BLOCKADE
Wir lernten uns am Strand kennen, in Jalta. Später setzten wir uns in ein Café, suchten den Schatten.
Er war gut zwanzig Jahre älter als ich. Ein gut aussehender Mann, ruhig, ohne sich aufzudrängen. Einer, der gewohnt war, dass Dinge sich fügen. Maschinenbau. Fast dreitausend Leute. Direktor.
Mit mir sprach er erstaunlich offen. Vielleicht auch, weil ich Ausländer war. Ich gehörte zu keinem seiner Kreise, kannte kaum jemanden, an den seine Sätze hätten zurückgelangen können.
Er erzählte vom Morast. Von kleinen Abhängigkeiten, die sich addierten. Von Entscheidungen, die nie nur Entscheidungen waren.
„Nicht in meiner Amtszeit“, sagte er.
Es ging um ein größeres Vorhaben. Vier Jahre Bauzeit. Ihm selbst blieben noch drei.
Dann würde sein Nachfolger einweihen.
„Die Ernte einfahren“, sagte er.
Das komme nicht infrage.
Er lächelte dabei. Nicht bitter. Eher wie jemand, der etwas erklärte, das sich von selbst verstand.
Früher, sagte er, habe er gegen solche Dinge gekämpft. Wirklich. Aber irgendwann merke man, wie es läuft. Wer sichtbar werde, bekomme Schwierigkeiten. Wer etwas aufbaue, müsse damit rechnen, dass später ein anderer damit dastehe.
Man gewöhnte sich daran.
Er machte eine kleine Pause.
„Die Ukrainer machen es anders.“
Ich wartete.
„Sie sind schneller. Williger. Sie bauen auch, wenn sie es nicht mehr selbst erleben.“
Er sah hinaus zum Meer.
„Wofür wir tausend Mann brauchen, machen sie mit hundert. Bei uns läuft alles über Druck. Bei euch läuft vieles über den Willen, es zu tun.“
Das war sein Satz, nicht meiner. Gerade deshalb blieb er mir.
Eine Weile schwiegen wir.
„Bei uns“, sagte er schließlich, „wartet man.“
„Worauf?“
Er zuckte mit den Schultern.
„Dass jemand anderes beginnt.“
Dann, nach einer Pause:
„Oder scheitert.“
„Und dann?“
„Dann muss man nicht.“
Ich dachte später oft an diese vier Jahre.
Drei hatte er noch.
Vier hätte es gebraucht.
Sein Nachfolger hätte eingeweiht.
Also begann er nicht.