SCHWEIGEN UND VERACHTUNG

Ich traf sie mehrmals und mochte sie. Oksana. Um die fünfzig, klug, still. Sie hatte als Krankenschwester begonnen, später Politologie studiert. Vier Kinder, inzwischen Enkelkinder.

Eine Zeit lang hatte sie in Moskau gearbeitet. Dort lernte sie Artjiem kennen. Ich kannte ihn bisher nur aus Erzählungen.

Er sei Russe, einige Jahre älter als sie, und im Apparat aufgestiegen. Wie weit, darüber sprach er nicht gern. Oksana noch weniger. Irgendwann wollte sie nicht mehr in Moskau leben. Sie ging zurück nach Charkiw.

Artjiem blieb zunächst.

Er hatte versucht, gegen Dinge anzukommen, sich mit Leuten angelegt, widersprochen, wo Widerspruch irgendwann nicht mehr klug war. So erzählte es Oksana. Er selbst machte daraus keine Heldengeschichte.

Irgendwann gab er auf.

Dann kam er zu ihr nach Charkiw.

„Hier kann ich atmen“, hatte er gesagt.

Oksana formulierte es anders.

„Hier ist mehr Geist.“

Ihr Mann war noch in seinem Arbeitszimmer. Die Tür war verschlossen.

„Er kommt gleich“, sagte Oksana.

Auf dem Tisch lag ein Telefon. Es vibrierte zweimal. Oksana sah nicht hin.

Ich sah auf das Telefon, dann zur verschlossenen Tür.

Sie bemerkte meinen Blick.

„Er hat drei.“

Irgendwann rief sie seinen Namen durch die Tür.

Keine Reaktion.

„Er ist kein schlechter Mensch“, sagte sie ruhig. „Aber für ihn ist es immer der Apparat.“

„Und für dich?“

Sie dachte kurz nach.

„Wer hält ihn am Laufen?“

Mehr sagte sie nicht.

Als ich vom Balkon zurückkam, kam Artjiem gerade aus seinem Arbeitszimmer. Er entschuldigte sich.

„Es hat länger gedauert.“

Er nannte einen Namen.

Ich kannte ihn. Einen von ganz oben.

Ich sah Artjiem an. Bis dahin hatte ich nicht recht gewusst, was Oksana mit aufgestiegen gemeint hatte. Jetzt bekam ich eine Ahnung davon.

Artjiem bemerkte meine Überraschung nicht. Oder er überging sie. Er trat zu Oksana, küsste sie auf die Stirn und begrüßte mich. Höflich, ruhig. Ein gutaussehender Mann, gepflegt, Mitte sechzig. Seine Augen wirkten müde.

„Worüber sprecht ihr?“

„Über den Apparat“, sagte ich.

Er lächelte kurz und setzte sich. Oksana schob ihm eine Tasse hin.

„Für ihn ist immer die Maschine schuld“, sagte sie.

Artjiem sah zu ihr.

„Habe ich Schuld gesagt?“

„Fast.“

Er nahm die Tasse, trank aber nicht.

„Ihr seht immer Putin“, sagte er zu mir. „Putin hier, Putin dort. Einer oben, und wenn der weg ist, wird alles anders.“

„Wird es nicht?“

Er schüttelte den Kopf.

„Die Maschine war vor ihm da.“

„Und die Menschen auch“, sagte Oksana.

Er ließ den Satz stehen.

„Das Problem ist inzwischen ein anderes“, sagte er. „Früher wollte der Apparat, dass du funktionierst. Heute kommen Leute, die nicht nur funktionieren. Die glauben. An Russland. An Größe. An Geschichte. An irgendeinen Auftrag.“

Er machte eine ungeduldige Bewegung mit der Hand.

„Mit einem Zyniker kannst du handeln“, sagte Artjiem. „Er will etwas. Geld, eine Position, Sicherheit. Aber einer, der glaubt, eine historische Aufgabe zu haben?“

Er brach ab.

Eine Weile drehte er die Tasse zwischen den Händen.

„Und es sind längst nicht mehr nur wir.“

„Wer?“

„Alle sind da.“

Ich wartete.

„China. Amerika. Der ganze Nahe Osten. Geld, Rohstoffe, Religion, Interessen. Jeder zieht irgendwo.“

„An Russland?“

„An allem.“

Er sah mich an.

„Und wir tun so, als hätten wir alles selbst in der Hand.“

Oksana stellte ihre Tasse ab.

„Jetzt sind wieder die anderen schuld.“

Artjiem sah zu ihr.

„Das habe ich nicht gesagt.“

Diesmal musste ich lachen.

Er nicht.

„Du machst Witze darüber“, sagte er.

Seine Stimme war plötzlich lauter.

Oksana blieb ruhig.

„Nein.“

„Du weißt nicht, was diese Maschine mit Menschen macht.“

„Doch.“

Er sah sie an.

„Du warst nie drin.“

Oksana wartete einen Moment.

„Deshalb bin ich gegangen.“

Artjiem schwieg.

„Ja“, sagte er schließlich.

Dann leiser:

„Du bist gegangen.“

Die Wut war weg.

Er nahm seine Tasse.

„Seit Jahren reden sie nur über gestern und heute. Nie über morgen. Immer zurück. Irgendein Sieg. Irgendeine Kränkung. Irgendeine Schuld.“

„Wessen Schuld?“, fragte ich.

Er zuckte mit den Schultern.

„Das findet sich.“

Eine Weile sagte niemand etwas.

„Es gibt Befehle“, sagte Artjiem schließlich. „Und es gibt welche, die nicht ausgesprochen werden.“

Er hielt kurz inne.

„Und dann gibt es die, die gehört werden sollen.“

„Was meinst du?“

„Putin hat angeordnet, die Bereitschaft der Marine zu überprüfen.“

„Na und?“

Artjiem sah mich an.

„Ist es nicht Aufgabe der Marine, das selbst zu tun?“

Ich verstand noch immer nicht ganz.

„Warum sagt man es dann?“

„Damit es gehört wird.“

„Von wem?“

Er hob die Schultern.

„Von denen, die es hören sollen.“

In diesem Moment sprang die Tür auf. Zwei Kinder liefen herein, laut, lachend, verlangten nach ihren Großeltern. Oksana gab ihnen Kuchen. Artjiem zog eines zu sich.

Das Gespräch war vorbei.

Als ich später ging, brachte Oksana mich zur Tür.

Sie legte mir kurz die Hand auf den Arm.

„Entschuldige“, sagte sie.

Ich wusste nicht genau, wofür.

Ich schüttelte den Kopf.

Im Lift dann war es mir zu eng.

Vielleicht blieb mir dieses Gespräch deshalb so genau in Erinnerung. Jahre später dachte ich immer wieder an die beiden. An Artjiems Maschine. An Oksanas ruhigen Widerspruch.

Artjiem war aus Moskau nach Charkiw gekommen, weil er dort nicht mehr leben wollte.

„Hier kann ich atmen“, hatte er gesagt.

Damals war das nur ein Satz.