DER FAST PERFEKTE RUSSE
Was wäre Russland, wenn man seine prägenden Figuren nach ihrer Herkunft sortierte? Stalin, der Georgier. Chruschtschow, zwischen Russland und der Ukraine. Breschnew, aus der Ukraine. Lawrow mit armenischen Familienwurzeln. Wo beginnt hier eigentlich der Russe?
Schon die Frage führt in die Irre. Sie setzt voraus, dass der Russe zuerst als Herkunft gedacht werden müsse: als Abstammung, Sprache, vielleicht als Charakter. Doch im Imperium konnte etwas anderes wichtiger werden. Nicht woher jemand kam, sondern welche Rolle er übernahm.
Die Geschichte der russischen Macht ist voller Figuren aus den Rändern des Reiches, die im Zentrum zu Trägern dieses Reiches wurden. Herkunft verschwand dadurch nicht, sie verlor nur an Bedeutung. Entscheidend war, ob jemand die Ordnung trug, ihre Sprache sprach, ihre Hierarchie akzeptierte und ihre Größe zu seiner eigenen machte. Der Russe im Imperium wäre dann nicht nur eine Identität. Er könnte auch eine Funktion sein.
Doch wie wird man es?
Ich musste dabei an die Krim denken. Als 2014 unter militärischer Präsenz eine neue Ordnung geschaffen wurde, kam mit ihr auch ein neues Dokument: der russische Pass. Den ukrainischen konnte man behalten. Manche zerrissen ihn öffentlich, andere legten ihn vermutlich einfach in eine Schublade. Innerhalb kurzer Zeit erhielten sehr viele Menschen russische Pässe.
Das machte aus einem Krimtataren noch keinen ethnischen Russen, aus einem Ukrainer auch nicht. Zunächst machte es aus ihnen russische Staatsbürger. Interessant wird, was danach geschieht.
Denn ein Pass sagt nicht nur, wer man ist. Er entscheidet zunehmend darüber, innerhalb welcher Ordnung man lebt. Mit ihm erledigt man Behördenwege, erhält Leistungen, arbeitet, besitzt, reist. Irgendwann ist der Pass nicht mehr nur Dokument. Er wird Infrastruktur.
Und Infrastruktur fragt selten nach Überzeugung. Man benutzt sie.
Zuerst heißt es vielleicht: Ich habe einen russischen Pass. Später: Ich bin russischer Staatsbürger. Und irgendwann möglicherweise nur noch: Ich bin Russe. Dazwischen muss kein großer Augenblick liegen, keine Bekehrung, kein feierlicher Entschluss. Zugehörigkeit wird administriert, dann wird sie Alltag und schließlich Gewohnheit. Und Gewohnheit muss irgendwann nicht mehr erklärt werden.
Der Pass ist dabei Versprechen, Last und Bindung zugleich. Er gibt Zugang zu einer Ordnung und bindet den Menschen an sie. Nicht unbedingt, weil er diese Ordnung gewählt hätte. Es genügt zunächst, in ihr leben zu müssen.
Aus diesem Leben kann etwas entstehen, das über die ursprüngliche Zuweisung hinausgeht: die Bereitschaft, das Bestehende zu verteidigen. Nicht unbedingt aus Überzeugung, sondern weil inzwischen etwas daran zum eigenen Leben gehört. Die Pension, die Arbeit, das Haus, der Status, der Pass, die Entscheidung von gestern. Irgendwann verteidigt man nicht mehr nur die Ordnung. Man verteidigt auch sich selbst in ihr.
Denn die Alternative würde eine unangenehme Frage öffnen: Was war ich vorher? Und was bin ich jetzt?
Darin liegt eine Form von Degradation, die kaum sichtbar ist. Es muss keine Sprache verschwinden, keine Erinnerung ausgelöscht werden. Niemand muss vergessen, woher er kommt. Kleiner werden kann etwas anderes: die Notwendigkeit, Zugehörigkeit selbst zu bestimmen.
Am Anfang steht noch die Frage: Wer bin ich? Dann kommt eine Ordnung und sagt: Du gehörst jetzt hierher. Sie gibt einem das Dokument dazu, und der Alltag erledigt einen Teil des Restes.
Nicht vollständig und nicht bei jedem. Menschen widersetzen sich, bewahren ihre Sprache, ihre Erinnerung und ihre frühere Zugehörigkeit. Gerade deshalb wäre es falsch, aus einem Pass bereits eine Identität zu machen. Die Macht einer Ordnung zeigt sich vielmehr darin, dass sie irgendwann nicht mehr verlangen muss, dass jemand an sie glaubt. Es genügt, dass er in ihr lebt.
Das führt zurück zu den Männern am Anfang. Stalin musste kein ethnischer Russe sein, um sowjetische imperiale Macht zu verkörpern. Herkunft war nicht das Entscheidende. Entscheidend war die Übernahme der Funktion.
Der perfekte Russe wäre in diesem Sinn gar nicht unbedingt derjenige, dessen Familie seit Jahrhunderten russisch ist. Es könnte derjenige sein, der es geworden ist. Der die Zugehörigkeit nicht nur erhalten, sondern übernommen hat, ihre Ordnung kennt, ihre Vorteile nutzt, ihre Geschichte mitträgt und irgendwann nicht mehr fragt, wann das eigentlich geschehen ist.
Aber ganz perfekt wird er vielleicht nie. Irgendwo bleibt etwas: ein alter Pass in einer Schublade, eine Sprache, eine Erinnerung, ein Vorher.
Der Staat kann einen neuen Pass ausstellen. Er kann Institutionen austauschen, Regeln ändern und Zugehörigkeit administrieren. Er kann den Alltag so lange verändern, bis das Neue selbstverständlich geworden ist. Aber dieses kleine Vorher bleibt.
Vielleicht ist genau das der Rest, der den perfekten Russen verhindert.
Und vielleicht braucht es gar keinen perfekten. Der fast perfekte genügt. Er nimmt den neuen Pass, lebt in der neuen Ordnung und lernt ihre Regeln. Irgendwann verteidigt er sogar das, was ihm einmal zugewiesen wurde.
Und wenn man ihn fragt, wer er ist, braucht es keine lange Geschichte mehr.
Ich bin Russe.
So wie ich bin.