ICH HABE EINEN FREUND
2015, Kiew.
Gestern war ich noch mit meiner Familie hier gewesen. Unabhängigkeitstag. Trotz der Hitze waren wir über den Chreschtschatyk gegangen, mitten durch die Menschen. Fahnen überall, große an den Fassaden, kleine in den Händen und Fenstern. Es war voll gewesen, sehr voll.
Heute war vieles davon schon wieder verschwunden. Die Fahnen hingen noch, auf dem Asphalt sah man die Radspuren schwerer Fahrzeuge. Der Chreschtschatyk wirkte fast wieder alltäglich.
Wir trafen uns im „Puzata Chata“, nahe dem Maidan.
Ein Ort, den jeder kannte. Selbstbedienung, Tablett, Glasvitrinen, hinter denen dampfende Schüsseln standen: Borschtsch, Varenyky, Salo. Studenten, Familien, Geschäftsleute – alles mischte sich. Laut, einfach, vertraut.
Wir hatten uns zehn Jahre nicht gesehen.
Alexander war älter geworden. Schlank, fast zu schmal für seinen hellen Sommeranzug. In seinen Bewegungen war noch immer etwas vom Offizier: kontrolliert, präzise.
Er konnte nie stillstehen. Schon während er sprach, schien er beim nächsten Gedanken zu sein.
„Warum nicht?“, sagte er oft.
Ich mochte das. Vielleicht, weil ich darin etwas von mir selbst erkannte.
Wir bestellten Salo und Varenyky, dazu Kwas.
„Und? Dein Geschäft?“, fragte ich.
„Zugesperrt.“
Kurz.
„Und jetzt?“
„Ich schreibe Reden fürs Parlament.“
Ich sah ihn an. Überraschend, aber es passte zu ihm.
„Davon kann man leben?“
Ein kaum sichtbares Lächeln.
„Inzwischen schon.“
Wir sprachen über die Kinder. Meine fast erwachsen, seine längst im Ausland. Dann erzählte ich von den Jahren dazwischen. Von den Sprüngen, den Versuchen, den Erfolgen – und den Momenten, die anders klangen, als sie sich angefühlt hatten.
„Du hast es weit gebracht“, sagte er.
Ich zuckte mit den Schultern.
„Es klingt besser, als es war. Manchmal hatte ich das Gefühl, nur Statist zu sein.“
Er nickte. Ohne Mitleid. Eher verstehend.
Dann fiel mir eine Szene ein, die erst vor kurzem passiert war.
„Weißt du, Sascha … einmal war ich allein im Büro. Am Telefon eine Sekretärin, die unbedingt Englisch sprechen wollte. Weil sie es konnte. Weil es schick war.“
Ich aß weiter.
„Da klopfte es. Drei Leute vor der Tür. Bibel, Übersetzer, ernste Gesichter. Sie wollten über Gott sprechen.“
Er lächelte schon.
„Ich war genervt. Sagte nur: ‚Please, be quick, I’m on the phone.‘“
Ich sah ihn an.
„Und der Typ strahlt mich an: ‚Oh, you speak English so well!‘“
Alexander lachte leise.
„Und ich sage: ‚We Ukrainians are not idiots.‘ Tür zu.“
Ich hielt kurz inne.
We Ukrainians.
Alexander nickte langsam.
„Genau das“, sagte er.
Dann wurde er ruhiger.
Er erzählte von Freunden in Moskau. Von Aufmärschen, von Bildern, die sich wiederholten. Von einem Ton, der sich verändert hatte.
Ich hörte zu.
„Verstehst du“, sagte er schließlich, „hier wirft man uns Dinge vor … und dort passieren sie offen.“
Er ließ den Satz stehen.
Ich wollte widersprechen. Tat es nicht.
Er sprach darüber, wie wenig es brauchte. Ein Bild, einen Satz, etwas, das oft genug wiederholt wurde. Ob das Ganze stimmte, war irgendwann nicht mehr entscheidend.
Wir aßen weiter.
Das Salo schwer, der Kwas süß. Um uns herum Stimmen, Tabletts, Besteck.
Dann sagte er fast nebenbei:
„Und am Ende nennen sie uns genau das.“
Ich sah ihn an.
Er zuckte mit den Schultern.
„Ausgerechnet uns.“
Mehr sagte er nicht.
Wir zahlten und gingen hinaus.
Die Luft war kühl. Alexander stieg ins Auto. Bevor er die Tür schloss, drehte er sich noch einmal zu mir um und nickte.
Zehn Jahre hatten wir uns nicht gesehen.
Jetzt hatte ich wieder einen Freund.