SERGEY IWANOWITSCH

Beziehungen werden kompliziert, wenn Gefühle verschwinden und nur noch als Erinnerung existieren.

Solange sie leben, tragen sie. Dann braucht es wenig Regeln.

Ich verstand das erst später.

„Sergey Iwanowitsch“ – so spricht man jemanden an, dem man Respekt zollt. Vorname, Vatersname. Wenn es ganz formell sein soll, auch der Familienname.

Sergey war Russe. War Ukrainer. Heute ist er Geflüchteter.

Ich lernte ihn um 2002 im Trolleybus nach Jalta kennen. Er saß hinter mir, hörte mein Ausländertum aus jedem Satz und meine Begeisterung aus jedem zweiten. Irgendwann beugte er sich vor.

„Wissen Sie, das ist die längste Trolleybuslinie der Welt. Sechsundachtzig Kilometer.“

Ich lächelte, obwohl Natascha mir das schon erzählt hatte. Aber ich wollte ihn reden lassen.

Wir redeten weiter. Später wurden wir Freunde.

Sergey war groß. Breite Schultern. Ein Bauch, den er trug wie eine Rüstung. Die Hände rau vom Arbeiten, die Fingernägel oft schwarz von Erde. In seinen Augen ein spöttisches Funkeln, als prüfe er ständig, ob man ihm glaubte. Meist ein offenes Hemd, hochgekrempelte Ärmel, die Schirmmütze selbst im Sommer.

Bald lud er uns ein.

„Schaschlik“, sagte er, „so wie ich ihn mache, macht ihn keiner.“

Die Datscha lag bei Simferopol. Ein langes, weiß getünchtes Haus mit grünem Dach. Der Garten: Weinreben, Tomaten, Kartoffeln. Staub. Steine. Ein Brunnen. Eine rostige Schaukel.

Zwei Söhne, sagte er einmal beiläufig. Einen verloren in Afghanistan. Einen in Tschetschenien.

Dann schwieg er.

In der Datscha standen alte Möbel, rissig, geflickt. Fotos an den Wänden. Ein Samowar auf dem Tisch. Draußen Hunde, irgendwo ein Moped.

Wir saßen dort und sprachen darüber, wie man aus Altem noch einmal etwas machen könnte.

Wenn man Sergey kritisierte, kam oft derselbe Satz:

„Ich habe es mein Leben lang so gemacht.“

Nicht trotzig. Eher ratlos.

„Mein ganzes Leben habe ich gearbeitet“, sagte er einmal. „Und die Pension ist ein Witz. Hätte ich die Datscha nicht, ich wäre längst verhungert.“

Er liebte es, Gastgeber zu sein. Schaschlik. Tomaten. Wodka.

Doch ohne Ausbruch ging es selten. Er schimpfte über Nachbarn, Politik, die Welt.

Und dann kippte er.

„Alle wollen, dass ich schweige.“

Oder:

„Gebt mir ein Stück Erde. Irgendwo. Wo ich sterben kann.“

Man musste ihn dann wieder aufrichten.

Ein Satz blieb mir besonders:

„Geh niemals mit leeren Händen nach Hause – bring wenigstens einen Ziegelstein.“

Er sammelte Dinge. Sätze. Gerüchte.

Widersprach man ihm, kam dieses tastende „Ja?“ – mit Fragezeichen.

So lernte er.

Wenn er trank, begann etwas in ihm zu singen. Er tanzte unbeholfen, vorsichtig. Man ließ es zu, wenn er seine Hand auf die eigene legte. Kurz. Wie eine Bitte.

Oft saßen wir abends draußen und sahen in die Glut.

„Ich war überall“, sagte er. „Sibirien. Ural. Pazifik. Überall hieß es Russland. Aber was du gesehen hast, war etwas anderes.“

Er zählte auf: Tataren. Burjaten. Jakuten.

„Sie sprechen Russisch. Aber Russen sind sie nicht.“

Ich fragte, woran man das erkenne.

Er sah mich an, als wäre es selbstverständlich.

„Sprache macht keinen Russen“, sagte er. „Das Leben macht ihn.“

Er schenkte nach.

Sergey lebte in Widersprüchen. Schwärmte von den Türken – und verachtete sie zugleich. Fuhr deutsche Autos, trank chinesischen Tee, sah fern auf japanischen Geräten.

Alles war gut, solange es funktionierte.

Ich kannte ihn da schon viele Jahre. Immer in derselben Datscha, in derselben Unruhe.

Er konnte laut werden. Unbeherrscht.

Und meistens schnitt er dabei nur Zwiebeln.

Einmal sagte er:

„Du musst unterscheiden lernen. Zwischen denen, die Russen bleiben wollten – und denen, die es erst werden wollten.“

Der Satz blieb mir.

Wir hatten unsere kleine Ordnung. Ich brachte ihm Dinge aus Europa. Er machte Schaschlik.

Einmal schenkte ich ihm ein Schweizer Messer.

Er hielt das Paket lange in den Händen. Öffnete es vorsichtig, als wäre schon die Verpackung etwas Wertvolles.

Als er das Messer sah, hatte er Tränen in den Augen.

Das war mir peinlich.

Und ich vergaß es nie.

Nach 2014 rief ich ihn an.

Die Leitung war schlecht. Oder vielleicht nur still.

„Sergey“, sagte ich.

Er antwortete kurz, sachlich. Er erzählte vom Garten. Vom Holz. Vom Feuer.

Dann ging ich einen Schritt weiter.

Er schwieg.

Ich wartete.

„Sergey?“

Er atmete hörbar ein. Dann aus.

„Darüber“, sagte er ruhig, „reden wir hier nicht.“

Keine Schärfe. Keine Erklärung.

Nur Grenze.

Wir sprachen noch kurz über den Garten.

Dann legten wir auf.