SKOLKA?

Wer in den neunziger Jahren und noch lange danach mit dem Auto unterwegs war und von der Miliz angehalten wurde, stellte sich nicht unbedingt zuerst die Frage:

Skolka? Wie viel?

Es war mittlerweile normal.

Einmal stand ich in Simferopol vor dem „Silpo“, einem Supermarkt mitten im Zentrum. Ich rauchte. Mein Fehler. Vor dem Eingang standen zwei Milizionäre herum, gelangweilt, wie mir schien, bis einer von ihnen mich anstieß.

„Sie rauchen in der Öffentlichkeit!“

Man führte mich in ein kleines Kämmerchen. Ich verstand kaum, was man eigentlich von mir wollte. Nur eines verstand ich ziemlich schnell: Widerstand war zwecklos. Und wie famos. Sie rauchten selbst. Ich musste mich setzen, einer stieß gegen meine Knie. Ich erklärte, ich sei Ausländer. Europäer. Österreicher.

Fast wurde es interessant.

Ich rief den Anwalt an, der unsere Familie betreute. Ich wusste, er wohnte gegenüber, und hoffte, dass er zu Hause war. Zwei Minuten später war er da, und ich war frei.

Damit hätte die Geschichte enden können. Doch am Abend klopfte es an meiner Wohnungstür. Draußen standen drei Männer: die beiden Milizionäre vom Nachmittag und ihr Vorgesetzter.

Sie entschuldigten sich.

Ich weiß nicht mehr, was genau gesagt wurde. Aber dieser Besuch erklärte mir mehr über die Miliz als der Vorfall selbst. Denn offenbar hatten die beiden nicht einfach einen Ausländer schikaniert. Sie hatten in ein Gefüge eingegriffen, dessen Grenzen sie nicht kannten. Sie hatten jemanden angefasst, bei dem zwei Minuten später ein Anwalt auftauchte. Und plötzlich musste geklärt werden, wer dieser Ausländer war und wen er kannte.

Und ich kannte einige. Den Bürgermeister, Politiker, den Chef der Kommunisten, Offiziere und andere, auch weit oben. Vielleicht war das der eigentliche Unterschied.

Die Miliz war nicht nur eine staatliche Aufgabe. Sie war auch ein Geschäft. Jeder verdiente mit, und jeder wusste es. Der Mann auf der Straße zuerst, über ihm sein Vorgesetzter, über diesem der nächste. Fast wie bei einer Matrjoschka: Man öffnete eine Figur und fand darin dieselbe noch einmal. Nur etwas kleiner. Oder größer, je nachdem, von welcher Seite man sie betrachtete.

Auch ein höherer Rang bedeutete nicht unbedingt, dass jemand besser geeignet war. Wer aufsteigen wollte, musste mitunter investieren. Für Positionen kursierten Preise. Das war durchaus logisch. Denn wer für einen Posten bezahlte, tat das nicht aus Eitelkeit. Er erwartete eine Rendite, und die musste irgendwo erwirtschaftet werden.

Es gab Vorgaben, Summen, die erreicht werden mussten: beim Verkehrsamt, bei Zulassungen, Kontrollen, Genehmigungen, bei der Regelung eines Streits oder bei der Frage, ob etwas verfolgt wurde oder liegen blieb. Korruption war damit nicht bloß ein Defekt des Systems. Sie war ein Geschäftsmodell.

Vielleicht beginnt genau hier das Missverständnis. Wir stellen uns Korruption gewöhnlich als Abweichung von einer Ordnung vor. Es gibt einen Staat, Gesetze und Beamte, und einige davon sind korrupt. Sie verletzen die Regeln, um sich persönlich zu bereichern.

Was aber, wenn die Abweichung selbst zur Ordnung wird?

Dann handelt der Milizionär, der Geld verlangt, nicht mehr unbedingt gegen das System. Vielleicht erfüllt er darin längst seine Funktion. Sein Vorgesetzter erwartet Loyalität oder einen Anteil, dessen Vorgesetzter möglicherweise ebenfalls. Der Posten besitzt einen Wert, weil er Zugang zu Einnahmen verschafft. Wer für ihn bezahlt hat, muss diese Investition zurückverdienen, und wer sie zurückverdienen will, braucht Menschen unter sich, die Einnahmen erzeugen.

Plötzlich erscheint etwas, das von außen chaotisch aussieht, von innen erstaunlich geordnet. Es gibt Zuständigkeiten, Hierarchien, Abhängigkeiten und Schutz. Es gibt Grenzen, die jeder besser kennen sollte. Nur standen diese nicht im Gesetzbuch.

Das war vielleicht die eigentliche Ordnung jener Jahre: nicht die Abwesenheit des Staates, sondern seine Verdoppelung. Neben dem sichtbaren Staat existierte ein zweiter. Trotzdem wusste fast jeder, wie man sich darin bewegt. Man wusste, wen man anrufen musste, wem man besser nicht widersprach, welcher Name eine Tür öffnete und dass derselbe Polizist, der einem heute Angst machte, morgen plötzlich ausgesprochen höflich werden konnte, wenn hinter einem ein mächtigerer Name erschien.

Das Entscheidende war deshalb nicht unbedingt das Gesetz. Es war die Entfernung zur Macht. Je näher jemand an ihr stand – oder zu stehen schien –, desto stärker veränderte sich die Wirklichkeit um ihn herum.

Vielleicht ist Macht überhaupt erst dann vollkommen, wenn sie nicht mehr ständig befohlen werden muss. Wenn Menschen beginnen, ihre Umgebung selbst nach ihr zu vermessen: Wer kennt wen? Wer gehört zu wem? Wer steht über wem? Wen darf ich anfassen und wen besser nicht? Dann braucht die Hierarchie keine Schilder mehr. Sie lebt im Kopf. Als Kodex.

Darin lag auch ein Erbe, das nach 1991 kaum sichtbar war. Die Ukraine wurde unabhängig, aber ihre Institutionen wurden nicht über Nacht neu geboren. Die Miliz blieb die Miliz, Staatsanwälte blieben Staatsanwälte, Beamte blieben Beamte. Mit ihnen blieben Gewohnheiten, Abhängigkeiten und eine Vorstellung davon, wie Staat funktionierte.

Man hatte die Sowjetunion verlassen, aber einen Teil ihrer Ordnung behalten. Als Hypothek.

Doch selbst das greift zu kurz. Vieles davon war älter. Die Sowjets hatten Hierarchie, Zentralisierung und die Unterordnung des Einzelnen unter den Staat nicht erfunden. Sie hatten ältere Formen russischer Herrschaft übernommen, verändert und radikalisiert. Die Ideologie konnte verschwinden. Schwieriger war es mit der Vorstellung, dass Macht von oben kommt, dass persönliche Nähe zu ihr mehr bedeutet als eine abstrakte Regel und dass eine Institution weniger dem Bürger gehört als demjenigen, der sie kontrolliert.

Gerade deshalb wäre es zu einfach, die Korruption der neunziger Jahre nur als Folge eines zerfallenden Staates zu verstehen. Damals trafen zwei Zeiten aufeinander. Das Alte war nicht mehr stark genug, alles zu kontrollieren, und das Neue noch nicht stark genug, es zu ersetzen. Dazwischen entstand Raum. Und diesen Raum füllten jene, die bereits wussten, wie Macht funktionierte.

Auf dem Land fiel mir das weniger auf als in den Städten. Nicht weil es dort keine Korruption gegeben hätte oder die Verhältnisse gerechter gewesen wären. Aber im Dorf kannte man sich. Man wusste, wer der Milizionär war, kannte seine Familie, vielleicht seinen Vater. Er war Nachbar, Schwager oder ehemaliger Mitschüler. Selbst Macht hatte dort ein Gesicht. Das machte die Verhältnisse nicht unbedingt besser, aber es machte sie lesbarer.

In der Stadt wurde man leichter zu einem von vielen. Vor einem saß ein Beamter, für den man bestenfalls eine Nummer war. Was im überschaubaren Gefüge noch durch Bekanntschaft oder gegenseitige Verpflichtung geregelt werden konnte, brauchte nun einen Ersatz. Geld war einer, Beziehungen waren ein anderer.

Der Bürger lernte, dass ein Verbot für den einen gelten und für den anderen verschwinden konnte. Nicht entscheidend war, was geschehen war, sondern wer beteiligt war. Das Recht wurde zu keiner festen Wand mehr, sondern zu einer Membran, die sich unter genügend Druck verformte.

Irgendwann versucht man dann nicht mehr, Recht zu bekommen, sondern jemanden zu kennen. Man vertraut nicht der Institution, sondern der Verbindung, nicht dem Verfahren, sondern dem Anruf. Und je weniger man den Institutionen vertraut, desto wichtiger werden solche Verbindungen. Man braucht jemanden, der über demjenigen steht, der einem gerade gegenübersitzt. Aus dem persönlichen Netz wird eine vertikale Verbindung.

Was als vernünftige Anpassung an ein dysfunktionales System beginnt, hilft schließlich dabei, genau dieses System zu erhalten. Korruption hört auf, nur eine Frage des Geldes zu sein. Sie wird zu einer Vorstellung davon, wie die Welt funktioniert. Man tut, was funktioniert. Vielleicht ist das Gravitation.

Nicht der Zwang allein hält ein solches System zusammen. Seine größere Kraft liegt darin, dass Menschen lernen, sich darin zu bewegen. Sie tragen die Ordnung selbst weiter.

Aber genau hier scheint mir im Rückblick etwas Entscheidendes zu liegen: Diese Ordnung war in der Ukraine nie vollständig zu Hause.

Ich hörte dort immer wieder einen Satz, wenn es um Politiker oder andere Mächtige ging: Lass sie leben. Es dauert nicht ein Leben lang.

Darin lag Fatalismus, gewiss. Man wusste, dass sie nahmen, dass sie sich bereicherten und vielleicht sogar, dass man im Augenblick wenig dagegen tun konnte. Also ließ man sie gewähren. Aber irgendwo blieb die Vorstellung bestehen, dass auch ihre Zeit enden würde. Die Macht war stark, aber sie war nicht ewig.

Vielleicht lag darin ein Rest von Distanz zwischen dem Menschen und demjenigen, der über ihn herrschte. Man fügte sich, bestach, arrangierte sich, suchte jemanden, der jemanden kannte. Aber man behielt sich innerlich das Recht vor, den Mächtigen für vorübergehend zu halten.

In Russland begegnete mir etwas anderes. Dort schien die Hierarchie mitunter schon berücksichtigt zu werden, bevor sie überhaupt etwas verlangte. Man zahlte nicht erst, wenn jemand kam.

Man zahlte im Voraus.

Nicht überall und nicht jeder. Aber das Prinzip faszinierte mich. Die Macht musste ihre Forderung gar nicht mehr aussprechen. Man wusste bereits, was ihr zustand. Das ist ein kleiner Unterschied und vielleicht ein gewaltiger. Denn wer erst zahlt, wenn die Macht vor ihm steht, reagiert auf sie. Wer im Voraus zahlt, hat sie bereits in sein eigenes Verhalten aufgenommen.

Die Ukraine hatte die Institutionen und Reflexe dieser Ordnung geerbt. Aber sie rieb sich an ihnen. Gruppen konkurrierten miteinander, Regionen mit Regionen, Geschäftsleute mit Geschäftsleuten, Beamte mit Beamten. Wer heute oben war, konnte morgen verschwunden sein. Man arrangierte sich mit der Macht, ohne ihr unbedingt Dauer zuzugestehen.

Eine wirkliche Vertikale beginnt vielleicht nicht dort, wo oben jemand befiehlt. Sie beginnt dort, wo unten niemand mehr darauf wartet. Die Ordnung wird vorweggenommen.

Unter Janukowytsch begann sich der Raum zwischen diesen konkurrierenden Strukturen zu schließen. Der Staat bekämpfte die informellen Strukturen nicht unbedingt. Er begann, sie einzusammeln. Die Kleinen verschwanden nicht, sie wurden eingegliedert. Der Milizionär durfte weiter kassieren, solange er wusste, wem er etwas schuldete. Der Beamte durfte entscheiden, solange er wusste, wessen Interessen er nicht berühren durfte. Der Unternehmer durfte reich werden, solange sein Reichtum nicht mit der Macht konkurrierte.

Alles tendierte zum Monopol. Nicht nur Unternehmen, sondern auch Einfluss, Schutz, Gewalt, Korruption und schließlich selbst das Recht. Das System beseitigte die Willkür nicht.

Es monopolisierte sie.

Ein autoritärer Staat muss informelle Strukturen gar nicht abschaffen. Es genügt, wenn er sie unterordnet. Aus vielen kleinen Abhängigkeiten entsteht eine große. Geld, Loyalität und Information bewegen sich nach oben, Entscheidungen und Schutz kommen von dort zurück. Was vorher wie ein Geflecht aussah, bekommt einen Mittelpunkt.

Das erklärt auch, weshalb solche Systeme nach außen stabiler wirken können als zuvor. Die kleinen Räuber sind noch da, aber sie wissen nun, zu welchem Revier sie gehören. Die Willkür verschwindet nicht. Sie wird berechenbarer, weil auch sie einer Hierarchie folgt. Es entsteht Ordnung – nur nicht jene, die wir meinen, wenn wir von einem Rechtsstaat sprechen. Es ist die Ordnung des Monopols. Das Monopol auf Gewalt gilt als Kennzeichen eines Staates. Das Monopol auf Willkür kennzeichnet einen anderen.

Vielleicht erklärte diese Nähe zwischen Staat und Unterwelt auch etwas, das mich immer wieder wunderte: wie schnell man Täter finden konnte. Während man in Westeuropa manchmal jahrelang nach einem Mörder fahndete, schien man dort mitunter schon nach wenigen Tagen zu wissen, wen man suchte. Manchmal beinahe am selben Tag.

Ich fragte mich: Wie kann eine Polizei gleichzeitig so korrupt und so erstaunlich gut informiert sein?

Vielleicht war das gar kein Widerspruch. Wer tief genug in eine kriminelle Welt eingebunden ist, muss nicht lange nach ihr suchen. Er kennt sie. Das Verbrechen war nicht irgendwo dort draußen, in einer fremden Unterwelt. Es saß mit am Tisch.

Auch klassische Banküberfälle schienen mir erstaunlich selten. Irgendwann dachte ich: Wozu sollte man auch eine Bank überfallen? Man gründete eine. Das war sicherer und wesentlich effektiver.

Vielleicht lag genau darin das eigentliche Verbrechen jener Jahre. Nicht darin, dass der Staat zu schwach gewesen wäre, um das Verbrechen zu bekämpfen. Sondern darin, dass irgendwann kaum noch zu erkennen war, wo das eine aufhörte und das andere begann.

Und vielleicht erklärt diese Ordnung noch etwas anderes: die Sehnsucht nach dem starken Staat.

Was geschieht mit Menschen, die lange genug erfahren haben, dass nicht das Gesetz schützt, sondern die Nähe zu jemandem, der stärker ist? Sie müssen nicht zwangsläufig weniger Macht wollen. Vielleicht wollen sie nur endlich die richtige. Einen, der über den anderen steht. Einen, dessen Anruf genügt. Einen, bei dem die Suche nach dem Nächsten endlich endet.

Der starke Mann erscheint dann nicht nur als Herrscher. Er erscheint als der letzte Bekannte in einer endlosen Kette von Bekannten.

Die beiden Milizionäre vor dem Silpo waren vermutlich nur die kleinste Figur. Das Eigentliche geschah erst am Abend, als es an meiner Tür klopfte und sich die nächste öffnete.

Der Vorgesetzte kam herein, während die beiden Milizionäre draußen warteten. Wir tranken Kaffee, wir redeten. Dann blieb sein Blick an einem Bild im Hintergrund hängen.

Sein Präsident und ich.

Dass es eine Fälschung war, riskierte er nicht mehr zu hinterfragen. Das Bild war ein Gag vom Strand. Und plötzlich geschah im Kleinen genau das, worüber ich damals noch gar nicht nachdachte.

Ich war derselbe Mensch. Das angebliche Vergehen war dasselbe. Auch das Gesetz hatte sich nicht verändert. Nur meine vermutete Position innerhalb dieser Ordnung war eine andere geworden.

Vielleicht sah er in diesem Bild genau das, wonach in dieser Ordnung jeder suchte: die Verbindung nach oben.

Aus einem Mann, vor dem ich mich wenige Stunden zuvor noch hätte fürchten müssen, wurde beinahe ein Verbündeter. Falls ich einmal etwas brauchte, sollte ich mich melden. Er bot es von selbst an.

Das Erstaunliche war nicht, dass er korrupt war. Das Erstaunliche war, wie schnell wir beide verstanden hatten, wie die Sache funktionierte.

Auch ich.