REVOLUTION

Es war eine Frage, die mir erst später peinlich wurde.

Wir saßen am Küchentisch. Tee. Brot. Zwischen den Sätzen diese Stille, die nicht leer ist, sondern prüft. Ich fragte, fast nebenbei, warum es damals eigentlich keine Revolution gegeben habe. Als sich alles geöffnet hatte. Als die Archive aufgingen, die Lügen sichtbar wurden, die Parteisprache hohl klang. Warum man nicht aufgestanden sei. Warum man die Kommunisten nicht aus den Ämtern gejagt habe.

Niemand antwortete sofort.

Ich hatte gedacht, es sei eine logische Frage. Vielleicht eine westliche. Eine, die von Mut sprach, von Konsequenz, von einem Schnitt. Ich meinte es nicht anklagend. Eher erstaunt. Als hätte man nach dem Fall des Vorhangs nur noch aufräumen müssen.

Mama und Natascha sahen mich lange an. Nicht streng. Eher so, als müsste man entscheiden, wo man anfängt.

„Weil man müde war“, sagte Mama schließlich.

Mehr nicht.

Sie brach ein Stück Brot ab, legte es auf den Teller, als ordne sie etwas, das sich nicht ordnen ließ.

„Man hatte jahrzehntelang gelernt, still zu sein“, sagte sie. „Nicht aus Feigheit. Aus Überleben.“

Ich wollte widersprechen. Wollte von Wahrheit sprechen, von dem Moment, in dem alles offenlag. Aber schon da merkte ich, dass ich etwas nicht verstand. Dass Offenheit kein Ereignis ist. Und Wahrheit kein Auslöser.

„Was glaubst du“, fragte sie, „was nach all dem noch übrig war?“

Sie sprach nicht von Idealen. Sie sprach von Wohnungen ohne Heizung. Von Fabriken, die stillstanden. Von Kliniken, in denen man für eine Spritze bezahlen musste, die aus Spenden kam. Von Maschinen aus den vierziger Jahren, die noch liefen, weil es keine anderen gab.

„Man hatte Angst“, sagte sie. „Nicht vor der Vergangenheit. Sondern davor, dass einem auch das Letzte genommen würde.“

Ich hörte zu und verstand langsam: Es gab keinen Boden für eine Revolution, weil nichts mehr da war, worauf man hätte stehen können.

Kälte. Leere. Die Parolen waren verschwunden, aber niemand wusste, womit man sie ersetzen sollte.

Erst später begriff ich, wie westlich meine Frage gewesen war. Was sich geöffnet hatte, war kein Raum, sondern ein Abgrund. Kein Neubeginn, sondern eine Entblößung. Jahrzehnte hatten sie in einer Ordnung gelebt, die sich als groß und mächtig ausgegeben hatte – und plötzlich blieb davon nur die Erkenntnis, dass man ihnen Zeit genommen hatte.

Lebenszeit.

Ost und West lagen nebeneinander wie zwei Ufer nach einem Erdrutsch. So nah, dass man hinübersehen konnte. Und doch Jahrzehnte voneinander entfernt.

Ich hatte nach einem Aufstand gesucht.

Und fand ein Erschöpftsein.

Es waren zwei Welten. Hier dunkel, dort grell. In den Betrieben arbeiteten Maschinen aus den vierziger und fünfziger Jahren weiter – Kriegsbeute, die man mitgeschleppt hatte und nun nicht mehr ersetzen konnte. In Kliniken fiel der Putz, Linoleum war geflickt, Lifte rochen nach Urin. Heizungen funktionierten halb, Stromleitungen flackerten.

Und doch lief alles weiter.

Der Verkehr. Die Menschen. Die Schlangen. Man hatte gelernt zu wählen. Aber nicht zu vertrauen. Die Gesichter blieben dieselben. Die Stimmen auch. Alte Losungen auf neuem Papier.

In den Dörfern ging es nicht um Politik. Es ging ums Überleben. Der Bus kam selten. Der Lehrer trank. Der Bürgermeister hatte kein Benzin. Traktoren standen still und rosteten. Wen interessierten da Wahlen.

In der Stadt war alles heller, bunter – aber nicht besser. Wer jung war, ging. Wer blieb, hoffte. Die Ukraine blieb unsicher. Nicht schwach. Eher noch nicht ganz erwacht.

Doch etwas begann sich zu verschieben.

Nicht laut. Eher zuerst dort, wo ohnehin geredet wurde. In Wohnungen. Am Küchentisch. In Taxis. In Bars.

Die Korruption war längst nicht mehr verborgen. Präsident Kutschma hatte Vertrauen verspielt. Zu viele Verstrickungen. Zu wenig gelöste Abhängigkeiten.

Die Mafia saß nicht nur am Rand. Es ging um Zement. Zucker. Metall. Um Gerichte, Universitäten, Zoll. Geschäftsleute gingen in die Politik, Politiker ins Geschäft. Manche saßen mit Immunität im Parlament.

Schmiergeld gehörte dazu. Man zahlte aus Mangel an Zeit, an Beziehungen, an Möglichkeiten. Wer zahlte, kam weiter. Wer nicht, blieb manchmal stehen.

Und trotzdem änderte sich etwas.

Die Gespräche wurden anders. Leise zunächst. Vorsichtig. Aber wacher.

Die Lüge hatte sich abgetragen.

Und darunter lag etwas anderes.

Würde.

Dann kam er.

Nicht plötzlich. Eher so, dass man ihn bemerkte, weil er anders sprach. Langsam. Leise. Ohne große Gesten. Aber man hörte zu.

Juschtschenko stellte sich zur Wahl. In der Stichwahl stand er Janukowytsch gegenüber.

Formell war es eine Abstimmung.

Tatsächlich wurde daraus ein Test.

Ob die Ukraine sich selbst gehörte.

Janukowytsch stand für das alte Geschäft. Nähe zu Moskau. Nähe zur Macht. Nähe zu allem, was berechenbar war.

Juschtschenko stand für das Risiko. Man wählte nicht nur einen Mann. Man wählte eine Richtung. Er war keine Lösung. Aber ein Bruch.

Dann kam der September.

Schmerzen. Fieber. Sein Gesicht schwoll an. Er wurde in Wien behandelt. Später wurde eine massive Dioxinvergiftung festgestellt.

Wer dahinterstand, wusste ich nicht.

Aber als er zurückkam, war sein Gesicht gezeichnet. Man konnte ihn kaum noch ansehen, ohne an das zu denken, was mit ihm geschehen war.

Simferopol. Wahltag.

Das Wahllokal war ungeheizt. Staub, Menschen, der Geruch von Piroschki. Schlange stehen. Nicken. Warten.

Ich gab meinen Pass ab.

Und da stand er. Mein Name.

Ausländer. Ohne Wahlrecht. Eingetragen.

„Das ist ein Fehler“, sagte ich.

Man strich ihn durch. Ohne Regung.

Ein Mann mit Pelzkappe lachte bitter.

„Das ganze Land ist ein Fehler.“

Ich erklärte. Er winkte ab. Dann sah er mich an.

„Österreicher? Dort, wo er behandelt wurde?“

Ich nickte.

Er auch.

Draußen standen Männer und musterten jeden. Busse fuhren weiter zum nächsten Wahllokal. Karussell. Sichtbar. Bezahlt.

Am Abend trugen zwei Männer Säcke aus dem Gebäude. Keine Urnen. Keine Kisten. Säcke.

Sie warfen sie auf einen Lieferwagen.

Niemand fragte.

Ich wusste nicht, was darin war.

Später sprach jeder davon. Listen. Tote. Busse. Befehle. Fotos als Beweis.

Meine Geschichte war klein.

Aber sie passte zu dem Schrei. Vom Betrug. Es reicht.

Kyjiw. Der Maidan.

Von Simferopol aus weit. Und doch plötzlich nah.

Was ein Platz gewesen war, wurde ein Entschluss.

Ich bleibe.

Wir bleiben.

Feuer in Ölfässern. Hände im Rauch. Orangen überall. Studenten, Arbeiter, Alte. Kälte. Ausdauer.

Zwei Wirklichkeiten im Fernsehen. Eine zeigte den Sieg. Die andere den Betrug. Dazwischen der Maidan.

Schnee fiel.

Niemand ging.

Ich wartete darauf, dass es endet. Dass jemand nach Hause geht. Dass es sich auflöst.

Es löste sich nicht.

Stattdessen blieb etwas stehen, das vorher nicht da gewesen war.

Menschen, die nicht mehr gingen.

Und ich verstand etwas, das ich vorher nicht verstanden hatte:

Revolution beginnt nicht im Lärm.

Sie beginnt, wenn Menschen bleiben.

In diesen Tagen sprachen wir viel. Bei Tee. Bei Zigaretten. Nicht mehr nur über Betrug. Sondern über etwas, das größer war.

Natascha und ich gingen mit orangefarbenen Schals durch Simferopol.

TAK.

Ja.

Feindliche Blicke. Manchmal ein Lächeln. Uns war es egal.

Zum ersten Mal waren wir nicht mehr nur Beobachter.

Wir waren Teil davon.

Bürger.

Die Stichwahl wurde wiederholt.

Juschtschenko gewann.

Ein neuer Wind.

Und meine Frage vom Küchentisch hatte eine andere Antwort bekommen.

Nicht damals. Nicht als alles offenlag.

Sondern jetzt.

Leise.

Spät.

Es hatte sie also gegeben.

Die Revolution.

Nur hatte ich mir Revolution anders vorgestellt.

Und doch war etwas geblieben.

Nicht jeder hatte sie so gesehen. Nicht jeder hatte sie so gewollt. Einige hatten nichts gewonnen. Andere etwas verloren.