00 DEGRADATION VORWORT

VORWORT

Ich habe lange nicht verstanden, dass diese Dinge zusammengehörten. Der Beamte, der mich warten ließ, obwohl nichts zu tun war. Der Chef, der nach unten trat und nach oben lächelte. Die Wohnung, die jemand liebevoll renovierte, während das Stiegenhaus verfiel. Menschen, die über den Staat schimpften und gleichzeitig jemanden suchten, der dort einen Anruf für sie machen konnte.

Ich hielt vieles davon für Alltag. Manches für russisch, manches für sowjetisch, manches einfach für menschlich.

Erst mit den Jahren begann ich zu sehen, dass sich etwas wiederholte. Nicht die Situationen, sondern die Bewegung darin. Jemand hatte Macht über einen anderen. Manchmal nur für einen Augenblick: einen Stempel, eine Unterschrift, eine Uniform, einen besseren Platz in der Hierarchie, die Möglichkeit, jemanden warten zu lassen oder eine Ausnahme zu gewähren.

Und erstaunlich oft wurde diese kleine Macht weitergegeben.

Wer oben gedemütigt worden war, konnte unten selbst demütigen. Wer warten musste, ließ später einen anderen warten. Wer gelernt hatte, dass Regeln nicht für alle gleich galten, suchte irgendwann nicht mehr nach Gerechtigkeit, sondern nach einer Möglichkeit, selbst auf die richtige Seite der Regel zu gelangen.

Dort beginnt für mich Degradation.

Nicht als Verfall von Häusern, Straßen oder Institutionen, sondern als Veränderung zwischen Menschen. Dort, wo der andere zunehmend als Position erscheint: über mir oder unter mir, nützlich oder gefährlich, abhängig oder mächtig.

Dieses Buch handelt nicht davon, wie Russen sind. Es handelt davon, was mit Menschen geschehen kann, wenn solche Erfahrungen lange genug dauern und sich wiederholen. Was geschieht, wenn Verantwortung nach oben verschwindet und Druck nach unten weitergegeben wird? Wenn Anpassung vernünftiger erscheint als Widerspruch? Wenn eine Ordnung nicht mehr überzeugen muss, weil genügend Menschen gelernt haben, in ihr zu bestehen?

Deshalb beginnt dieses Buch nicht im Kreml. Es beginnt am Schalter, in einer Wohnung, in einem Betrieb, auf einer Straße. Bei kleinen Abhängigkeiten, kleinen Privilegien und kleinen Erniedrigungen. Später geht es um Hierarchie, Kontrolle, Angst, Gewalt und schließlich um Krieg.

Der Krieg kommt zuletzt, weil er nicht der Anfang dieser Geschichte ist.

Wenn wir erst auf Gewalt schauen, wenn sie groß genug geworden ist, sehen wir nur noch ihre Folgen. Dann stehen Panzer an einer Grenze, Gefangene liegen am Boden, Häuser brennen, und wir fragen uns, wie Menschen dazu fähig sein können.

Die Frage dieses Buches beginnt früher:

Was geschieht mit Menschen, wenn sie erfahren, dass ein anderer wehrloser ist als sie – und entscheiden können, was sie damit machen?