DIE SEHNSUCHT NACH DER TÜR

Interessanterweise vermissen viele ehemalige Sowjetbürger heute nicht unbedingt den Kommunismus selbst, sondern etwas anderes: die Vorhersagbarkeit.

Die Sowjetunion – besser gesagt: das Komitee – konnte ihren Bürgern lange Zeit keine Perspektive geben, aber einen Grund, an sie zu glauben. Die Botschaft lautete nicht: Die Zukunft wird gut. Sondern: Wir wissen, was wir tun.

Der Beweis lag nicht in der Zukunft, sondern in der Vergangenheit. In den Opfern, den Fabriken, den Siegen, den Raketen, den erreichten Zielen. Wer so viel geschaffen habe, so die Erzählung, könne nicht irren. Und wenn andere dagegen seien, dann nur deshalb, weil sie den eigenen Erfolg fürchteten. Das Leiden gehörte dazu.

Die Sicherheit, in der man sich fühlte, gab recht.

Wer Jahrzehnte in Planung als kollektiver Perspektive gelebt hatte und den Bruch miterlebte, stand plötzlich im Freien. Wie ein Gefangener, der entlassen wurde. Nicht aus Gnade. Eher, weil niemand mehr wusste, was mit ihm geschehen sollte.

Der Krieg ist aus.

War niemals da.

Die Tür im Rücken.

Mit zwei Kartons.

Wartend, ob jemand kommt.

Nur greller Sonnenschein.

Vom Zeitsprung fast erschrocken.

Ins Allein entlassen.

Zum ersten Mal vermisst die Tür.

Das Schließgeräusch.

Ab hier trennten sich die Wege von System und Mensch, nicht einmal als Feinde. Die Sehnsucht blieb – aus Kindertagen, aus Gewohnheit, aus Angst. Sie überdauerte den Zusammenbruch, die Jahre und die Enttäuschungen.

Der Fehler lag vielleicht in der Annahme, die Entlassung sei bereits die Resozialisierung. Man hatte gelernt zu folgen, nicht zu wählen, Sicherheit zu erwarten, nicht Verantwortung zu tragen. Nun war Freiheit vorhanden. Nur der Umgang mit ihr musste erst gelernt werden.

Das erklärt den ersten Schritt, nicht die nächsten hundert. Dreißig Jahre sind nicht nur eine Nacht. Irgendwann wird aus Prägung auch Entscheidung. Sie kann erklären, warum man zurückblickte. Nicht, warum man zurückging.

Und schon gar nicht, warum man andere mitnahm.

Vielleicht liegt genau dort die Grenze jeder historischen Entschuldigung. Herkunft erklärt Verhalten, aber sie hebt Verantwortung nicht auf. Was zunächst Unsicherheit war, kann später Gewohnheit werden, aus Gewohnheit Zustimmung und aus Zustimmung Beteiligung.

Die alte Ordnung bot dafür etwas Vertrautes: jemanden, der entscheidet, erklärt und Verantwortung übernimmt. Nicht unbedingt, weil jeder daran glaubte. Es genügte, dass es leichter war, sich darin einzurichten.

So bekam auch die Tür ihre alte Bedeutung zurück. Nicht nur als Grenze, die einsperrt, sondern als Grenze, hinter der man sich sicher fühlen kann.

Als wieder zu den Waffen gerufen wurde, angeblich zur Verteidigung gemeinsamer Werte, kehrte auch das Kollektiv zurück. Wieder Reihen, wieder Fahnen, wieder ein Auftrag, der größer war als der Einzelne.

Vielleicht war das die eigentliche Sehnsucht nach der Tür: nicht nach dem Gefängnis selbst, sondern nach einem Raum, in dem jemand anderes sagt, wo innen und außen ist.

Doch Verantwortung bleibt nicht dort, wo man sie abgibt.

Sie findet ihren Weg zurück.