DIE MASCHINE DER BILDER
Filme waren damals etwas Besonderes.
Es gab nicht ständig neue. Manche liefen immer wieder, vor allem an Feiertagen. Jahr für Jahr dieselben Filme. Einige sind bis heute Fixpunkte dieser Tage. Man kennt sie längst auswendig, ganze Dialoge, einzelne Sätze, manchmal schon die Antwort, bevor sie im Film fällt.
Ein Satz genügte.
Jemand sagte ihn am Tisch, im Büro, auf der Straße, und die anderen wussten sofort, woher er kam. Man lachte schon, bevor jemand erklären musste, was gemeint war. Manche Filme waren mit der Zeit beinahe auf ihre Zitate zusammengeschrumpft.
Mich faszinierte das. Ich kannte diese Filme nicht, also fehlte mir etwas. Ich verstand die Wörter, aber nicht unbedingt den Satz.
Noch merkwürdiger fand ich etwas anderes.
Immer wieder empfahl mir jemand einen Film mit dem Hinweis, wie kritisch er sei.
„Den musst du sehen.“
Warum?
„Sehr kritisch.“
Also sah ich ihn.
Und verstand manchmal überhaupt nicht, was daran kritisch sein sollte.
Eine gewöhnliche Geschichte. Ein Betrieb. Eine Familie. Irgendein Funktionär. Menschen stritten, verliebten sich, betrogen einander, gingen zur Arbeit. Ich wartete auf die Stelle, an der die Kritik beginnen würde.
Sie kam nicht.
Am nächsten Tag erklärte mir jemand, was ich übersehen hatte. Dieser Satz. Jener Blick. Warum der Direktor so dargestellt wurde. Warum alle lachten, wenn einer etwas Bestimmtes sagte.
Später lernte ich einige dieser Filme besser kennen.
Ironie des Schicksals zum Beispiel. Ein Mann landet nach zu viel Alkohol in der falschen Stadt und steht dort vor einem Haus, das aussieht wie seines. Die Straße heißt gleich, die Wohnung hat dieselbe Nummer, der Schlüssel passt.
Für mich war das zunächst die Konstruktion einer Komödie.
Für die anderen war schon die Konstruktion komisch.
Diese Häuser. Diese Wohnungen. Diese Austauschbarkeit. Sie hatten darin gelebt.
Oder „Garage“. Menschen streiten um Garagenplätze.
Ich sah Menschen, die um Garagenplätze stritten.
Andere sahen Beziehungen, Privilegien, Hierarchie, Anpassung.
Anfangs hielt ich manches davon für Überinterpretation. Vielleicht wollte man in einem banalen Film auch Kritik entdecken, weil offene Kritik so selten gewesen war. Ich wusste es nicht.
Einmal sah ich einen dieser alten Filme auf Video wirklich bis zum Ende.
Der Abspann war längst durch. Dann erschien noch eine Tafel. Irgendetwas mit GosKino, einer Nummer, einer Genehmigung. Den genauen Wortlaut weiß ich nicht mehr.
Ich erschrak fast.
Natürlich wusste ich, dass es Zensur gegeben hatte. Aber da war plötzlich ihre bürokratische Spur auf dem Film selbst. Jemand hatte ihn gesehen, geprüft, genehmigt.
Und ausgerechnet solche Filme wurden mir Jahre später als kritisch erklärt.
Da begann ich zumindest zu verstehen, warum man so genau auf Kleinigkeiten achtete. Wenn das Offensichtliche kontrolliert wurde, bekam das Unauffällige mehr Gewicht. Ein Satz, ein Blick, eine lächerliche Figur.
Wie viel davon tatsächlich hineingelegt und wie viel später hineingelesen worden war, konnte ich oft nicht unterscheiden.
Aber ich lernte, dass man diese Filme nicht nur wegen ihrer Handlung sah. Manche Sätze hatten ein zweites Leben. Man benutzte sie später selbst. Wer das Zitat kannte, verstand. Wer es nicht kannte, hörte nur einen Satz.
Dann kamen andere Filme. Um die späten 80-er Jahre. Und sie waren etwas völlig anderes. Ein Schwarzenegger-Film konnte eine kleine Sensation sein. Man sprach darüber, wer ihn hatte, wer ihn schon gesehen hatte und wo man ihn bekommen konnte. Action, Körper, Autos, Waffen, eine Geschwindigkeit, die mit vielem, was vorher auf dem Bildschirm gewesen war, wenig zu tun hatte.
Und dann Star Wars.
Das war noch einmal etwas anderes. Eine neue Welt. Nicht nur eine andere Geschichte, sondern Bilder, bei denen manche nicht recht wussten, wie sie überhaupt gemacht worden waren.
Ich merkte erst dort, wie verschieden wir diese Filme sahen. Für mich waren Schwarzenegger und Star Wars längst Teil einer Bilderwelt, die ich kannte. Auf der Krim kamen sie verspätet an und waren neu.
Die Kassetten gingen herum. Kopien von Kopien, manchmal in einer Qualität, bei der man mehr ahnte als sah. Trotzdem kostete so eine Kopie schon einmal dreißig Dollar.
Dreißig Dollar.
Und man zahlte.
Über allem lag oft eine einzige Stimme. Männer, Frauen, Kinder – derselbe Sprecher. Bei den Frauen hob er die Stimme ein wenig, dann war wieder der Mann dran. Den Originalton hörte man darunter noch leise weiterlaufen.
Manchmal stand mitten im Film jemand auf und ging durchs Bild. Dann wusste man wenigstens, woher die Aufnahme gekommen war.
Natascha erzählte mir von einer Freundin, die Deutsch studierte und mit Filmübersetzungen Geld verdiente.
Fünfzig Dollar pro Film.
Das war damals viel Geld.
„Am liebsten die Pornos“, sagte sie.
Warum?
„Weniger Text.“
Einmal fiel in einem Gespräch auf Deutsch:
„Das ist fantastisch.“
Ich sah überrascht auf.
Natascha wurde rot.
„Jeder kennt das.“
Ihre Mutter erzählte später, dass man selbst unter Gorbatschow fremde Filme mit geschlossenen Vorhängen angesehen hatte. Man wollte nicht, dass jemand von draußen bemerkte, was drinnen lief.
„Ein richtiges Theater“, sagte sie.
Als ich kam, mussten die Vorhänge nicht mehr geschlossen werden. Die Filme waren längst im Haus.
Und dann kam das Fernsehen.
Mama sah viel. Serien, Musikshows, später vor allem türkische Serien. Reiche Familien, große Häuser, Liebe, Verrat. Geschichten, die sich über Monate ziehen konnten.
Natürlich lief auch russisches Fernsehen.
„Du siehst zu viel davon“, sagte Natascha einmal.
Sie selbst schaute eher ukrainische Sender.
Ich sah beides. Mich interessierten vor allem Nachrichten, Interviews und Diskussionen. Gerade russisches Fernsehen konnte mich lange festhalten. Ich wollte wissen, wie etwas erzählt wurde, das ich selbst anders erlebt hatte.
„Das ist Propaganda“, sagte Natascha.
„Ich weiß. Aber gerade deshalb ist es interessant.“
Sie konnte mit dieser Art von Interesse wenig anfangen.
Einmal erklärte sie es mir auf ihre Art.
„Werbung sagt: Das kannst du haben. Kauf es.“
Dann zeigte sie zum Fernseher.
„Propaganda sagt: Das musst du glauben.“
Für sie war das nichts besonders Neues. Sie erzählte von der Schule. Dort hatte es Politinformation gegeben. Feste Stunden, in denen über die politische Lage gesprochen wurde, über Bedrohungen, Raketen und darüber, was im Fall eines Angriffs geschehen würde. Dazu Bilder in den Klassenzimmern.
Politinformation.
Schon das Wort war mir fremd.
Sie kannte diese Art, Dinge nicht jedes Mal neu erklären zu müssen. Pioniere, später Komsomol, Rituale, Bilder, bestimmte Sätze. Man wusste, was gemeint war.
Auch im russischen Film wurde natürlich gelacht.
Die Besonderheiten der nationalen Jagd war eine Sensation. 1995. Männer fahren zur Jagd, trinken, organisieren, scheitern, machen weiter. Vieles daran war vollkommen absurd und gleichzeitig offenbar so vertraut, dass gerade darin der Witz lag.
Ich sah ihn mit anderen und hatte wieder dieses Gefühl: Die anderen lachten über etwas, das sie besser kannten als ich. Aber die Ukrainer lachten, die Russen auch.
Der Film zeigte Russland nicht von seiner großen Seite. Eher beim Trinken, Improvisieren und Sich-selbst-im-Weg-Stehen.
Und die Leute liebten ihn.
Später veränderte sich etwas. Zumindest in den russischen Filmen und Serien, die ich sah.
Immer häufiger Mafia, Gewalt, Reichtum. Männer in schwarzen Autos. Männer mit Waffen. Männer, die sich durchsetzten. Der Held hatte sich verändert.
Bei den alten Filmen musste mir manchmal jemand erklären, wo die Kritik versteckt gewesen war.
Jetzt war alles zu sehen.
Im ukrainischen Fernsehen fiel mir dagegen auf, wie viel gelacht wurde.
Shows ohne Ende. Musik, Wettbewerbe, Parodien, Humor. Und irgendwann Kvartal 95.
Selenskyj kannte bald jeder. In Russland auch.
Es wurde über Politik gelacht, über Politiker, über das Land und über sich selbst. Anfangs verstand ich manches zu spät. Natascha lachte schon, und ich versuchte noch herauszufinden, was eigentlich gesagt worden war.
Aber ich lernte dabei.
Auch Ukrainisch.
Nicht aus einem Lehrbuch. Aus Gesprächen, aus dem Alltag und auch aus dem Fernsehen. Erst einzelne Wörter, dann ganze Sätze. Manche Pointe verstand ich erst, wenn Natascha sie mir erklärte. Andere verstand ich irgendwann selbst.
Jahre später, nach 2014, sah ich Ostannij Moskal.
Ein junger Russe aus Moskau kommt in die Westukraine und reibt sich dort an einer Welt, die ihm zugleich vertraut und fremd ist. Sprache, Gewohnheiten, Vorstellungen davon, wie man lebt. Der Russe über die Ukrainer. Die Ukrainer über den Russen.
Und daraus machte man eine Komödie.
Das gefiel mir.
Nach allem, was inzwischen geschehen war, konnte man diese Unterschiede nehmen und darüber lachen.
Vielleicht verstand ich deshalb irgendwann auch die alten sowjetischen Filme besser.
Nicht alles musste ausgesprochen werden.
Am Anfang meiner Zeit dort saß ich oft daneben. Alle lachten, und ich musste fragen:
„Warum?“
Später geschah mir das seltener.
Irgendwann verstand ich den Satz.
Und manchmal lachte ich schon mit.