OLIGARCHEN
Wirtschaftsforen gab es viele. Jedes Jahr an einem anderen Ort.
Diesmal war es Wien.
Lange Tische, Wasserflaschen, Namensschilder. Ein Moderator auf Englisch, der alle duzte und vermutlich die wenigsten kannte.
Irgendwann trat ein Franzose auf die Bühne. Grauer Anzug, ruhige Stimme. Er sprach über Russland und über die Männer, die in wenigen Jahren zu einem politischen und wirtschaftlichen Faktor geworden waren.
Auf der Leinwand erschienen ihre Gesichter.
Beresowski. Gussinski. Chodorkowski. Andere.
Darunter Zahlen.
Geschätztes Vermögen.
Ich kannte die Namen natürlich. Über manche wurde bei uns so häufig gesprochen, dass sie einem beinahe vertraut vorkamen.
Jemand aus dem Publikum fragte nach der Ukraine.
Der Franzose musste nicht lange überlegen.
„Ein kleines Russland.“
Er erklärte, was er meinte. Ähnliche Strukturen, ähnliche Oligarchen. Männer mit Unternehmen, Medien und politischem Einfluss. Nur alles etwas kleiner, chaotischer und weniger effizient.
Ein paar Leute lachten.
Mir war das zu einfach.
Ich hob die Hand.
„Nein“, sagte ich. „So funktioniert das nicht ganz.“
Nun sahen alle zu mir, und ich bereute für einen Moment, mich überhaupt gemeldet zu haben.
Natürlich hatten wir auch Oligarchen. Natürlich versuchten sie, Einfluss auf Politik, Medien und den Staat zu nehmen. Aber ich sah einen Unterschied.
„Bei uns beherrscht keiner das Ganze.“
Ich suchte nach einem Bild.
„Eher wie an einem Pokertisch. Nur dass mehrere gleichzeitig glauben, sie wären der Chef.“
Das sorgte für Gelächter.
Ich erklärte, dass gerade dieses Gerangel einen Unterschied machte. In Russland verdichtete sich die Macht zunehmend an einem Mittelpunkt. In der Ukraine stritten mehrere Gruppen miteinander. Heute gewann der eine, morgen der andere. Sie blockierten sich, kauften Einfluss, verloren ihn wieder.
Schön war das nicht.
Aber es war etwas anderes.
Der Moderator fragte nach dem Ergebnis.
Ich sagte, dass Russland dadurch stabiler aussehen könne. Die Ukraine dagegen chaotischer.
Und dann sagte ich etwas, das mir erst beim Sprechen richtig klar wurde:
„Aber im Chaos bleibt manchmal Platz.“
Platz für einen Gegner. Eine andere Zeitung. Einen anderen Fernsehsender. Einen anderen Kandidaten.
Nicht unbedingt aus demokratischer Tugend. Manchmal nur, weil der eine nicht zulassen wollte, dass der andere alles bekam.
In der Reihe vor mir tuschelte ein junger Mann mit seinem Nachbarn. Der Moderator bemerkte es.
„Haben Sie etwas zu sagen?“
Der Mann wurde rot.
„Verzeihung. Ich wollte nur wissen: Wie wird man Oligarch?“
Jetzt lachte der ganze Saal.
Auch der Franzose.
„Voilà une excellente question.“
Dann wechselte er wieder ins Englische.
Das würde er ebenfalls gern wissen.
Die Frage war lustig, aber sie blieb hängen.
Später wollte ich gehen. Ich war schon fast draußen, als mich jemand am Arm berührte.
„Warten Sie bitte. Wir würden Sie gern zum Abendessen einladen.“
Warum nicht.
Es war schließlich unsere Stadt.
Beim Essen stellte sich der Franzose als Bertrand vor. Er wollte wissen, woher ich Russland und die Ukraine so gut kenne.
„Sie sind Österreicher und leben dort?“
„Auf der Krim.“
Er sah mich an.
„Warum?“
„Aus Liebe. Aus welchem anderen Grund geht man sonst dorthin.“
Die Frauen am Tisch lächelten. Bei den Männern funktionierte der Satz weniger gut.
Bertrand fragte weiter. Sie wollten wissen, wie aus Ingenieuren, Juristen, Direktoren und ehemaligen Funktionären innerhalb weniger Jahre Unternehmer werden konnten, deren Vermögen plötzlich in Milliarden geschätzt wurde.
Ich konnte ihnen keine saubere Antwort geben.
Ich erzählte, was ich gesehen hatte.
Ein Beruf war damals manchmal nur der Ausgangspunkt. Einer hatte Zugang zu einem Betrieb, ein anderer zu Material. Einer kannte jemanden beim Zoll, ein anderer bei einer Bank. Einer wusste, wo etwas herumlag, das offiziell niemand brauchte und plötzlich sehr wohl jemand kaufen wollte.
Schrott zum Beispiel.
Waggons.
Metall.
Atteste und Stempel.
Einzeln banal. Zusammen manchmal ein Vermögen.
„Und die Privatisierung?“, fragte Bertrand.
Die gehörte natürlich dazu. Fast alles war Staatsbesitz gewesen, wenige Jahre später hatte vieles einen privaten Eigentümer. Wie es dorthin gelangt war, unterschied sich von Fall zu Fall. Manche hatten Geld. Manche Information. Manche Beziehungen. Manche alles zusammen.
Sie suchten nach dem System.
Ich erzählte ihnen von Möglichkeiten.
Irgendwann kam die Frage nach Putin.
Bertrand fragte, ob er die Oligarchen abgeschafft habe.
„Nein.“
Das wäre auch schwer möglich gewesen.
„Er hat sie sortiert.“
Darüber redeten wir länger. Einige waren verschwunden, andere hatten das Land verlassen oder ihren politischen Einfluss verloren. Wieder andere blieben ungeheuer reich.
Reichtum allein war offenbar nicht das Problem.
Die Frage war, ob daraus eigene Macht wurde.
„Und die Ukraine?“
Ich dachte wieder an den Pokertisch.
Dort saßen einfach zu viele.
Das machte das Land nicht automatisch demokratisch.
Aber auch nicht russisch.
Vielleicht war das der Fehler in der Präsentation am Nachmittag gewesen.
Ähnliches Material ergibt nicht zwangsläufig dasselbe Gebäude.
Später zogen wir draußen die Mäntel an. Es hatte geregnet. Wir verabschiedeten uns und ich ging allein ein Stück durch die Innenstadt.
Von dem ganzen Abend blieb mir ausgerechnet der junge Mann im Saal.
„Wie wird man Oligarch?“
Alle hatten gelacht.
Eine richtige Antwort bekam er nicht.
Ich wusste auch keine.
Schade eigentlich.
Ich hätte sie wohl selbst genutzt.