SCHUTT UND ASCHE
Ich saß in den Nächten noch davor, vor den Bildern, und kann mich gut an dieses beklemmende Gefühl erinnern.
Grosny.
Alles zerstört. Alles.
Aberwitzige Geschichten kursierten darüber, was dort eigentlich geschah und warum dieser Krieg geführt wurde. Alte Geschichten wurden hervorgeholt, über die Tschetschenen, über Kollaboration mit den Deutschen, Verrat, historische Schuld. Man hörte Gerüchte von Safes, in denen geheime Verträge liegen sollten, und davon, dass es in Wahrheit nur um irgendwelche Dokumente gehe. Alles Mögliche wurde erzählt.
Ich erinnere mich aber auch an Alexander Lebed. Vielleicht gerade deshalb. Er war General, Afghanistanveteran, gewiss kein Pazifist. Und doch sprach er über diesen Krieg mit einer Klarheit, die mir blieb. Menschen seien kein Abfall, Blut kein Wasser. Dieser Krieg werde von niemandem gebraucht. Später nannte er ihn sinnlos und zog selbst die Verbindung zu Afghanistan: Man beginne mit großen Zielen und ende damit, Krieg gegen ein Volk zu führen.
Wenn selbst ein russischer General diesen Krieg für sinnlos hielt, wozu dann diese Zerstörung? Warum musste eine Stadt, die man wieder unter die eigene Kontrolle bringen wollte, dem Erdboden gleichgemacht werden?
Vielleicht suchte ich zu lange nach einem militärischen Sinn. Vielleicht lag ein Teil des Sinns bereits in der Zerstörung selbst.
Die Bilder gingen mir jedenfalls nicht aus dem Kopf. Ganze Straßenzüge, Wohnblocks, Häuser ohne Fassaden. Schutt und Asche.
Jahre später kamen die Bilder aus Syrien. Aleppo. Wieder Häuser, von denen kaum mehr als Beton übrig war, wieder Straßenzüge, in denen man die Straße suchen musste. Und wieder gab es Erklärungen: militärische Ziele, Stellungen, Terroristen, Notwendigkeit.
Aber die alte Frage war sofort wieder da: Warum zerstört man irgendwann nicht mehr Ziele, sondern alles?
Ich dachte an Wildheit, an Soldaten, die irgendwann auf alles schießen, weil Krieg jede Grenze verschiebt. An Rache vielleicht, an Verzweiflung, an diese merkwürdige Mischung aus Angst und Allmacht, wenn ein Mensch eine Waffe besitzt und auf der anderen Seite irgendwann nur noch einen Feind, ein Ziel erkennt.
War es ein tief russisches Muster? Vielleicht war schon die Frage falsch. Zerstörung ist keine russische Erfindung. Die Geschichte ist voll von Städten, die von anderen Staaten und anderen Armeen vernichtet wurden. Vielleicht lag das Muster gar nicht in der Zerstörung, sondern darin, was man bereit war, für Kontrolle zu zerstören.
Denn eigentlich müsste eine Stadt in Schutt und Asche der Beweis sein, dass etwas gescheitert ist. Wer ein Gebiet beherrschen will, braucht am Ende noch etwas, das sich beherrschen lässt. Und trotzdem kann sich diese Logik umkehren. Irgendwann erscheint ein zerstörtes, aber unterworfenes Gebiet erträglicher als eines, das lebt und sich der eigenen Macht entzieht.
Ich glaube, erst in der Ukraine begann ich zu verstehen, dass selbst das nicht alles war. Ich sah die Raketen, die zerstörten Häuser, die immer wieder getroffene Infrastruktur. Irgendwann dachte ich dabei nicht mehr nur an die Menschen unten.
Ich dachte an den Menschen oben.
Was geht in einem Piloten vor, wenn er mehrere Tonnen Bomben ausklinkt? Vielleicht sieht er ein Ziel, Koordinaten, Instrumente. Dann die Detonation und diese Wolke, die aus großer Entfernung beinahe abstrakt aussieht. Aber er weiß doch, was darunter liegt: Häuser, Küchen, Betten, Menschen. Vielleicht war er selbst einmal dort. Vielleicht kennt er solche Städte, vielleicht leben dort Menschen, die seine Sprache sprechen, dieselben Lieder kennen, dieselben Geschichten gehört haben. Vielleicht sogar Verwandte.
Was muss geschehen, damit all das für die Dauer eines Anfluges keine Rolle mehr spielt?
Die Bombe selbst erklärt die Degradation noch nicht. Mich interessiert etwas anderes: Was muss geschehen, damit ein Mensch die Menschen unter sich nicht mehr in seine Entscheidung einbeziehen muss?
Vielleicht muss er sie gar nicht hassen. Vielleicht genügt es, sie für einige Minuten nicht zu denken. Dann werden aus Menschen Ziele, aus Häusern Infrastruktur, aus einer Stadt Koordinaten. Dazwischen liegen Befehle, Planungen, Freigaben und Zuständigkeiten. Niemand tut mehr das Ganze. Jeder tut seinen Teil.
Und unten schlägt die Bombe ein.
Doch der Pilot erlebt nicht nur Distanz. Er erlebt auch Macht. Er bewegt einen Hebel, drückt einen Knopf, und Sekunden später verändert sich die Welt unter ihm. Explosion, Feuer, Rauch, diese gewaltige Wolke.
Was empfindet ein Mensch in diesem Augenblick? Entsetzen, Erleichterung, weil der Auftrag erledigt ist, vielleicht nichts? Oder für einen kurzen Moment die ungeheure Erfahrung der eigenen Wirksamkeit?
Ich kann das. Ich kann etwas verschwinden lassen.
Vielleicht liegt darin ein Rausch, über den man ungern spricht. Nicht unbedingt Freude am Töten. Vielleicht muss man die Menschen dafür gar nicht hassen. Es genügt womöglich das Gefühl, dass die Welt plötzlich dem eigenen Handeln gehorcht. Ein Finger bewegt sich und ein Haus verschwindet. Ein Befehl wird gegeben und eine Batterie eröffnet das Feuer. Ein General zieht eine Linie auf einer Karte und irgendwo beginnen Menschen zu sterben.
Der gewöhnliche Mensch kennt diese Form von Macht kaum. Er kann wütend sein, drohen, hassen. Aber die Welt widersetzt sich ihm. Eine Wand bleibt eine Wand, ein Haus ein Haus, ein anderer Mensch kann Nein sagen und weggehen.
Hier ist es anders. Plötzlich gehorcht etwas.
Vielleicht ist das die Stelle, an der ich Degradation lange von der falschen Seite betrachtet habe. Ich dachte an den Menschen als Opfer der Macht, an den Soldaten, der Befehle bekommt, gehorchen muss und selbst nur ein kleines Teil in einer riesigen Maschine ist.
Aber während er die Macht in seinen Händen hält, geschieht möglicherweise das Gegenteil. Er wird selbst mächtig.
Vielleicht ist der Soldat im Augenblick des Schusses für einen Sekundenbruchteil eine Art Putin. Nicht weil er denkt wie er oder den Krieg begonnen hat. Vielleicht will er ihn nicht einmal. Sondern weil er für diesen Augenblick etwas besitzt, das sonst weit über ihm liegt: Sein Wille hat Folgen für einen anderen Menschen, dessen Wille in diesem Moment nicht mehr zählt.
Und dieser Soldat kommt vielleicht aus einem Dorf irgendwo weit draußen, aus einer kleinen Wohnung, aus einem Leben, in dem meist andere entschieden haben. Der Beamte, der Vorgesetzte, die Polizei, der Staat. Vielleicht hat er gelernt, dass sein eigenes Nein wenig bedeutet und sein Ja selten gefragt wird.
Nun hält er eine Waffe und entscheidet selbst.
Der Machtlose bekommt Macht über einen noch Machtloseren.
Vielleicht ist das eines der dunkleren Geheimnisse solcher Systeme. Sie halten Menschen klein und geben ihnen zugleich Augenblicke, in denen sie sich ungeheuer groß fühlen können. Nicht indem sie ihnen Freiheit geben, sondern Macht über jemanden, der noch schwächer ist.
Der General über den Soldaten, der Soldat über den Gefangenen, der Bewaffnete über den Unbewaffneten. Die Macht wird dabei nicht wirklich verteilt. Ihre Form wird vervielfältigt. Oben entscheidet einer über Millionen, weiter unten einer über Tausende und noch weiter unten vielleicht nur über einen einzigen Menschen.
Und genau während er diese Macht besitzt, kann er sich degradieren. Nicht weil Macht an sich degradiert, sondern weil eine Grenze fällt, sobald das Können beginnt, das Dürfen zu ersetzen.
Ich kann es. Also tue ich es.
Vielleicht ist das die eigentliche Versuchung. Die Degradation geschieht dann nicht erst danach, wenn er zurückblickt. Sie geschieht im Augenblick der Handlung, wenn ein Mensch die Macht besitzt, etwas zu tun, und sie benutzt, obwohl irgendwo in ihm noch das Wissen vorhanden sein müsste, was er damit einem anderen antut.
Vielleicht sieht der Pilot die Wolke unter sich und empfindet für einen Augenblick nicht das Leid darunter, sondern seine eigene Macht darüber.
Dann wäre die Bombe nur das Sichtbare.
Die eigentliche Zerstörung hätte auch in ihm stattgefunden.
Danach geschieht unten etwas, das mich inzwischen fast genauso beschäftigt. Menschen kommen. Feuerwehrleute, Sanitäter, Nachbarn. Sie graben Verschüttete aus, tragen Verletzte weg, löschen Feuer. Jemand räumt Glasscherben von der Straße, einer spannt eine Folie vor ein zerborstenes Fenster, irgendwo wird ein Kabel gezogen. Der Strom kommt zurück.
Man zerstört etwas – und es beginnt wieder zu atmen.
Ein Haus, das am nächsten Morgen noch steht, ist mehr als ein Haus. Ein Mensch, der wieder aufsteht, ebenfalls. Eine Stadt, die nach allem weiter funktioniert, sagt etwas, ohne ein Wort zu sagen:
Du hast mich nicht unter Kontrolle.
Vielleicht wird dann irgendwann schon das Weiterleben selbst zum Problem. Nicht weil aus diesem Haus geschossen wird oder darin Soldaten sitzen, sondern weil Menschen darin wieder anfangen zu leben.
Noch dunkler wird dieser Gedanke dort, wo nach einem ersten Einschlag ein weiterer folgt, wenn bereits Helfer eingetroffen sind. Wo das gezielt geschieht, trifft man nicht mehr nur das ursprüngliche Ziel. Man trifft Menschen, die versuchen, die Folgen der Zerstörung rückgängig zu machen. Sie stellen etwas wieder her: einen Menschen, ein Fenster, ein Stück Straße, ein wenig Ordnung.
Der erste Angriff sagt: Ich kann zerstören.
Das Leben antwortet: Und trotzdem bin ich noch da.
Vielleicht ist es diese Antwort, die irgendwann nicht mehr ertragen wird. Denn wer weiterlebt, erinnert sich. Wer sich erinnert, kann erzählen. Wer wieder aufbaut, nimmt der Zerstörung etwas von ihrem endgültigen Anspruch. Und wer Kinder großzieht, gibt etwas weiter, das sich nicht kontrollieren lässt.
Vielleicht sogar Rache.
Hier läuft die Sache beinahe in sich selbst zurück. Je mehr Gewalt man einem Menschen antut, desto mehr Grund gibt man ihm, sich eines Tages gegen einen zu wenden. Und je mehr man das ahnt, desto bedrohlicher kann sein Überleben werden. Man beginnt sich vor etwas zu fürchten, das man selbst geschaffen hat. Das Opfer wird in der eigenen Vorstellung zum zukünftigen Feind.
Dann kämpft man irgendwann nicht mehr nur gegen das, was ist, sondern gegen das, was wieder entstehen könnte: gegen Erinnerung, Wiederaufbau, gegen eine Zukunft, die außerhalb der eigenen Kontrolle liegt.
Vielleicht war es das, was ich damals in den Bildern von Grosny sah und später in Aleppo und Mariupol wiedererkannte, ohne es benennen zu können. Nicht nur die Ruinen einer Stadt, sondern Menschen, denen für einen Augenblick eine ungeheure Macht gegeben worden war, und ein System, das ihnen erlaubte, diese Macht immer wieder auszuüben.
Bis die Grenze zwischen Können und Dürfen kaum noch zu erkennen war.
Vielleicht liegt die Degradation genau dort: nicht in der Machtlosigkeit, sondern in der Macht. In dem Augenblick, in dem ein Mensch sie in den Händen hält und entscheidet, was er mit ihr tut.
Vielleicht kam noch etwas hinzu. Eifer. Wer war mutiger, wer härter, wer mehr Held? Gewalt konnte Konkurrenz werden, manchmal vielleicht blanker Hass. Man kam in Häuser, sah, wie Menschen dort gelebt hatten, und womöglich entstand sogar diese primitive Frage: Warum leben die besser als wir?
Und dann war da noch etwas, das fast wie ein Staffellauf funktionierte. Was hatte man mit diesem Soldaten selbst gemacht? Wie hatte man ihn behandelt, erniedrigt, herumkommandiert?
Nicht jeder gibt das weiter. Aber vielleicht gibt es Systeme, in denen Demütigung nach unten wandert: vom General zum Offizier, vom Offizier zum Soldaten. Und irgendwann steht dieser Soldat vor einem Menschen, der noch weniger Macht besitzt als er.
Jetzt hält er den Staffelstab.
Und eine Waffe.
Nicht jeder benutzt sie. Nicht jeder überschreitet diese Grenze. Manche verweigern sich, manche zerbrechen daran. Gerade deshalb kann der Befehl allein nicht alles erklären.
Am Ende bleibt ein Mensch mit einer Waffe.
Und ein anderer ohne.
Vielleicht beginnt Degradation in dem Augenblick, in dem der erste seine Macht stärker empfindet als den zweiten.
Und vielleicht endet sie dort, wo selbst dessen Weiterleben zur Bedrohung wird.
Denn wer überlebt, erinnert sich vielleicht nicht nur.
Vielleicht kommt er eines Tages zurück.