DAS KRÄCHZEN

Mit welcher Vehemenz russische Erzählungen über das eigene Handeln verteidigt werden, ist erstaunlich. Sie erschöpfen. Wer ihnen lange zuhört, merkt, wie viel Kraft sie verlangen. Distanz ist deshalb keine Flucht, sondern eine Voraussetzung, um klar zu bleiben. Wer sie aufbringt, gewinnt.

Manchmal hatte ich den Eindruck, als wolle man sich gar nicht rechtfertigen, sondern etwas abladen – den eigenen moralischen Ballast in der Hoffnung, ein anderer werde ihn aufnehmen und entsorgen. Hass und Unterwürfigkeit treten dabei oft gemeinsam auf. Sie ziehen durchs Gespräch wie zwei Gestalten, die einander brauchen.

Sie rufen nach Aufmerksamkeit, krächzend und fordernd, ohne zu begreifen, dass niemand den Ruf wirklich hören will. Früher abgeschirmt, jetzt wieder.

Schließlich bleibt das Gellen im eigenen Hals stecken, sobald ihm widersprochen wird.

Im Sumpf der eigenen Erzählungen begegnet man nur noch dem eigenen Spiegelbild – und erschrickt. Die Narben fast wie Orden, während Fäulnis längst im Rahmen steckt.

So werden Menschen zu bloßen Medien, zu Megafonen. Sie glauben, eine Botschaft zu überbringen, und bemerken nicht, dass sie selbst längst die Botschaft geworden sind. Im globalen Dorf verbreitet sich nicht nur das Gesagte, sondern auch der Mensch, der spricht.

Es wäre verheerend zu verstehen, dass alles Lüge ist und war. Somit wird verteidigt, was zu verteidigen ist. Das krumme Ich.

Verloren auch das Weib. Nur Ware. Und Teil des Rituals. Dann geh!

In Liturgie gefangen beruft er sich aufs falsche Wissen, weil falsch erzählt und falsch gedruckt. Vor der Ikone bekennt er: „Ich bin Russe.“ Und stolz darauf. Im Glauben, auserwählt zu sein.

Vom Zeltplatz zieht er weiter. Das Leben ist ein Kampf. Im Wir die Stärkeren und dennoch fremd im Schulterschluss. Ohne Zögern weiter. Wer fällt, bleibt liegen. Trotz der Verluste. Gerade ihretwegen trägt er Schutz ins fremde Land. Erlösung, die niemand will.

So oft im Vorwärts, dass Angriff zum Leben dazugehört. Selbst wenn verteidigt werden muss. Und verteidigen heißt immer: erster Schlag. Weil immer etwas zu verteidigen ist.

Das Paradoxe: Im Schrei nach Dominanz findet sich die Masse.

Und wenn dann einer spricht, einer erklärt – da hinten hört man’s nicht. So ruft man nach Weiteren, um nichts zu hören, ehe man sinnlos im Tanz verweilt. Blasphemisch bleibt das Wort.

Fragmente eines Selbst treffen hier nicht sich selbst, sondern immer nur das andere. Das vermeintlich Fremde. Weil er sich selbst nicht erkennt, wird das Fremde Feind. Schließlich ist die Erde heilig, in die man fällt.

Im kollektiven Rausch wird dem anderen das Menschsein aberkannt.

Der andere soll büßen, soll auch verrecken. So wird mitgenommen, was zu greifen ist. Und jeder sieht es. Am Schluss Untertan. Und somit gleich. Später Brudervolk. Dann leckt man Wunden, erzählt von Narben und rüstet sich erneut. Weil neue Feinde. Die Überzeugung bleibt: Es überlebt nur, wer sich bewegt.

Die Pflicht, der zu sein, der man ist, ist die moderne Leibeigenschaft. Und doch verschwindet das Ich nicht. Es reagiert. Es formt die Hand zur Faust. Nicht zum Schlag gegen das Höhere – das ist heilig. Dem Genossen gilt sie. Er frisst zu viel.

Rechthaberisch zieht man den Pflug für wenig Brot, während man sich im Chor motiviert: Wir haben Werte. Wir sind groß.

So bleibt man zurück im neuen Gulag. Mit Schließgeräusch und Megafon. Zum Schritt im Kreis verdammt. Darum fremd. Man vegetiert im Schweigen, das verdummt.

Verurteilt. Schon von Kindheit an.

Was bleibt?
Was ist?
Was wird?

Banales Böse.
Alles kalt.

Man steht davor
und weint.