TEILHABE

Der Ruf kam beiläufig, fast freundlich.

„Komm schnell, schau her, die neuen Fotos sind da.“

Ich musste meine Arbeit unterbrechen, stand auf und sah auf das Handy. Die Tochter beim Essen, am Tisch, irgendwo zwischen zwei fremden Menschen, die ebenfalls lächelten. Man zeigte mir, was sie aß, wo sie saß, wie sie schaute, und freute sich.

Während ich nickte, spürte ich eine seltsame Enttäuschung. Nicht wegen ihr und nicht einmal wegen der Bilder.

„Wo bleibst du denn?“

Auch dieser Satz fiel beiläufig, fast scherzhaft. Gerade deshalb blieb er hängen. Denn wäre ich sitzen geblieben, hätte das sofort etwas bedeutet. Man hätte sich gefragt, warum mich das nicht interessierte, ob ich zu distanziert oder zu kalt sei, vielleicht sogar unfähig zur Nähe.

Erst später verstand ich, was mich daran beschäftigt hatte. Es ging kaum darum, wie es der Tochter tatsächlich ging. Die Bilder beantworteten diese Frage ohnehin nicht. Sie zeigten Oberflächen: Essen, Licht, Gesichter, einen glücklichen Augenblick oder wenigstens dessen Behauptung. Wichtiger war, dass gemeinsam hingesehen wurde. Man nahm teil, und diese Teilnahme sollte sichtbar sein.

Vielleicht beginnt ein Teil sozialer Ordnung genau dort, in kleinen Ritualen gemeinsamer Aufmerksamkeit. Menschen versammeln sich um Bilder, Meinungen, Nachrichten, Empörungen, Katastrophen, Siege, Feinde und Hoffnungen. Gemeinschaft entsteht dabei nicht immer durch Übereinstimmung und schon gar nicht notwendig durch Wahrheit. Manchmal genügt das gemeinsame Schauen.

Das Zuschauen selbst wird zur sozialen Handlung. Wer nicht mitsieht oder nicht reagiert, fällt auf. Distanz kann bereits das unsichtbare Einverständnis der anderen stören.

Darin liegt womöglich auch ein Grund, weshalb Menschen heute so viel teilen. Nicht nur aus Eitelkeit, sondern weil das Geteilte Resonanz verlangt. Ein Bild steht nicht mehr für sich. Es braucht das Mitfühlen der anderen, ihre Zustimmung, ihre Reaktion, ihr Erschrecken, den kurzen Satz darunter. Erst dadurch scheint etwas vollständig wirklich geworden zu sein.

Teilhabe beginnt deshalb nicht erst dort, wo Menschen handeln. Oft genügt es, im Strom der Reaktionen mitzuschwingen.

Dieser kleine familiäre Moment erinnerte mich später an viele Gespräche in Russland. Menschen sahen stundenlang Bilder des Krieges: zerstörte Häuser, Einschläge, Tote auf Straßen, Videos aus Städten, deren Namen plötzlich jeden Abend im Fernsehen fielen. Und trotzdem blieb etwas an ihnen seltsam unberührt. Nicht unbedingt aus Grausamkeit. Eher wie bei erschöpften Zuschauern eines endlosen Stroms von Wirklichkeit.

Manche stritten darüber, ob die Bilder überhaupt echt seien. Natürlich konnte Zweifel berechtigt sein. Aber Zweifel hatte noch eine andere Wirkung: Er schuf Distanz. Was vielleicht nicht ganz wirklich war, verpflichtete auch nicht ganz.

So konnte man über Tote wie über Zahlen sprechen, über zerstörte Städte wie über Kartenmaterial und über Krieg beinahe wie über Wetter. Irgendwann hatte ich den Eindruck, dass es nicht mehr immer darum ging, herauszufinden, was wahr war. Manchmal genügte es, zu verhindern, dass etwas zu nahe kam.

Denn Nähe erzeugt Verantwortung. Was wirklich nahekommt, verlangt eine innere Reaktion. Distanz dagegen lässt sich herstellen: durch Relativieren, Diskutieren, Zweifeln, durch einen weiteren Bericht und das nächste Bild. Nicht notwendig aus Bosheit oder bewusster Verdrängung. Oft genügt Müdigkeit.

Darin könnte eine eigentümliche Erschöpfung moderner Gesellschaften liegen. Menschen sehen nicht zu wenig, sondern beinahe alles. Gerade die Menge des Sichtbaren kann dazu führen, dass sie auf Distanz bleiben. Das Bild vermittelt Wirklichkeit und schützt zugleich vor ihr.

Für autoritäre Systeme ist dieser Zustand brauchbar. Auch sie funktionieren nicht nur durch Überzeugung. Die meisten Menschen müssen nicht vollständig glauben, was ihnen erzählt wird. Es kann genügen, dass sie teilnehmen, dieselben Bilder sehen, dieselben Formeln hören und sich innerhalb derselben Begriffe bewegen.

Zweifel schließt Teilnahme nicht aus. Ein Mensch kann einer Erzählung misstrauen und trotzdem weiter in ihr leben, über dieselben Feinde sprechen, auf dieselben Nachrichten reagieren und dieselben Gesten wiederholen. Irgendwann wird Nichtteilnahme schwieriger als Teilnahme.

Darin lag für mich die größere Gefahr. Nicht nur im fanatischen Menschen, sondern auch in jenem, der längst aufgehört hat zu glauben und trotzdem weitermacht. Er sieht weiter, reagiert weiter, nickt vielleicht noch an den erwarteten Stellen. Gerade seine innere Distanz kann ihn beruhigen, weil er sich selbst nicht mehr als Teil dessen empfindet, woran er äußerlich weiterhin teilnimmt.

Es ist weit weg. Ein Bild, eine Nachricht, eine weitere fremde Wirklichkeit. Man bewegt sich hindurch, ohne selbst handeln zu müssen.

So kann man an fast allem teilhaben und dennoch unberührt bleiben. Irgendwann ersetzt Teilnahme die Erfahrung. Gemeinschaft entsteht dann weniger aus gemeinsam Erlebtem als aus gemeinsam konsumierten Reaktionen auf das Erleben anderer.

Man lebt durch fremde Bilder, fremde Aufregungen, fremde Tragödien und fremde Siege. Und je weniger eigene Erfahrung dagegensteht, desto leichter kann die erwartete Reaktion an ihre Stelle treten.

Bis irgendwann schwer zu unterscheiden ist, was man selbst empfindet und was man nur empfindet, weil alle anderen es ebenfalls tun.