DER SOUVERÄN

Ich war zu Gast, im Winter, mitten in Mariupol. Anfang 2015.

Man war froh über Besuch, über ein Gespräch, über etwas, das von außen kam.

Man bot Wodka an. Es sei schließlich kalt in der Wohnung. Drei Schichten Kleidung, Decken, acht Grad. An der Wand ein Foto von Putin, daneben Möbel, die seit Jahrzehnten standen, verstaubt, kaum verändert.

„Euch geht es doch auch nicht anders“, sagte er.

„Uns?“

„In Österreich.“

„Warum sollten wir frieren?“

„Wir liefern euch das Gas.“

Ich widersprach nicht.

Irgendwann sagte er:

„Macht doch, was ihr wollt. Kämpft, so viel ihr wollt. Solange ihr uns in Ruhe lasst.“

„Und wenn Putin etwas anderes befiehlt?“

Er zuckte mit den Schultern.

„Dann wird es schon einen Grund haben.“

Wir kamen auf die Sprache. Dass man auch Ukrainisch lernen könne. Einfach, weil man hier lebte.

Ich erzählte von Diskussionen im Baltikum. Davon, dass Russen dort die jeweilige Landessprache lernen mussten und dass sich manche dagegen wehrten.

Er verstand das Problem nicht.

„Warum?“

„Weil sie dort leben.“

Er sah mich an.

„Sie sprechen Russisch.“

„Aber sie leben zum Beispiel in Lettland.“

Ein kurzes Zögern.

„Das geht nicht“, sagte er.

„Was?“

„Dass man mich zwingt.“

„Eine andere Sprache zu lernen?“

„Ich bin souveräner Bürger.“

Das Wort fiel so selbstverständlich, dass ich zuerst gar nicht darauf reagierte.

„Aber Lettland ist ein souveränes Land.“

Er sah mich an, als hätte ich etwas Wesentliches nicht verstanden.

Für ihn gehörte es noch dazu.

Das Gespräch ging weiter. Russland. Der Krieg. Korruption. Dinge, die einander widersprachen und trotzdem nebeneinanderstehen konnten.

Dann holte er ein Bild hervor.

Alexander II.

Er legte es neben Putin.

„Er wird in die Geschichte eingehen“, sagte er.

„Ja“, sagte ich.

Darin waren wir uns einig.

Doch das Wort blieb mir.

Souverän.

Ich hatte darunter immer etwas anderes verstanden. Die Freiheit, selbst zu entscheiden. Für sich einzustehen. Verantwortung für die eigene Entscheidung zu übernehmen.

Hier schien es etwas anderes zu bedeuten.

Acht Grad in der Wohnung. Drei Schichten Kleidung. An der Wand Putin.

Russisches Gas ging nach Westen. Er fror in Mariupol.

Er lebte in der Ukraine. Ukrainisch wollte er nicht lernen.

Und wenn Putin etwas befahl, würde es schon einen Grund haben.

„Souverän“, hatte er gesagt.

Vielleicht meinte er damit etwas viel Einfacheres:

Dass sich immer der andere bewegen muss.