ES IST SO PERVERS
Das Alltägliche zeigte sich anders.
Ich fragte Sergey, was er davon halte. Er zuckte die Schultern. Politik interessiere ihn nicht. Der Satz kam schnell, fast routiniert. Wie eine Depesche.
Wir sprachen weiter. Das Gespräch blieb nicht stehen, es verschob sich. Irgendwann waren wir beim Krieg.
Er wusste viel. Sprach von Fronten, von Bewegungen, von dort und da, von Geschichte und Gründen, als hätte er die Linien vor sich liegen. Präzise, ruhig, ohne Zögern. Nichts daran klang nach Distanz.
Am Ende blieb ein Eindruck, der nicht passte:
Politik interessierte ihn nicht.
Der Krieg schon.
Vielleicht war es längst dasselbe.
Man kann den Krieg verfolgen. Politik nicht. Der Krieg zeigt Struktur, die Politik bleibt diffus. Was sich verfolgen lässt, beruhigt. Was sich entzieht, überfordert.
Wenn Krieg nicht mehr als Ergebnis von Politik begriffen wird, sondern als Zustand, verliert er seinen Zusammenhang. Man beobachtet ihn, aber man fragt nicht mehr nach ihm.
Und genau dort beginnt die Verschiebung.
Sergey hat den Befehl nicht erteilt. Aber er trug ihn mit – indem er sich nicht dafür interessierte. Und er war kein Einzelfall. Der Satz wiederholt sich, überall, fast wortgleich: Man interessiere sich nicht für Politik. Das machen die da oben.
Und doch geschieht genau das Gegenteil. Man urteilt, rechtfertigt, schweigt. Man nennt es nur anders.
Desinteresse ist keine Leere. Es ist eine Entscheidung.
Im Gespräch zeigt sich das sofort. Man spricht nicht über sich, sondern über die Welt. Über die USA, Afghanistan, Irak, Jugoslawien. Über Mächte, Karten, Interessen. Immer von oben. Immer im großen Maßstab.
Was fehlt, ist das Naheliegende. Das Eigene.
Das Konkrete wird übersprungen, weil es verpflichten würde. Also weicht man aus – in die Analyse, in die Geopolitik, in einen Maßstab, der entlastet.
So wird Wissen zum Versteck. Je größer der Rahmen, desto kleiner die Verantwortung.
Man lässt geschehen und sagt danach: Wir sind doch nur das Volk. So wird Ohnmacht zur Entschuldigung.
Doch Politik verschwindet nicht, wenn man sie meidet. Sie zieht ein – in Gespräche, in Ausreden, in den Alltag. Gerade dort, wo man kein Interesse bekundet.
Selbst wenn das Dach brennt, ruft man nach Hilfe, statt den Eimer zu füllen. Man erklärt das Feuer, statt es zu löschen.
Wahrheit wird zur Zumutung, weil sie Handeln verlangen würde. Also zieht man Trost aus der Lüge.
Das eigentliche Gift ist nicht Propaganda. Es ist der Wille, sie gelten zu lassen.