DER VORSPRUNG

In Kiew traf ich 2018 einen Deutschen am Empfang der österreichischen Botschaft. Wirtschaftsberater, Jobvermittler, irgendetwas in dieser Richtung. Wir kamen ins Gespräch und irgendwann auf die Vergangenheit. Wir beide eiferten. Ich merkte schnell, dass der Mann mehr wusste, als man ihm auf den ersten Blick zugetraut hätte. Er kannte das Land. Nicht aus Berichten und nicht von gelegentlichen Reisen. Er hatte hier gelebt. Irgendwann gipfelte unser Gespräch in einer Frage, die eigentlich vollkommen unwichtig war: Wer war länger da?

Ich war mir meiner Sache ziemlich sicher. „Ich bin seit 1996 hier.“ Das sagte ich mit dem Selbstbewusstsein des Dienstältesten. Viel länger konnte schließlich kaum jemand permanent in der Ukraine gewesen sein. Er sah mich überrascht an. „Seit 1992.“ Jemand aus dem diplomatischen Korps, der danebenstand, nickte. Es stimmte. Nun gut. Auf der Krim war zumindest ich der Sieger.

Dabei war es gar kein Wettbewerb. Und über das eigentlich Interessante an unserem kleinen Vergleich sprachen wir nicht. Denn je früher man hier gewesen war, desto größer war der Vorsprung. Die Möglichkeiten der neunziger Jahre waren aus heutiger Sicht beinahe unglaublich. Händler zu sein konnte bedeuten, auf eine Goldader gestoßen zu sein. Alles wurde gebraucht. Alles musste irgendwoher kommen. Wer Ware beschaffen konnte, hatte einen Markt. Wer Geld hatte, konnte Zinsen bekommen, von denen später Geschichten erzählt wurden. Zwanzig Prozent. Nicht im Jahr. Im Monat.

Wir hatten selbst 1999 eine Wohnung gekauft. 105 Quadratmeter. 18.000 Dollar. Zehn Jahre später war sie ungefähr 180.000 wert. Das Zehnfache. Nicht weil ich ein genialer Investor gewesen wäre. Wir hatten eine Wohnung gebraucht. Man musste in diesen Jahren manchmal nicht besonders klug sein. Man musste früh genug da sein. Und deshalb gab es tatsächlich Zeiten, in denen ich die Ukrainer beneidete. Sie waren vor mir da. Ich kam erst 1996. Spät.

Mit dem Wissen, das ich heute habe, würde ich wahrscheinlich über diesen Satz lachen. Wenn ich damals gewusst hätte, was sich wie entwickeln würde, wo man investieren musste, welche Orte wachsen würden, welche Geschäfte verschwinden und welche entstehen würden, und hätte ich dazu noch die Beziehungen gehabt, die ich erst in den folgenden Jahren aufbaute, ich wäre vermutlich überreich geworden. Aber darin lag der Haken. Das Wissen, mit dem man damals ein Vermögen hätte machen können, bekam man erst später. Man musste die Jahre durchleben, um zu verstehen, was man am Anfang hätte tun sollen.

Und die Ukrainer hatten noch einen anderen Vorsprung. Sie verstanden dieses Land. Die Sprache sowieso. Aber Sprache war nur die Oberfläche. Sie wussten, mit wem man reden musste, wie etwas gemeint war, wenn etwas anderes gesagt wurde. Sie verstanden Beziehungen, Abhängigkeiten und Hierarchien. Sie wussten, wann ein Nein wirklich Nein bedeutete und wann es lediglich hieß, dass man noch nicht mit dem richtigen Menschen gesprochen hatte.

Ich wusste das alles nicht. Allein die Behördengänge. Ohne Natascha hätte ich vieles überhaupt nicht umsetzen können. Nicht schwieriger oder langsamer. Gar nicht. Ich hätte nicht gewusst, wohin ich gehen sollte, wen ich fragen musste, welches Papier plötzlich noch fehlte und warum eine Sache, die gestern unmöglich gewesen war, heute doch möglich wurde. Ich hätte die Sprache irgendwann beherrscht und trotzdem nicht verstanden, was gerade geschah. Am Anfang glaubt man, Sprache sei das Problem. Dann lernt man die Sprache und entdeckt, dass das eigentliche Problem erst dahinter beginnt.

Vielleicht war gerade die Ähnlichkeit das Schwierige. Das Leben hier erschien mir nie vollkommen fremd. Vieles sah aus wie bei uns. Menschen gingen arbeiten, gründeten Firmen, kauften Wohnungen, stritten mit ihren Frauen, brachten ihre Kinder zur Schule und saßen abends mit Freunden zusammen. Es war unserem Leben ähnlicher als das Leben in vielen anderen Teilen der Welt. Und trotzdem liefen darunter andere Regeln. Die ukrainischen Geschäftsleute konnten sie lesen. Ich musste es lernen.

Und ich musste noch etwas lernen: dass auch das, was ich mitgebracht hatte, mich begrenzte. Ich steckte in einer europäischen Vorstellung davon, wie ein Unternehmen auszusehen hatte. Man hatte eine Firma, man zahlte offiziell, man hatte eine Sekretärin, ein paar Verkäufer, ein Büro. Man machte Umsatz und wuchs. Das war ein Unternehmen. Nur wurde es manchmal eng. Denn Reserven gab es kaum. Das Geld steckte in Gehältern, Strukturen, laufenden Kosten. Man hatte eine Firma aufgebaut und musste sie nun jeden Monat ernähren.

Und dann sah ich kleine Farmer. Ein, zwei Hektar Erdbeeren, Folientunnel, fünf Kilogramm vom Quadratmeter. Das hieß Geld. Manchmal hatten diese Leute mehr als ich, und sie hatten es in der Tasche. Ich begann zu verstehen, dass ich das Kleine unterschätzt hatte. Vielleicht gerade deshalb, weil es klein aussah.

Zur selben Zeit sah ich in Russland eine andere Welt. Wir hatten Anfragen von dort, als eben Spezialist. Da gab es diese riesigen Fabriken. Investoren, über die im Fernsehen berichtet wurde. Hallen, Maschinen, Tausende Quadratmeter. Größe war sichtbar.

Und wir bekamen eine Anfrage nach Eiscremestäbchen aus Holz für Moskau. Ein lächerlich kleines Ding. Wir plagten uns vier Monate damit herum, suchten Produzenten, rechneten, übersetzten, lernten Anforderungen, Mengen und Preise. Am Ende löste sich das Geschäft in Luft auf. Jemand war erschossen worden.

Aber der Gedanke blieb. Man konnte mit Stäbchen reich werden, so hatte es einmal jemand zu mir gesagt. Nicht das Streichholz war groß. Die Zahl war es.

Vielleicht lag darin auch etwas von dem Unterschied, den ich damals zwischen Russland und der Ukraine wahrnahm. Dort beeindruckte mich die große Fabrik, der Investor, den man im Fernsehen sah. Hier wirtschafteten Menschen auf zwei Hektar Erdbeeren, handelten mit irgendeinem kleinen Produkt, bauten etwas auf, von dem außerhalb ihres Ortes kaum jemand wusste. Das Große war sichtbar. Das Kleine musste man erst sehen lernen.

Ein guter Freund fragte mich einmal, ob ich nicht bei einer Produktion von T-Shirt-Bags mitinvestieren wolle. Diese dünnen Plastiktüten mit zwei Griffen, die man auf jedem Markt sah. Bis dahin kamen große Mengen aus der Türkei. Nach dem schweren Erdbeben von 1999 war dort, wie er mir erzählte, nicht nur eine große Fabrik ausgefallen. Für ihn war das keine Katastrophe am anderen Ende des Schwarzen Meeres. Er sah eine Lücke. Warum die Tüten weiter importieren, wenn man sie hier herstellen konnte?

Was sollte ich mit Plastiktüten? Mit T-Shirt Bags?

Ich war Spezialist für andere Dinge.

Also tat ich es nicht.

Jahre später wusste ich, dass es ein Fehler gewesen war.

Derselbe Mann sagte mir 2008, die amerikanische Finanzkrise werde auch uns treffen. Ich fragte ihn, wie er darauf komme. Er erklärte es mir anhand seiner T-Shirt-Bags. Der Verkauf war gestiegen. Die Menschen kauften nicht mehr zwanzig Eier auf einmal, sondern zehn. Kleinere Einkäufe, weniger Eier. Aber die Tüte brauchten sie trotzdem. Er sah die amerikanische Finanzkrise in einer Plastiktüte mit zehn Eiern. Ich fand das selten klug.

Vielleicht war das der Punkt, an dem ich langsam verstand, dass Wissen nicht unbedingt dort saß, wo ich es erwartet hatte. Ich hatte meine Vorstellungen von Unternehmen, Wachstum, Spezialisierung und Größe mitgebracht. Sie waren nicht falsch. Aber sie waren eben auch nur Vorstellungen. Manchmal beneidete ich die anderen um diese Selbstverständlichkeit, mit der sie Dinge sahen, während ich noch versuchte, sie in meine Kategorien einzuordnen. Sie bewegten sich in einem Raum, dessen Türen sie kannten.

Aber es dauerte lange, bis ich verstand, dass es auch in die andere Richtung Türen gab. Denn während ich ihre Welt zu verstehen versuchte, mussten sie eine andere verstehen. Den Westen. Nicht seine Sprache. Englisch konnte man lernen. Deutsch auch. Es ging wieder um das, was dahinterlag: wie man einer Bank etwas erklärte, was ein deutscher Geschäftspartner erwartete, warum Zahlen in einer bestimmten Form dargestellt werden mussten, wie ein Angebot auszusehen hatte, was Vertrauen erzeugte, wie man mit Institutionen sprach. Auch das waren Regeln. Nicht bessere. Andere.

Ich dachte über vieles davon gar nicht nach. Es war mir so selbstverständlich wie einem ukrainischen Unternehmer die Frage, wen er bei einem Problem anrufen musste. Wir hielten beide für selbstverständlich, was der andere erst lernen musste. Zwei Wissensräume. Eine Welt.

Mit den Jahren verschoben sich die Grenzen. Die Ukrainer lernten schnell. Sehr schnell. Sie reisten, handelten, gründeten Firmen, arbeiteten mit Europäern, lernten Banken, Märkte und Kunden kennen. Und ich lernte die Ukraine. Irgendwann musste Natascha mir nicht mehr jeden Vorgang erklären. Irgendwann wusste ich selbst, wann eine Antwort keine Antwort war. Ich verstand nicht alles. Das wäre eine lächerliche Behauptung gewesen. Aber ich verstand genug, um mich zu bewegen.

Vielleicht lag darin irgendwann der wirkliche Vorsprung. Nicht darin, früher hier gewesen zu sein, sondern zwei Räume lesen zu können. Lange hatte ich geglaubt, ich müsse den Vorsprung der anderen aufholen. Dabei holten wir die ganze Zeit gegenseitig etwas auf. Sie waren mir voraus, weil sie von hier waren. Ich war ihnen voraus, weil ich es nicht war.

Und dann kam 2022.

Plötzlich wusste ich nicht mehr, wer eigentlich wen beneiden sollte. 1992. 1996. Vier Jahre Vorsprung. Was bedeutete das jetzt noch? Was bedeutete die Wohnung, deren Wert sich verzehnfacht hatte? Was bedeutete es, den richtigen Ort für eine Investition erkannt zu haben? Was bedeuteten Beziehungen, Erfahrung, das Wissen darüber, wie dieses Land funktionierte, wenn über Nacht etwas geschah, das alle bisherigen Rechnungen außer Kraft setzte? Menschen hatten zwanzig, dreißig Jahre aufgebaut, und plötzlich war nicht mehr sicher, was davon bleiben würde.

1996 hatte ich geglaubt, spät gekommen zu sein. Später dachte ich manchmal daran, was ich alles hätte verdienen können, wäre ich früher gekommen oder hätte damals schon gewusst, was ich heute wusste. Nach 2022 wusste ich nicht einmal mehr, was früh und spät in dieser Rechnung bedeuteten.

Vielleicht war der größte Vorsprung nie die Wohnung gewesen. Nicht das Geschäft, das man rechtzeitig erkannte. Nicht einmal das Wissen darüber, wie zwei verschiedene Systeme funktionierten. Vielleicht war es etwas anderes. Ich hatte zwei Wissensräume kennengelernt, aber nur eine Welt darin gelebt.

Und irgendwann stellte ich mir deshalb eine andere Frage. Nicht mehr, seit wann ich hier gewesen war.

Sondern wann ich aufgehört hatte, nur von dort zu sein, woher ich gekommen war.