IN 10 JAHREN?

Ich habe viele Fragen gestellt. Über zwanzig Jahre lang.

Nicht als Journalist. Eher als jemand, der dort lebte. Der zuhörte. Der verstehen wollte.

Wenn ich Ukrainer fragte, wo sie sich in zehn Jahren sahen, sprachen viele erstaunlich selten zuerst über Karriere.

Eher über ein Haus.
Familie.
Kinder.
Einen Garten.
Spielende Enkel darin.

Ein normales Leben.

Und in vielen Gesprächen über Zukunft spürte ich etwas Seltsames. Als wäre die dritte Generation wichtiger als die zweite. Und die erste längst geopfert worden. Fast so, als würden viele nicht mehr für sich selbst leben, sondern für jene, die vielleicht irgendwann normal leben könnten.

Man spürte das selbst in den Familien. Die Enkel wirkten oft wichtiger als die Gegenwart.

Vielleicht hier verwurzelt. Und irgendwann auch in Europa.

Es wirkte auf mich manchmal fast absurd. Dieses Hineinwollen in Europas staubigen Wald aus Gesetzen, Formularen und Regeln.

Bis ich langsam verstand, dass viele gar nicht Europa selbst meinten. Sondern etwas viel Einfacheres.

Die Hoffnung, dass Regeln irgendwann einmal wirklich für alle gelten könnten.

Nicht einmal unbedingt wegen des Geldes. Eher wegen der Ordnung. Weil man müde wird, ständig improvisieren zu müssen.

Und doch blieb Skepsis.

Wieder Verwaltung.
Neue Regeln.

Planbarkeit wirkt dort fast wie Freiheit.

Nicht als Ideologie. Eher als Schutzraum gegen Willkür.

Den Rest, sagten viele, schaffen wir selbst.

Wenn ich Russen dieselbe Frage stellte, war es anders.

Irgendwann hörte ich auf, sie zu stellen.

Zu oft kam keine wirkliche Antwort.