GEWISSENLOS
Vielleicht war es genau dieses Russland, mit dem ich haderte. Nicht weil ich glaubte, alle seien so oder weil ich in jedem Russen einen Täter sehen wollte. Gerade das wäre zu einfach gewesen.
Mich erschreckte etwas anderes: Wie tief muss sich eine Ordnung in eine Gesellschaft hineingearbeitet haben, damit genügend Menschen immer noch Ja sagen – oder wenigstens nicht Nein?
Der Krieg brachte Bilder hervor, die ich anfangs kaum einordnen konnte. Russische Soldaten plünderten Wohnungen und Häuser. Waschmaschinen wurden mitgenommen, Toiletten, Parfum, Dinge aus einem fremden Leben, aus Häusern, in denen kurz zuvor noch andere Menschen gewohnt hatten.
Eine Waschmaschine.
Was für ein lächerlicher Gegenstand in einem Krieg. Und gerade deshalb blieb sie mir im Kopf.
Da war ein Haus. Jemand hatte darin gelebt, Wäsche gewaschen, gegessen, geschlafen. Vielleicht waren Kinder dort gewesen. Dann kam der Krieg. Die Bewohner flohen oder waren nicht mehr da. Ein Soldat trat ein, sah die Waschmaschine und dachte vielleicht nicht einmal nur an Beute. Vielleicht dachte er schlicht: Die können wir zu Hause brauchen.
Dann wurde sie abtransportiert, nach Russland.
Was geschah, wenn sie dort ankam? Dieser Teil der Geschichte beschäftigte mich fast noch mehr. Irgendjemand musste die Tür öffnen und die Waschmaschine entgegennehmen, das Parfum, vielleicht die Toilette. Vielleicht wusste man, woher die Dinge kamen. Vielleicht fragte man nicht.
Und irgendwann wurde mit der Waschmaschine aus einem zerstörten ukrainischen Haus russische Wäsche gewaschen.
An diesem Punkt erschreckte mich nicht mehr nur der Soldat. Mich erschreckte der Weg des Gegenstandes, von einem Haus in ein anderes, von einer Familie zur anderen, vom Krieg in den Alltag.
Man könnte sagen, Plünderungen habe es in Kriegen immer gegeben. Das stimmt. Menschen haben geraubt, seit Menschen Kriege führen. Aber diese Feststellung erklärt nichts. Sie erspart nur die Frage, was geschehen muss, damit die Grenze zwischen fremdem Leid und eigenem Nutzen so dünn wird.
Ich wusste nicht, wie viel davon der Krieg hervorgebracht hatte und wie viel er nur sichtbar machte. Manchmal erschien er mir wie ein Sumpf, aus dem das Wasser abgelassen wurde. Plötzlich lag offen da, was vorher unter der Oberfläche verborgen gewesen war: Käuflichkeit, Gewalt, Gleichgültigkeit, die Bereitschaft, einen Vorteil zu nehmen, wenn er sich bot.
Doch auch das wäre nur die halbe Wahrheit. Derselbe Krieg machte Menschen sichtbar, die sich verweigerten, Russland verließen, nicht unterschrieben, nicht mitmachten. Manche schwiegen nicht und bezahlten dafür.
Auch sie kamen zum Vorschein.
Deshalb wäre es falsch, vom russischen Menschen zu sprechen. Es geht um eine Gesellschaft und um die Frage, welche Verhaltensweisen in ihr über lange Zeit belohnt, geduldet oder entschuldigt werden – und welche nicht.
Eine Gesellschaft besteht nicht nur aus Gesetzen und Institutionen. Sie besteht auch aus unzähligen kleinen Grenzen, die nirgendwo geschrieben stehen. Man tut etwas nicht, obwohl kein Polizist danebensteht und kein Gericht darüber urteilen wird. Vielleicht erfährt niemals jemand davon. Die Grenze existiert trotzdem.
Oder sie existiert nicht.
Genau dort begann mein Hadern. Nicht bei der Frage, ob ein Soldat eine Waschmaschine stehlen kann. Menschen können Schreckliches tun. Mich beschäftigte, wie weit eine solche Handlung reichen kann, bevor irgendwo jemand sagt: Nein.
Vielleicht hatte ich deshalb so lange auf die falschen Grenzen geschaut, auf jene zwischen Staaten, zwischen Russland und der Ukraine, zwischen Ost und West. Die entscheidende Grenze verlief viel näher.
Durch den Menschen selbst.
Ein Staat kann Menschen bezahlen, ihnen Angst machen, Karrieren anbieten oder Schuldenerlass versprechen. Er kann aus Gewalt Heldentum machen und sogar dem eigenen Tod einen Preis geben. Aber irgendwo müsste seine Rechnung enden.
Das gehört mir nicht.
Und vielleicht ist Gewissen nichts Größeres als das.
Etwas, das man haben könnte.
Und nicht nimmt.