WER DARF SAGEN DU SOLLST?

Als ich Jahre später an Piotr, Anja und Aleksey aus Erosion zurückdachte, wurde mir klar, dass ich damals vermutlich etwas anderes beschrieben hatte, als ich selbst glaubte. Lange hielt ich ihre Geschichte für einen Konflikt zwischen Vater und Sohn: einen Jugendlichen, der sich gegen die Autorität seines Vaters auflehnte, einen Vater, der seinen Sohn vor Fehlern bewahren wollte, und eine Mutter, die zwischen beiden zu vermitteln versuchte. Erst später begann ich zu verstehen, dass es nicht unbedingt um den Wunsch nach Freiheit ging, sondern um die Suche nach einer anderen Ordnung.

Damals verstand ich Aleksey nicht. Ausgerechnet jener junge Mann, der sich gegen jede Einmischung seines Vaters gewehrt hatte, fand seinen Platz in einer Institution, deren Hierarchie ungleich strenger war als alles, was er von zu Hause kannte. Sein Vater hatte ihn eindringlich vor ihr gewarnt. Vor Erniedrigung, Korruption und Willkür. Vor einem System, in dem Rang oft wichtiger war als Leistung. Und dennoch blieb Aleksey. Nicht für einige Monate. Für Jahre.

Irgendwann stellte sich mir die Frage anders. Menschen lehnen sich womöglich gar nicht gegen Ordnung auf, sondern gegen eine bestimmte Ordnung. Ihr Widerstand richtet sich nicht notwendig gegen Autorität, sondern gegen deren Herkunft. Nicht gegen Regeln, sondern gegen jene, die sie aufstellen.

Dann wäre manche Rebellion keine Flucht aus der Ordnung, sondern die Suche nach einer größeren. Nach einer Ordnung, die so umfassend erscheint, dass sie nicht mehr als Meinung auftritt, sondern als Wirklichkeit.

Je unsicherer die innere Welt eines Menschen wird, desto verlockender kann eine äußere Ordnung werden. Sie nimmt Entscheidungen ab, verteilt Rollen, erklärt Zugehörigkeit und verwandelt Zweifel in Gewissheit. Darin liegt ein Teil der Anziehungskraft von Institutionen. Nicht nur des Militärs. Auch Kirchen, Parteien, Ideologien oder revolutionäre Bewegungen können einen festen Platz in einer Welt versprechen, die plötzlich wieder Sinn ergibt.

Freiheit ist schließlich nicht die Abwesenheit von Ordnung. Sie verlangt eine Ordnung, die man selbst tragen muss. Das ist schwerer. Wer diese innere Ordnung nicht besitzt, kann Gewissheit im Außen suchen. Nicht weil er Unterwerfung liebt, sondern weil Gewissheit leichter zu ertragen sein kann als Unsicherheit. Dann wird Hierarchie nicht trotz ihrer Strenge attraktiv, sondern gerade durch sie.

Etwas davon glaubte ich später in Russland wiederzuerkennen. Ordnung schien häufig wichtiger als Gerechtigkeit. Nicht weil Menschen Ungerechtigkeit liebten. Sie hatten gelernt, mit ihr zu leben.

Ich erinnere mich an Wohnungen, in denen der Putz von den Wänden fiel, an Badezimmer mit Schimmelflecken, die seit Jahren niemanden mehr überraschten, an dunkle Treppenhäuser. An Behörden, in denen Korruption so selbstverständlich geworden war, dass sie kaum noch Empörung auslöste. Fast jeder schimpfte darüber. Fast jeder hatte eine Geschichte. Und doch wurde das größere Gefüge weit seltener infrage gestellt. Als gehörten die Mängel einfach dazu. Fast wie schlechtes Wetter.

Ordnung bedeutete dann nicht unbedingt gerechte Ordnung. Es genügte zunächst, dass sie bestand.

Diesen Widerspruch begegnete ich auch bei ehemaligen Soldaten. Sie erzählten von Schikanen, Erniedrigungen, Gewalt durch ältere Soldaten, von Korruption und Offizieren, die ihre Stellung ausnutzten. Von einer Welt, die man im Westen kaum mit dem Wort Kameradschaft verbinden würde. Und dennoch verteidigten manche genau diese Armee. Nicht jede ihrer Praktiken. Aber die Institution.

Ähnlich irritierte mich lange, dass Menschen über Putin schimpften und ihn dennoch unterstützten. Sie klagten über Korruption, Beamte, Bürokratie und Willkür, manchmal sogar über Putin selbst. Doch fast im selben Atemzug folgte: „Was soll er machen?“ Oder: „Oben ist es eben so.“

Es klang weniger nach Zustimmung als nach dem Verhältnis zu einem Vorgesetzten.

Man beklagt ihn.

Man widerspricht ihm nicht.

Hierarchie und Ordnung waren nicht notwendigerweise Gegensätze. Hierarchie konnte als Voraussetzung von Ordnung erscheinen. Und damit bekam auch die Korruption für mich eine andere Bedeutung. Lange hatte ich sie für das Gegenteil von Ordnung gehalten. Aber in einer Ordnung, in der Rang wichtiger wird als Recht, muss Korruption das System nicht erschüttern. Sie kann seiner inneren Logik folgen.

Missbrauch wird dann dem schlechten Vorgesetzten zugeschrieben, nicht unbedingt der Ordnung, die ihm seine Stellung gibt. Der Beamte ist korrupt. Der Gouverneur ist korrupt. Der Offizier missbraucht seine Macht. Doch die Hierarchie selbst bleibt bestehen.

So können Menschen eine Macht verteidigen, unter der sie zugleich leiden.

Damit führte der Weg wieder zu Aleksey. Vielleicht war er tatsächlich nie auf der Suche nach Freiheit. Vielleicht suchte er eine Ordnung, die größer war als jene, aus der er ausbrechen wollte. Nicht jeder Widerstand ist ein Schritt in die Freiheit. Mancher ist nur der Wechsel von einer Hierarchie in die nächste.

Was beim Einzelnen sichtbar wird, kann sich über Generationen wiederholen. Familie, Schule, Militär, Kirche, Staat. Nicht mit denselben Regeln und nicht mit denselben Zielen. Aber mit einer ähnlichen Grammatik: Autorität wird weniger danach beurteilt, ob sie gerecht ist, als danach, ob sie Ordnung herstellen kann.

Darin liegt für mich der Kern dessen, was ich hier „Russismus“ nenne. Keine Eigenschaft einzelner Russen und keine Bezeichnung eines Staates, sondern eine politische Kultur, in der Legitimität weniger aus Recht als aus Hierarchie erwächst.

Putin wäre dann weniger ein Bruch als eine Verdichtung.

Nicht der Schöpfer dieser politischen Kultur.

Sondern ihr erfolgreichster Ausdruck.