist. Irgendwann glaubt man selbst daran.
Und das beginnt nicht erst im Fernsehen.
Schon in der Schule wird Wirklichkeit geordnet. Früher musste Geschichte mit der Partei übereinstimmen. Was nicht in die Lehre passte, verschwand, wurde umgedeutet oder bekam einen anderen Namen. Heute folgt sie einem anderen politischen Willen. Schulbücher erzählen nicht nur, was gewesen sein soll. Sie legen auch fest, worauf man stolz sein darf, wer geopfert hat, wer verraten wurde, wem etwas gehört und wer Russland etwas schuldet.
Das Kind lernt damit nicht nur Geschichte, sondern auch seine Stellung darin. Es gehört zu etwas Großem.
Vielleicht ist dieses Große gerade deshalb so wichtig, weil das Kleine oft wenig hergibt. Die Straße kann kaputt sein, das Krankenhaus schlecht ausgestattet, das Haus verfallen, der Lohn gering. Das widerspricht der Größe nicht. Es steht neben ihr.
Nach dem Zerfall der Sowjetunion musste das Leben stärker für sich selbst sprechen, und vieles, was da sprach, war nicht groß: das Provisorische, das Erschöpfte, die verlassenen Orte. Männer gingen fort, weil zu Hause keine Arbeit war. Frauen träumten von einem anderen Leben. Straßen wurden nicht repariert, Hauseingänge verfielen, während hinter einzelnen Wohnungstüren renoviert wurde.
Man konnte das alles sehen und trotzdem an Größe glauben. Vielleicht sogar leichter, wenn man es sah. Denn das Große entlastet. Im Kleinen müsste man fragen, warum dieses Haus verfällt, warum diese Stadt keine Arbeit bietet, warum jener Lohn nicht reicht. Im Großen genügt eine andere Frage: Wer sind wir?
Die Antwort kann gewaltig sein, selbst wenn das Leben es nicht ist.
Hier kehrt auch die Religion zurück. Nicht nur als Frömmigkeit, sondern als Sprache des Schicksals. Über dem Einzelnen steht etwas. Leiden kann Prüfung sein, Entbehrung Opfer, Geschichte Bestimmung. Die Kirche erfand diese Ordnung nicht, aber sie gab ihr Wörter zurück, die der sowjetische Staat verdrängt hatte. Wo früher die Partei wusste, wohin die Geschichte führte, konnte nun wieder von Gott, Vaterland, Opfer und einer besonderen Bestimmung gesprochen werden.
Das ist nicht dasselbe. Aber es kann dieselbe Stelle besetzen.
Wer sein Leben als Teil einer größeren Ordnung versteht, muss nicht jede Ungerechtigkeit politisch lesen. Manches kann getragen werden. Und wenn Staat und Kirche dieselbe Größe beschwören, bekommt selbst das Ertragen einen Sinn.
2016 sah ich dafür einen Moment, den ich lange nicht verstand.
Dmitri Medwedew war in Feodossija auf der Krim. Eine Rentnerin sprach ihn auf die Pensionen an und wollte wissen, wann sie endlich erhöht würden. Medwedew antwortete, es gebe derzeit kein Geld. Wenn man welches finde, werde man indexieren. Man solle durchhalten.
Mich verdutzte weniger die Härte des Satzes als etwas anderes. Der Ministerpräsident eines Staates, der sich zwei Jahre zuvor die Krim genommen hatte, stand nun auf eben dieser Krim und erklärte einer Rentnerin, dass dieser Staat kein Geld habe.
Er machte sich selbst arm.
Warum?
Vielleicht weil Armut gar kein Gegenargument mehr war. Man wusste doch, wohin das Geld ging, oder glaubte es zu wissen: in die Armee, die Sicherheit, den Apparat. Russland musste sich behaupten, sich schützen, seine Größe verteidigen. Man hatte wenig, weil Russland viel zu tragen hatte.
So konnte selbst der Mangel, der das Versagen einer Ordnung hätte zeigen können, zum Beweis ihrer Belastung werden. Je größer Russland erschien, desto mehr musste es tragen – und desto verständlicher ließ sich der Mangel machen.
Armut bekam Bedeutung.
Dazu passte die Fläche. Sie war selbst ein Argument: elf Zeitzonen, Bodenschätze, Wälder, Öl, Gas, Metalle, Arktis, Entfernungen, eine Karte, die einen erheblichen Teil des Globus überspannt. Alles war Potenzial, alles Größe, alles musste erschlossen, gehoben, geschützt oder verteidigt werden.
Dass manches davon über Jahrzehnte bis zum Exzess ausgebeutet wurde, ohne dass jene, die darauf lebten, entsprechend davon profitierten, zerstörte das Bild nicht. Denn irgendwann verglich man nicht mehr das Krankenhaus mit einem Krankenhaus, die Straße mit einer Straße oder den Lohn mit einem Lohn.
Man verglich Russland mit Geschichte. Mit Siegen, Territorium, Opfern und Feinden. Vielleicht auch mit Gott.
Neben etwas so Großem sieht das Kleine tatsächlich klein aus.
Der Mythos nimmt den Schmerz nicht. Er erklärt ihn und macht ihn dadurch haltbar. Die Großeltern hatten den Krieg, die Eltern die Sowjetunion, die Kinder wieder Russland. Jede Generation reicht etwas weiter, das ihr selbst nur geliehen wurde: Größe, Opfer, Bedeutung. Selbst der Verlust kann darin noch zum Beweis der eigenen Größe werden. Denn nur wer groß war, kann Größe verloren haben.
So entsteht die Illusion des Imperiums nicht erst durch Propaganda. Sie wird im Alltag vorbereitet: im Schulbuch, im Film, in der Kirche, in der Erzählung vom Aufstieg. Im Mann, der fortging und prorab wurde. In der jungen Frau, die nach Moskau kam und ihren Prinzen fand. Im Großvater, der Berlin erreichte. In der Karte, auf der Russland so groß aussieht, dass alles andere daneben beinahe nebensächlich wird.
Nicht jede dieser Geschichten ist gelogen.
Das macht sie so wirksam.
Eine Lüge kann man widerlegen. Ein Märchen, in dem Teile der eigenen Biografie vorkommen, verteidigt man.
Und irgendwann verteidigt man nicht mehr nur die Geschichte, sondern die Ordnung, die sie erzählt. Dann kann selbst Expansion wie Wiederherstellung erscheinen. Eine Annexion muss nicht als Annexion empfunden werden, wenn Schulbuch, Film, Kirche, Erinnerung und politische Sprache lange genug erzählt haben, dass nur zurückkehrt, was ohnehin dazugehört.
Vielleicht reichte deshalb selbst eine Pension von hundert Euro, solange das Bild groß genug blieb.
Das Bild wärmte. Das Märchen funktionierte, weil man daran glauben wollte. Vielleicht sogar musste.
Sonst hätte die Frau Medwedew womöglich etwas anderes gefragt.
Nicht, wann die Pension erhöht werde.
Sondern ob er noch bei Sinnen sei.