ZEITREISENDE
„Das entscheiden wir später“, sagte er.
Später konnte alles sein. Morgen, nächstes Jahr oder nie. Dass morgen alles anders sein konnte, störte ihn nicht besonders. Dieses Später begegnete mir oft. Entscheidungen wurden vertagt, Pläne blieben beweglich, Provisorien erstaunlich dauerhaft. Man lebte mit ihnen, nicht unbedingt schlecht, manchmal sogar erstaunlich gut.
Vielleicht fiel mir dieses Verhältnis zur Zeit auch deshalb auf, weil man in Russland Zeit nicht nur erleben, sondern geradezu durchfahren konnte. Schon die Zeitzonen machten das Land zu einer Reise durch Stunden. Interessanter wurden für mich irgendwann jedoch die anderen Zonen: die Lebenszonen.
Man musste dafür nicht einmal weit fahren. Manchmal genügte es, eine Hauptstraße zu verlassen. Da standen modernste Konstruktionen aus Glas und Stahl, neue Einkaufszentren, Banken, Hotels und bewachte Wohnanlagen. In den Zentren der Macht wurde gebaut, als müsse die Zukunft möglichst schnell sichtbar werden. Solcher Zentren gab es viele: Moskau natürlich, die großen Städte, regionale Hauptstädte, Verwaltungszentren, Orte des Geldes und der Rohstoffe.
Doch diese Zukunft reichte oft erstaunlich wenig weit. Ein paar Kilometer weiter begann etwas anderes: Häuser, deren Fenster seit Jahren niemand ersetzt hatte, Straßen, die eher aus Erinnerung an Asphalt bestanden, Baracken, verrostete Rohre, schiefe Zäune und stillgelegte Betriebe. Orte, an denen der Zerfall nicht wie eine Katastrophe wirkte, sondern wie ein Zustand, an den man sich gewöhnt hatte.
Manchmal brauchte es nicht einmal diese paar Kilometer. Verschiedene Zeiten standen mitten in derselben Stadt nebeneinander. Man konnte mit dem Smartphone Essen bestellen und wenig später an einem Haus vorbeikommen, bei dem man sich fragte, ob dort überhaupt fließendes Wasser vorhanden war. In einem Teil der Stadt experimentierte man mit selbstfahrenden Lieferfahrzeugen, während anderswo Menschen in Unterkünften lebten, die aussahen, als hätte jemand die Sowjetunion verlassen und vergessen, sie hinter sich abzuschließen.
Das Merkwürdige daran war nicht allein die Armut, sondern die Entfernung zwischen den Zeiten. In Gegenden, in denen Gold aus der Erde geholt wurde, lebten Menschen in Baracken. Unter ihren Füßen lag ein Vermögen, das anderswo Zukunft erzeugte. Reichtum bedeutete nicht zwangsläufig Entwicklung dort, wo er entstand. Er konnte abfließen, sich sammeln und an einem anderen Ort als Glasfassade, Geländewagen, Boulevard oder glänzendes Verwaltungsgebäude wieder auftauchen.
Wer durch das Land fuhr und die vorgesehenen Wege verließ, konnte sich deshalb tatsächlich wie in einer Zeitmaschine fühlen. Nur fuhr diese Maschine nicht vorwärts oder rückwärts.
Sie fuhr seitwärts.
Von einem Jahrhundert ins andere und manchmal nach wenigen Straßen wieder zurück.
Vielleicht begann ich dadurch zu verstehen, dass Zeit dort nicht überall dasselbe bedeutete. Die Vergangenheit war immer gegenwärtig. Sie erklärte Größe und Niederlage, Opfer und Sieg, Schuld und Rechtfertigung. Man konnte weit zurückgreifen, wenn die Gegenwart unverständlich wurde: auf den Krieg, die Sowjetunion, das Imperium, auf das, was man einmal gewesen war und deshalb vielleicht noch immer zu sein glaubte.
Auch die Zukunft war erstaunlich präsent. Bald würde es besser werden, bald käme Ordnung und Stabilität, bald würde Russland wieder stark sein. Vergangenheit und Zukunft berührten sich beinahe: Was einmal gewesen war, sollte wieder werden.
Dazwischen lag dieses merkwürdige Heute.
Manchmal hatte ich den Eindruck, dass gleichzeitig in drei Zeiten gelebt wurde: in der Vergangenheit, wenn es um das Land ging, in der Zukunft, wenn es um Hoffnung ging, und sehr unmittelbar im Augenblick, wenn es um das eigene Leben ging. Denn dieses Jetzt konnte durchaus intensiv sein. Man saß stundenlang am Tisch, aß, trank, redete und lachte, fuhr zur Datscha oder ans Meer, besuchte Freunde und improvisierte. Vielleicht gerade deshalb, weil niemand wusste, was morgen sein würde. Wenn sich ohnehin alles ändern konnte, nahm man den Augenblick, solange er da war.
Schwieriger war eine andere Form der Gegenwart: jene, in der man nicht nur lebt, sondern entscheidet, wie man leben will, in der aus dem Heute ein Morgen gemacht wird. Wer lange erlebt, dass die entscheidenden Dinge außerhalb des eigenen Einflusses geschehen, entwickelt ein anderes Verhältnis zu diesem Heute. Man richtet sich darin ein, wartet, improvisiert. Geduld wird weniger zur Tugend als zur Erfahrung.
Irgendwann fiel mir auf, dass nicht nur die Menschen zwischen den Zeiten lebten. Die Macht tat es ebenfalls. Sie arbeitete an der Vergangenheit, indem Geschichte neu erzählt, umgedeutet und gereinigt wurde. Niederlagen bekamen einen Sinn, Siege wurden größer, Widersprüche kleiner. Zugleich arbeitete sie an der Zukunft, indem sie Ordnung, Wohlstand, Sicherheit, Größe und Wiedergeburt versprach.
Selbst wenn sie im Heute handelte, kam die Begründung häufig aus einer anderen Zeit. Ein Gesetz wurde mit der Geschichte erklärt, eine Einschränkung mit der Zukunft, ein Opfer mit früheren Opfern, eine Härte mit dem, was irgendwann erreicht werden sollte. Man berief sich auf gestern und verlangte Geduld für morgen.
Gerade deshalb wurde die Gegenwart unbequem. Bei der Straße, die zerfiel, beim Krankenhaus, das fehlte, beim Haus ohne Wasser, bei den Menschen in den Baracken über dem Gold. All diese Dinge brauchten keine historische Mission und kein großes Morgen. Sie brauchten eine Entscheidung heute.
Die Gegenwart stellt eine einfache Frage: Was ist jetzt? Nicht, was waren wir einmal oder was werden wir wieder sein. Was ist das jetzt?
Darauf lässt sich schwerer mit Größe antworten.
Und ausgerechnet hier wurde in den letzten Jahren der Sowjetunion und erst recht nach ihrem Ende ein gewaltiger Widerspruch sichtbar. Menschen, deren politische Gegenwart über Generationen von anderen verwaltet worden war, sollten plötzlich über die Zukunft entscheiden. Es hieß: Wählt. Welche Partei, welcher Präsident, welche Ordnung, welcher Weg?
Man gab ihnen einen Stimmzettel und damit, zumindest der Idee nach, einen Anteil an der Zukunft. Aber woher sollte die Erfahrung dafür kommen? Wer über Jahrzehnte erlebt hatte, dass die Vergangenheit von oben erklärt, die Zukunft von oben versprochen und die Gegenwart von oben verwaltet wurde, sollte nun ausgerechnet in dieser Gegenwart souverän werden.
Vielleicht lag darin eines der großen Missverständnisse jener Jahre. Man hielt Demokratie vor allem für eine Frage der Wahl. Dabei ist sie auch eine Frage der Zeit. Sie verlangt die Erfahrung, dass das eigene Handeln heute etwas am Morgen verändern kann, dass die Gegenwart ein Ort ist, der einem zumindest zu einem kleinen Teil gehört.
Ohne diese Erfahrung bleibt Zukunft etwas, das kommt, und nicht etwas, das man macht.
Darin liegt auch ein Teil der Verlockung des starken Mannes. Er verspricht nicht nur Ordnung. Er nimmt eine Aufgabe wieder ab: die Verantwortung für die Zukunft. Man muss sie nicht mehr selbst herstellen. Man kann wieder warten.
Menschen, deren politische Gegenwart lange von anderen verwaltet worden war, sollten plötzlich ihre Eigentümer werden. Sie sollten über morgen entscheiden, obwohl ihnen noch nicht einmal das ganze Heute gehörte. Und während sie erst lernten, was sich mit diesem Heute anfangen ließ, standen längst jene bereit, die eine einfachere Antwort hatten:
Gestern wussten wir, wer wir waren.
Morgen werden wir es wieder sein.
Überlasst uns nur das Heute.